**Ein Beitrag zur Behandlung des Bronchialasthmas**
Von Dr. HUGO GERBER, gew., Leiter und emer. Assistent der III. medizinischen Abteilung des k. k. Allgemeinen Krankenhauses in Wien.
Eine rationelle Behandlung des echten Asthmas(Bronchialasthma),das im wesentlichen auf einer pathologischen Steigerung der reflektorischen Erregbarkeit der Bronchialnerven beruht, muß neben einer Beseitigung der mannigfachen Gelegenheitsursachen, vor allem eine Herabsetzung der krankhaften, spezifischen Erregbarkeit ins Auge fassen, d. h. den einzelnen Anfall selbst bekämpfen.Unter den verschiedenen Mitteln, welche diesem Zwecke dienen, spielen schon. seit langer Zeit die in den Solaneen enthaltenen Alkaloide sowie diejenigen Verbindungen, welche als wirksames Agens salpetrige Säure aufweisen, neben verschiedenen anderen narkotisch wirkenden Substanzen eine große Rolle.
Die bekanntesten bisher verwendeten Präparate sind folgende Neumeiers Asthmapulver, Reichenhaller Pulver, Schiffmanns Asthmapulver, Abessynisches Pulver und Stramoniumnitrat. Die Mehrzahl derselben sind jedoch als Geheimmittel anzusehen; außerdem werden die genannten Präparate durchwegs in Form von Räucherungen angewendet, indem man das betreffende Pulver auf der glühenden Ofenplatte oder auf einer Schaufel glühender Kohlen verglimmen läßt und den Rauch einatmet. Bei diesem Vorgange gelangen aber die wirksamen Bestandteile des Rauches nicht bis in die Bronchien, können daher ihre günstige Wirkung nur in geringem Grade entfalten. Viel wirksamer geschieht dies bei den in Frankreich beliebten Asthmazigaretten, die bisher bei uns schwer erhältlich waren, so die Trousseauschen Cigarettes antispasmodiques, welche neben imprägnierten Stramoniumblättern auch Opiumextrakt, enthalten; ferner die Cigarettes d’Espic.Nunmehr hat Apotheker von Trnkóczy in Laibach eine Sorte von Asthmazigaretten (Indische Zigaretten) hergestellt, welche eine äußerst glücklich gewählte Zusammensetzung aufweisen, und zwar enthalten sie laut Bereitungsvorschrift: Herb. cannabis ind. Fol. Stramonii aa O°5, Consp. c. solut. Kalinitr, q. st.
Den französischen Zigaretten gegenüber zeichnen sie sich durch ihren Gehalt an Herb. cannabis ind. aus, welche ihnen gleichzeitig ausgesprochen sedative und antispasmodische Wirkung verleiht; außerdem bildet sich beim Verbrennen aus dem salpetersauren Kali das wirksame salpetrigsaure Salz.Die Anwendung der indischen Zigaretten erfolgt in der Weise, daß der Rauch langsam, jedoch nicht zu tief, eingeatmet wird, so daß er in die tieferen Respirationswege dringt und durch die Nase wieder ausgetrieben wird; es wird täglich 2—4mal je 1/2 Zigarette nach den Mahlzeiten im geschlossenen Zimmer, bei vollständiger Ruhe (sitzend oder liegend), geraucht. Da die Wirkung der Zigaretten eine kupierende ist, so leisten sie sowohl vor als auch während des akuten Asthmaanfalles die besten Dienste. Beim Herannahen des Anfalles, der sich durch gewisse Vorboten, wie Müdigkeit, allgemeines Unbehagen, leichte Herzbangigkeit, Druck in der Brust, oder durch eigene, untrügbare Empfindungen zu erkennen gibt, soll sofort eine indische Zigarette geraucht werden, bis durch das Verschwinden obiger Symptome dem wirklichen Eintritt des Anfalles vorgebeugt ist.Die Wirkung der Trnkóczyschen Zigaretten läßt sich auf die Weise erklären, daß durch den Rauch ein energischer Reiz auf die Schleimhaut des Respirationstraktes ausgeübt wird, infolgedessen heftige Hustenstöße ausgelöst werden und dadurch eine Menge serös-schleimiger Flüssigkeit expektoriert wird, was eine wesentliche Erleichterung bedingt. Dazu kommen noch die narkotisierenden Eigenschaften des Mittels, die eine Linderung und allmähliches oder rasches Aufhören des asthmatischen Anfalles bedingen.Aus der Reihe eigener Beobachtungen(Erfahrungen) mit den indischen Hanfzigaretten mögen im nachfolgenden einige recht charakteristische Fälle von Bronchialasthma ausführlicher wiedergegeben werden.
