>Es ist das Gleiche mit den Nonnas, den Großmüttern. Die können nicht so gut kochen, wie immer behauptet wird. Die Omas können zwei, drei gute Gerichte, und das war’s.
Ob das haltbar ist? Zumindest meine Großmütter waren – wie wohl üblich – ihr Leben lang Hausfrauen – und konnten ganz sicher mehr als zwei, drei “gute” Gerichte kochen. Kann mir nicht vorstellen, dass das in Italien anders war.
Was ein absoluter Blödsinn. Schon die alten Römer haben Olivenöl zum Kochen benutzt, und zwar massenhaft. Oliven kamen nicht von Spanien nach Italien, sondern andersrum. Peinlicher Versuch, maximal zu provozieren.
Dass Carbonara und Tiramisu junge Gerichte sind, ist das einzige, was an dem Artikel stimmt.
Hmm, das scheint ein Professor für Ökonomie zu sein, und seine Publikationen gehen jetzt nicht in eine Richtung die ich bei diesem Thema für sehr relevant halte. Ein bißchen historischen Hintergrund scheint er schon zu haben, aber bei “Historiker” hätte ich mir da etwas anderes vorgestellt.
Er ist auch politisch aktiv und da gibt es offensichtlich eine Vorgeschichte mit Versuchen Standards für die italienische Küche zu etablieren (https://en.wikipedia.org/wiki/Alberto_Grandi).
Ah, der Däniken der italienischen Kochkultur wird wieder durchs Dorf getrieben.
Der Mann hat das Game, aus ein paar Fakten ein dickes Kartenhaus der Lügen zu bauen und daraus Unterhaltung für die Empörungsgeneration zu bauen gewonnen.
Was der behauptet, ist zu 10% die Wahrheit, 40% komplett verzerrt oder ausm Kontext gerissen und zu 50% einfach nur Bullshit.
Kann ich bestätigen. Ich habe für meine Diss. mir die Lebensverhältnisse der Bäuer*innen und der Arbeiter*innen im 19 Jhd. angucken müssen und ich kann sagen Nudeln geschweige denn Pizza waren kaum verbreitet. Das Hauptnahrungsmittel war Mais, da es schnell wuchs und ertragreicher war als Weizen oder anderes Gemüse. Was zu massenhafter Mangelernährung und dauerhaften Epidemien führte.
Hahaha versucht mal eine Italienischen Oma zu sagen das es nicht schmeckt, schneller hat euch nie ein Nudelholz erwischt.
> Grandi: Pizza zum Beispiel. Pizza wurde in Neapel erfunden, aber schmeckte scheußlich. Der Teig war fest, außen verbrannt und innen noch teigig. Und ohne Tomaten. Erst durch die italienische Diaspora wurde Pizza in den USA weiterentwickelt und besser.
> Was man heute in Neapel findet, ist eine amerikanische Erfindung.
Wenn das alles stimmt, ist das schon harter Tobak. Neapolitanische Pizza ist eigentlich Amerikanisch? Krasser Scheiß
>Pizza zum Beispiel. Pizza wurde in Neapel erfunden, aber schmeckte scheußlich. Der Teig war fest, außen verbrannt und innen noch teigig.
Lol, natürlich. Die Italiener wussten einfach nicht, dass man Brot weder durch noch nicht verbrannt backen kann.
Dafür haben sie erst die Amerikaner gebraucht.
Wer’s glaubt….
Historiker und Karen in Personalunion, cool, cool.
Das ist eigentlich ein interessanter Fall.
Wenn die Hintergrundgeschichte zu einem Nahrungsmittel sich als falsch herausstellt, dann wird sie als weniger schmackhaft wahrgenommen? Dann fürchten Leute, dass diese “zerstört” wird?
Braucht Essen ergo eine *Lore*?
