Lokführer und Schienensuizid: “Als ich das erste Mal wieder fuhr, kam alles wieder hoch”

by NemVenge

21 comments
  1. Ist echt arg… erst letztens wieder bei uns…

  2. Ein Thema das mich immer seltsam berührt. Mein Vater war Lokführer und hat in der gesamten Zeit 3 Leute vor dem Zug gehabt, er hat nie wirklich darüber gesprochen und als Kind hat man nur gemerkt dass er nicht ok war. Hat sich zurück gezogen und war sehr still.

    Ich erinnere mich aber ziemlich genau dass jedes Mal eine längere Zeit war in der er danach daheim und dann beim “Arzt” war und das erste Mal danach wieder zur Arbeit war immer auch deutlich spürbar komisch.

    Ich kann mir nicht ausmalen wie es diesen Menschen geht und kann nicht nachvollziehen warum jemand der sein Leben auf diese Art beendet jemand anderen damit hineinziehen muss.

  3. Statistisch gesehen sind es jeden Tag 3 Menschen in Deutschland die sich für diesen Weg entscheiden.

    Was mich sehr daran stört, dass in der allgemeinen Wahrnehmung der Lokführer vergessen wird, der der ganzen Situation schutzlos ausgeliefert ist.

    Ich möchte da nur an den Fall von Robert Enke erinnern.

  4. Das war übrigens der erste große Erfolg von Weselsky und einer der Gründe wieso seine Gewerkschaft solide hinter ihm steht: 2011 wurde unter seinem Vorsitz die Absicherung für Lokführer, die einen Selbstmord miterleben mussten und infolgedessen berufsunfähig wurden, erstreikt.

  5. “warum sollten Lokführer mehr verdienen als Kassierer, die sind auch für die Gesellschaft nötig”

  6. >Zurück bleiben Lokführer, die damit leben müssen, einen Menschen getötet zu haben.

    Diese Formulierung stört mich.
    Denn derjenige tötet sich selbst. Die Lokführer haben letzten Endes keine Möglichkeit, den Selbstmord zu verhindern. Einfach weil man den Zug niemals rechtzeitig zum Stehen kriegt.
    Ich möchte damit keinesfalls das Trauma kleinreden, das so ein Erlebnis sicherlich hinterlässt. Aber einen Menschen getötet haben diese Lokführer nach meinem Verständnis auf keinen Fall.

  7. Ich war vor vielen Jahren Passagier in einem Zug, der eine Frau erfasst hat. Ich saß direkt am Führerstand, sodass ich auch jedes Telefonats danach des Lokführers mitbekommen habe.
    Ich hatte mindestens ein Jahr ein mulmiges und unangenehmes Gefühl wenn ich in einen Zug stieg und selbst heute (gewiss 8/9 Jahre später) denke ich manchmal daran wenn ich im Zug sitze. Ich möchte nicht wissen, wie schwer sowas dann erst sein muss wenn man der Lokführer gewesen ist.

  8. Darum werde ich nie ein Selbstmord mittels Zug oder fremdes Auto begehen

  9. Ich habe als ehemalige Pflegekraft 2 Suizide miterlebt. Es wurde danach totgeschwiegen und abgetan nach dem Motto, es gehört halt dazu und mit „Professionalität“ würde man drüber hinwegkommen. Ich konnte danach nie wieder in der Pflege arbeiten, habe diverse Ängste/Phobien entwickelt. Die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit solcher Ereignisse wird immer noch zu sehr unterschätzt.

  10. Das Problem ist, dass mann schwer psychisch Kranken die Medikamente für schmerzfreien Tod verbietet. Irgendwann ist halt schluss und mann ist austherapiert und mann ist zu drastischen Maßnahmen gezwungen.

  11. Hat mein Vater auch durchgemacht. Die Aussagen könnten so 1 zu 1 von ihm stammen. Wirklich hart.

  12. Das ist halt auch ein Nebenaspekt der mangelnden Sterbehilfe. Wenn man sicher sein will, ist Zug eben eine sichere Variante. Wer keinen anderen Weg sieht und schon lange leidet, sucht die Möglichkeit die es gibt.

