Arbeitsmarkt – Die Linke fordert Mindestlohn für Behindertenwerkstätten

by kimmenwerkel_stefan

16 comments
  1. Das würde nur dazu führen, dass die Behindertenwerkstätten schließen und die Behinderten entsprechend keine Arbeit mehr haben.

    Das ganze Konzept einer Behindertenwerkstatt existiert doch lediglich, weil es Menschen mit Behinderung gibt, die gerne arbeiten wollen und können, allerdings nicht in einem Maße, das ausreicht, um sich auf dem freien Arbeitsmarkt zu behaupten.

    Keiner von ihnen wird daran gehindert, sich eine Anstellung für Mindestlohn oder sogar mehr zu suchen. Bloß werden die allermeisten davon halt keine finden.

  2. Plant die Linke dann auch eine Verstaatlichung aller behinderten Werkstätten? Anders wird der Mindestlohn dort nicht zu halten sein ohne Schließungen in Kauf zu nehmen. 

  3. Ich fürchte in dem Augenblick wo dies eintritt, werden viele Werkstätten in ernsthafte Liquiditätsengpässe schlittern.
    Der Gedanke hier scheint ja erstmal gut gemeint zu sein, und rein moralisch betrachtet hat jeder recht auf faire Löhne, aber hier hat man ja nicht nur vollarbeitsfähige Fachkräfte, sondern Arbeitskräfte mit je nach Grad der Behinderung erhöhtem Betreuungsbedarf. Je nachdem was produziert oder vertrieben wird, halte sich manche Betriebe ja nicht wegen einzigartig überlegenen Produkteigenschaften sondern wegen der Besonderheit, dass man geringe Vorteile bei Personalkosten hat und gleichzeitig auch Betreuungsdienstleidtungen bereitstellt.
    Fraglich ob das ganze Konzept dann noch aufgeht.

  4. Das Issue bei der Sache ist, das zumindest ordentliche “Behindertenwerkstätten” sich eher als eine “Ganztagsbetreuung” für die Behinderten verstehen, um diesen ein strukturiertes Leben mit Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

    Wirtschaftlich ist das in keinsterweise, weswegen man dort auch weniger Lohn zahlt, weil der Rest des Geldes eben für die Betreuung der Behinderten draufgehen + die Tatsache dass die Produktion eben sehr ineffizient ist.

  5. Finde das Thema schwierig und denke da schon länger drüber nach.

    Mein Halbbruder ist angestellt in so einem Framework auf einem Pferdehof und reißt dort eine riesige Menge Arbeit. Er hat hirnschadenbedingt aber einen GdB über 50.

    Trotz seiner guten Arbeit bekommt er keinen wirklichen Lohn. Er könnte aber vermutlich wegen seiner Behinderung sozial nicht gut für sich eintreten und kann überdies schwierig im sozialen Umgang sein, und meine Familie hat kaum Kontakt mit ihm.

    Ich weiß aber auch aus meinen persönlichen Berührungen mit dem Thema (bin durch meine psychischen Erkrankungen viel in Kontakt mit erwerbsgeminderten Menschen durch Schizophrenie, MS und ähnlichen Problemen) dass diese Arbeitsplätze für einige auch einfach Sinnstiftung sind, und die Werkstätten wohl kaum wettbewerbsfähig wären.

  6. was sie verdienen, ist das Eine

    Aber das Andere ist, ob die Behindertenwerkstätten das stemmen können. Können wir davon ausgehen, dass sie zum Mindestlohn gegen herkömmliche Produktion ankommen?

    Falls nicht, wäre die bessere Lösung ja nicht verpflichtender Mindestlohn, sondern Aufstockung/Subvention durch den Staat

  7. Achtung, langer Rant incoming, aber dieses Thema kotzt mich SO an.

    Man muss sich nur mal vor Augen führen, dass die Idee der WfbM gegen die UN-Behindertenrechtskonvention verstößt.

    Ja, es würde je nach Fall mehr oder weniger Anstrengung erfordern, Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

    Aber solange es das System der Werkstätten gibt, kann man bequem sagen “nee, das wäre ja VIEL zu anstrengend und außerdem gibt’s doch die Werkstätten, also packen wir die Leute mal dahin”.

