>Für Hans Weidel steht im Herbst 1948 viel auf dem Spiel. Der Doktor der Jurisprudenz war Soldat, Militärrichter – und in seiner oberschlesischen Heimat ein hohes Tier in der NSDAP, in Leobschütz, das seit 1946 Glubczyce heißt. (…) Stützen der NS-Diktatur sollen keine wichtigen Positionen im neuen Staat bekleiden. Dafür richtet die Militärregierung Spruchgerichte ein. Und so teilt Weidel ein Staatsanwalt namens Dr. Wagner mit, er wolle ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleiten. Der Verdacht: „Zugehörigkeit zu einer für verbrecherisch erklärten Organisation“.
>
>Weidel muss nun kämpfen, will er je wieder als Anwalt und Notar arbeiten. Eine Verurteilung würde das zunichtemachen. Am 16. November 1948 bittet er Staatsanwalt Wagner, den „öffentlichen Ankläger beim Spruchgericht Bielefeld“, per Brief, „das Verfahren baldmöglich zu beenden“. Er fügt einen Lebenslauf bei mit dem Tenor: „Politisch habe ich mich nur unbedeutend betätigt.“ (…)
>
>Das Leben von Alice Weidels Opa ist selten gut dokumentiert. Allein das Bundesarchiv weist sechs Signaturen aus. Das Archivgut in Berlin-Lichterfelde, Koblenz und Bayreuth umfasst gut 450 Seiten. Im NS-Archiv der DDR-Staatssicherheit, heute im Bundesarchiv, haben Archivare auf Antrag von WELT AM SONNTAG brisante Dokumente zu Weidels Militärlaufbahn entdeckt. (…)
>
>Als Jurist weiß er, dass es riskant ist, eine Anklagebehörde mit falschen Angaben zu täuschen. Dennoch teilt er dem Staatsanwalt mit, er sei „im Frühjahr 1933“ Mitglied der NSDAP und SS geworden. Tatsächlich war Weidel der Partei Ende 1932 und der SS im Januar 1933 beigetreten – vor Hitlers Machtübernahme. Einst war er stolz darauf, sich früher als die meisten zur NSDAP bekannt zu haben. „Schon vor der Septemberwahl 1930 u. laufend nachher habe ich nationalsozialistisch gewählt u. mich bei der Wahlpropaganda stets aktiv für die Bewegung eingesetzt“, steht in einem Schriftstück aus dieser Zeit.
>
>Nun gibt sich Weidel laut Ermittlungsakte als harmloser Mitläufer aus, der nur zur NSDAP stieß, um weiter als Anwalt arbeiten zu können. Diese Legende stützt er mit drei „politischen Bescheinigungen“, die er dem Staatsanwalt schickt. (…) Ein Staatsanwalt aus Darmstadt wäscht ihn vollends weiß: „Seiner Persönlichkeit, seinem Auftreten und seinen Äußerungen nach war er niemals innerlich Nationalsozialist.“
>
>Doch die Leumundszeugnisse, im Volksmund „Persilscheine“, überzeugen den Staatsanwalt nicht. Am 22. November 1948 verfügt er: „Das Verfahren wird eröffnet.“ Aktenzeichen: 7 Sp Js 184/48. Weidel muss zur Vernehmung, das Protokoll füllt drei engzeilige Schreibmaschinenseiten. Es zeigt, dass dem Staatsanwalt entscheidende Informationen fehlen, um Weidel in Verlegenheit zu bringen. Er kann weder dessen Stellung in der NSDAP noch seine Rolle als Militärrichter aufklären.
