Historiker zu Wahlergebnissen: „Mehrheit der Ostdeutschen tut so, als würden sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet“

by OldWar6125

19 comments
  1. Ich stelle das mal so zur diskussion. Lest es bitte selber ist sehr interessant und nicht zu lang.

    Archive Link wenn der artikel hinter eine Paywall verschwindet:

    [https://archive.ph/wNcXv](https://archive.ph/wNcXv)

  2. Oh ja, bitte mehr Artikel über Jammerossis. Damit stoppen wir den Rechtsruck.

  3. Gebt den neuen Bundesländern mal 6 Feiertage mehr und andere Angleichungen, BEVOR es die Rechtspopulisten machen.

  4. Ich muss aber leider sagen, da ist was dran: Ich kenne (über drei Ecken) eine Familie aus Thüringen, ständig am Jammern, natürlich sind die Grünen an allem schuld, Klimapolitk und überhaupt, alles schlimm. Ok!

    Jetzt kommt der Plottwist: Diese Familie hat eine Heizungsbaufirma, alle 2 Jahre ist ein Neuwagen drin (Auto älter als 2 Jahre wäre schon ein bisschen cringe) und seit dem russischen Überfall auf die Ukraine machen die gerade das Geschäft ihres Lebens. Kann man sich nicht ausdenken sowas…

  5. >Ich beobachte seit Jahren eine Ostdeutschtümelei. Viele tun so, als wären ihre Erfahrungen einzigartig, als wäre nur ihnen etwas geschehen. Dabei hatten die Ostdeutschen vor allem Glück. Sie sind in einem der reichsten und einem der zehn freiesten Länder der Welt ohne eigenes Zutun wach geworden und sozial abgefedert wie 95 Prozent der Weltbevölkerung es nicht sind. Und trotzdem tut eine Mehrheit von ihnen immer so, als wenn sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet würden. Als wären ihre Transformationserfahrungen einzigartig. Das Ruhrgebiet hat die auch. 

    Oh mein Gott er hat so Recht, ich kann’s gar nicht sagen.
    Die Wiedervereinigung war der größte Wohlstandstransfer in der Geschichte der Menschheit, ausschließlich zugunsten der Ostdeutschen wohlgemerkt, und es gab und gibt *nur* Gemecker und Gejammer. Und irgendwelche Verschwörungstheorien von der bösen Treuhand, welche die ganze international so konkurrenzfähige Ost-High-Tech-Industrie ausgeschlachtet hat.

    Und selbst die Leute die nach 1990 geboren wurden übernehmen diese ganzen Opfer- und Heldengeschichten. Ich habe kürzlich einen Mitzwanziger unironisch sagen hören “dafür sind wir ’89 nicht auf die Straße gegangen”.

  6. Die Mehrheit der Deutschen wird ausgebeutet – von ihrem Chef und ihrem Vermieter. Aber es lässt sich halt besser gegen die GrÜnEn hetzen, die kennt man nicht persönlich und denen muss man nicht in die Augen schauen.

  7. Ich war bei der Wiedervereinigung 18 Jahre alt. Da haben mich mein Vater und ein Freund gefragt, wie denn “die jungen Leute” dazu stehen. Ich habe gesagt, dass denen wahrscheinlich am besten erst mal Zeit gegeben werden sollte, sich selbst eine echte Selbständigkeit zu erarbeiten, sonst fühlen sie sich vereinnahmt, was die schwelenden rechten Kräfte zum brodeln kriegen könnte. 

  8. “Viele tun so, als wären ihre Erfahrungen einzigartig, als wäre nur ihnen etwas geschehen” gerade jemand aus dem Ruhrgebiet muss sich auch Mal ziemlich verarscht vorkommen.

  9. Zitate aus dem Interview:

    >Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sieht nicht nur in Sachsen Opfer-Narrative am Werk. Bis heute könnten viele nicht mit Freiheit umgehen und delegierten überzogene Erwartungen an den Staat. 

    (…)

    >Dabei hatten die Ostdeutschen vor allem Glück. Sie sind in einem der reichsten und einem der zehn freiesten Länder der Welt ohne eigenes Zutun wach geworden und sozial abgefedert wie 95 Prozent der Weltbevölkerung es nicht sind. Und trotzdem tut eine Mehrheit von ihnen immer so, als wenn sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet würden.

