Vorbereitung der Verladung des taktischen Raketensystems der Armee (ATACMS) auf das hochmobile Artillerieraketensystem (HIMARS).

Für den Einsatz des Army Tactical Missile Systems (ATACMS) galten bislang Beschränkungen. (Archivbild)

Quelle: AP

Die USA ändern ihren Ukraine-Kurs. Nach monatelangem Zögern haben sie der Ukraine grünes Licht für den Einsatz weit reichender Waffen gegen Russland gegeben. Diese Entscheidung markiert einen bedeutenden Wendepunkt.

Laut Insidern könnten bald die ersten Angriffe mit “Army Tactical Missile Systems” (ATACMS) beginnen, die eine Reichweite von rund 300 Kilometern haben. Die Raketen sollen es der Ukraine ermöglichen, weiter entfernte russische Stellungen ins Visier zu nehmen.

Die USA liefern der Ukraine ATACMS-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Die Karte zeigt, dass die Ukraine damit ihr ganzes von Russland besetztes Territorium angreifen kann.

Was die Entscheidung für Russland bedeutet

Die russische Regierung bezeichnete diesen Schritt als Eskalation. Wladimir Dschabarow, stellvertretender Vorsitzender des internationalen Ausschusses im russischen Oberhaus, warnte laut TASS, dass Bidens Entscheidung einen dritten Weltkrieg auslösen könnte und eine rasche Reaktion zur Folge haben werde.

Auch Elmar Theveßen, ZDF-Korrespondent in den USA schätzt ein:

Das Ganze birgt Risiken, weil Putin das als Überschreiten einer roten Linie sehen könnte.

Elmar Theveßen, ZDF-Korrespondent

So auch Nordkorea. Wenn eigene Truppen zu Schaden kommen, könnte vielleicht Vergeltung geübt werden, z.B. an US-Soldaten in Südkorea, so Theveßen weiter. “Risiken sind da.” Biden werde großen Wert darauf legen, beim G20-Gipfel in Rio politische Unterstützung zu erhalten.
Schaltgespräch zwischen Theveßen und Slomka

“Die Ukraine soll das Territorium in Russland halten, damit man es hat – als mögliche Verhandlungsmasse”, sagt USA-Korrespondent Elmar Theveßen.17.11.2024 | 1:33 min

Was die Entscheidung für die Ukraine bedeutet

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj äußerte sich am Sonntagabend zurückhaltend. “Angriffe werden nicht mit Worten ausgeführt”, sagte er in seiner Videoansprache. “Solche Dinge werden nicht angekündigt. Die Raketen werden für sich selbst sprechen.”
Inwieweit Kiew von dieser Entscheidung profitieren wird, ist noch unklar. Allerdings werde die Freigabe weiterreichender Waffen die Rückeroberung im Gebiet Kursk für Russland erschweren, schätzt Militärexperte John Hardie ein. Der Analyst des Thinktank “Foundation for Defense for Democracies” stellt im Gespräch mit ZDFheute fest: “Angriffe auf Ziele wie russische und nordkoreanische Truppenkonzentrationen, Kommando- und Kontrollstellen sowie Logistikknotenpunkte können der Ukraine helfen, das von ihr kontrollierte Gebiet in Kursk zu verteidigen.”
Auf diesem vom ukrainischen Notdienst zur Verfügung gestellten Foto löschen Feuerwehrleute das Feuer nach einem russischen Raketenangriff in der Region Odessa. Angaben der ukrainischen Luftwaffe zufolge sind Dutzende Marschflugkörper und ballistische Raketen unter anderem von strategischen Bombern auf Ziele im ganzen Land abgefeuert worden.

Russland hat in der Nacht den größten Luftangriff auf die Ukraine seit August gestartet. 120 Raketen und 90 Drohnen seien eingesetzt worden. Es gab Tote und Verletzte.17.11.2024 | 2:16 min

Allerdings komme die Waffenfreigabe verspätet. So sieht es auch Militärexperte Christian Mölling. Das Muster “zu wenig, zu spät” kennzeichne die Hilfen für die Ukraine seit fast drei Jahren.

Wir wissen derzeit nicht, wie viele Raketen noch zur Verfügung stehen. Aber hätte die Ukraine die Freigabe früher erhalten, hätte sie die russischen Angreifer weiter zurückdrängen können.

Christian Mölling, Militärexperte

Auch die Begrenzung auf Kursk hilft der Ukraine nach Einschätzung beider Experten nicht unbedingt. Das Land stehe im Süden viel mehr unter Druck und könne dort mit weitreichenden Waffen deutlich mehr erreichen.

Warum Kiew die Freigabe wollte

Selenskyj fordert seit Monaten eine Freigabe für Angriffe tiefer im russischen Landesinneren. Als Begründung wird von Kiew angeführt, dass nur so russische Militärflughäfen erreicht werden können, von denen Kampfjets aufsteigen, um auf ukrainische Ziele Gleitbomben abzuwerfen oder Raketen abzufeuern.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, hält eine Rede, bevor er während einer Zeremonie im Mariinskyi-Palast den Helden der Ukraine und den Familien der gefallenen Soldaten Urkunden für kostenlose Wohnungen überreicht.

Nach fast 1.000 Tagen Krieg Russlands gegen die Ukraine steigt der internationale Druck auf Kiew, Verhandlungen zu führen. Präsident Selenskyj strebt ein Kriegsende 2025 an.16.11.2024 | 1:59 min

Warum kommt die Entscheidung jetzt?

Präsident Biden habe gute Gründe für seine Entscheidung, erklärt ZDF-Korrespondent Theveßen.

Die Ukraine soll russisches Gebiet halten, um es als Verhandlungsmasse in möglichen Friedensverhandlungen zu nutzen, falls Donald Trump später Einfluss auf den Prozess nehmen sollte. Man möchte Moskau und Nordkorea deutlich machen, dass keine dritte Nation direkt in den Konflikt eingreifen darf. Es gab die Befürchtung, dass Putin den Westen testen könnte und bei schwacher Reaktion Nachschub aus Nordkorea erhalten würde.

Dennoch ist der Schritt Bidens ungewöhnlich. Normalerweise vermeiden scheidende Präsidenten in Kriegsfragen jede Festlegung ihres Nachfolgers. Es sei der letzte Dienst, den Biden dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj erweisen könne, bevor Trump eine Kehrtwende in der amerikanischen Ukraine-Politik anordnen könnte, erklärt ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen.

Was heißt das für Deutschland?

Auch Deutschland könnte nun unter Druck geraten: Die Entscheidung der Amerikaner dürfte die Debatte über den Marschflugkörper Taurus neu entfachen. Eine Taurus-Lieferung an die Ukraine lehnt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ab.

Katharina Schuster ist ZDF-Redakteurin in Washington D.C.

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