>
>Die Spruchgerichte können auch Leute verurteilen, die „Kenntnis von verbrecherischen Handlungen“ der NS-Organisationen hatten. Weidel muss auch da aufpassen. (…) Bezüglich der „Judenfrage“ habe er nur die „allgem. Maßnahmen nach 1933“ gekannt. Unstrittig ist indes, dass Weidel miterlebte, wie sein jüdischer Anwaltskollege Walther Zweig schikaniert und mit Berufsverbot belegt wurde. Um dem KZ zu entgehen, flüchtete dieser 1938 mit seiner Familie ins Exil nach Afrika. (…)
>
>Das alles weiß Staatsanwalt Wagner nicht. Zwei Tage nach Weihnachten 1948 erlässt er eine letzte Verfügung: „Einstellung mangels Kenntnis.“ Kein Freispruch erster Klasse, aber für Weidel die Rettung. Er eröffnet in der Gütersloher Königstraße eine Anwaltskanzlei mit Notariat, wird Vorsitzender eines Kreisverbandes des Bundes der Vertriebenen und kümmert sich um Entschädigung für seine Besitztümer in Oberschlesien. (…)
>
>Leobschütz ist keine NS-Hochburg, als er in die Partei eintritt. In Oberschlesien dominiert der politische Katholizismus, die Zentrumspartei. In Leobschütz scheitern die Nationalsozialisten sogar lange daran, sich zu organisieren. Erst 1932 gründen sie eine Ortsgruppe der NSDAP – und Weidel ist dabei, kurz nachdem er als Anwalt zugelassen worden ist. Fortan steckt der Parteigenosse mit der Mitgliedsnummer 1460369 ähnlich viel Energie in die Sache des „Führers“ wie in seine Kanzlei.
>
>Eine Chronik „Die Entwicklung der NSDAP in Leobschütz“ beklagt 1939 das späte „Eindringen der Idee Adolf Hitlers“ in die Stadt, bis „endlich eine feste, wenn auch kleine Organisation steht“. Weidel tritt in alle möglichen Parteigliederungen ein: etwa in den Luftschutzbund, den Bund Deutscher Osten, den Reichskolonialbund, den NS-Reichskriegerbund. (…)
>
>Und Weidel geht in die SS – in die 45. SS-Standarte, die zum Abschnitt XXIV mit Sitz in Oppeln gehört. Dort bekleidet er als Oberscharführer zwar einen niedrigen Rang, ist aber für die SS in vielfältiger Weise als Rechtsberater tätig. Weidel wird in die NSDAP-Leitung des Kreises Leobschütz mit 82.000 Einwohnern berufen, sie vertraut ihm das Kreisrechtsamt an. Er ist in dem Gebiet nun so etwas wie ein Chefjurist. (…)
>
>In Leobschütz werden der 19-jährige SA-Scharführer Alois Bittmann und sein gleichaltriger Obertruppführer Gotthard Langer im Hof des Amtsgerichtsgefängnisses hingerichtet. Offenbar ein Missverständnis. Die beiden hatten wohl aus Übermut in die Luft gefeuert. Polizisten dachten, das könnte ihnen gegolten haben, und meldeten es nach Berlin. Von dort kam der Exekutionsbefehl. Vollstrecken lässt ihn vor Ort ein Mann, den Weidel bewundert, mit dem er zusammenarbeitet, den er später als Leumund für seine tadellose Gesinnung benennt und der ihn seinerseits fördert: Konrad Büchs, als Kreisleiter der NSDAP der Chef von Weidel und wie er SS-Angehöriger. Der elf Jahre ältere Büchs hat als Leobschützer Landrat die Polizeigewalt inne. Die Erschießung der unschuldigen SA-Leute sorgt für Empörung, die Eltern verlangen die Rehabilitierung ihrer Söhne, vergeblich.
>
>Die Spur von Konrad Büchs verliert sich bei Kriegsende. Sein Gefolgsmann Weidel wird im Herbst 1948 vom Staatsanwalt zu den Morden in Leobschütz befragt. Ihm sagt er: „Während des Röhmputsches war ich gerade zu einem Korpsfest in München.“ Er habe nur erfahren, „was in der Zeitung stand, denn irgendwelche Beziehungen zu anderen Kreisen, die darüber hätten orientiert sein können, hatte ich damals nicht“.