Ich bin etwas überrascht von einigen hier im Thread, gerade über die doch sehr persönlichen Attacken auf den Interviewten. Bzw. nicht überrascht, da es ja eigentlich nur spiegelt, was in Italien gerade passiert. Dort haben wir nämlich eine selbsternannte Faschistin an der Macht, welche auch gerade die italienische Küche als Vehikel benutzt, um den Nationalismus anzufachen. Dazu gehört auch, dass man eine enorme Überheblichkeit über die eigene Küche an den Tag legt – wir kennen alle diese neapolitanischen Pizzabäcker, die mit einer unglaublichen Aufgeladenheit ihre Art der Pizzazubereitung als die einzig wahre auf der Welt hochjubeln. Und zwar auf eine Art und Weise, welche alle anderen Pizzaarten und Zubereitungsvarianten als minderwertig oder falsch darstellen.
Grandi greift mit seinem Buch genau diese Überheblichkeit an und sagt im Endeffekt, dass die italienische Küche mehr ist als das, was heute von den Nahrungsnationalisten propagiert wird. Und dass die Küche eben wie alle Küchen einem stetigen Wandel unterliegt und nicht seit jahrhunderten oder jahrtausenden unverändert ist und eine ewige italienische Seele und Kultur ausdrückt, wie von der rechtsextremen Regierung gerade verbreitet wird.
Jedem der sich mal mit kulinarischer Geschichte befasst hat sollte halt klar sein, dass die meisten Gerichte die wir kennen halt in den letzten 100 oder vielleicht 150 Jahren erfunden wurden. Die dahinterliegenden Techniken und Zutaten können trotzdem alt sein, anderes hingegen wieder vollkommen neu erfunden.
Da wird irgendwie auch wieder so ein Sau durchs Dorf getrieben.
> Mascarpone braucht nämlich Kühlung zur Herstellung und war auch nicht für jeden zugänglich. Das wurde erst mit der Entwicklung der Supermärkte möglich.
Naja wenn man überlegt, wo kommen die meisten Kochtraditionen eigentlich her? Vor allem solch aufwendige Gerichte kommen doch hauptsächlich aus der Palastküche. Überhaupt das ganze Konzept von Rezepten ist etwas aus der Palastküche, von Adligen die ihre Hofköche hatten die sowas geschrieben haben und erfunden haben um ihre Herren zu beeindrucken etc.
Die Erhöhung der Bauernküche ist etwas was erst in den letzten 200 Jahren im Zug des Nationalismus stattfand und auch dort wurde massiv verändert um dem ganzen mehr Antlitz zu geben. Italien als Land was erst spät vereinigt wurde sticht da eigentlich sogar noch mehr raus, da man sowas wie eine italienische Küche erst erfinden musste, vorher gab es neapolitanische Küche, sizilianische Küche, römische Küche, emilianische Küche etc.
Und ja vielleicht findet man irgendwo ein Kuchengericht geschichtet mit irgendeinem Milchprodukt und Kaffee und ob man das jetzt als Proto-Tiramisu bezeichnet oder nicht ist eigentlich vollkommen egal.
> Das Essen hat in unserer Kultur so einen enormen Stellenwert. Und das finde ich seltsam. Als Historiker finde ich es schwierig, dass Essen für Italiener jetzt der wichtigste identitätsstiftende Aspekt ist.
Ich finde es seltsam, dass er das seltsam findet. Gemeinsames Essen ist buchstäblich eines der wichtigsten Ereignisse in menschlicher Kultur. Zusammen zu sitzen und zu essen, sich über Essen zu definieren ist sicherlich so alt wie der Ackerbau wenn nicht sogar höher. Mit jemandem Fremden Essen zu teilen ist ein Teil der Diplomatie seit eigentlich immer. Gemeinsames Essen hat hohe religiöse Bedeutung in vielen Religionen, ob nun das Abendmahl oder das Langar bei den Sikhs.
Was man isst und was man vor allem nicht isst definiert oft kulturen voneinander und trennt sie. Ob Religion oder Nationalismus, aber nicht umsonst gibt es so viele nationale Stereotypen die sich auf Nahrung beziehen.
Davon verwundert zu sein, dass Essen einen hohen Stellenwert hat zeugt eigentlich von einem grundlegenden Missverständnis menschlicher Interaktion.
