Die Wirtschaft tickt jetzt anders

by Impulseps

4 comments
  1. tl;dr: Wir haben ein Angebotsproblem, kein Nachfrageproblem, und wir brauchen Strukturreformen mehr als Ausgabenprogramme.

    >Warum man für das Geld so wenig kaufen kann? Weil es an allem Möglichen mangelt. Vor allem fehlen in vielen Branchen auch jetzt noch Arbeitskräfte, denn es kommen wenige junge Leute nach, und alle zusammen wollen immer weniger arbeiten. Wer zum Arbeiten in die Stadt ziehen möchte, für den findet sich oft keine Wohnung. Und wenn dann jemand arbeiten kann, fehlt es oft an Geräten oder an Vorprodukten. Die Lieferketten aus anderen Ländern sind brüchig geworden, Zölle und Transportschwierigkeiten machen alles komplizierter.

    >„Mehr Markt wagen“

    >Damit unterscheidet sich die wirtschaftliche Misere dieser Tage fundamental von vergangenen Rezessionen. Als in der Finanzkrise 2008 die Wirtschaft zusammenbrach, lagen die Ursachen viel stärker auf der Nachfrageseite. Damals war eine Immobilienblase geplatzt, weil kaum jemand Häuser in Amerika kaufen wollte. Plötzlich fehlte an vielen Stellen eingeplantes Geld, es fehlte die Nachfrage nach Arbeit, und die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe. In vielen europäischen Ländern blieb sie auch während der folgenden Eurokrise hoch. Und weil sich die Menschen weniger leisten konnten, fragten sie weniger Güter nach. Davon hätte es in dieser Zeit mehr als genug gegeben angesichts gut funktionierender globaler Lieferketten und einer Produktion „just in time“. Viele Produkte waren dank der Globalisierung in einem solchen Überfluss vorhanden, dass die Preise fielen, was auch zu den niedrigen Inflationsraten dieser Zeit beitrug.

    >Heute sind die Probleme andere. „Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die auf die Stärkung des gesamtwirtschaftlichen Angebots setzt“, sagt Clemens Fuest, der Chef des Ifo-Instituts. Ähnlich klingt der Ökonom Simon Jäger, der Deutschland von Boston aus beobachtet und den sich vor Kurzem der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck zum Berater erkoren hat. „Wir haben gerade und auch perspektivisch die Situation, dass Arbeit knapp ist“, sagt Jäger. Es sollte deshalb darum gehen, „die Arbeitskräfte, die wir haben, möglichst dort einzusetzen, wo sie den höchsten Mehrwert schaffen können“. Das bedeute: „Mehr Markt zu wagen ist gerade in der jetzigen Situation am Arbeitsmarkt richtig und wird auch den Arbeitnehmern nützen.“

    >Man kann sogar noch weiter gehen: Das Kurzarbeitergeld war in einer Welt der Arbeitskräfteknappheit für das Wirtschaftswachstum eher schädlich. Das zeigt sich im Vergleich zu den USA. Die setzten in der Pandemie auf großzügige Arbeitslosenhilfe statt auf den Erhalt von Arbeitsplätzen. Die Arbeitslosigkeit stieg kurzfristig viel stärker als in Europa. Im Ergebnis, sagt Simon Jäger, sei „der Arbeitsmarkt in den USA viel dynamischer geworden, mit Lohnzuwächsen am unteren Ende der Lohnverteilung“. Die Leute, die dort Anfang 2020 ihren Job verloren, fanden nach den Lockdowns schnell eine neue Stelle – oft mit höheren Löhnen und in produktiveren Unternehmen. Die USA machten also das Beste aus der Knappheit, der Arbeitsmarkt sortierte sich neu – und anders als in Europa blüht dort jetzt die Wirtschaft.

    >Wie kann so eine neue Angebotspolitik aussehen? Ifo-Präsident Fuest macht einige Vorschläge: Die Regierung sollte Anreize dafür schaffen, dass in Deutschland mehr Menschen arbeiten. Die Infrastruktur müsste ausgebaut werden. Die Bedingungen für private Investitionen und Unternehmensgründungen sollten verbessert werden. Und Schulen und Berufsausbildung sollten gestärkt werden.

  2. Quasi jeder, den ein deutscher Arbeitgeber als MA haben wollen würde, arbeitet bereits. Anreize das mehr Leute arbeiten sind am Thema vorbei. Wer jetzt Leute sucht, sucht Leute dir bereits ein Stelle haben und muss denen einen Mehrwert bieten das sie wechseln wollen.

    Wie viel muss ein AG mehr ausgeben, um dem Kandidaten 100€ netto bieten zu können als sein jetziger Arbeitgeber? Wie viel muss der AG mehr ausgeben, dass sich der Wechsel trotz nötigem Umzug oder der extra Pendelstrecke trotzdem lohnt?

    Hinzu kommen Kündigungsfristen von 3 Monaten bei Mietwohnung und bisherigen Arbeitgeber, so dynamische AN wie in den USA kriegen wir hier nicht.

    Und Stichwort Mietwohnung, die will erstmal gefunden werden, da ist m.E. die signifikante Hürde für die Binnenmigration von Arbeitskräften.

  3. >Wie kann so eine neue Angebotspolitik aussehen? Ifo-Präsident Fuest macht einige Vorschläge: Die Regierung sollte Anreize dafür schaffen, dass in Deutschland mehr Menschen arbeiten. Die Infrastruktur müsste ausgebaut werden.

    Momentan laufen wir in Deutschland sogar Gefahr, dass wir aufgrund der erodierenden Infrastruktur einen weiteren Angebotsschock auf dem Wohnungsmarkt erleben. Wenn beispielsweise die Planungssicherheit in Regionen wie dem Märkischen Kreis durch Vorfälle wie mit der Talbrücke Rahmede verloren geht, dann führt das zu einem starken Vertrauensverlust in den Standort. Damit einhergehend sinkt das Interesse an Wohnungen im Märkischen Kreis. In manchen Gemeinden besteht dann ein sehr geringes Interesse an den vorliegenden Wohnungen, also sinkt de facto das Wohnungsangebot für den gesamten Immobilienmarkt in Deutschland. Die Wohnungsnachfrage verlagert sich dann in die strukturstarken Regionen, wo die verknappte Angebotsseite zum Tragen kommt.

    Der Lösungsansatz ist dann entweder eine Verbesserung der Infrastruktur in der Breite oder ein stark wachsendes Wohnungsangebot in den nachgefragten Regionen mit funktionaler Infrastruktur.

    Mit 387 Einwohnern/km² ist der Märkische Kreis sogar überdurchschnittlich dicht besiedelt und selbst dort kriegen wir keine Standortgarantie hin. Wenn es aber diese Standortgarantien nur für die großen Metropolregionen gibt, dann erleben wir nicht nur den geopolitischen Schock auf der Angebotsseite, sondern zusätzlich einen internen Angebotsschock durch eine sinkende Standortattraktivität der peripheren Landkreise.

Leave a Reply