1. Fall: F. M., ein 45jähriger Wirt, ziemlich fettleibig und mäßiger Potator, leidet seit Jahren an chronischer Bronchitis mit asthmatischen Anfällen. Diese treten meistens im Frühjahr und Herbst auf, derart, daß Patient nach leichtem Unbehagen im Bett vom Anfall überrascht wird. Während desselben ist die Atmung sehr frequent, von Pfeifen und Rasseln begleitet, die unteren Lungenränder stehen tief und sind bei der Atmung unverschieblich, alle Auxiliarmuskeln treten in Aktion. Sputum gering, zäh und glasig. Puls im Anfall hart und frequent, 2. Aortenton klingend. Seitdem der Patient die indischen Hanfzigaretten raucht, haben die Anfälle den dyspnoischen Charakter vollständig verloren; Patient ist ruhiger und verläuft seither seine Affektion milde und protrahiert unter dem Bilde der einfachen chronischen Bronchitis.
2. Fall: 27jähriger Drechsler J. H. leidet seit seinem 17. Lebensjahre nach überstandener Lungenentzündung an Atembeschwerden, die sich zeitweise zu charakteristischen Asthmaanfällen steigern. Diese sind in der letzten Zeit eher häufiger geworden.- Die Untersuchung ergab bei einem anämischen Patienten eine exspiratorische Dyspnoe, Frequenz 42, inspiratorischer Stridor, mäßiger Husten mit spärlicher, schleimiger Expektoration. Leichte Cyanose der Lippen, faßförmiger Thorax. – Lungenbefund: Tiefstand der Lungengrenzen, dieselben perkutorisch kaum beweglich; nachweisbar, über der ganzen Lunge, besonders über der Basis, zahlreiche, trockene Rasselgeräusche, daselbst auch vereinzelte, klanglose, feuchte Rasselgeräusche zu hören. – Herzdämpfung eingeengt, Töne dumpf. Im Sputum eosinophile Zellen, Charkotsche Kristalle und Curschmannsche Spiralen. Nach erfolgter Verordnung der indischen Hanfzigaretten (2—3mal täglich 1/2 Stück) ließ die Intensität und Frequenz der Asthmaanfälle rasch nach, die Dyspnoe wurde geringer. Die Atmungsfrequenz ging allmählich auf 20 herunter; die Expektoration wurde reichlicher, das Sputum schleimig-serös. Patient konnte sich nun rascher erholen und ging auch die chronische Bronchitis, unter geeigneter Therapie, nunmehr zurück.
3. Fall: L. W. 57 Jahre alt, leidet seit 9 Jahren an Emphysem mit chronischer Bronchitis und asthmatischen Srörungen. Befund: Faßförmiger Thorax; weithin hörbare Atmung mit quälender exspiratorischer Dyspnoe; untere Lungengrenzen unverschieblich, tiefstehend. Über beiden Lungen diffuse, bronchitische Geräusche, die das Atemgeräusch verdecken. – Im Sputum, das spärlich, zäh und glasig ist, finden sich Asthmakrystalle, elastische Fasern, Spiralen und reichlich eosinophile Zellen. – Die Anfälle wiederholen sich sehr häufig und sind mit äußerst schmerzhaften Sensationen verbunden. Patient atmete 4mal täglich 1/2 indische Hanfzigarette ein; darauf ließen die Anfälle nach, ebenso die begleitenden Schmerzen. Zuletzt konnte das Auftreten der Anfälle vollständig verhindert werden, wenn der Patient vor Beginn eines solchen sofort eine Asthmazigarette rauchte. Damit ließ schließlich auch die schwere exspiratorische Dyspnoe nach.
