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Region Charkiw: Ein Soldat der 57. motorisierten Brigade Otaman Kost Hordiienko übt sich im Angriff.

Region Charkiw: Ein Soldat der 57. motorisierten Brigade Otaman Kost Hordiienko übt sich im Angriff. © dpa

Seit zweieinhalb Jahren setzt sich die Ukraine gegen den russischen Angriff auf das gesamte Land zur Wehr. Das widersprüchliche Verhalten der Alliierten löst Unmut aus.

Nach 999 Tagen Krieg brummen auch in Kiew wieder die Dieselgeneratoren. Nach den massiven Luftangriffen vom Sonntag müssen die Menschen in der Hauptstadt täglich sechs bis acht Stunden auf Strom verzichten. Viele Leute hätten Depressionen, sagt Erfan Kudus, ein krimtatarischer Geschäftsmann und Aktivist, der 2014 aus Jalta nach Kiew floh. „Aber die ukrainische Nation ist vereint.“ Es gebe Millionen Menschen, die entschlossen seien zu kämpfen. „Weil, wenn wir aufgeben, wird es uns nicht mehr geben.“

In der Ukraine herrscht seit tausend Tagen Krieg. Kein fröhliches Jubiläum, aber die Stimmung im Land ist hoffnungsvoller als bei den Verbündeten. Laut einer Umfrage der Soziologengruppe „Rejting“ glauben 88 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer an einen Sieg, laut dem „Internationalen Kiewer Institut für Soziologie“ lehnen 58 Prozent allen Gebietsverzicht gegenüber Russland ab.

Im Westen war die Stimmung von Anfang an pessimistisch

Der Westen dagegen spricht von Friedensverhandlungen, drängt auf ukrainische Zugeständnisse. Die Ukrainerinnen und Ukrainer erleben ihre nordatlantischen Partner auch nach tausend Tagen als widersprüchlich bis wirr. Zuletzt gab es den rätselhaften Anruf von Deutschlands Kanzler Olaf Scholz bei Wladimir Putin. Aber auch vermeintliche Trump-Telefonate mit Putin und nur halb bestätigte Medienberichte über Zusagen aus Washington, Paris und London, die Ukraine dürfte ab sofort westliche Mittelstreckenraketen gegen russisches Gebiet abfeuern.

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Die ukrainische Armee wartet auf dringend benötigte 155-Millimeter-Artilleriegeschosse. Im März 2023 versprach die EU eine Million davon bis zum Jahresende. Laut EU-Außenbeauftragtem Josep Borrell waren es bis zum 11. November 2024 gerade 980 000, auch deshalb feuert die russische Artillerie zweimal mehr.

Melnyk: Der Westen macht sich das Narrativ Russlands zu eigen

Westliche Medien und Politik aber erklären das Vorrücken Russlands in der Ostukraine mit dessen unerschöpflichen Menschen- und Rüstungsreserven und diskutieren, warum die Ukraine dabei ist, den Krieg zu verlieren. „Sie machen sich im Prinzip die Narrative des Kremls zu eigen“, sagt der Kiewer Militärexperte Oleksyj Melnyk. Die westlichen Prognosen seien schon zu Kriegsbeginn pessimistisch gewesen. „Erst zählte man die Widerstandschancen der Ukraine in Stunden, dann in Tagen.“

Sag’ mir, wo die Blumen sind - sie blühen weiter vor diesem zerstörten Haus in Andrijwka im Bezirk Donezk.

Sag’ mir, wo die Blumen sind – sie blühen weiter vor diesem zerstörten Haus in Andrijwka im Bezirk Donezk. © AFP

Militärisch war es durchaus eine Sensation, dass die ukrainische Armee im Frühjahr 2022 den russischen Belagerungsring um Kiew sprengte, den Feind aus den Regionen Tshernigiw und Sumy vertrieb, später aus Charkiw und der südukrainischen Gebietshauptstadt Cherson. Der halb bankrotte „failed state“, als der die Ukraine nicht nur in Russland verspottet wurde, hielt gegen Putins Supermacht stand.

Auch das langsame Weichen der vergangenen 13 Monate im Donbass betrachten die Ukrainerinnen und Ukrainer keineswegs als fatal. Unter dem Strich ist es den Russen in 1000 Tagen gelungen, gerade mal elf Prozent des ukrainischen Gebiets unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die russischen Verluste steigen – und die Inflation auch

Und nach Ansicht der Fachleute steigen die russischen Verluste, im Oktober gab es laut dem US-Institut für Kriegsforschung die Rekordzahl von knapp 42 000 Toten und Verletzten. Die russische Z-Bloggerin Anastasija Kascherowa klagt, russische Sturminfanteristen überlebten an der Front oft nur zwei Wochen, kosteten den Staat aber 60 000 bis 120 000 Euro. Unabhängige Finanzfachleute konstatieren für Russland seit Kriegsbeginn über 80 Prozent Inflation.

In der Ukraine hält man diesen Gegner für besiegbar. Aber Militärexperte Melnyk beklagt, es mangele sowohl der Kiewer Regierung wie den westlichen Verbündeten an einer klaren Strategie. Die ukrainische Führung habe unpopuläre Rekrutierungskampagnen lange vor sich hergeschoben. Von mangelnder Strategie zeuge auch das scheibchenweise Bekanntwerden der Erlaubnis der USA, „Atacms“-Raketen gegen russisches Gebiet einzusetzen. „Man hätte der Ukraine Dutzende, besser Hunderte Raketen liefern müssen, programmiert auf Ziele, die die Ukraine geliefert hätte, auf Flugplätze, Raketenabschussrampen oder Munitionslager. Und dann hätte man einen Schlag gegen diese Ziele führen müssen, ohne Vorankündigungen.“ Das wäre eine effektive Strategie, meint Melnyk.

Sollte die Ukraine unterliegen, machen sich Millionen Menschen auf den Weg nach Westen

Erfan Kudus schließt nicht aus, dass Donald Trump die Ukraine im Stich lässt, dass Russland siegt und die Ukraine als Staat beseitigt. Aber dann müsse sich Westeuropa auf eine Flüchtlingswelle ganz neuer Art gefasst machen.

Die ukrainische Armee werde sich zum Großteil nicht gefangen nehmen lassen, sagt Kudus voraus. „Eine Million Soldaten, davon 300 000 schwer bewaffnete Frontkämpfer, fahren dann auf Panzern Richtung Westeuropa.“

Dazu kämen zehn Millionen einfache Zivilist:innen sowie drei bis fünf Millionen Aktive. Sie hätten die Armee unterstützt, betrachteten Putin als Todfeind und müssten unter ihm jahrzehntelange Gefangenschaft, Folter oder Tod erwarten. „Ihr wollt Frieden, für uns aber gibt es in der Heimat keinen Frieden mehr, also kommen wir zu Euch.“ Das klinge nach George Orwell, könne aber Realität werden.