>
>Im Oktober 1936 heiratet Weidel im Alter von 33 Jahren. Er strebt eine hohe Position im Staatsdienst an und will dafür sogar seinen Anwaltsberuf aufgeben. Im nahen Neustadt, heute Prudnik, ist die Stelle des Landrats frei. Im Februar 1937 verfasst er einen fünfseitigen Lebenslauf, in dem er sich als treuer Anhänger der Bewegung vorstellt, und benennt drei NS-Persönlichkeiten, die „über meine familiären u. sonstigen Verhältnisse näher Bescheid wissen“, als Bürgen: einen SS-Obersturmbannführer, einen Oberregierungsrat und seinen Mentor, den Landrat Büchs, der befahl, die zwei SA-Leute hinzurichten. (…)
>
>Er baut ein Vermögen auf. Erwirbt einen Anteil an der Brauerei Weberbauer und ein stillgelegtes Zementwerk von 25.000 Quadratmetern. Dort richtet er 14 Wohnungen ein und verpachtet die Lagerhallen. Dann kommt die große Zäsur. Hitlers Krieg beginnt – am 1. September 1939 überfällt die Wehrmacht Polen. Weidel wird eingezogen und nimmt gleich an einem „Besonderen Einsatz“ teil, über den die Akten nichts verraten. Im März 1941 geht er dann mit seinem Einverständnis nach Warschau „zur Ausbildung als Heeresrichter“. Vier Monate später übt er dieses Amt beim Gericht der Kommandatur Warschau aus, im Rang eines Feldkriegsgerichtsrats und dann eines Kriegsgerichtsrats. (…)
>
>Weidel ist nun einer von 3000 Richtern der NS-Militärjustiz, die rechtsstaatliche Normen nicht kennt. (…) An welchen Verfahren er im Einzelnen mitgewirkt hat, überliefern die vorliegenden Unterlagen nicht. Ein Charakterbild aber schon. Der „Eignungsbericht über Feldkriegsgerichtsrat Dr. Weidel“ ist voll des Lobes: „Seine Verhandlungsleitung ist straff und zielsicher, seine Urteilsbegründung klar und erschöpfend.“ Weidel verwalte „das ihm übertragene Dezernat selbständig und mit Umsicht“. 1944 wird er zum Oberstabsrichter ernannt, abgesegnet am 12. Oktober im Führerhauptquartier. (…)
>
>Nein, für ihren Opa kann sie nichts. Aber für die Geschichtspolitik ihrer Partei. Einen „Vogelschiss“ nannte Alexander Gauland die NS-Zeit. Der AfD-Spitzenkandidat für Europa, Maximilian Krah, beantwortete im Mai 2024 die Frage der römischen Zeitung „La Repubblica“, ob sein Satz, die Deutschen sollten stolz auf ihre Vorfahren sein, auch SS-Offiziere einbeziehe, so: Er werde niemals sagen, dass jeder, der eine SS-Uniform getragen habe, automatisch ein Verbrecher gewesen sei. Daraufhin brach die französische Rechtsaußenpartei von Marine Le Pen mit der AfD. Sie erklärte, man werde mit ihr im Brüsseler Parlament keine gemeinsame Fraktion bilden.
>
>Weidel rügte Krah für das zerdepperte Porzellan. Krah sei gebeten worden, „gerade im Umgang mit der ausländischen Presse besondere Vorsicht walten zu lassen“, sagte sie dem österreichischen Magazin „Eckart“. Dagegen habe er verstoßen. Nicht infrage stellen wollte sie „den historischen Wahrheitsgehalt“ von Krahs Satz. Der riet einst: „Krieg mal raus, was Opa, Oma, Uroma und Uropa gemacht haben, wo sie herkamen, was sie gekämpft und gelitten haben.“ Alice Weidel weiß das nicht. Sie hat WELT AM SONNTAG mitgeteilt, ihr sei die Rolle des Großvaters in der Zeit des Nationalsozialismus unbekannt. Zu ihm habe es „aufgrund familiärer Dissonanzen“ keinen Kontakt gegeben. Die AfD verharmlose die NS-Zeit nicht.
>
>Allerdings hatte Alice Weidel schon 2011 in ihrem Umfeld als Begabtenstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung das große Unrecht beklagt, dass ihrer Familie widerfahren sei. Und damit auch ihr als Nachgeborener. „Sie war das Opfer“, erinnerte sich später eine Zeitzeugin, die Weidel in Debattierrunden erlebt hatte. In eine solche Opfererzählung passt ein Opa in SS-Uniform nicht.
(*Welt am Sonntag.* 3. November 2024, S. 6)
Auch wenn die AfD natürlich mit Höcke und Co. in den rechtsextremen Bereichen liegt, erschließt sich mir nicht ganz der Sinn des Artikels.
Was der eigene Großvater verbrochen oder geleistet hat, hat man ja letztlich als Nachkomme nicht zu verantworten, es sei denn wir machen es wie Nordkorea mit seiner Sippenhaft.