    Zumindest etwas tröstlich ist, dass nicht alle Ostdeutschen so drauf sind (und im Westen gibt es auch Einige von dem Schlag, wie im Interview auch erwähnt wird). Dass man aber einer (auch Todesstrafe und Mauerschüssen durchführenden) Diktatur hinterherheult, in der man absolut niemandem trauen konnte, denn selbst Verwandte und Freunde führten Stasi-Doppelleben und horchten aus und gaben intimste Infos weiter, ähnelt dem Stockholm-Syndrom, sich als Opfer mit dem quälenden Täter zu sympathisieren.

    Über Jahrzehnte extrem vorsichtig sein zu müssen, nicht man selbst sein zu können, hat einen krassen Impact auf die Psyche. Niemandem vertrauen zu können nach solchen Erfahrungen, ist extrem belastend. Das Risiko, auf die nächstbesten politischen Scharlatane hereinzufallen, die Sündenböcke präsentieren (Hetze gegen Migranten) und politische Heilsversprechen wie Sektenführer durch die Gegend tönen, ist bei diesen Lebenserfahrungen extrem groß. Traumatische Erfahrungen wurden an die Kinder weitergegeben, die sie durch Erzählungen quasi “nacherleben”.
    Diese Kinder leben aber schon seit 35 Jahren in einem freiheitlichen Land, sind darin geboren worden, können reisen, wohin sie wollen, können sich Träume verwirklichen oder ihre Identität leben und sich etwas im Leben aufbauen, was ihre Eltern nicht möglich war, weil alles staatlich vorgegeben und bis ins Kleinste durchorganisiert/reglementiert war. Das können sie erst seit 1989, als **sie selbst** für den Fall der Mauer gekämpft haben und das peinigende System DDR begraben haben.

    Die Frage ist also, wie und wann kann ein Teil der Ostdeutschen für sich selbst annehmen, dass sie frei sind und ihr Leben leben können wie sie möchten?

    Wollen sie sich das hart Erkämpfte durch rechte Parteien wieder nehmen lassen (würden diese an die Regierungsmacht kommen)? Dauert es noch weitere 35 Jahre, bis sie sich “akklimatisiert” haben oder versauen sie sich weiterhin ihr eigenes Leben (und das der Anderen), indem sie sich dem Hass und der Verbitterung hingeben? Die Frage muss sich jeder, der rechtsextreme Parteien wählt, selbst stellen (auch im Westen). Eine Tatsache ist unumstößlich: Nur ein freies, selbstbestimmtes Leben ist ein Lebenswertes. Das funktoniert nur in einer echten Demokratie, in der die Gesellschaft miteinander solidarisch und menschlich miteinander umgeht, in der es freie Wahlen und Meinungsfreiheit gibt. Das bedeutet aber auch (Zusammen-)Arbeit, so wie in einer guten Ehe. Nicht der Staat ist dafür hauptverantwortlich, sondern die Landesbewohner selbst.

    *Formatierung/Typo

  10. > Ich mag keine Debatten, in denen man permanent Rücksicht nimmt.

    War der beste Satz im Interview. Auch andere Sachen wie das Glück der Revolution, Opfernarrativ oder einer überzogenen Erwartungshaltung an den Westen sind sicher Punkte die man unterschreiben kann.

    Was ich als Missverständnis sehe, ist die angeblich nachwirkende Propaganda. Viele Leute im Osten sehen einfach vieles was die DDR besser gemacht hat. Kitamangel gab und gibt es fast nicht, Frauenerwerbsquote war hoch, soziale Sicherheit. Da fällt es nicht schwer die Vergangenheit zu glorifizieren. Die kritische Einstellung ggü. NATO und USA ist diesen Institutionen selbst zu verdanken. Viele hadern mit der Doppelmoral die dort vorherrscht und kommen zu dem Schluss, dass das alte System da nicht viel besser war aber wenigstens war man dort “sicher” im oben erklärten Sinne. “Der Westen” hat versagt, seine Handlungen, entweder moralisch oder aus dem System heraus – Demokratie/freier Markt/Kapitalismus – überzeugend darzulegen.