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aus [Die Heilkunde. Monatsschrift für praktische Medicin / Wiener Ausgabe Februar 1910](https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=dhk&datum=19101402)
**Ein Beitrag zur Behandlung des Bronchialasthmas**
Von Dr. HUGO GERBER, gew., Leiter und emer. Assistent der III. medizinischen Abteilung des k. k. Allgemeinen Krankenhauses in Wien.
Eine rationelle Behandlung des echten Asthmas(Bronchialasthma),das im wesentlichen auf einer pathologischen Steigerung der reflektorischen Erregbarkeit der Bronchialnerven beruht, muß neben einer Beseitigung der mannigfachen Gelegenheitsursachen, vor allem eine Herabsetzung der krankhaften, spezifischen Erregbarkeit ins Auge fassen, d. h. den einzelnen Anfall selbst bekämpfen.Unter den verschiedenen Mitteln, welche diesem Zwecke dienen, spielen schon. seit langer Zeit die in den Solaneen enthaltenen Alkaloide sowie diejenigen Verbindungen, welche als wirksames Agens salpetrige Säure aufweisen, neben verschiedenen anderen narkotisch wirkenden Substanzen eine große Rolle.
Die bekanntesten bisher verwendeten Präparate sind folgende Neumeiers Asthmapulver, Reichenhaller Pulver, Schiffmanns Asthmapulver, Abessynisches Pulver und Stramoniumnitrat. Die Mehrzahl derselben sind jedoch als Geheimmittel anzusehen; außerdem werden die genannten Präparate durchwegs in Form von Räucherungen angewendet, indem man das betreffende Pulver auf der glühenden Ofenplatte oder auf einer Schaufel glühender Kohlen verglimmen läßt und den Rauch einatmet. Bei diesem Vorgange gelangen aber die wirksamen Bestandteile des Rauches nicht bis in die Bronchien, können daher ihre günstige Wirkung nur in geringem Grade entfalten. Viel wirksamer geschieht dies bei den in Frankreich beliebten Asthmazigaretten, die bisher bei uns schwer erhältlich waren, so die Trousseauschen Cigarettes antispasmodiques, welche neben imprägnierten Stramoniumblättern auch Opiumextrakt, enthalten; ferner die Cigarettes d’Espic.Nunmehr hat Apotheker von Trnkóczy in Laibach eine Sorte von Asthmazigaretten (Indische Zigaretten) hergestellt, welche eine äußerst glücklich gewählte Zusammensetzung aufweisen, und zwar enthalten sie laut Bereitungsvorschrift: Herb. cannabis ind. Fol. Stramonii aa O°5, Consp. c. solut. Kalinitr, q. st.
Den französischen Zigaretten gegenüber zeichnen sie sich durch ihren Gehalt an Herb. cannabis ind. aus, welche ihnen gleichzeitig ausgesprochen sedative und antispasmodische Wirkung verleiht; außerdem bildet sich beim Verbrennen aus dem salpetersauren Kali das wirksame salpetrigsaure Salz.Die Anwendung der indischen Zigaretten erfolgt in der Weise, daß der Rauch langsam, jedoch nicht zu tief, eingeatmet wird, so daß er in die tieferen Respirationswege dringt und durch die Nase wieder ausgetrieben wird; es wird täglich 2—4mal je 1/2 Zigarette nach den Mahlzeiten im geschlossenen Zimmer, bei vollständiger Ruhe (sitzend oder liegend), geraucht. Da die Wirkung der Zigaretten eine kupierende ist, so leisten sie sowohl vor als auch während des akuten Asthmaanfalles die besten Dienste. Beim Herannahen des Anfalles, der sich durch gewisse Vorboten, wie Müdigkeit, allgemeines Unbehagen, leichte Herzbangigkeit, Druck in der Brust, oder durch eigene, untrügbare Empfindungen zu erkennen gibt, soll sofort eine indische Zigarette geraucht werden, bis durch das Verschwinden obiger Symptome dem wirklichen Eintritt des Anfalles vorgebeugt ist.Die Wirkung der Trnkóczyschen Zigaretten läßt sich auf die Weise erklären, daß durch den Rauch ein energischer Reiz auf die Schleimhaut des Respirationstraktes ausgeübt wird, infolgedessen heftige Hustenstöße ausgelöst werden und dadurch eine Menge serös-schleimiger Flüssigkeit expektoriert wird, was eine wesentliche Erleichterung bedingt. Dazu kommen noch die narkotisierenden Eigenschaften des Mittels, die eine Linderung und allmähliches oder rasches Aufhören des asthmatischen Anfalles bedingen.Aus der Reihe eigener Beobachtungen(Erfahrungen) mit den indischen Hanfzigaretten mögen im nachfolgenden einige recht charakteristische Fälle von Bronchialasthma ausführlicher wiedergegeben werden.
