
In meiner hübschen Kleinstadt Zweibrücken (Rheinland-Pfalz, 36k Einwohner) öffnete vor einigen Monaten ein schickes, modernes Café seine Pforten. Es befindet sich im Erdgeschoss einer alten, verträumten Villa und lockt die sonst so gemütlichen Zweibrücker aus ihren Schneckenhäuser raus in das öffentliche Leben. Das Café ist ein Ort des ungezwungenes Austauschs, ein Ort des Sehen und Gesehen-Werden, ein Ort, an dem Jung und Alt zusammenkommen und gemeinsam bei Kaffee und Kuchen socialisen können. Meine Freundin und ich (beide Ende 20) verbringen dort am Wochenende mehrere Stunden, lesen und lernen dort ständig neue Leute kenne. Da sich die Öffnungszeiten auf die Wochenenden limitieren, freuen wir uns bereits während der Woche auf unseren Besuch.
Aus Angst, dass das öffentliche Leben, das post-covid einen erheblichen Schlag erlitten hat, weiter den Bach runtergeht, habe ich begonnen mich für community im breitesten Sinne zu interessieren. Ich bin der Meinung, dass es heutzutage mehr solcher “dritte Orte” ([https://de.wikipedia.org/wiki/Dritter\_Ort](https://de.wikipedia.org/wiki/Dritter_Ort)) geben müsste, an denen man ungezwungen für kleines Geld mit anderen ins Gespräch kommen kann. In unserer Kleinstadt “lungern” Gruppen von Jugendliche vor Autostaubsauger, weil solche dritte Orte schmerzlich fehlen. Weitere Möglichkeiten bieten sicherlich Sportvereine, die Bewegung und Gemeinschaft kombinieren.
Welche dritte Orte gibt es bei euch? Habt ihr Ideen, wie man eine Art dritter Ort unter der Woche erschaffen könnte?
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by Individual-Ad4183
24 comments
Einen dritten Ort muss man sich finanziell auch leisten können
>In unserer Kleinstadt “lungern” Gruppen von Jugendliche vor Autostaubsauger, weil solche dritte Orte schmerzlich fehlen.
Bist du dir sicher, dass diese Jugendlichen lieber in einem schicken Café in einer verträumten Villa sitzen und Cappuccino schlürfen möchten?
Ich glaube eher, dass der Autostaubsauger schon deren Ort der Wahl ist, wie die Skater bei der Skaterbahn, die Tuner auf dem Kauflandparkplatz, andere im Stadtpark und so weiter.
Interessanter Ansatz. Bei uns kommen die kleinenn Kneipen ohne großes schischi wieder auf. Einfach mit Freunden und Bekannten treffen und Karten spielen oder einfach so bei nem Bierchen schnacken
In meinem Alltag sind die dritte Orte die Vereinskletterhalle, der Hochschulkraftraum (zugänglich für Studies fast aller Hochschulen der Stadt) und ein Studieklub (eine Kneipe die von Studies im Verein geführt wird, daher super günstig und selbstgestaltet ist).
Alle drei Orte sind eine Bereicherung für mein Leben, da sie mir ermöglichen aus meiner unmittelbaren Bubble auszubrechen, aber trotzdem sind alle drei Orte irgendwo geschlossene Gesellschaften. Die Kletterhalle ist auch irgendwie zu 90% gut gebildete, Kinder von gut gebildeten und Studies, Kraftraum und Klub sind ausschließlich Studies aber immerhin super international und Fachschaftsübergreifend. Alles ein Mehrwert und sorgt für ein Gefühl in einer Stadtgesellschaft und nicht nur in einer anonymen Großstadt zu leben, trotzdem scheiße dass das so geschlossen ist.
Sonst kenne ich noch Bibliotheken als Dritter Ort, die müssen dann aber schon sehr gut sein und Aufenthaltsqualität liefern (Beispiel Stuttgart) die Bibliotheken in meiner Stadt sind leider eher zweckhafte Orte um Bücher auszuleihen (außer die Uni Bib).
Das ist witzig, seit ein paar Tagen folge ich “Not just Bikes” auf Youtuber, der ja auch als Hauptthema Stadtgestaltung hat. Super interessant und hab da zum ersten Mal vom dritten Ort gehört… Seit dem denke ich darüber nach und überlege, wie man sowas schaffen kann weil ich auch glaube dass es vielen jungen und alten Leuten fehlt. Das wichtigste mmn ist Erreichbarkeit zu Fuß und mit den Öffis, Verkehrsberuhigt, Bäume und Blumen, niederschwelliges Äußeres (ich finde Cafés und Restaurants mit zu viel “Szene” Touch abschreckend weil ich mich nicht zugehörig genug fühle) joa aber das zu realisieren ist bestimmt wahnsinnig teuer 😬
Wo isn das in Zweebrigge?