Und das Politiker gerne mal „unangenehme“ Dinge „vergessen“ oder „nicht wussten“ ist auch nichts Neues, siehe das gelöschte Handy von Von der Leyen oder Scholz mit Cum-Ex.
Auch wenn ich die Weidel wegen ihrem eigenen Verhalten scheiße finde, niemandem ist vorzuwerfen was seine Vorfahren gemacht haben, gerade in Deutschland hat da wohl kaum einer ein sauberes Blatt.
Wahrscheinlich ist es ihr peinlich, dass er nicht Chef von dem Laden war
Führt der Spiegel jetzt die Sippenhaft wieder ein oder was soll dieser Artikel?
es wird immer haarsträubender 😂 und der schwarm beißt weiter und weiter an. aber man wirft halt auch gerne den ersten stein, wenn es um bestimmte meinungsbilder geht. und rastet dann aus, wenn man entlarvt wurde.
So unmöglich ich diese Frau finde, das kaufe ich ihr ab. Standard in vielen Familien…
Sollte mit Olaf eine Einrichtung für Gedächtnisstörungen aufmachen
Also Weidel und die AFD sind schon so ziemlich das schlimmste was Deutschland politisch und gesellschaftlich ertragen muss aktuell.
Aber. Es ist jetzt wirklich nicht unüblich sowas nicht zu wissen. Man kennt vielleicht das Geburtsjahr und kann vom Alter ungefähr ableiten, inwiefern es Verstrickungen gab.
Sowas wird aber gerne auch mal totgeschwiegen. Und dann wissen das vielleicht noch ihre Eltern, wenn die aber auch nicht drüber reden, dann kann das gut sein. Ist jetzt nicht jeder in Ahnenforschung involviert.
Spätestens bei Urgroßeltern kann man ja davon ausgehen, dass es Beteiligung am dritten Reich gab. Ob das aktiv in der Partei war oder so, das weiß man nur wenn es erzählt wird oder man aktiv nach Quellen sucht.
Und wer macht das schon.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Hans Weidel will nichts von der AfD-Karriere seiner Enkelin gewusst haben
Und ich bin ein sprechender Elch der Wünsche gewährt.
War ihr Großvater etwa nicht einer der restlichen 60 Millionen Widerstandskämpfer?
LOL
Yoah, hätte jetzt auch nicht erwartet, dass ihre Familie im Widerstand gewesen wäre.
Nicht ihre Schuld, aber passt irgendwie schon so.
Ich weiß von meinem Herrn Großvater nicht mal seinen Namen da er nicht mehr lebte als ich geboren wurde. Warum sollte ich mich mit seinem Leben beschäftigen?
Gerade Alice Brauner bei DAS im NDR gesehen. Das hat gut getan und bestärkt, diese Fratzen immer wieder als das zu benennen was sie sind. Es ist alles so widerlich.
Wie der Opa, so die Enkelin
Schade, hab den Spiegel früher echt gerne gelesen, aber das ist wirklich ein unerträgliches Schmierblatt geworden.
„Unsere Vorfahren waren große Männer und Frauen, es waren Helden, es waren Vorbilder und jeder von uns ist aufgerufen, daran zu arbeiten, dass er den Maßstäben unserer Vorfahren gerecht wird!“
Maximilian Krah
Sicher wusste sie nichts davon. Alle glauben ihr..
Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm.
Sie fühlt sich bestimmt auch wie Sophie Scholl!
Was man für Skandale erfinden könnte wenn die Medien herausfinden wer Beatrix von Storchs Großvater war…
Selbst als Grüner mit extremer Verachtung für die AfD muss ich sagen: was für ein beschissener Artikel. Das ist wirklich das letzte was man ihr vorwerfen kann.
Ich weiß ja bis heute nichtmal was mein Vater die ganzen Wochenenden getrieben hat, an denen er meine Geschwister und mich im Regen allein ließ.
Ich kann es ihr nicht verübeln und will niemandem Kontaktschuld zusprechen, solange ich die Familienverhältnisse nicht persönlich klar kenne und/oder selbst erlebt habe.