> Meine Mama ist heute 90. Vor 50 Jahren war Mascarpone für sie eine absolute Neuheit.
> Es ist das Gleiche mit den Nonnas, den Großmüttern. Die können nicht so gut kochen, wie immer behauptet wird. Die Omas können zwei, drei gute Gerichte, und das war’s.
Ich kann an mindestens einen meiner Geschichtsprofessoren denken, der ihm jetzt um die Ohren hauen würde, dass diese Anekdoten höchstens Indizien sind, aber noch lange keine Belege. Grandi hingegen stellt das als Fakt auf und zieht daraus Schlüsse auf die gesamte italienische Gesellschaft.
> Das schlimmste Wort, das man für italienische Küche verwenden kann, ist traditionell. Es gibt keine kulinarische Tradition.
Ich will erstmal wissen, wie er “Tradition” überhaupt definiert, dass er zu diesem Schluss kommt. Man könnte ähnlich argumentieren, dass es keine kulinarische Tradition in Deutschland gibt, weil wir ja nichtmal ein universelles Nationalgericht haben. Jede Region in Deutschland hat seine ganz eigenen Gerichte und die haben sich über die Jahrhunderte definitiv auch verändert. Und trotzdem kann man gleichzeitig von einer kulinarischen Tradition sprechen (oder: kulinarischen Traditionen), weil deutsches Essen definitiv im Ausland erkannt wird und ein charakteristisches Geschmacksprofil hat (v.a. wenn man es gegen das anderer Länder abgleicht). Ich würde eher argumentieren, dass JEDES Land eine kulinarische Tradition hat, genauso wie jedes Land auch eine (bzw. mehrere) Kultur(en) hat. Ist halt irgendwo auch Definitionssache. “Tradition” bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass etwas “schon immer so war” und sich niemals ändern/weiterentwickeln darf, auch wenn Konservative und Nationalisten das gerne behaupten.
Darauf erst mal einen Cappuccino um ZWANZIG UHR.
Vielleicht bin ich da ja vorbelastet aber das was da in diesem Text steht…ist ja soweit nichts neues.
Zumal ich ja der Meinung bin dass die italienische Küche sich genau durch Abwandlungen und so auszeichnet. Ein Gericht, 7 kleine Orte, 30km Umkreis, 7 verschiedene “echte Originale” Arten das Gericht zuzubereiten.
Natürlich ist das Marketing 🤷
Sure bro
Angelo, wie konnntest du mir das antun?
> Wenn ich also lese, dass das Tiramisu von einem Gericht im 17. Jahrhundert abstammt und schon von den de Medici gegessen wurde, dann ist das ein Märchen?
…
> Grandi: Ja, es ist Marketing. Es ist auch nichts Verwerfliches daran. Marketing ist dazu da, Produkte zu verkaufen. Tiramisu kann erst in den 60ern oder 70ern erfunden worden sein. Mascarpone braucht nämlich Kühlung zur Herstellung und war auch nicht für jeden zugänglich. Das wurde erst mit der Entwicklung der Supermärkte möglich. Meine Mama ist heute 90. Vor 50 Jahren war Mascarpone für sie eine absolute Neuheit.
Das isr aber nicht die Antwort auf die Frage. Das heutige Gericht mit Mascarpone kann durhaus insipiriert sein von irgendeinem Topfengericht aus dem 17. Jahrhundert. Das heutige Dinnele ist auch inspiriert von Resteküche vergangener Jahrhunderte, ist aber sehr anders, und deswegen dennoch kein Fake
Fühlt sich für mich an, als wollen sich hier jemand mit banalen Nicht-Erkenntnissen, die klickbare hottakes generieren, profilieren. Ich glaube, Montanari wäre eine bessere Quelle
Tbh ist mir die Geschichte von Speisen meist auch nicht wichtig. Das Vinschgerl ist eine reine Marketingerfindung, aber eben aus Südtirol, wird da meist gegessen, beim handwerklichen Bäcker oft auch mit Tiroler Mehl hergestellt. Damit ist es ein Tiroler Produkt für mich. Mir doch egal, ob der schlaue Bäcker 1960 oder eine schlaue Bäuerin 1760 die erste Form erfunden hat
Ja gut, die Pizza die Italiener in Amerika weiterentwickelt haben und dann zurück in ihre Heimat gebracht haben, ist ja wie mit dem Döner. Wenn man auswandert und etwas auf Basis von bestehendem weiterentwickelt, woher kommt es dann?