>In unserer Kleinstadt “lungern” Gruppen von Jugendliche vor Autostaubsauger
Hier waren sie immer in dem Wartehäuschen am Bahnhof rumgehangen, haben bis tief in die Nacht laute Musik gehört, geschrien, und Passanten angepöbelt bis teilweise angegriffen. Hatte schon mehrmals Leute im Garten hinter dem Sichtschutz, weil die vor der Gruppe flüchten mussten.
Das Häuschen wurde inzwischen abgerissen, jetzt stehen da zwei unüberdachte Bänke in einer Kiesfläche. Immerhin hat sich damit auch die Gruppe wo anders hin verzogen und der Bahnhof ist wieder ruhig und sicher.
mein kaff hatte mal ein Jugendcentrum. einfach kickern/ billard/dart für 2€ (unbegrenzte spielzeit). Tiefkühlpizza konnte man für 2,5€ genießen und Getränke gab es auch recht günstig (kein Alkohol). wurde leider mit der Zeit von assis in Beschlag genommen, weshalb die leute wegbleiben
Bibliotheken sind jetzt schon dritte Orte! Im Gegensatz zu Cafés kostenlos und man kann die kompletten Öffnungszeiten rumhängen ohne Kaufzwang.
Vielleicht wäre ja auch so eine Idee interessant: https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomes_Zentrum Hatte davon mal gehört.
In Frankfurt ist [meetup.com](https://meetup.com) eine, der guten Möglichkichkeiten sich mit Menschen zu treffen.
Es gibt Treffen fürs Malen (in Cafes, also ein Paar Euro für Getränke), kostenlose Wandergruppen, Laufgruppen, manchmal auch Yogagruppen (im Sommer draußen). Es gibt mehrere Brettspielgruppen, alle kostenlos (die spielen in Schulen oder Bibliotheken) und auch Rollenspielgruppen (die Treffen sind zu Hause oder in Spielcafe, welches 7 Euro Eintritt hat).
Allerdings ist es nicht so wirklich für Jugendliche ausgelegt und da ist es echt schwierig. Wir haben ein Jugendclub bei mir in der Ecke, aber ich weiß nicht wie stark besucht der ist.
Öffentliche Büchereien sind wunderbare dritte Orte.
Sie sind kostenfrei, bieten genügend Raum um sich mit Freunden zu treffen und bieten verschiedene Möglichkeiten an um sich dort die Zeit zu vertreiben.
Die Vorstellung, dass in Büchereien der Bibliothekar sitzt und beim kleinsten Mucks “Pshht!” macht ist heute ziemlich überholt. (Man sollte natürlich trotzdem nicht schreiend durch die Bücherei rennen)
Stattdessen ist es wirklich gern gesehen, wenn Leute die Bücherei besuchen um sich zum Quatschen zu treffen, zum Lernen, zum gemeinsamen Spielen (Brettspiele oder es gibt auch teils Konsolen und Videospiele).
Oft gibt es auch kostenfreie Veranstaltungen zu allen möglichen Themen an denen man teilnehmen kann.
Von Autorenlesungen, über Bastelkurse und Pen & Paperrunden kann da echt alles bei sein.
Dazu kommt natürlich noch das “klassische” Angebot von allerlei ausleihabren Medien.
Auch hier gibt es nicht mehr nur Bücher, sondern auch Hörbücher, Comics, Manga, Spielfilme, Videospiele, etcpp.
Und je nach Bücherei gibt es das alles für absurd niedrige Gebühren.
Meine lokale Bücherei nimmt für einen Jahresausweis 30€ und damit sind alle Kosten für die Nutzung des Bestandes gedeckt.
Büchereien möchten sich so wirklich gerne als dritten Ort bzw. als Treffpunkt für alle Altersgruppen etablieren und ich finde es immer echt schade wie wenig Leute trotz des tollen Angebots gar nicht wissen was ihre Bücherei alles bietet.
(Man muss natürlich sagen, dass das Angebot stark von der jeweiligen Bücherei abhängt und wie viel die jeweiligen Städte da investieren).
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Tldr: Geht in eure lokalen Büchereien! 🙂
Obligatorisches [Third Places](https://youtu.be/VvdQ381K5xg?si=kiIBWEVjJSw2Dz-Z) Video von NotJustBikes
“Dritte Orte” sind auch eine Aspekt der öffentlichen Daseinsfürsorge. Der deutsche Staat zieht sich daraus aber auf vielfachen Wunsch vieler Menschen, die sage wir müssen sparen, zurück. Ultimativ findet an solchen Orten die gesellschaftliche Reproduktion statt. Wir vernetzen uns als Gesellschaft, wir tauschen Gedanken aus, wir lernen Leute kennen, wir erfüllen uns Bedürfnisse nach sozialisation.
Schwimmbäder; Jugendtreffs; kostenlose Sitzmöglichkeiten; gepflegte, kostenlose, öffentliche Toiletten; Skateparks; Theater; Kinos usw… werden aus den verschiedensten Gründen abgelehnt. Einerseits fehlen die Mittel, dann gibt es NIMBYs, oder durch unsere katastrophale Stadtplanung fehlt uns die Bevölkerungsdichte, damit es genug “Kundschaft” gibt. Ein typische deutsche Fußgängerzone ist duschkommerzialisiert, du kannst dort keine Zeit verbringen ohne Geld zu bezahlen, abgesehen davon, dass es super häßlich ist. Kino gibt es in meiner Heimatstadt nur noch eins für knapp 300.000 Einwohner, Skateparks werden nicht gebaut weil Anwohner keinen Lärm wollen.