Was wohl ihr NS-Großvater dazu sagen würde, dass sie eine Frau liebt? 😮
Weidel: NSDAP, SS, Militärrichter
Krah: NSDAP, Hitlerjugend, Arzt
von Storch: Finanzminister unter Hintler
Ich erkenne hier langsam ein Muster meine lieben freunde…
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>Für Hans Weidel steht im Herbst 1948 viel auf dem Spiel. Der Doktor der Jurisprudenz war Soldat, Militärrichter – und in seiner oberschlesischen Heimat ein hohes Tier in der NSDAP, in Leobschütz, das seit 1946 Glubczyce heißt. (…) Stützen der NS-Diktatur sollen keine wichtigen Positionen im neuen Staat bekleiden. Dafür richtet die Militärregierung Spruchgerichte ein. Und so teilt Weidel ein Staatsanwalt namens Dr. Wagner mit, er wolle ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleiten. Der Verdacht: „Zugehörigkeit zu einer für verbrecherisch erklärten Organisation“.
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>Weidel muss nun kämpfen, will er je wieder als Anwalt und Notar arbeiten. Eine Verurteilung würde das zunichtemachen. Am 16. November 1948 bittet er Staatsanwalt Wagner, den „öffentlichen Ankläger beim Spruchgericht Bielefeld“, per Brief, „das Verfahren baldmöglich zu beenden“. Er fügt einen Lebenslauf bei mit dem Tenor: „Politisch habe ich mich nur unbedeutend betätigt.“ (…)
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>Das Leben von Alice Weidels Opa ist selten gut dokumentiert. Allein das Bundesarchiv weist sechs Signaturen aus. Das Archivgut in Berlin-Lichterfelde, Koblenz und Bayreuth umfasst gut 450 Seiten. Im NS-Archiv der DDR-Staatssicherheit, heute im Bundesarchiv, haben Archivare auf Antrag von WELT AM SONNTAG brisante Dokumente zu Weidels Militärlaufbahn entdeckt. (…)
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>Als Jurist weiß er, dass es riskant ist, eine Anklagebehörde mit falschen Angaben zu täuschen. Dennoch teilt er dem Staatsanwalt mit, er sei „im Frühjahr 1933“ Mitglied der NSDAP und SS geworden. Tatsächlich war Weidel der Partei Ende 1932 und der SS im Januar 1933 beigetreten – vor Hitlers Machtübernahme. Einst war er stolz darauf, sich früher als die meisten zur NSDAP bekannt zu haben. „Schon vor der Septemberwahl 1930 u. laufend nachher habe ich nationalsozialistisch gewählt u. mich bei der Wahlpropaganda stets aktiv für die Bewegung eingesetzt“, steht in einem Schriftstück aus dieser Zeit.
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>Nun gibt sich Weidel laut Ermittlungsakte als harmloser Mitläufer aus, der nur zur NSDAP stieß, um weiter als Anwalt arbeiten zu können. Diese Legende stützt er mit drei „politischen Bescheinigungen“, die er dem Staatsanwalt schickt. (…) Ein Staatsanwalt aus Darmstadt wäscht ihn vollends weiß: „Seiner Persönlichkeit, seinem Auftreten und seinen Äußerungen nach war er niemals innerlich Nationalsozialist.“
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>Doch die Leumundszeugnisse, im Volksmund „Persilscheine“, überzeugen den Staatsanwalt nicht. Am 22. November 1948 verfügt er: „Das Verfahren wird eröffnet.“ Aktenzeichen: 7 Sp Js 184/48. Weidel muss zur Vernehmung, das Protokoll füllt drei engzeilige Schreibmaschinenseiten. Es zeigt, dass dem Staatsanwalt entscheidende Informationen fehlen, um Weidel in Verlegenheit zu bringen. Er kann weder dessen Stellung in der NSDAP noch seine Rolle als Militärrichter aufklären.
