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Ein Vorreiter in der Wasserstoffbranche schlittert durch den eigenen Großaktionär in die Krise. Was passiert nun mit den geplanten Werken in Deutschland?
Hamburg – Das Hamburger Unternehmen HH2E, das auf Wasserstofftechnologie spezialisiert ist, befindet sich in einer finanziellen Schieflage. Dabei hatte das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren verschiedene großangelegte Wasserstoff-Projekte in Ostdeutschland angekündigt. Dazu gehörte auch der Bau von Elektrolyseanlagen, die den Flughafen Leipzig/Halle mit grünem Flugtreibstoff versorgen sollen. Letzten Freitag kündigte das Unternehmen jedoch an, Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden zu müssen. Was passiert nun mit dem Werk in Borna und den Mitarbeitern von HH2E?
Wasserstoff-Investor HH2E insolvent: Finanzielle Schieflage durch Großaktionär
Das Unternehmen gab auf der Karriereplattform LinkedIn bekannt, das Insolvenzverfahren zu beantragen, „um die Zukunft des Unternehmens angesichts einer Umstellung der Finanzierungsstruktur zu sichern“. Bei einer Insolvenz in Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung handlungsfähig, steht jedoch unter Aufsicht eines vom Gericht bestellten Insolvenzverwalters. Der Grund ist die Finanzierungsabsage der Foresight Group, die seit Mai Mehrheitsaktionär ist und die geplante erste Produktionsanlage für grünen Wasserstoff unterstützen sollte.
HH2E betont, dass eigentlich bereits finale Vereinbarungen getroffen worden seien, die vergangene Woche hätten abgeschlossen werden sollen. Am Mittwoch – einen Tag vor der Insolvenzankündigung – hatte die Foresight Group dem Unternehmen jedoch kurzfristig mitgeteilt, dass sich der interne Investitionsausschluss doch gegen die Finanzierung entschieden habe. „Folglich sind die HH2E AG und ihre Tochtergesellschaft, die HH2E Werk Lubmin GmbH, gesetzlich verpflichtet, ein Insolvenzverfahren einzuleiten“, heißt es.
Das Projekt am Ostseehafen Lubmin sollte als Vorzeigeanlage für HH2E dienen, weshalb das Unternehmen erst kürzlich seine Pläne für die Produktionsstätte in Mecklenburg-Vorpommern bestätigt hatte, schreibt die Berliner Zeitung. Schon ab 2026 sollten jährlich 6.000 Tonnen grüner Wasserstoff mithilfe überschüssiger erneuerbarer Energie hergestellt werden. Bis 2030 wollte das Unternehmen die Kapazität auf 60.000 Tonnen erhöhen. Nun dürfte das Vorhaben auf der Kippe stehen.
Was passiert mit dem Werk in Borna?
Dabei hörten sich die Pläne von HH2E seit der Gründung im Jahr 2021 vielversprechend an. Das Unternehmen, das in Deutschland im Bereich der industriellen Produktion von grünem Wasserstoff tätig ist, nutzt Elektrolyse-Verfahren, die auf Wind- und Solarenergie basieren. Ziel war es gewesen, an mehreren Standorten bis 2030 eine Kapazität von vier Gigawatt zu erreichen, was rund 240.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr entspräche – etwa so viel, wie die deutsche Stahlindustrie für die Produktion von grünem Stahl im Jahr 2030 benötigt.
Das Start-up hatte auch große Pläne für Berlin, auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel. Dort wurde Anfang 2023 im Roten Rathaus zusammen mit dem Berliner Senat eine Absichtserklärung für den Aufbau einer Wasserstoffproduktion im Cleantech Business Park in Marzahn unterzeichnet. Das geplante Werk sollte ab 2027 Wasserstoff für die Wärmeerzeugung herstellen, um 30 Prozent aller an das Fernwärmenetz angeschlossenen Haushalte in Berlin zu versorgen. Zudem sollten 120 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Was passiert mit dem Werk in Borna? „Wir nicht“
Auch eine der aktuell größten Firmenansiedlungen in der Stadt Borna mit rund 150 Arbeitsplätze auf dem Ex-Kraftwerksgelände in Thierbach, wo bereits jahrzehntelang Strom produziert wurde, könnte nunmehr auf wackligen Beinen stehen. Die Produktion sollte dort laut Leipziger Volkszeitung Anfang 2027 beginnen. Hanno Balzer, Geschäftsführer der HH2E-Thierbach-GmbH, weist jedoch darauf hin, dass die Bornaer Firma von der Insolvenz nicht direkt betroffen ist – „wir nicht“ –, sondern die entsprechende Gesellschaft für die Anlagen in Lubmin und die Muttergesellschaft in Hamburg. Da die HH2E-Thierbach-GmbH jedoch eine hundertprozentige Tochter der Muttergesellschaft ist, bleibt sie von der Insolvenz trotzdem nicht gänzlich unbeeinflusst.

Per Elektrolyse-Verfahren, die auf Wind- und Solarenergie basieren, will HH2E grünen Wasserstoff. produzieren. © Imago/Andreas Franke
In Borna wird ab 2027 zunächst eine Produktion von bis zu 8000 Tonnen grünem Wasserstoff erwartet, später sogar bis zu 80.000 Tonnen. Potenzielle Abnehmer seien neben der Mineralölbranche auch der Flughafen Leipzig/Halle sowie die Logistikindustrie, die zunehmend auf Wasserstoff als alternativen Kraftstoff für Lkw setzt. Im Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung bedauert Flughafen-Chef Götz Ahmelmann die Schieflage von HH2E: „Als Unternehmen sind wir überzeugt von der umwelt- und wirtschaftspolitischen Bedeutung einer industriellen Produktion von Sustainable Aviation Fuel (SAF). Dass einer unserer Projektpartner bei Net-Zero-LEJ Medienberichten zufolge in Schwierigkeiten geraten ist, bedauern wir deswegen sehr.“
Investorensuche, Unternehmensrestrukturierung: Wie geht es mit HH2E jetzt weiter?
Das Management der HH2E AG meinte in seiner Aussendung, dass es darauf abziele, einen strukturierten Unternehmensrestrukturierungsprozess zu verfolgen. Man wolle sich darauf konzentrieren, „einen neuen Investor zu finden“, der die Vision der HH2E AG dabei unterstütze, eine industrielle Plattform für die Produktion von grünem Wasserstoff in Deutschland zu etablieren. Gründer und CEO Alexander Voigt meint zudem: „Ich bin überzeugt, dass wir bald einen strategischen Partner finden werden, der unsere Leidenschaft für grüne Energie teilt und die Vision der HH2E AG unterstützen kann.“
Erst im Sommer beschloss die Bundesregierung eine Strategie zum Wasserstoff-Import, um bis 2045 klimaneutral zu werden. Denn damit Deutschland sein Ziel der Klimaneutralität bis 2045 erreichen kann, soll auf klimaneutrale Gase wie Wasserstoff gesetzt werden. Dafür ist der Bau eines landesweiten Pipeline-Netzes für den Wasserstoff-Transport zu wichtigen Industriestandorten geplant, wobei erste Abschnitte bereits 2025 in Betrieb gehen sollen. Bis 2030 soll Wasserstoff zudem vermehrt in der Industrie, bei schweren Lkw sowie im Luft- und Schiffsverkehr genutzt werden, und wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke das Stromnetz stabilisieren.