    Werkstätten kriegen genauso Aufträge mit knallharten Deadlines wie alle anderen Firmen auch.

    Beispiel, das ich so mitbekommen habe: Einer großen Firma ist spontan eingefallen, dass sie für ein Event in zwei Tagen mehrere Tausend Goodies mit Süßigkeiten verpackt habe. wollte.
    Hat den Auftrag an eine WfbM vergeben. WfbM hat ihn natürlich gerne angenommen, war ziemlicher Stress, weil dafür andere Arbeitsabläufe spontan umgeschmissen werden mussten. Klingt jetzt nicht anders, als bei anderen Firmen auch, oder? Warum bezahlt man die Leute dann nicht anständig fürs Verpacken?

    Wenn da jetzt irgendwelche Studierenden ohne Behinderung sitzen und im Akkord die Sachen verpacken würden, würde doch auch jeder sagen, dass 1€ die Stunde irgendwie scheiße ist.

    Die Leute stellen sich das immer so schön vor, dass in einer WfbM den ganzen Tag nur irgendwelche Postkarten für den nächsten Charity-Basar gemalt werden oder sonst was, aber das ist Quatsch. Die Basare gibt’s auch, ja. Aber die machen nur einen Bruchteil von dem aus, was da gearbeitet wird. Ansonsten bekommen die ganz normale Aufträge von ganz normalen Firmen für ganz normale Produkte.

    Und dann kommt als Begründung immer “ja, die arbeiten ja langsamer als Menschen ohne Behinderung”. Mal abgesehen davon, dass das nicht immer stimmt, ist es doch auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt doch auch nicht so, dass Menschen strikt nach Leistung bezahlt werden und alle gleich “gut” bzw. “schnell” arbeiten? Trotzdem sind wir uns glaub ich einig, dass man sich durch Arbeit ein menschenwürdiges Leben verdienen sollte. Sieht man doch auch immer wieder hier in den Diskussionen, wenn irgendwelche Arbeitgeber rumheulen, dass die Leute ja zu wenig arbeiten. Da ist der Tenor hier dann immer “Ja, guess what, Leute haben keinen Bock sich für nen Hungerlohn tot zu schuften”.

    Aber bei “den Behinderten” ist es dann lustigerweise egal, da werden dann plötzlich tausend Gründe hervorgeholt, warum es okay ist, dass die nur 1€ pro Stunde verdienen. Weil, ist für die ja “sinnstiftend”. Aber wenn ein Frank Thelen das “Arbeit ist ja so sinnstiftend und macht glücklich!!!”-Argument rausholt, weil er keinen mehr zum Ausbeuten findet, wird dann natürlich zu Recht wieder gemeckert.

  8. tja… schwierig…

    Es sind ja nicht nur Behindertenwerkstätten. 220 Euro im Monat ist ungefähr auch das, was man als “1 Euro Job” bekommt.

  9. Die linke wieder mit einem Vorschlag, der viele Lebenswelten der Einkommensmittel- und Unterschicht betrifft…

  10. Kompliziertes Thema weil unter dem Begriff “Behindertenwerkstätten” so ziemlich alles läuft was sich zwischen “es findet mehr Betreuung als Arbeit statt” und Fertigung für Großindustrie die durch Zuschüsse und sich freikaufen von Quoten dadurch dort billiger als anders möglich produziert, so ziemlich alles darunter zusammengefasst ist.
    Und in diesem Kontext ist es halt dann schwer pauschal darüber zu urteilen ob es gerechtfertigt ist unter Mindestlohn zu bezahlen. Dort wo Werkstätten in Prinzip angeleitetes und beaufsichtigtes Malen und Basteln ist, kann es schon Sinn machen, das so in der Form zu erhalten.
    Bei großindustrieller Produktion nur in ein bisschen langsamer dann wiederum halt tatsächlich nicht. Wer aber davon ausgeht, dass dieser Zweig bestehen bleibt und die Leute die dort arbeiten dann mehr verdienen wird sich aber wohl täuschen… Die Anreize für die Unternehmen fehlen ja dann…

