
Paywall deswegen hier der text:
Ein Ticket für alle – aber auch ein kostenloses? Zumtobel wie VVT warnen den Landtag davor, die Öffis in Tirol für alle gratis anzubieten.
Die Einnahmen- und Finanzierungsverluste würden das ÖPNV-Budget des Landes verdoppeln. Gleichzeitig bliebe der nötige Angebotsausbau offen.
Innsbruck – Diese Rechnung wiegt schwer. Und für die Befürworter von „Gratis-Öffis für alle“ dürfte sie nur schwer zu verdauen sein. Mobilitätslandesrat René Zumtobel (SP) hat über die vergangenen Monate zusammen mit dem Verkehrsverbund Tirol (VVT) die Auswirkungen einer kostenlosen Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs für das Bundesland Tirol erheben lassen. Ausgangspunkt bildete ein Antrag der Liste Fritz, welcher auf Antrag der schwarz-roten Landesregierung im Verkehrsausschuss abgeändert wurde und folglich den Landtag passierte. Nun liegt ein Bericht vor. Ein 270 Mio. Euro schwerer.
Alle Öffis gratis anzubieten würde bedeuten, das Budget zu verdoppeln, ohne dass ein Bus oder Zug mehr fährt.
René Zumtobel (Verkehrslandesrat, SPÖ)
1️⃣ Ausgangslage
Aktuell sind laut der Land-VVT-Erhebung mehr als ein Fünftel aller TirolerInnen mit einer Öffi-Netzkarte unterwegs (siehe auch Faktbox). Einen Boom lösten hier insbesondere die zwei großen Tarifreformen 2017 und 2019 aus. Auch die zahlreichen Ermäßigungen (Klimaticketpreis für SeniorInnen ab 65: minus 49 %; ab 75 Jahren: minus 74,5 %; für Ausgleichs- und Mindestsicherungsbezieher: minus 49 %; Schulticket Tirol: 99,80 Euro). Gleichzeitig hat das Land in den vergangenen Jahren auch das Streckenangebot ausgebaut. In Summe fließen heuer vom Landesbudget etwas mehr als 135 Mio. Euro in die Aufrechterhaltung des Öffi-Verkehrsangebots.
Öffi-Fakten in Tirol
Preisentwicklung: Vor der Einführung landesweit gültiger Netzkarten ab Juni 2017 (Jahresticket/Klimaticket Tirol) samt Tarifreform mussten bspw. für die Strecke Kufstein–Innsbruck im Jahr rund 1551 Euro, für Schwaz (Telfs)–Innsbruck 894 Euro gezahlt werden. 2018 kostete das tirolweite Jahresticket 490 Euro, 2024 inzwischen 561 Euro (exkl. 5 % Rabatt).
StammkundInnen: Im Jahre 2018 zählte der VVT noch rund 114.400 Jahresticketbesitzer, 2023 waren es in Summe 158.500 (Klimaticket Tirol), dazu kamen an die 15.000 Klimaticket-Österreich-Nutzer.
Kilometerleistung: Die angebotenen/gefahrenen Öffi-Kilometer (Bus und Schiene) in Tirol stiegen von 42,2 (2013) auf knapp 50 Mio. (2022).
2️⃣ Einnahmenentfall
Werden alle Öffi-Fahrten in Tirol kostenlos, brechen natürlich die Einnahmen weg. 2022 betrugen die Erlöse des VVT durch Ticketverkauf rund 52 Mio. Euro. Hinzu kamen an die 10 Mio. Euro von den ÖBB für den Tiroler Nahverkehr und rund 9,4 Mio. Euro, mit welchen TVB und Seilbahnen bspw. Skibuslösungen bezuschussten. Nicht beziffert werden kann, wie hoch die Einnahmenverluste bzw. Ausgleichszahlungen für den Schienenfernverkehr und die Korridorstrecken (Pustertal, Deutsches Eck) wären. Somit beliefen sich die Einnahmenverluste auf rund 71,4 Mio. Euro.
3️⃣ Finanzierungsverluste
Neben den Einnahmen lukriert das Land aber auch Co-Finanzierungen zu diversen Ticketangeboten. Auch diese würden bei einem Gratis-Angebot wegfallen. Wie etwa der 15-Mio.-Euro-Zuschuss des Bundes zum Klimaticket. Auch der Preisersatz des Bundes für die Schüler- und Lehrlingsfreifahrt (SLF) von 32,6 Mio. Euro würde laut Berechnung wackeln. Darüber hinaus müssten durch den Verlust der Vorsteuerabzugsberechtigung weitere 16 Mio. Euro vom Land gestemmt werden. In Summe könnten sich Finanzierungsverluste auf gut 63,6 Mio. Euro ergeben.