Meine Theorie ist, dass die italienische Küche für Italien in etwa die gleiche Funktion hat, die das Auto bzw. die Autoindustrie für Deutschland hat.
Deutschland und Italien sind als Nationalstaaten bekanntlich erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Durch die späte Einigung sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen riesig. Im Grunde ist die ethnische Zugehörigkeit die einzige echte Gemeinsamkeit. Am Anfang hat man daher versucht, den Zusammenhalt des Landes durch ethnischen Nationalismus aufrecht zu erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ethnischer Nationalismus in Deutschland und Italien aus den bekannten Gründen problematisch. Mangels anderer Gemeinsamkeiten brauchte man neue nationale Fetische, um das Land zusammenzuhalten. Idealerweise etwas, das weltweit als typisch für das jeweilige Land gilt und dabei ein unverfängliches bis positives Image hat. In Deutschland nahm man das Auto, in Italien die italienische Küche.
25 comments
Mir schmeckt das, was heute allgemein als “italienische Küche” wahrgenommen wird.
Ob das historisch korrekt ist, könnte mir tatsächlich nicht egaler sein.
Pizza und Carbonara von Amis erfunden? Glaube mit solchen Aussagen kriegt man auch auf Reddit Todesdrohungen.
>Tomatensauce ist schwierig haltbar zu machen. Dazu hat es die Industrialisierung benötigt.
Ist ja geradezu tragisch, dass man Tomatensauce nicht frisch zubereiten kann 😞
Hab mir gestern die Mühe gemacht den Text via DeepL zu anglifizieren und hab dann das Ergebnis in r/AskFoodHistorians zur Begutachtung eingestellt:
[https://new.reddit.com/r/AskFoodHistorians/comments/1euaky0/historian_demolishes_italian_food_tradition_is/](https://new.reddit.com/r/AskFoodHistorians/comments/1euaky0/historian_demolishes_italian_food_tradition_is/)
Das Feedback war (und ist) recht groß.
>Es ist das Gleiche mit den Nonnas, den Großmüttern. Die können nicht so gut kochen, wie immer behauptet wird. Die Omas können zwei, drei gute Gerichte, und das war’s.
Ob das haltbar ist? Zumindest meine Großmütter waren – wie wohl üblich – ihr Leben lang Hausfrauen – und konnten ganz sicher mehr als zwei, drei “gute” Gerichte kochen. Kann mir nicht vorstellen, dass das in Italien anders war.
Was ein absoluter Blödsinn. Schon die alten Römer haben Olivenöl zum Kochen benutzt, und zwar massenhaft. Oliven kamen nicht von Spanien nach Italien, sondern andersrum. Peinlicher Versuch, maximal zu provozieren.
Dass Carbonara und Tiramisu junge Gerichte sind, ist das einzige, was an dem Artikel stimmt.
Hmm, das scheint ein Professor für Ökonomie zu sein, und seine Publikationen gehen jetzt nicht in eine Richtung die ich bei diesem Thema für sehr relevant halte. Ein bißchen historischen Hintergrund scheint er schon zu haben, aber bei “Historiker” hätte ich mir da etwas anderes vorgestellt.
Er ist auch politisch aktiv und da gibt es offensichtlich eine Vorgeschichte mit Versuchen Standards für die italienische Küche zu etablieren (https://en.wikipedia.org/wiki/Alberto_Grandi).
Ah, der Däniken der italienischen Kochkultur wird wieder durchs Dorf getrieben.
Der Mann hat das Game, aus ein paar Fakten ein dickes Kartenhaus der Lügen zu bauen und daraus Unterhaltung für die Empörungsgeneration zu bauen gewonnen.