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>Die Spruchgerichte können auch Leute verurteilen, die „Kenntnis von verbrecherischen Handlungen“ der NS-Organisationen hatten. Weidel muss auch da aufpassen. (…) Bezüglich der „Judenfrage“ habe er nur die „allgem. Maßnahmen nach 1933“ gekannt. Unstrittig ist indes, dass Weidel miterlebte, wie sein jüdischer Anwaltskollege Walther Zweig schikaniert und mit Berufsverbot belegt wurde. Um dem KZ zu entgehen, flüchtete dieser 1938 mit seiner Familie ins Exil nach Afrika. (…)
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>Das alles weiß Staatsanwalt Wagner nicht. Zwei Tage nach Weihnachten 1948 erlässt er eine letzte Verfügung: „Einstellung mangels Kenntnis.“ Kein Freispruch erster Klasse, aber für Weidel die Rettung. Er eröffnet in der Gütersloher Königstraße eine Anwaltskanzlei mit Notariat, wird Vorsitzender eines Kreisverbandes des Bundes der Vertriebenen und kümmert sich um Entschädigung für seine Besitztümer in Oberschlesien. (…)
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>Leobschütz ist keine NS-Hochburg, als er in die Partei eintritt. In Oberschlesien dominiert der politische Katholizismus, die Zentrumspartei. In Leobschütz scheitern die Nationalsozialisten sogar lange daran, sich zu organisieren. Erst 1932 gründen sie eine Ortsgruppe der NSDAP – und Weidel ist dabei, kurz nachdem er als Anwalt zugelassen worden ist. Fortan steckt der Parteigenosse mit der Mitgliedsnummer 1460369 ähnlich viel Energie in die Sache des „Führers“ wie in seine Kanzlei.
>
>Eine Chronik „Die Entwicklung der NSDAP in Leobschütz“ beklagt 1939 das späte „Eindringen der Idee Adolf Hitlers“ in die Stadt, bis „endlich eine feste, wenn auch kleine Organisation steht“. Weidel tritt in alle möglichen Parteigliederungen ein: etwa in den Luftschutzbund, den Bund Deutscher Osten, den Reichskolonialbund, den NS-Reichskriegerbund. (…)
>
>Und Weidel geht in die SS – in die 45. SS-Standarte, die zum Abschnitt XXIV mit Sitz in Oppeln gehört. Dort bekleidet er als Oberscharführer zwar einen niedrigen Rang, ist aber für die SS in vielfältiger Weise als Rechtsberater tätig. Weidel wird in die NSDAP-Leitung des Kreises Leobschütz mit 82.000 Einwohnern berufen, sie vertraut ihm das Kreisrechtsamt an. Er ist in dem Gebiet nun so etwas wie ein Chefjurist. (…)
>
>In Leobschütz werden der 19-jährige SA-Scharführer Alois Bittmann und sein gleichaltriger Obertruppführer Gotthard Langer im Hof des Amtsgerichtsgefängnisses hingerichtet. Offenbar ein Missverständnis. Die beiden hatten wohl aus Übermut in die Luft gefeuert. Polizisten dachten, das könnte ihnen gegolten haben, und meldeten es nach Berlin. Von dort kam der Exekutionsbefehl. Vollstrecken lässt ihn vor Ort ein Mann, den Weidel bewundert, mit dem er zusammenarbeitet, den er später als Leumund für seine tadellose Gesinnung benennt und der ihn seinerseits fördert: Konrad Büchs, als Kreisleiter der NSDAP der Chef von Weidel und wie er SS-Angehöriger. Der elf Jahre ältere Büchs hat als Leobschützer Landrat die Polizeigewalt inne. Die Erschießung der unschuldigen SA-Leute sorgt für Empörung, die Eltern verlangen die Rehabilitierung ihrer Söhne, vergeblich.
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>Die Spur von Konrad Büchs verliert sich bei Kriegsende. Sein Gefolgsmann Weidel wird im Herbst 1948 vom Staatsanwalt zu den Morden in Leobschütz befragt. Ihm sagt er: „Während des Röhmputsches war ich gerade zu einem Korpsfest in München.“ Er habe nur erfahren, „was in der Zeitung stand, denn irgendwelche Beziehungen zu anderen Kreisen, die darüber hätten orientiert sein können, hatte ich damals nicht“.