    Ich hatte mir damals einen Brief für den Lokführer auf die Brust geklebt aber es dann nicht gemacht. Muss mir dann heute manchmal anhören, dass Leute die sich Hilfe suchen es ohnehin nicht ernsthaft vorhätten.

  13. Moin, bin Zugbegleiter im Fernverkehr.

    Ich hatte vor einigen Wochen meinen ersten Leichenfund. Ein Zug der uns auf der Strecke entgegenkam, meldete bei der Verkehrsleitung, das er sich nicht sicher ist ob er einen Toten auf der Strecke gesehen hat, und die Verkehrsleitung uns dann, das wir auf Sicht fahren müssen. Es war so nebelig, man konnte keine 10 Meter weit sehen.

    Tatsächlich lag dann auf unserem Gleis ein Toter. Komplett zerfetzt, locker über 100 Meter verteilt. Ich wollte rausgehen, gab aber genug Ärzte an Bord und der Zugchef ist mit den Ärzten rausgegangen, ich bin also zwischenzeitlich zum Lokführer nach vorn.

    Unser Dienstabteil war in Wagen 22 zu 23, bis zum Lokführer nach vorne kamen 6 Wägen, umso weiter ich nach vorne bin, umso mehr hab ich gesehen. Alter Falter, das war echt heftig.

    Abgetrennte Füße, T-Bone Steak große Stücke, Haarbüschel, blutige Zähne, man konnte sich den Menschen in seiner Vorstellung wieder zusammen puzzlen. Auf dem Weg zum Lokführer noch bei den Bordgastronomen erkundigt, wie es denen so geht, weil da wo wir zum halten gekommen sind, man aus dem Restaurant die beste Aussicht hatte.

    Also mit zwei Colas zum Lokführer und war ein bisschen überfordert. Redet man nun drüber, lenkt man ab und quatscht über alltägliches? Zweiteres war mein Versuch, hat insoweit auch geklappt. Der Torso mit dem abgetrennten Kopf lag direkt unter der Führerkabine, konnte man aber nicht sehen, dafür aber von der Lokführerkabine ein paar Kleidungsstücke, einen Fahrschein und ein paar Geldscheine. Wir haben uns gefragt ob es ein Unfall oder doch Suizid war.

    Notfallmanager der DB, Landes- und Bundespolizei, Bestattungsinstitut, Feuerwehr und Rettungskräfte waren da. Lokführer wurde obligatorisch von der BP befragt und dann nach Hause gefahren. FYI: Der Lokführer darf bei einem PU (Personenunfall) keinen Millimeter mehr fahren und die Schicht ist sofort beendet, er darf auch nicht per Zug nach Hause fahren um eine Retraumatisierung zu vermeiden, bekommt also ein Taxi oder intern eine Heimfahrt per Auto gestellt, egal wie weit das ist.

    Der Lokführer war wohl recht neu, anfangs hat er noch auf cool und gelassen gemacht, umso länger das Prozedere dauerte, umso fertiger war er. Bin also dann danach wieder zum Dienstabteil gewatschelt und habe erneut bei den Gastronomen gefragt wie es ihnen geht, dann Fragen der Fahrgäste beantwortet.

    Natürlich hat auf dem Weg irgendein ultrawichtiges Buisinessarschloch in der 1. Klasse fragen müssen, “wie lange der ganze Scheiß noch dauert”, denn er habe ja “einen wichtigen Termin”. Krass. Wichser.

    Mir haben sich die Bilder auch eingebrannt, vorallem dieser nackte, abgerissene Fuß der direkt am Bordrestaurant lag sowie die verteilten blutigen Zähne und Haarbüschel. Torso und Kopf habe ich nicht gesehen. Ist schon was anderes, echten Gore zu sehen als ISIS-Enthauptungsvideos im Internet.

  14. Joa. Scheiß ist das.
    Komm aus ner Bahnerfamilie. Gibt Leute die daran zerbrechen, andere führen Strichliste.
    Edit: Möchte mit diesem Kommentar nur die Hilflosigkeit des Bahnpersonals verdeutlichen. Das ist ein Problem, welches final nicht gelöst werden kann. Vllt ein wenig eindämmen durch mehr Hilfe, assistierten Suizid.