Was der behauptet, ist zu 10% die Wahrheit, 40% komplett verzerrt oder ausm Kontext gerissen und zu 50% einfach nur Bullshit.
Kann ich bestätigen. Ich habe für meine Diss. mir die Lebensverhältnisse der Bäuer*innen und der Arbeiter*innen im 19 Jhd. angucken müssen und ich kann sagen Nudeln geschweige denn Pizza waren kaum verbreitet. Das Hauptnahrungsmittel war Mais, da es schnell wuchs und ertragreicher war als Weizen oder anderes Gemüse. Was zu massenhafter Mangelernährung und dauerhaften Epidemien führte.
Hahaha versucht mal eine Italienischen Oma zu sagen das es nicht schmeckt, schneller hat euch nie ein Nudelholz erwischt.
> Grandi: Pizza zum Beispiel. Pizza wurde in Neapel erfunden, aber schmeckte scheußlich. Der Teig war fest, außen verbrannt und innen noch teigig. Und ohne Tomaten. Erst durch die italienische Diaspora wurde Pizza in den USA weiterentwickelt und besser.
> Was man heute in Neapel findet, ist eine amerikanische Erfindung.
Wenn das alles stimmt, ist das schon harter Tobak. Neapolitanische Pizza ist eigentlich Amerikanisch? Krasser Scheiß
>Pizza zum Beispiel. Pizza wurde in Neapel erfunden, aber schmeckte scheußlich. Der Teig war fest, außen verbrannt und innen noch teigig.
Lol, natürlich. Die Italiener wussten einfach nicht, dass man Brot weder durch noch nicht verbrannt backen kann.
Dafür haben sie erst die Amerikaner gebraucht.
Wer’s glaubt….
Historiker und Karen in Personalunion, cool, cool.
Das ist eigentlich ein interessanter Fall.
Wenn die Hintergrundgeschichte zu einem Nahrungsmittel sich als falsch herausstellt, dann wird sie als weniger schmackhaft wahrgenommen? Dann fürchten Leute, dass diese “zerstört” wird?
Braucht Essen ergo eine *Lore*?
Ich bin etwas überrascht von einigen hier im Thread, gerade über die doch sehr persönlichen Attacken auf den Interviewten. Bzw. nicht überrascht, da es ja eigentlich nur spiegelt, was in Italien gerade passiert. Dort haben wir nämlich eine selbsternannte Faschistin an der Macht, welche auch gerade die italienische Küche als Vehikel benutzt, um den Nationalismus anzufachen. Dazu gehört auch, dass man eine enorme Überheblichkeit über die eigene Küche an den Tag legt – wir kennen alle diese neapolitanischen Pizzabäcker, die mit einer unglaublichen Aufgeladenheit ihre Art der Pizzazubereitung als die einzig wahre auf der Welt hochjubeln. Und zwar auf eine Art und Weise, welche alle anderen Pizzaarten und Zubereitungsvarianten als minderwertig oder falsch darstellen.
Grandi greift mit seinem Buch genau diese Überheblichkeit an und sagt im Endeffekt, dass die italienische Küche mehr ist als das, was heute von den Nahrungsnationalisten propagiert wird. Und dass die Küche eben wie alle Küchen einem stetigen Wandel unterliegt und nicht seit jahrhunderten oder jahrtausenden unverändert ist und eine ewige italienische Seele und Kultur ausdrückt, wie von der rechtsextremen Regierung gerade verbreitet wird.
Jedem der sich mal mit kulinarischer Geschichte befasst hat sollte halt klar sein, dass die meisten Gerichte die wir kennen halt in den letzten 100 oder vielleicht 150 Jahren erfunden wurden. Die dahinterliegenden Techniken und Zutaten können trotzdem alt sein, anderes hingegen wieder vollkommen neu erfunden.
Da wird irgendwie auch wieder so ein Sau durchs Dorf getrieben.
> Mascarpone braucht nämlich Kühlung zur Herstellung und war auch nicht für jeden zugänglich. Das wurde erst mit der Entwicklung der Supermärkte möglich.