  11. Seltsame Forderung. Behindertenwerkstätten gehören nicht zum freien Arbeitsmarkt, unterliegen also auch anderen Regeln. Wenn Behindertenwerkstätten anfangen müssen, den wirtschaftlichen Nutzen ihrer behinderten Mitarbeiter zu beachten, läuft das ganze Ding nicht mehr. Für manche, “leichter” Schwerbehinderte, kann das bedeuten, sie leisten fast vollständige Arbeit und werden trotzdem “kaum bezahlt”. Dafür missten sie aber auch zu keinem Bewerbungsgespräch, sie müssen keine Leistungen erbringen, werden nicht entlassen und sind wirtschaftlich zumindest abgesichert. Bei den Schwerbehinderten am anderen Ende der Skala ist die Diskussion gänzlich abwegig. Man kann die Werkstätten nicht mit regulären Jobs vergleichen. Dort arbeiten ja eben gerade die Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. Die z.b. keine Chance hätten, überhaupt einen einfachen Job irgendwo zu bekommen, wenn sich dort auch nur irgendwer anders bewirbt. Werkstätten sind ein wichtiger Safe space für die Behinderten, man darf dort nicht die gleichen Maßstäbe ansetzen, wie auf dem freien Arbeitsmarkt.

  12. An alle Leute, die da jetzt an die Wirtschaftlichkeit der Werkstätten denken: der Staat könnte die Löhne ja mitfinanzieren.

    Das wichtige ist, dass Arbeit entloht wird, und nicht mit 1 Euro die Stunde! Es kann nicht sein, dass du Vollzeit arbeitest und dann von Sozialhilfe aufgestockt wirst. Das ist ganz schlecht für die Wertschätzung deiner Leistung.

    Viel mehr Kosten wird das auch nicht verursachen, da der zu niedrige Lohn ja sowieso schon durch Sozialhilfe aufgestockt wird.

    Mindestlohn in diesen Werkstätten ist ein absoluter No-Brainer.

  13. Endlich bewegt sich da mal etwas. Ich fand es schon immer unverschämt, dass Behinderte nicht denselben Lohn erhalten wie Nicht-Behinderte. Ein Bekannter von mir arbeitet in so einer Institution und musste Pusteblumen in kleine Fläschchen reinpfriemeln, die dann für knapp 10€ das Stück als Glücksbringer verkauft wurden. Chancen auf dem 1. Arbeitsmarkt hat er nicht, obwohl er durchaus einen sinnvollen Job machen könnte und körperlich dazu in der Lage wäre. Stattdessen muss er in die BWS, um sich für sinnbefreiten Blödsinn, der teuer verkauft wird, ausnutzen zu lassen.

  14. D.h. dann würden alle arbeitnehmerähnlichen Beschäftigungsverhältnisse wohl unter Mindestlohn fallen müssen. Was die Werkstätten niemals selbst reinholen könnten. Der größte Teil kommt schon von Kostenträgern welche hier dann weiter aufstocken oder die Werkstätten mehr wie ein “echtes” Unternehmen agieren müssten. Die Grenzen für Lebenshilfe, Grundsicherung etc. müssten dann auch komplett erneuert werden weil das ansonsten eine richtig ätzende Diskussion in den Medien werden würde. Sind die Menschen dann am Ende wirklich besser gestellt?

    Das durchschnittliche Entgelt betrug 2021 226 Euro, das Arbeitsförderungsgeld welches maximal 52 Euro betragen könnte betrug im Durchschnitt 47,63 Euro pro
    Monat. Das Entgelt besteht aus 126 Euro (99 Euro 2021) Grundbetrag, Leistungskomponente/Steigerungsbetrag (Durchschnitt von 79 Euro in 2021) und das Arbeitsförderungsgeld vom Staat. Mindestlohn bei knapp 300k Menschen haut dann schon etwas rein. Von den 225 Euro (2019) werden 62 Euro angerechnet. Am Ende bleibt mit Grundsicherungsanspruch im Durchschnitt dann 973 als Einkommen übrig. Mit Erwerbsminderungsrenten statt Grundsicherung auf 1051 Euro. Ist natürlich alles nicht wirklich angemessen für ein Land wie Deutschland.[Das Bmas dazu:](https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Forschungsberichte/f626-entgeltsystem-wfbm.pdf?__blob=publicationFile&v=3)

