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Putin hat zuletzt die Intensität seiner Luftangriffe erhöht. Doch die Ukraine nutzt offenbar eine neue Technologie, um sie zu vereiteln.
Kiew/Moskau – Vergangene Woche (19. November) erreichte der Ukraine-Krieg eine neue tragische Wegmarke: Exakt 1000 Tage war es dort her, dass Wladimir Putins Soldaten ins Nachbarland entsandt worden waren, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beginnen. Eine neue Eskalationsstufe erreichte der Ukraine-Krieg zuletzt auch dadurch, dass Putins Verbündeter Kim Jong-un 10.000 nordkoreanische Soldaten Anfang November in die russische Grenzregion Kursk entsandte. Dort kämpfen sie an Russlands Seite, um die im August von ukrainischen Soldaten partiell besetzte Region wieder unter russische Kontrolle zu bringen.
Während Russland offenbar auch in der Ostukraine aktuell schnell vorrückt, lässt der heftige miliärische Schlagabtausch der Vorwoche in der Luft auch in diesen Tagen nicht nach: Am Dienstag (26. November) feuerte der Kreml eine neue Höchstzahl ballistischer Geschosse im Ukraine-Krieg auf verschiedene Ziele im Nachbarland. Kiew jedoch schien dabei einen effektiven Weg gefunden haben, Putins massiven Luftschlag größtenteils zu vereiteln – und berief sich dabei scheinbar auf eine hochmoderne Form der militärischen Kriegsführung.
Russland erhöht Schlagzahl seiner Luftangriffe auf die Ukraine zuletzt
188 Drohnen des Typs Shahed waren es insgesamt, die Russland am Dienstag in den frühen Morgenstunden auf die Ukraine feuerte. Hinzu kamen vier ballistische Raketen vom Typ Iskander-M. Angaben der ukrainischen Luftwaffe zufolge ist das ein neuer Höchstwert im bisherigen Krieg, und der Zeitpunkt der Attacke wenige Tage nach dem 1000. Kriegstag legt nahe, dass es Putin nicht nur darum gegangen sein dürfte, Angst zu schüren, sondern einen neuen Meilenstein der Aggression zu besiegeln.

Ein russischer Soldat an der Front in Krasnoarmeysk (Symbolbild) © IMAGO/Stanislav Krasilnikov
Die 192 Geschosse wurden aus den an die Ukraine angrenzenden russischen Regionen Woronesch, Oriol, Kursk und Krasnodar abgefeuert, wie die französische Zeitung Le Monde berichtete. Dabei berief sie sich auf Angaben ukrainischer Truppen. Demnach gelang es ukrainischen Flugabwehreinheiten, 76 Drohnen mit kinetischen Mitteln abzufangen – als solche werden mitunter Kampfflugzeuge, Hubschrauber, mobile Flugabwehrbatterien oder Boden-Luft-Raketen bezeichnet.
Für die Abwehr russischer Raketen bedeutend seien darüber hinaus elektronische Störsender gewesen, wie Le Monde weiter berichtet. Zudem sollen weitere 95 russische Drohnen mithilfe eines höchstmodernen Systems abgelenkt worden sein, bei dem Satellitenkoordinaten, die von Drohnen und Raketen zur Orientierung im Luftraum verwendet werden, missbraucht wurden.
Ukraine nutzt hochmodernes Spoofing: Putins Drohnen werden zurück nach Russland umgeleitet
Dem Le Monde-Bericht zufolge haben ukrainische Soldaten mittels Spoofing-Technologie offenbar die Fähigkeit erlernt, aus Russland kommende Shahed-Drohnen derart zu infiltrieren, dass sich die Zielkoordinaten der mörderischen Drohnen verändern lassen. Dabei gelang es den ukrainischen Truppen offenbar, die vom russischen Territorium kommenden Drohnen in ihrer Richtung derart zu verändern, dass sie sie zurück nach Russland lenkten. Damit eröffnet sich für die Ukraine auch die Möglichkeit, ankommende Shahed-Drohnen mit dieser Taktik nach Belarus umzuleiten.
Ukrainischen Angaben zufolge gelang es am Dienstag nur 17 der 188 von Russland abgefeuerten Shahed-Drohnen, die ukrainische Luftabwehr zu durchbrechen. Bei den Shahed-Drohnen handelt es sich um Einweg-Geschosse aus iranischer Herstellung, die wegen ihrer einfachen Konstruktion und ihrer geringen Produktionskosten bei Militärschlägen häufig in großer Anzahl eingesetzt wird, um dem Gegner zu schaden. Der Kyiv Post zufolge ist die rund dreieinhalb Meter lange und zweieinhalb Meter breite Drohne in der Lage, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 185 Kilometern pro Stunde zu fliegen. Die Reichweite der Shahed-Drohne beträgt rund 2000 Kilometer und ihr Stückpreis rund 50.000 US-Dollar.
Von den insgesamt vier Raketen vom Typ Iskander-M, die Russland am Dienstag auf die Ukraine abfeuerte, sei jedoch keine von ukrainischen Truppen vernichtet worden, wie Le Monde ausgehend von Angaben der ukrainischen Soldaten weiter berichtete. Im Gegensatz zu Angriffsdrohnen des Typs Shahed, die in sehr geringer Höhe fliegen, um dem Radar zu entgehen, sind ballistische Raketen wie die vom Typ Iskander-M in sehr großen Höhen unterwegs. Bei klarem Himmel sind sie so oftmals zwar gut sichtbar, lassen sich jedoch nur extrem schwer abfangen.
Schlagzahl an Luftschlägen zwischen Russland und der Ukraine nimmt zuletzt deutlich zu
Nachdem Wolodymyr Selenskyj zuvor lange auf die Erlaubnis westlicher Verbündeter gewartet hatte, Raketen aus ihrer Produktion auch auf Ziele in Russland abfeuern zu dürfen, gab der scheidende US-Präsident Joe Biden hierfür Mitte des Monats (17. November) grünes Licht. Der Freigabe hatten sich in der Folge auch Großbritannien und Frankreich angeschlossen, woraufhin der Kreml seine Luftangriffe auf die Ukraine zuletzt nochmals deutlich intensivierte. Hierzu setzte Putin auch erstmals seine gefürchtete neue Mittelstreckenrakete namens „Oreschnik“ ein, mit der er die Großstadt Dnipro im mittelukrainischen Oblast Dnipropetrowsk angriff.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Zu Wochenbeginn wurde bekannt, dass die Ukraine den russischen Schlag auf Dnipro sowie die nochmals grundlegend erhöhte Frequenz russischer Luftangriffe seit der Erlaubnis westlicher Verbündeter mit dem Einsatz von ATACMS-Raketen auf Russland quittierte. Demnach attackierte die ukrainische Armee den Militärflughafen Khalino nahe der Stadt Kursk in der gleichnamigen und seit Wochen umkämpften russischen Grenzregion.
Wie n-tv ausgehend vom russischen Verteidigungsministerium vermeldete, hätte es zwei ATACMS-Angriffe der Ukraine auf Russland gegeben, einen am Samstag und einen am Montag. In dessen Folge sei es Kiew gelungen, ein modernes russisches Luftverteidigungssystem des Typs S-400 zu vernichten. Der Kreml drohte infolge der jüngsten ATACMS-Angriffe mit erneuten Vergeltungsschlägen. (fh)