Wenn der Bundestag immer akademischer wird

by Maxi_We

15 comments
  1. Es ist schon maximal ironisch, dass all die Akademiker aus der CDU ständig gegen die Grünen schießen, die keinen Handwerklichen Abschluss haben…

  2. Ich halte das für ein sich selbst verstärkendes und quasi beidseitiges Problem.

    Denn um an Mandate zu kommen, muss man sich in Deutschland für gewöhnlich in Parteien engagieren. In diesen allerdings gelten eigene soziale Regeln, die aufgrund ihres Diskurscharakters für Akademiker um ein Vielfaches einfacher zu handhaben sind, als für Nicht-Akademiker. In der Konsequenz gibt es weniger aktive Parteimitglieder aus der Arbeiterschaft und damit einen kleineren Pool potenzieller Kandidat:innen. Das Ganze ist eine Abwärtsspirale.

    Ich finde es aber für zu Einfach, die bösen Akademiker dafür verantwortlich zu machen und ihnen den Ausschluss von Nicht-Akademikern vorzuwerfen. Ich habe auch schon mehrere Fälle erlebt, in denen Leuten ohne Hochschulhintergrund eine aussichtsreiche Kandidatur angeboten wurde, die sich dann aber letztendlich nicht getraut haben.

    Schlussendlich ist es meines Erachtens Aufgabe von politischer Bildung, die schon in Schulen stattfinden sollte, zu vermitteln, dass sich Jeder und Jede politisch engagieren kann und es nicht am Bildungshintergrund hängt, wie gut die dann verfolgte Politik ist.

  3. a) wird ja bundesweit das Abitur mehr und mehr verschenkt, also erwartbar.
    b) hilft sicher beim Verständnis mancher Dinge, schränkt aber bei anderen ein, weil für viele Dinge keine Empirik besteht.

  4. Das ist doch normal, Akademiker schaffen es schon während des Studiums sich hervorragend zu vernetzen. Dadurch kann man sehr schnell Kontakte zu Parteien zu bekommen, weil irgendwelche Kommilitonen schon Mitglied sind.

    In der Berufsschule hast du sowas halt eher weniger.

    Dazu kommt Akademiker haben normalerweise ebenfalls Akademikereltern. Die sind Mitglied in den Parteien, und daher werden die Akademikerkinder selber Mitglied. Es gibt weniger Arbeiter in Parteien, weswegen weniger Arbeiterkinder Mitglied werden.

    Und noch dazu, die Akademiker verschließen natürlich auch den Zugang zu Posten und vergeben sie an andere Akademiker.

  5. Die Zusammensetzung ist sicher auch wichtig. Wir haben gefühlt extrem viele Juristen und Geisteswissenschaftler und sehr wenig Naturwissenschaftler.

  6. Unpopular opinion:

    a) Der beste Experte in seinem Feld ist nicht zwangsläufig der beste Kandidat für die Politik (=> bester Herzchirug != bester Gesundheitspolitiker, beste Bauer != bester Landwirtschaftsminister)

    b) Politiker sind Teil der Legislative (d.h. müssen rechtliche Zusammenhänge verstehen und abschätzen können, wenn sie Gesetze entwickeln und verabschieden). Diese Gesetze sollten möglichst rechtssicher formuliert sein, d.h. Politiker in der Legislative sollten in der Lage sein juristische Gesetzestexte zu verstehen, das dürfte – ohne diskriminierend sein zu wollen, Menschen die im Studium längere akademische Texte gelesen haben, leichter fallen.

  7. Die Verbundenheit und Verbindlickeit, welche durch Sprache entsteht, hat leider die AfD erkannt. Kopflastige akademische Reden empfinden viele Menschen als überhebliche Wichtigtuerei oder sogar als intelekuelle Arroganz. Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige US-Präsident Obama. Immerwieder hatte seine Frau ihn ermahnt, mit normalen Worten und in normal langen Sätzen mit seinem Volk zu sprechen. In D sind es wohl die Grünen die an dieser Stelle Platz 1 belegen.

  8. Wird die Bevölkerung nicht auch akademischer? In den aktuellen Jahrgängen liegt die Abiturientenquote doch schon bei [~50% und die Akademikerquote bei ~30%](https://de.wikipedia.org/wiki/Abiturientenquote) . Das Abitur und das Studium wird in Zukunft die Mitte der Gesellschaft sein, ist ja nicht verwunderlich, dass dann der Bundestag sich dem auch anpasst. Im Vergleich zu 1990 ist das eine Verdopplung in der Studienberechtigte Quote und in der Akademikerquote.

    Da müsste man sich wundern, wenn so ein Trend nicht stattfinden würde.

  9. Ich finde es nicht gut, dass der Bundestag immer akademischer wird, obwohl ich verstehen kann wieso.

    Dennoch fehlt einfach irgendwo Repräsentanz, Menschen die einen ähnlichen Lebenslauf wie jemand selber hat. Ich fühle mich teilweise nicht vertreten oder gar verstanden. Habe auch nicht das Gefühl das auf derselben Augenhöhe kommuniziert wird.