>
>Im Oktober 1936 heiratet Weidel im Alter von 33 Jahren. Er strebt eine hohe Position im Staatsdienst an und will dafür sogar seinen Anwaltsberuf aufgeben. Im nahen Neustadt, heute Prudnik, ist die Stelle des Landrats frei. Im Februar 1937 verfasst er einen fünfseitigen Lebenslauf, in dem er sich als treuer Anhänger der Bewegung vorstellt, und benennt drei NS-Persönlichkeiten, die „über meine familiären u. sonstigen Verhältnisse näher Bescheid wissen“, als Bürgen: einen SS-Obersturmbannführer, einen Oberregierungsrat und seinen Mentor, den Landrat Büchs, der befahl, die zwei SA-Leute hinzurichten. (…)
>
>Er baut ein Vermögen auf. Erwirbt einen Anteil an der Brauerei Weberbauer und ein stillgelegtes Zementwerk von 25.000 Quadratmetern. Dort richtet er 14 Wohnungen ein und verpachtet die Lagerhallen. Dann kommt die große Zäsur. Hitlers Krieg beginnt – am 1. September 1939 überfällt die Wehrmacht Polen. Weidel wird eingezogen und nimmt gleich an einem „Besonderen Einsatz“ teil, über den die Akten nichts verraten. Im März 1941 geht er dann mit seinem Einverständnis nach Warschau „zur Ausbildung als Heeresrichter“. Vier Monate später übt er dieses Amt beim Gericht der Kommandatur Warschau aus, im Rang eines Feldkriegsgerichtsrats und dann eines Kriegsgerichtsrats. (…)
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>Weidel ist nun einer von 3000 Richtern der NS-Militärjustiz, die rechtsstaatliche Normen nicht kennt. (…) An welchen Verfahren er im Einzelnen mitgewirkt hat, überliefern die vorliegenden Unterlagen nicht. Ein Charakterbild aber schon. Der „Eignungsbericht über Feldkriegsgerichtsrat Dr. Weidel“ ist voll des Lobes: „Seine Verhandlungsleitung ist straff und zielsicher, seine Urteilsbegründung klar und erschöpfend.“ Weidel verwalte „das ihm übertragene Dezernat selbständig und mit Umsicht“. 1944 wird er zum Oberstabsrichter ernannt, abgesegnet am 12. Oktober im Führerhauptquartier. (…)
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>Nein, für ihren Opa kann sie nichts. Aber für die Geschichtspolitik ihrer Partei. Einen „Vogelschiss“ nannte Alexander Gauland die NS-Zeit. Der AfD-Spitzenkandidat für Europa, Maximilian Krah, beantwortete im Mai 2024 die Frage der römischen Zeitung „La Repubblica“, ob sein Satz, die Deutschen sollten stolz auf ihre Vorfahren sein, auch SS-Offiziere einbeziehe, so: Er werde niemals sagen, dass jeder, der eine SS-Uniform getragen habe, automatisch ein Verbrecher gewesen sei. Daraufhin brach die französische Rechtsaußenpartei von Marine Le Pen mit der AfD. Sie erklärte, man werde mit ihr im Brüsseler Parlament keine gemeinsame Fraktion bilden.
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>Weidel rügte Krah für das zerdepperte Porzellan. Krah sei gebeten worden, „gerade im Umgang mit der ausländischen Presse besondere Vorsicht walten zu lassen“, sagte sie dem österreichischen Magazin „Eckart“. Dagegen habe er verstoßen. Nicht infrage stellen wollte sie „den historischen Wahrheitsgehalt“ von Krahs Satz. Der riet einst: „Krieg mal raus, was Opa, Oma, Uroma und Uropa gemacht haben, wo sie herkamen, was sie gekämpft und gelitten haben.“ Alice Weidel weiß das nicht. Sie hat WELT AM SONNTAG mitgeteilt, ihr sei die Rolle des Großvaters in der Zeit des Nationalsozialismus unbekannt. Zu ihm habe es „aufgrund familiärer Dissonanzen“ keinen Kontakt gegeben. Die AfD verharmlose die NS-Zeit nicht.
>
>Allerdings hatte Alice Weidel schon 2011 in ihrem Umfeld als Begabtenstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung das große Unrecht beklagt, dass ihrer Familie widerfahren sei. Und damit auch ihr als Nachgeborener. „Sie war das Opfer“, erinnerte sich später eine Zeitzeugin, die Weidel in Debattierrunden erlebt hatte. In eine solche Opfererzählung passt ein Opa in SS-Uniform nicht.
(*Welt am Sonntag.* 3. November 2024, S. 6)
Auch wenn die AfD natürlich mit Höcke und Co. in den rechtsextremen Bereichen liegt, erschließt sich mir nicht ganz der Sinn des Artikels.
Was der eigene Großvater verbrochen oder geleistet hat, hat man ja letztlich als Nachkomme nicht zu verantworten, es sei denn wir machen es wie Nordkorea mit seiner Sippenhaft.