  15. Suizid sollte idealerweise still und heimlich begangen werden. Es ist sehr schade.

  16. Wenn die Konservativen nicht so wehement gegen Sterbehilfe wären, könnte man hier bestimmt deutlich was machen. Ich muss da gerade ganz entfernt an die [portugisischen](https://www.youtube.com/watch?v=cCNI4rDpBxI) [Druckräume](https://archive.ph/5e6Ia) denken. Da hatten die Konservativen im Vorfeld auch Sodom und Gomorra gewittert.

    >Man kann natürlich auch ein anderes Thema aufmachen. Dass es hier bei uns, in diesem wunderschönen Land, keine andere Möglichkeit gibt für manche Menschen, als sich vor einen Zug zu schmeißen. Thema Sterbehilfe.

    Ich meine, wenn es einen vorurteilsfreien Ort gäbe, wo ich bei dem Gedanken an Selbstmord nicht direkt mit Lederriemen gefesselt werde, sondern mir vielleicht noch jemand zuhört und gemeinsam mit drauf schaut, warum sollte ich mich dann noch auf eine kalte Schiene legen?

    Und dann könnte man bei der Gelegenheit noch gleich gemeinsam Überlegen, obs wirklich so aussichtslos ist.

  17. Mein Vater ist ebenfalls seit mittlerweile knapp 40 Jahren Lokführer. Er hatte schon 3 PUs. Das ganze nimmt ihn nicht wirklich mit, da er mindestens genauso lang schon bei uns in der Feuerwehr ist und als Zugführer und Kommandant gleich neben der Autobahn auch schon einiges gesehen hat. Er ist auch Ausbilder in der psychosozialen Notversorgung für die Feuerwehren im Landkreis (Seelsorge und Unterstützung für Rettungskräfte nach Einsätzen). Ich denke das er da auch einiges für sich selbst mitgenommen hat. Er sagt immer, dass die Leute einen Grund haben und man selbst einfach nur am falschen Ort war. Er argumentiert da immer mit dem Bremsweg: selbst wenn er was dagegen unternehmen wollte, der Bremsweg von einem Güterzug ist dafür zu lang.

    Der einzige PU der ihn etwas stärker mitgenommen hat, war die Mutter, die mit ihren kleinen Kindern im Auto über den geschlossenen Bahnübergang gefahren ist. Da hat er statt der „üblichen“ 1 Person leider gleich 3 auf einmal erwischt. Darunter auch die zwei Kinder der Frau.

    Als wir damals unseren Führerschein gemacht haben, hat er uns jeden Tag gesagt, dass man NIEMALS bei geschlossener Schranke auf die Gleise fährt.

    Ich bin selbst in der Feuerwehr und durfte so etwas unfreiwillig auch miterleben. Ich, gerade 20 und die AGT Ausbildung fertig, war auf dem Heimweg von der Uni. Plötzlich hat sich vor meinen Augen eine Frau vor der S-Bahn auf die Gleise geworfen. Natürlich erstmal Schock, ich hab auch leider alles direkt gesehen. Hab dann gleich die Polizei und Feuerwehr alarmiert und dann versucht andere Fahrgäste zu beruhigen, die wirklich absolut verstört waren.

  18. Ist aktive Sterbehilfe nicht mittlerweile legal in de?

  19. Bin ich der Einzige der denkt dass Schienen-Suizid unwahrscheinlich egoistisch ist?

    Das Thema Depression scheint ja mittlerweile überall angekommen zu sein, Therapieplätze offensichtlich Mangelware.

    Aber mich zum Leidwesen anderer vor einen Zug zu werfen, ggf. nicht nur den Lokführer sondern auch andere Passagiere (Kinder, ebenfalls Kranke) und Helfer zu traumatisieren ist kaum zu rechtfertigen, mit etwas „Glück“ ist es bei einem derjenigen ebenfalls Auslöser für Suizid.

    Ich erinnere hier auch noch mal an den Germanwings-Flug 9525 bei dem der Pilot durch seinen Suizid 150 Menschen mit in den Tod gerissen hat.

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