Abitur in Bayern: Vergebliches Pauken für modernes Gedicht

by minearth

11 comments
  1. > Ihnen wurde anscheinend der Eindruck nahegelegt, sie müssten in erster Linie etwas wissen und wiedergeben. Und nicht, sie müssten etwas können

    Schule in einem Satz (na gut, zwei Sätzen). Nicht nur in Bayern.

  2. Ich hab zwar selber kein richtiges Deutsch-Abitur geschrieben, nur Grundkurs, aber ich fand die Aufgaben des diesjährigen Abiturs relativ entspannt. Es müssen wohl einige Leute auf die Fresse gefallen sein, die sich vor allem auf ein romantisches Sonett als Weg des geringsten Widerstandes vorbereitet hatten und dann halt dumm guckten, als keins dabei war.

  3. Typ liest drei Kommentare von irgendwelchen Jugendlichen auf Tik Tok und fühlt sich gleich genötigt fünf Paragraphen als Reaktion in die FAZ zu ballern.

    Journalisten wird mittlerweile anscheinend auch nicht mehr der Eindruck nahegelegt, sie müssten etwas können.

  4. Das besagte Gedicht, den [Vorabdruck findet man auch hier](https://schnell-durchblicken.de/jan-wagner-unterwegs-im-nebel). [Edit: reddit will nicht so 100% die richtige Formatierung]

    >unterwegs im nebel

    >ragte die autobahn plötzlich auf zu den wolken
    oder hatten die wolken sich entschlossen,
    den schlaf von jahrhunderten zwischen uns nachzuholen?

    >die scheinwerferkegel tasteten – klägliche
    insektenfühler – nach der verborgenen sonne:
    alles war kleiner und enger geworden.

    >das unwirkliche licht der armaturen
    erhellte uns spärlich in unseren waben aus blech,
    die welt war geschrumpft auf die nächste fahrbahnmarkierung,

    >der horizont spannte sich nur mehr zwischen
    die bremsleuchten des vor uns kriechenden wagens:
    dort seilten wir die müden blicke an.

    >im rauschen zwischen den senderfrequenzen keimte
    der verdacht, daß es stets dieselbe brücke wäre,
    die vorgab, das tor nach draußen zu sein,

    >und ab und zu tauchte auf der gegenspur
    lautlos enigmatisch ein lkw auf,
    ein wal, der sich kurz aus den tiefen des meeres erhebt,

    >wie wir unterwegs im nebel,
    den man beharrlich über uns hängen ließ
    wie das »bitte nicht stören«-schild überm knauf einer tür

    >in irgendeinem hotel einer stadt ohne namen.

  5. Wie sagte mein bayrischer Lehrer: “Mitdenk’n, ned nochdenk’n!”

  6. Ja sorry, das hat mich in meiner eigenen Schulzeit schon so bei manchen meiner Mitschüler:inneem genervt. Es ergibt im Fach Deutsch, selbst wenn es einem nur um die Note und nicht um die Kompetenzen dahinter geht, einfach überhaupt keinen Sinn, auf Krampf irgendwelche Epochen und dergleichen auswendig zu lernen bis zum geht nicht mehr. Klar sollte man sich generell auskennen, was die Unterschiede zwischen Literatur der Romantik und der Jahrhundertwende sind, aber viel wichtiger ist doch, den Text zu analysieren und zu interpretieren. Das einzige, was sich da gut lernen lässt sind Grundbegriffe, Stilmittel und dergleichen, und wenn man das drauf hat, ist es vollkommen egal, ob ein Gedicht von 2001 oder 1801 ist.

    In gewisser Weise sind aber auch die Lehrkräfte schuld, die einem nie wirklich klar machen, worum es in Deutsch eigentlich geht und warum man das Ganze überhaupt macht.

  7. > Ihnen wurde anscheinend der Eindruck nahegelegt, sie müssten in erster Linie etwas wissen und wiedergeben. Und nicht, sie müssten etwas können, Details beobachten, sich in Schwierigkeiten zurechtfinden.