    Anderseits verstehe ich, dass Akademiker sich besser und gebildeter ausdrücken können, vielleicht auch Probleme in ihrer Komplexität besser begreifen können etc. Dennoch ist meine Erfahrung, dass auch irgendwo eine Art Gatekeeping existiert.

    Ich wünsche mir mehr Handwerker, Kaufleute, Menschen mit mittlerer Reife in den Bundestag. Vielleicht fühlen sich dann auch mehr Menschen angesprochen.

  10. Bei uns in der Kanzlei lacht man schon über Gesetze als “Geschenk von Juristen für Juristen” weil uns die Überbürokratisierung dieses Landes goldene Zeiten beschert. Und Kollegen sind nunmal massiv überrepräsentiert im Bundestag. 

  11. Ich sehe das viel weniger als spezifisch politisches Problem, sondern eher als gesamtgesellschaftliches Problem.

    Für viele Berufe, für die früher eine Ausbildung gereicht hätte, braucht man heute ein Studium. Die Chancen, ohne Studium über die Sachbearbeiterebene hinaus zu kommen, sind heute faktisch in den meisten Unternehmen minimal. Im Freundeskreis meiner Eltern haben noch relativ viele Leute ohne Studium Karriere gemacht. Die Trennung zwischen Ausbildung und Studium war da eher, dass ein Studium halt für diejenigen war, die Lust auf Wissenschaft hatten, während die Praktiker eine Ausbildung gemacht haben. Die Trennung war also eher inhaltlich als hierarchisch.

    Heute ist es wie gesagt oft so, dass Karriere nur mit einem Studium möglich ist. Selbst in Bereichen, in denen es realistisch betrachtet völlig egal ist, ob jemand eine wissenschaftliche Arbeit schreiben kann, wird oft (faktisch) ein Studium vorausgesetzt. Dadurch ist die Trennung zwischen Ausbildung und Studium immer mehr auch eine hierarchische Trennung geworden.

    Leute ohne Studium werden daher auch gesellschaftlich oft als weniger geeignet für Führungspositionen wahrgenommen (weil man Führungskräfte ohne Studium ja immer weniger kennt) und dementsprechend auch nicht in politische Ämter gewählt. Der Hang des bürgerlichen Lagers zu Ad-Hominem-Angriffen verstärkt das, siehe z.B. Schulz, der von der CDU ja recht stark für sein fehlendes Studium angegriffen wurde.

    Ich persönlich halte diesen ganzen Akademisierungstrend für eher unglücklich. Ich kenne viele, viele intelligente, junge Leute, die sich aufgrund der nicht ganz unbegründeten Angst, mit einer Ausbildung niemals über die Sachbearbeiterebene hinauszukommen, lieber jahrelang durch die Hochschule quälen, obwohl das eigentlich absolut nicht die richtige Lernumgebung für sie ist. Würde man wieder mehr interessante Jobperspektiven ohne Studium schaffen, würden diese Leute vermutlich eher direkt eine Ausbildung machen, stünden dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung und könnten länger in die Rente einzahlen.

  12. Es ist ein blanker ein Witz, dass jeder Mensch gleichberechtigt an der Politik teilnehmen kann.

    Haben die Eltern Abitur, besuchst du mit 70% Wahrscheinlichkeit auch ein Gymnasium.

    Haben sie hingegen einen Hauptschulabschluss, siehst du das innere eines Gymnasiums nur zu ca. 6%.

    68% der Studis haben ebenfalls Eltern mit Hochschulreife. Nur 7% haben Eltern mit einem Hauptschulabschluss.

    In den Parteien selber, hast du bereits eine hohe Hochschulreife/Hochschulabschlussquote.

    Bei eigentlich allen Parteien beträgt jene mindestens 40%, bei den Linken 51%, bei den Grünen 72%. Fun fact: Die CSU ist in dieser Hinsicht die inklusivste Partei, sie hat nämlich die niedrigste Anzahl an Abiturienten/Hochschulabsolventen mit 34%.

    Im Bundestag haben 90%+ eine Hochschulreife, und eigentlich dann auch einen Hochschulabschluss, promotion, Examen, usw. (86,6%) Landtage ähnlich- es ist nur umständlicher dort an Daten zu kommen.

    Der Bevölkerungsschnitt ist in etwa: 33,5% Besitzen eine Fachhoschulreife und 18,5% haben einen universitären Abschluss.

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    Scheiß auf Korruption, scheiß auf Machtgier- Alleine schon diese Fakten machen klar, warum ein erheblicher Teil der Politik sich nicht an den Belangen der Allgemeinheit orientiert.

    Es wäre zu erforschen welche Faktoren dazu führen, dass Menschen ohne Hochschulreife/Abschluss aus der Politik ferngehalten und/oder gedrängt werden. Bis diese Faktoren behoben sind, kann sich unsere Demokratie schlecht Demokratie schimpfen. Wir sehen hier eine krasse Festigung/Erhalt von sozialen Klassen.

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