Naja wenn man überlegt, wo kommen die meisten Kochtraditionen eigentlich her? Vor allem solch aufwendige Gerichte kommen doch hauptsächlich aus der Palastküche. Überhaupt das ganze Konzept von Rezepten ist etwas aus der Palastküche, von Adligen die ihre Hofköche hatten die sowas geschrieben haben und erfunden haben um ihre Herren zu beeindrucken etc.
Die Erhöhung der Bauernküche ist etwas was erst in den letzten 200 Jahren im Zug des Nationalismus stattfand und auch dort wurde massiv verändert um dem ganzen mehr Antlitz zu geben. Italien als Land was erst spät vereinigt wurde sticht da eigentlich sogar noch mehr raus, da man sowas wie eine italienische Küche erst erfinden musste, vorher gab es neapolitanische Küche, sizilianische Küche, römische Küche, emilianische Küche etc.
Und ja vielleicht findet man irgendwo ein Kuchengericht geschichtet mit irgendeinem Milchprodukt und Kaffee und ob man das jetzt als Proto-Tiramisu bezeichnet oder nicht ist eigentlich vollkommen egal.
> Das Essen hat in unserer Kultur so einen enormen Stellenwert. Und das finde ich seltsam. Als Historiker finde ich es schwierig, dass Essen für Italiener jetzt der wichtigste identitätsstiftende Aspekt ist.
Ich finde es seltsam, dass er das seltsam findet. Gemeinsames Essen ist buchstäblich eines der wichtigsten Ereignisse in menschlicher Kultur. Zusammen zu sitzen und zu essen, sich über Essen zu definieren ist sicherlich so alt wie der Ackerbau wenn nicht sogar höher. Mit jemandem Fremden Essen zu teilen ist ein Teil der Diplomatie seit eigentlich immer. Gemeinsames Essen hat hohe religiöse Bedeutung in vielen Religionen, ob nun das Abendmahl oder das Langar bei den Sikhs.
Was man isst und was man vor allem nicht isst definiert oft kulturen voneinander und trennt sie. Ob Religion oder Nationalismus, aber nicht umsonst gibt es so viele nationale Stereotypen die sich auf Nahrung beziehen.
Davon verwundert zu sein, dass Essen einen hohen Stellenwert hat zeugt eigentlich von einem grundlegenden Missverständnis menschlicher Interaktion.
Im Mai gab’s schon ein Interview in der sonntags FAZ. Da auch zur Espresso/Cappuccino Kultur
[https://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/italienische-kueche-diese-mythen-entlarvt-historiker-alberto-grandi-19724724.html](https://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/italienische-kueche-diese-mythen-entlarvt-historiker-alberto-grandi-19724724.html)
ohne paywall [https://archive.ph/eDQxm](https://archive.ph/eDQxm)
> Meine Mama ist heute 90. Vor 50 Jahren war Mascarpone für sie eine absolute Neuheit.
> Es ist das Gleiche mit den Nonnas, den Großmüttern. Die können nicht so gut kochen, wie immer behauptet wird. Die Omas können zwei, drei gute Gerichte, und das war’s.
Ich kann an mindestens einen meiner Geschichtsprofessoren denken, der ihm jetzt um die Ohren hauen würde, dass diese Anekdoten höchstens Indizien sind, aber noch lange keine Belege. Grandi hingegen stellt das als Fakt auf und zieht daraus Schlüsse auf die gesamte italienische Gesellschaft.
> Das schlimmste Wort, das man für italienische Küche verwenden kann, ist traditionell. Es gibt keine kulinarische Tradition.