135 Millionen Euro weniger
Beides zusammengerechnet ergäbe laut Bericht ein Minus von 135 Millionen Euro für den Landeshaushalt. Fügt man die Aufwendungen hinzu, müsste das Land für die Gratis-Öffis im Land derzeit 270 Mio. Euro berappen. Zumtobel gibt hierbei zu bedenken: „Das würde bedeuten, das Budget zu verdoppeln, ohne dass ein Bus oder ein Zug mehr fährt.“ Also ohne das Angebot zu verbessern oder auszubauen – die Fortschreibung des Status quo.
Dabei wäre zu erwarten – wenngleich nicht abschätzbar in welcher Dimension –, dass die Fahrgastzahlen steigen. Um aber keine qualitativen Abstriche machen zu müssen (Linien, Takte etc.), zöge dies einen teils massiven Ausbaubedarf nach sich. Punktuelle Überlastungen insbesondere im Großraum Innsbruck wären aber auch so nicht zu vermeiden, warnen Zumtobel wie VVT. Nachfrageorientierte Verbindungen und dichter Takt – „ein kostenloser öffentlicher Verkehr würde diese notwendigen Entwicklungen unmöglich machen“, prophezeit Zumtobel.
by Ferina27
15 comments
Angeblich können ja so viele nicht öffentlich fahren weil sie absolut aufs Auto angewiesen sind?
Ich bin trotzdem dafür, gratis Öffis zu haben, auch wenn ich sie persönlich selten nutze
Gratis Öffis wären nett, persönlich halte ich aber den Ausbau speziell in kleineren Orten für sinnvoller… nicht nur auf Tirol bezogen, auch in den anderen Bundesländern.
ich bin für gratis öffis, weil dann weniger leute mim auto fahren und ich so mit meinem auto schneller vorankomme.
Gratis Öffis wären mit Abstand die beste Maßnahme für nachhaltige Mobilität, der Bevölkerung maximale Mobilität zu ermöglichen und noch dazu ist es für die Bevölkerung insgesamt eine enorme finanzielle Entlastung, und das alles für diese verhältnissmäßig lächerliche Summe! Zusätzlich würde die dadurch stark steigende Nachfrage dem Ausbau der Öffis einen extremen Schub geben! Ich versteh nicht wieso man da noch überlegen muss!?
“Blechen” ist halt auch schon eine ordentliche Parteinahme.
Das sind ca. 350€/Person in Tirol/Jahr, das schreckt mich jetzt nicht wirklich.
Werden Seilbahnen dann auch gratis? Die haben sich ja während Corona als ÖPNV positioniert, damit sie weiterfahren können, oder?
Wieviel muss Tirol für all die gratis Straßen blechen?
Wieso nicht einfach gratis für Hauptwohnsitzler? Die ca. 700k die wirklich hier wohnen und um dies primär geht würden bei weitem nicht so sehr ins Gewicht fallen, wenn die ganzen Touristen, von denen es eh viel mehr gibt, einfach weiter zahlen.
Militärausgaben in Österreich lagen 2023 bei über 4 MILLIARDEN Euro LG
Die 20€ für den ORF könnnen sie sich sonst wo hinstecken. Aber für eine umweltsmaßnahme (gratis öffis, vA am land) oder das gesundheitssystem würde ich mehr zahlen
Finde die Rechnung sehr einseitig. Was ist mit gespaarten Kosten für Ticketkontrolleure, Ticketautomaten und Co? Warum werden die Förderungen von Bund hinaus gerechnet, Österreich würde Tirol sicher weiter unterstützen wenn die Öffis gratis wären.
Auf die 754k Einwohner Tirols also etwa 360 Euro pro Kopf pro Jahr.
Dafür riesige Gewinne in Lebensqualität, auch durch dadurch verringerte PKW-Nutzung, somit weniger Lärm und eventuell (noch) mehr Tourismus, da das für Touries natürlich auch angenehm ist.
Was mir im Artikel beim überfliegen etwas untergeht, was sicher auch unglaublich schwer zu modellieren ist, sind die Einsparungen bei Verlagerung von Individualverkehr auf Öpnv(*) . Das fängt bei halbwegs greifbaren Sachen an, zb weniger Instandhaltungskosten für Straßen wenn weniger Fahrzeuge drauf fahren, und geht aber auch um abstraktes wie theoretisch weniger Kosten im gesundheitssystem durch weniger Abgase innerorts
(*) die Verlagerung wurde ja auch explizit nicht untersucht für die Kostenrechnung, von daher noch schwieriger zu modellieren
Was ich damit sagen will ist nicht, dass es zwingend der richtige Weg ist aber, dass es unglaublich schwer ist ein Preisschild dran zu hängen…