    Was ich auch schwierig finde ist die angeblich geringe Eigeninitiative. Viele Ostdeutsche versuchen viel, versuchen im Leben voran zu kommen. Allerdings stoßen sie auch immer wieder an gläserne Decken oder man wird im Streben behindert. Bspw. wird man den Besitz der Städte auf absehbare Zeit nie wieder umkehren können. Leipzig, Dresden, Potsdam, Erfurt um nur einige zu nennen sind fest in der Hand von Menschen aus dem Westen der Republik. Da fehlte nicht die Eigeninitiative, hier fehlte nach der Wende einfach das Geld, damit man im freien System als Ottonormal-Ossi konkurrieren konnte. Die, die dennoch bspw. ein Eigenheim erbaut haben, werden nun mit dem Thema Energiewende wieder zurückgeworfen und daran gehindert, sich bspw. ebenfalls eine weitere Immobilie oder andere Renditeobjekte zuzulegen, wie es die Menschen aus Westen 89 vorgemacht haben. Auch hier gibt es dann wieder ein Déjà-vu zu den Zeiten vor der Wende, wo man nicht selbst bestimmt leben konnte und man kommt schnell zur gleichen Glorifizierung wie oben geschildert.

  11. Die Rentenzeiten aus der DDR wurden großzügig anerkannt, weshalb die ostdeutschen mehr “Beitragsjahre” haben (weil in der DDR gab’s ja keine Arbeitslosigkeit). Um das abzufedern gab es jahrelang den etwas geringeren Rentenwert-Ost und was wurde daraus konstruiert? “Die Wessis benachteiligen die Ossis beim Thema Rente”.

    Da bekommen die Leute teilweise jahrzehntelange Beitragsjahre “geschenkt” und meckern trotzdem.

  12. Die Ostdeutschen wurden von der DDR auseinandergenommen und von der BRD aufgenommen, aber natürlich trauert man der DDR hinterher und schimpft über die Ausbeuterische BRD.

    Wenn die BRD den Osten nicht aufgenommen hätte, dann wäre die DDR auf dem volkswirtschaftlichen Niveau von Polen.

  13. …wenn es da nicht eine Partei gäbe, die sich genau so verhält?!

  14. Ich bin nach dem Mauerfall geboren (im Westen). Hab vor ein paar Jahren Freunde in Dresden besucht, damals auch ungefähr 20. Während einer normalen Konversation kam dann plötzlich “War ja klar, dass ein Wessi sowas sagen würde”.

    Ich fand das dermaßen absurd; niemand in der Gruppe hatte den Mauerfall miterlebt, und trotzdem wurde da dann so eine Unterscheidung gemacht. Ich versteh es bis heute nicht.

    Die Wiedervereinigung ist so unfassbar lang her, ab wann hören Leute denn auf, davon zu reden?

  15. Zeit den 50l Träneneimer an die Ossis zu verteilen

  16. > Als wären ihre Transformationserfahrungen einzigartig. Das Ruhrgebiet hat die auch.

    Die Kohlereviere im Saarland ebenso.

    Und wenn man vom hessischen Hinterland bis ins Siegerland fährt, da herrscht heute noch in einigen Dörfern Leerstand und nur die Alten sind zurückgeblieben. Das war mal eine Region, in der zahlreiche Erz- und metallverarbeitende Betriebe ansässig waren, aber seit Mitte bis Ende der 80er regelrecht zusammengebrochen sind.

    In keiner der hier von mir genannten Regionen finde ich Menschen mit einer “Opfermentalität” (ich mag diesen Begriff eigentlich nicht, mir fällt aber gerade kein besserer ein), wie in Teilen Ostdeutschlands.

  17. Ich verdiene 1000€ weniger als mein Kölner Kollege und gehe 3 Stunden die Woche/135 Stunden im Jahr länger dafür arbeiten. Die Steuern bleiben am Hauptsitz in Hamburg. Meine Miete zahle ich an einen Münchener Erbadel, nahezu die ganze Stadt gehört Wessis. Untergebuttert und ausgebeutet trifft das Gefühl ganz gut.

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