Solche Plätze sind eine Ausgabe und Investition in die Gemeinschaft, in einer Zeit wo wir alles mit einem Preisschild versehen ist es schwer dafür Mittel einzuwerben.
Für die Kirchen war das in den 2010ern immer wieder Thema, da hat man sehr romantisierend auf die [Fresh Expressions](https://de.wikipedia.org/wiki/Fresh_expressions) Initiative der Church of England geschaut.
Wenn ich das Geld hätte würde ich bei uns auch gerne einen dritten Ort schaffen, am liebsten eine Café-Kneipe. Nachmittags gibt’s gemütlich Kuchen und Kaffee und am Abend gibt’s Getränke. Ich wohne auf dem Land, die letzte Bar im 30km Umkreis hat im Herbst dicht gemacht, Clubs gibt es gar nicht.. man weiß nicht wo man hingehen soll, nie lernt man jemanden kennen. Es ist traurig
Bin ein großer Freund der “dritten Orte”. Ein für mich wichtiger Ort ist das Studio unseres Radio-Vereins [674fm](https://674.fm). Ich mache da meine eigenen Sendungen, komme aber auch gerne für andere Sendungen rein. Es sind fast immer interessante Leute da und man kommt schnell ins Gespräch. Da das Radio komplett von Ehrenamtlichen betrieben wird sind so ziemlich alle Leute, die sich da aufhalten, Musik- und Kultur-interessierte. Oft auch welche, die sich in ihrem Bereich extrem gut auskennen und von denen man echt was lernen kann. Klar könnte man so ein Radio auch rein online betreiben, aber ein physischer Ort, an dem man sich gerne aufhält, macht es doch viel geselliger.
Ich meine, Elemente davon in immersiven Mehrspieler-Onlinespielen gesehen zu haben. In Spielen, die stark auf Sprachübertragung setzen und den Spielern realistische Avatare geben. Der Spielinhalt mag wenig sozial sein, aber das Teamwork ist echt. In ruhigen Momenten werden darin auch mal persönliche (Lebens-)Erfahrungen ausgetauscht. Das passiert zwischen jungen (20) und älteren Menschen (40+), die aufgrund des Altersunterschieds und der unterschiedlichen Lebensumstände so vielleicht nicht oft zusammenkommen.
Wir betreiben als Verein eine (Studenten)Bar. Die Getränke sind günstig, alles ist demokratisch organisiert und jeder kann seine Ideen mit einbringen. Für viele Mitglieder und Gäste ist es wirklich eine Art Wohnzimmer.
Sehr gute Idee. Mittlerweile fehlt es leider an allem. Öffentlich zugängliche Fussballplätze, Spielplätze und Jugendhäuser. Es wird immer weniger und gleichzeitig fragt man sich wieso die jugendlichen über „herumlungern“y
Super interessant. Vielleicht können da die Kollegen von r/Stadtplanung weiterhelfen
Bei uns gibt es einen Raum für Brettspiele. Kostet drei Euro Eintritt und man hat Platz und Tische, um einen Nachmittag und Abend zu spielen. Teils bis spät in die Nacht. Das Ding basiert auf Vertrauen, die letze Gruppe des Abends wirft den Schlüssel in einen Briefkasten.
Ich fand den Raum super, weil es eben keinen Konsumzwang gibt und man seine Verpflegung selbst mitbringen kann. Meinen Freunden war er größtenteils zu ranzig, obwohl es echt nicht so schlimm ist. Bald muss der Raum leider schließen, wahrscheinlich nicht rentabel. War ein Nebenprojekt eines Ladenbetreibers.
Keine Ahnung was du meinst.
– gesendet aus der kleinen Bäckerei 2min von meiner Haustür entfernt, wo ich fast jeden Samstag frühstücke.
Das Problem ist auch, dass die Menschen immer asozialer werden und sich gegenseitig nichts mehr gönnen. Bei uns auf dem Dorf (Bumfuck Nowhere Brandenburg) gibt es einen wunderschönen und großen Jugendclub, den die Jugendlichen im Prinzip nach belieben nutzen können. Also für Spieleabende, Kino, Parties, etc. Das hat jahrzehntelang wunderbar funktioniert, bis sich vor etwa zwei Jahren Nachbarn entschieden haben jedes Mal wenn da was los ist wegen Lärmbelästigung die Polizei zu rufen. Das hat dem jugendlichen Leben wirklich massiven Schaden zugefügt und der Jugendclub ist jetzt weniger als einmal im Monat offen, während er es vor vielleicht 10 Jahren fast jedes Wochenende war, weil verständlicherweise keiner Bock auf den Stress hat.