Ich will erstmal wissen, wie er “Tradition” überhaupt definiert, dass er zu diesem Schluss kommt. Man könnte ähnlich argumentieren, dass es keine kulinarische Tradition in Deutschland gibt, weil wir ja nichtmal ein universelles Nationalgericht haben. Jede Region in Deutschland hat seine ganz eigenen Gerichte und die haben sich über die Jahrhunderte definitiv auch verändert. Und trotzdem kann man gleichzeitig von einer kulinarischen Tradition sprechen (oder: kulinarischen Traditionen), weil deutsches Essen definitiv im Ausland erkannt wird und ein charakteristisches Geschmacksprofil hat (v.a. wenn man es gegen das anderer Länder abgleicht). Ich würde eher argumentieren, dass JEDES Land eine kulinarische Tradition hat, genauso wie jedes Land auch eine (bzw. mehrere) Kultur(en) hat. Ist halt irgendwo auch Definitionssache. “Tradition” bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass etwas “schon immer so war” und sich niemals ändern/weiterentwickeln darf, auch wenn Konservative und Nationalisten das gerne behaupten.
Darauf erst mal einen Cappuccino um ZWANZIG UHR.
Vielleicht bin ich da ja vorbelastet aber das was da in diesem Text steht…ist ja soweit nichts neues.
Zumal ich ja der Meinung bin dass die italienische Küche sich genau durch Abwandlungen und so auszeichnet. Ein Gericht, 7 kleine Orte, 30km Umkreis, 7 verschiedene “echte Originale” Arten das Gericht zuzubereiten.
Natürlich ist das Marketing 🤷
Sure bro
Angelo, wie konnntest du mir das antun?
> Wenn ich also lese, dass das Tiramisu von einem Gericht im 17. Jahrhundert abstammt und schon von den de Medici gegessen wurde, dann ist das ein Märchen?
…
> Grandi: Ja, es ist Marketing. Es ist auch nichts Verwerfliches daran. Marketing ist dazu da, Produkte zu verkaufen. Tiramisu kann erst in den 60ern oder 70ern erfunden worden sein. Mascarpone braucht nämlich Kühlung zur Herstellung und war auch nicht für jeden zugänglich. Das wurde erst mit der Entwicklung der Supermärkte möglich. Meine Mama ist heute 90. Vor 50 Jahren war Mascarpone für sie eine absolute Neuheit.
Das isr aber nicht die Antwort auf die Frage. Das heutige Gericht mit Mascarpone kann durhaus insipiriert sein von irgendeinem Topfengericht aus dem 17. Jahrhundert. Das heutige Dinnele ist auch inspiriert von Resteküche vergangener Jahrhunderte, ist aber sehr anders, und deswegen dennoch kein Fake
Fühlt sich für mich an, als wollen sich hier jemand mit banalen Nicht-Erkenntnissen, die klickbare hottakes generieren, profilieren. Ich glaube, Montanari wäre eine bessere Quelle
Tbh ist mir die Geschichte von Speisen meist auch nicht wichtig. Das Vinschgerl ist eine reine Marketingerfindung, aber eben aus Südtirol, wird da meist gegessen, beim handwerklichen Bäcker oft auch mit Tiroler Mehl hergestellt. Damit ist es ein Tiroler Produkt für mich. Mir doch egal, ob der schlaue Bäcker 1960 oder eine schlaue Bäuerin 1760 die erste Form erfunden hat
Ja gut, die Pizza die Italiener in Amerika weiterentwickelt haben und dann zurück in ihre Heimat gebracht haben, ist ja wie mit dem Döner. Wenn man auswandert und etwas auf Basis von bestehendem weiterentwickelt, woher kommt es dann?
Meine Theorie ist, dass die italienische Küche für Italien in etwa die gleiche Funktion hat, die das Auto bzw. die Autoindustrie für Deutschland hat.
Deutschland und Italien sind als Nationalstaaten bekanntlich erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Durch die späte Einigung sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen riesig. Im Grunde ist die ethnische Zugehörigkeit die einzige echte Gemeinsamkeit. Am Anfang hat man daher versucht, den Zusammenhalt des Landes durch ethnischen Nationalismus aufrecht zu erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ethnischer Nationalismus in Deutschland und Italien aus den bekannten Gründen problematisch. Mangels anderer Gemeinsamkeiten brauchte man neue nationale Fetische, um das Land zusammenzuhalten. Idealerweise etwas, das weltweit als typisch für das jeweilige Land gilt und dabei ein unverfängliches bis positives Image hat. In Deutschland nahm man das Auto, in Italien die italienische Küche.