Und das Politiker gerne mal „unangenehme“ Dinge „vergessen“ oder „nicht wussten“ ist auch nichts Neues, siehe das gelöschte Handy von Von der Leyen oder Scholz mit Cum-Ex.
Auch wenn ich die Weidel wegen ihrem eigenen Verhalten scheiße finde, niemandem ist vorzuwerfen was seine Vorfahren gemacht haben, gerade in Deutschland hat da wohl kaum einer ein sauberes Blatt.
Wahrscheinlich ist es ihr peinlich, dass er nicht Chef von dem Laden war
Führt der Spiegel jetzt die Sippenhaft wieder ein oder was soll dieser Artikel?
es wird immer haarsträubender 😂 und der schwarm beißt weiter und weiter an. aber man wirft halt auch gerne den ersten stein, wenn es um bestimmte meinungsbilder geht. und rastet dann aus, wenn man entlarvt wurde.
So unmöglich ich diese Frau finde, das kaufe ich ihr ab. Standard in vielen Familien…
Sollte mit Olaf eine Einrichtung für Gedächtnisstörungen aufmachen
Also Weidel und die AFD sind schon so ziemlich das schlimmste was Deutschland politisch und gesellschaftlich ertragen muss aktuell.
Aber. Es ist jetzt wirklich nicht unüblich sowas nicht zu wissen. Man kennt vielleicht das Geburtsjahr und kann vom Alter ungefähr ableiten, inwiefern es Verstrickungen gab.
Sowas wird aber gerne auch mal totgeschwiegen. Und dann wissen das vielleicht noch ihre Eltern, wenn die aber auch nicht drüber reden, dann kann das gut sein. Ist jetzt nicht jeder in Ahnenforschung involviert.
Spätestens bei Urgroßeltern kann man ja davon ausgehen, dass es Beteiligung am dritten Reich gab. Ob das aktiv in der Partei war oder so, das weiß man nur wenn es erzählt wird oder man aktiv nach Quellen sucht.
Und wer macht das schon.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Hans Weidel will nichts von der AfD-Karriere seiner Enkelin gewusst haben
Und ich bin ein sprechender Elch der Wünsche gewährt.
War ihr Großvater etwa nicht einer der restlichen 60 Millionen Widerstandskämpfer?
LOL
Yoah, hätte jetzt auch nicht erwartet, dass ihre Familie im Widerstand gewesen wäre.
Nicht ihre Schuld, aber passt irgendwie schon so.
Ich weiß von meinem Herrn Großvater nicht mal seinen Namen da er nicht mehr lebte als ich geboren wurde. Warum sollte ich mich mit seinem Leben beschäftigen?
Gerade Alice Brauner bei DAS im NDR gesehen. Das hat gut getan und bestärkt, diese Fratzen immer wieder als das zu benennen was sie sind. Es ist alles so widerlich.
Wie der Opa, so die Enkelin
Schade, hab den Spiegel früher echt gerne gelesen, aber das ist wirklich ein unerträgliches Schmierblatt geworden.
„Unsere Vorfahren waren große Männer und Frauen, es waren Helden, es waren Vorbilder und jeder von uns ist aufgerufen, daran zu arbeiten, dass er den Maßstäben unserer Vorfahren gerecht wird!“
Maximilian Krah
Sicher wusste sie nichts davon. Alle glauben ihr..
Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm.
Sie fühlt sich bestimmt auch wie Sophie Scholl!
Was man für Skandale erfinden könnte wenn die Medien herausfinden wer Beatrix von Storchs Großvater war…
Selbst als Grüner mit extremer Verachtung für die AfD muss ich sagen: was für ein beschissener Artikel. Das ist wirklich das letzte was man ihr vorwerfen kann.
Ich weiß ja bis heute nichtmal was mein Vater die ganzen Wochenenden getrieben hat, an denen er meine Geschwister und mich im Regen allein ließ.
Ich kann es ihr nicht verübeln und will niemandem Kontaktschuld zusprechen, solange ich die Familienverhältnisse nicht persönlich klar kenne und/oder selbst erlebt habe.
Was wohl ihr NS-Großvater dazu sagen würde, dass sie eine Frau liebt? 😮
Weidel: NSDAP, SS, Militärrichter
Krah: NSDAP, Hitlerjugend, Arzt
von Storch: Finanzminister unter Hintler
Ich erkenne hier langsam ein Muster meine lieben freunde…
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