1. Fall: F. M., ein 45jähriger Wirt, ziemlich fettleibig und mäßiger Potator, leidet seit Jahren an chronischer Bronchitis mit asthmatischen Anfällen. Diese treten meistens im Frühjahr und Herbst auf, derart, daß Patient nach leichtem Unbehagen im Bett vom Anfall überrascht wird. Während desselben ist die Atmung sehr frequent, von Pfeifen und Rasseln begleitet, die unteren Lungenränder stehen tief und sind bei der Atmung unverschieblich, alle Auxiliarmuskeln treten in Aktion. Sputum gering, zäh und glasig. Puls im Anfall hart und frequent, 2. Aortenton klingend. Seitdem der Patient die indischen Hanfzigaretten raucht, haben die Anfälle den dyspnoischen Charakter vollständig verloren; Patient ist ruhiger und verläuft seither seine Affektion milde und protrahiert unter dem Bilde der einfachen chronischen Bronchitis.
2. Fall: 27jähriger Drechsler J. H. leidet seit seinem 17. Lebensjahre nach überstandener Lungenentzündung an Atembeschwerden, die sich zeitweise zu charakteristischen Asthmaanfällen steigern. Diese sind in der letzten Zeit eher häufiger geworden.- Die Untersuchung ergab bei einem anämischen Patienten eine exspiratorische Dyspnoe, Frequenz 42, inspiratorischer Stridor, mäßiger Husten mit spärlicher, schleimiger Expektoration. Leichte Cyanose der Lippen, faßförmiger Thorax. – Lungenbefund: Tiefstand der Lungengrenzen, dieselben perkutorisch kaum beweglich; nachweisbar, über der ganzen Lunge, besonders über der Basis, zahlreiche, trockene Rasselgeräusche, daselbst auch vereinzelte, klanglose, feuchte Rasselgeräusche zu hören. – Herzdämpfung eingeengt, Töne dumpf. Im Sputum eosinophile Zellen, Charkotsche Kristalle und Curschmannsche Spiralen. Nach erfolgter Verordnung der indischen Hanfzigaretten (2—3mal täglich 1/2 Stück) ließ die Intensität und Frequenz der Asthmaanfälle rasch nach, die Dyspnoe wurde geringer. Die Atmungsfrequenz ging allmählich auf 20 herunter; die Expektoration wurde reichlicher, das Sputum schleimig-serös. Patient konnte sich nun rascher erholen und ging auch die chronische Bronchitis, unter geeigneter Therapie, nunmehr zurück.
3. Fall: L. W. 57 Jahre alt, leidet seit 9 Jahren an Emphysem mit chronischer Bronchitis und asthmatischen Srörungen. Befund: Faßförmiger Thorax; weithin hörbare Atmung mit quälender exspiratorischer Dyspnoe; untere Lungengrenzen unverschieblich, tiefstehend. Über beiden Lungen diffuse, bronchitische Geräusche, die das Atemgeräusch verdecken. – Im Sputum, das spärlich, zäh und glasig ist, finden sich Asthmakrystalle, elastische Fasern, Spiralen und reichlich eosinophile Zellen. – Die Anfälle wiederholen sich sehr häufig und sind mit äußerst schmerzhaften Sensationen verbunden. Patient atmete 4mal täglich 1/2 indische Hanfzigarette ein; darauf ließen die Anfälle nach, ebenso die begleitenden Schmerzen. Zuletzt konnte das Auftreten der Anfälle vollständig verhindert werden, wenn der Patient vor Beginn eines solchen sofort eine Asthmazigarette rauchte. Damit ließ schließlich auch die schwere exspiratorische Dyspnoe nach.