    > Die interviewten WfbM sind sich in dem Punkt einig, dass Menschen, die einer Arbeit nachgehen,
    auch das Recht auf eine angemessene Bezahlung haben sollten. Man könne von den WfbM allerdings
    nicht verlangen, aus dem erwirtschafteten Ertrag Entgelte in Höhe des Mindestlohnes oder in
    vergleichbarer Höhe wie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu entrichten. Zum einen haben
    Wirtschaftsunternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur ein zentrales Ziel, nämlich
    unternehmerischen Erfolg. In WfbM kommen neben der Wirtschaftlichkeit allerdings noch die
    pädagogischen, rehabilitativen und therapeutischen Ziele hinzu wie auch die Inklusionsleistung, die
    erbracht werde und als Auftrag von WfbM verstanden wird. Zwar sind die meisten WfbM darauf
    bedacht, unrentable Geschäftsfelder nicht quer zu subventionieren, dennoch sei man bestrebt bzw.
    sei es der Auftrag von WfbM, ein möglichst breites Feld an Beschäftigungs- und Arbeitsfeldern
    anbieten zu können – sowohl vertikal als auch horizontal. Es müsse bedacht werden, dass WfbM ein
    sehr breites Spektrum an Leistungsfähigkeit für die Beschäftigten aufweisen müssen, um den
    individuell unterschiedlich ausgeprägten Eignungen und Neigungen der Beschäftigten gerecht
    werden zu können. Nicht rentable Geschäftsfelder müssen daher zum Teil aufrechterhalten werden,
    da sie auch Tätigkeiten für Beschäftigte mit Schwerst- und Mehrfachbehinderungen etc. bieten. Dies
    würde bei Unternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ein Rentabilitätsproblem bedeuten.

    [..]

    > Prinzipiell halten es 84% der befragten Werkstattleitungen für sinnvoll, die gesetzliche
    Entgeltgestaltung zu verändern bzw. neu zu gestalten (vgl. Abschnitt 3.2.5). Änderungsvorschläge
    seitens der WfbM zur Entgeltsituation sehen vor allem die Entkopplung des Grundbetrages, die
    Finanzierung des Grundbetrags durch die Kostenträger sowie eine grundsätzliche Erhöhung der
    Entgelte vor.

    > Eine Einführung des Mindestlohns in WfbM, der für Leistungsstärkere auch eine Überschreitung des
    Mindestniveaus vorsieht, wurde hingegen von den interviewten WfbM-Leitungen eher präferiert,
    wenngleich auch hier Bedenken bezüglich der Rahmenbedingungen und der Finanzierung geäußert
    wurden. Vor allem müsse der arbeitnehmerähnliche Status von WfbM-Beschäftigten
    aufrechterhalten werden, um weiterhin auch rechtlichen Anspruch auf
    Leistungsminderungsausgleich geltend machen zu können. Dies betreffe vor allem den Anspruch auf
    Erwerbsminderungsrente (§ 43 Abs. 6 SGB VI). Zudem würde damit der Fakt der Erwerbsminderung
    ausgehebelt, wenngleich eine Behinderung und eine Erwerbsminderung ja weiterbestünden, auch
    wenn das Arbeitsverhältnis nun auf dem ersten Arbeitsmarkt fortgeführt würde. Bei beiden
    Modellen wurde die Benachteiligung von Erwerbstätigen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
    angemahnt. Es könne der Gesellschaft nicht kommuniziert werden, warum WfbM-Beschäftigte oder
    Menschen mit Beeinträchtigungen mehr oder gleich viel verdienen könnten als Erwerbstätige auf
    dem allgemeinen Arbeitsmarkt mit Mindestlohn.

  15. Ja bitte!

    Kann zu dem Thema die Folge der Anstalt “Behinderte Weihnachten” sehr empfehlen, auch wenn sie nicht mehr top aktuell ist

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