    Das ist unter Schülern ein weit verbreiteter Trugschluss, bedeutet aber nicht, dass die Lehrer denen das nahegelegt haben. Ganz im Gegenteil, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass unsere Lehrer uns immer wieder gesagt haben, dass wir NICHT alles bis ins kleinste Detail auswendig lernen sollen, sondern uns auf die Operatoren fokussieren sollen – und trotzdem haben viele meiner Mitschüler auswendig gelernt.

    Hatte letztens an der Uni ein Seminar zu Abituraufgaben in Geschichte und unser Dozent meinte da auch, dass man leider immer und immer wieder sieht, dass Schüler einfach nur stumpf auflisten, was sie alles zum Thema so schön auswendig gelernt haben, aber am Ende schreiben sie damit halt komplett an der Aufgabe vorbei. Das ist teilweise den Abituraufgaben selbst geschuldet (Aufgabe 1 im Geschichtsabi ist eigentlich immer nur “fasse zusammen” bzw. “gebe wieder”, was dann zu diesen Auflistungen verleitet), wird im Unterricht so aber nicht gelehrt. Keine Ahnung, warum Schüler ständig und in so gut wie allen Fächern in diese Falle tappen.

  8. Falls es jemanden interessiert, hier das fragliche Gedicht. (Findet man auch in einer Leseprobe des Autors)

    **unterwegs im nebel** (Aus: Jan Wagner – Selbstporträt mit Bienenschwarm)

    ragte die autobahn plötzlich auf zu den wolken

    oder hatten die wolken sich entschlossen,

    den schlaf von jahrhunderten zwischen uns nachzuholen?

    die scheinwerferkegel tasteten – klägliche

    insektenfühler – nach der verborgenen sonne:

    alles war kleiner und enger geworden.

    das unwirkliche licht der armaturen

    erhellte uns spärlich in unseren waben aus blech,

    die welt war geschrumpft auf die nächste fahrbahnmarkierung,

    der horizont spannte sich nur mehr zwischen

    die bremsleuchten des vor uns kriechenden wagens:

    dort seilten wir die müden blicke an.

    im rauschen zwischen den senderfrequenzen keimte

    der verdacht, daß es stets dieselbe brücke wäre,

    die vorgab, das tor nach draußen zu sein,

    und ab und zu tauchte auf der gegenspur

    lautlos enigmatisch ein lkw auf,

    ein wal, der sich kurz aus den tiefen des meeres erhebt,

    wie wir unterwegs im nebel,

    den man beharrlich über uns hängen ließ

    wie das »bitte nicht stören«-schild überm knauf einer tür

    in irgendeinem hotel einer stadt ohne namen.

    So als Deutschlehrer gesprochen würde ich gerne den Erwartungshorizont sehen, aber so ultra schwer finde ich es jetzt nicht.

  9. Dachte ich lese den Focus bis ich schockiert das FAZ-Logo gesehen habe.

  10. Oute ich mich als Kulturbanause wenn ich sage: arme Bayern…Deutsch als *Pflichtfach* im Abitur und dann…Gedichte.

    Bin froh, dass man in NRW (zumindest zu meiner Abiturzeit) Schwurbelfächer nach der 11 abwählen und sich seine Prüfungsfächer im Rahmen Naturwissenschaft+Gesellschaftswissenschaft+Sprache+Joker frei auswählen konnte. Deutsch + Mathe + freie Auswahl ist doch grausam einengend.

  11. Ich hab vor fast 10 Jahren ein 1.3er Abitur gemacht. Hatte natürlich auch die ganzen Laberfächer (Deutsch, Philo, Reli etc.). Deutsch LK, ich musste Kafka, Ödipus, Kant usw. lesen.

    10 Jahre später und ich kann mich an nichts erinnern. Gar nichts. Absolute Zeitverschwendung. Ich fand damals schon den Stoff absolut belanglos und war maximal genervt, dass wir Stunden über Stunden über den Lebenslauf von Kafka diskutiert haben, seine Daddy Issues und ob er nicht vielleicht doch homosexuell gewesen ist.

    Mir tut jeder Abiturient leid, der sich noch durch diesen Scheiß durchkämpfen muss. Mein Beileid.

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