Am Mierscher Theater feiert morgen ein Stück Premiere, das auf einem Buch basiert, dessen Tinte noch kaum getrocknet ist: Erst Mitte November ist „Ondugen“ erschienen, das Debütwerk von Fabio Martone. Der in Berlin lebende Luxemburger greift darin verschiedenste Themen in Ich-Erzähler-Form auf, von Politik über Gesellschaft bis hin zu Migration. Als satirisches Theaterstück in luxemburgischer Sprache unter der Regie von Claude Mangen wird „Ondugen“ nun an drei aufeinanderfolgenden Abenden und an mehreren Terminen im kommenden Jahr aufgeführt. Die Hauptrolle in der Inszenierung übernimmt Konstantin Rommelfangen.

Fabio Martone, Sie schreiben in „Ondugen“, dass im „Luxemburger Wort“ eigentlich nur die Namen von Menschen abgedruckt werden, die „gestern in Luxemburg gestorben sind“. Jetzt machen wir aber ein wenig Platz für Sie; dabei sind Sie noch quicklebendig.

Das ist völlig unerwartet und freut mich natürlich riesig. Tatsächlich ist meine Meinung zum „Wort“ nuancierter als die meines Erzählers, der sich auf dieses Klischee der „Wort“-Doudesannoncen beruft. Woran ich mich aber erinnern kann: Am Nachmittag brachte unsere Nachbarin meiner Mutter täglich die Tagesausgabe des „Wort“ vorbei, die meine Mutter dann zielstrebig aufschlug, um zu gucken, wer „gestern in Luxemburg gestorben“ war, nur um dies dann eifrig zu kommentieren.

Ein Schriftsteller ist immer am ehrlichsten, wenn er schreibt.

Vor einigen Jahren hätten Sie sich das wohl nicht träumen lassen: Sie haben die Schule abgebrochen und arbeiteten zunächst als Taxifahrer. Warum das Taxi und keine Anstellung in der Firma des Freundes eines Cousins?

Das wäre zu leicht gewesen. Ich habe stets versucht, mich der Bequemlichkeit Luxemburger Vetternwirtschaft zu widersetzen – was nicht so furchtbar schwer war als Sohn eines Einwanderers, der weniger Bekannte oder Bekannte eines Cousins in Firmen hatte als viele meiner Klassenkameraden. Taxifahrer wurde ich aber auch, weil mich das Unbekannte reizte, die menschlichen Begegnungen, die Alltagsfragmente, die man dort oftmals innerhalb weniger Minuten mitbekam.

Sie leben seit einiger Zeit in Berlin, studieren auch dort. Warum die Entscheidung, Ihr Leben doch noch einmal in eine andere Richtung zu lenken? 

Angefangen hat alles mit einer Begegnung mit drei Kulturschaffenden, mit denen ich während einer Taxifahrt (nach Wiltz, Anm. d. Red.) ins Gespräch kamen. Das Gespräch begann damit, dass die angetrunkene Schriftstellerin meinte, ich würde mich eigentlich perfekt dazu eignen, eine fiktionale Gestalt in Jim Jarmuschs „One Night on Earth“ zu sein. Den Film kannte ich nicht, habe ihn mir mittlerweile angeschaut und mag ihn sehr. Am Ende der Fahrt wurde ich zu dieser Party eingeladen und es war, als würde sich mir eine völlig neue Welt erschließen. Die Menschen redeten über Kunst und Politik und Stücke, an denen sie arbeiteten. Nach und nach wurde mir klar, dass ich diese Welt besser begreifen wollte, und begann davon zu träumen, ein Teil davon zu werden. Ich blieb in Kontakt mit den Dreien, ging mir Produktionen und Konzerte von ihnen anschauen, bis mir klar wurde: Das ist es eigentlich, was ich in meinem Leben machen will.

Fabio Martone: „Ondugen“, Hydre Éditions, 120 Seiten, 15 Euro Foto: Hydre Éditions

Warum Theaterwissenschaften? Ist das nicht „brotlose Kunst“, ein geisteswissenschaftliches Studium, das unweigerlich zurück zum Taxifahren führt?

Selbstverständlich führt ein Theaterwissenschaftsstudium zu brotloser Kunst, speziell in Berlin – die Stadt wird ja immer teurer und für Kulturmenschen so langsam unbezahlbar. Aber das war Teil des Plans, der Herausforderung. Ich studiere keine Theaterwissenschaften, um damit Geld zu verdienen – sonst würde wohl niemand mehr ein geisteswissenschaftliches Studium beginnen –, sondern weil es mich fasziniert, ich mir erhoffe, die Welt so besser zu verstehen. Theater verdichtet alles, was die Menschheit ausmacht, die schlimmsten sowie die schönsten Facetten.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Schreiben verhilft mir zum Denken, die Fiktion erlaubt es mir, die Welt besser zu verstehen. Geschrieben habe ich eigentlich schon immer, nur war mir vor diesem Abend in Wiltz nicht bewusst, dass sich irgendjemand dafür interessieren könnte. Was ich damals verfasste, waren Gedankenfetzen, Fragmente, die ich in Hefte notierte. Mein Studium hat mir geholfen, zu verstehen, wie ich diese Fragmente zu hoffentlich kohärenten Erzählungen verflechten könnte.

Ich habe stets versucht, mich der Bequemlichkeit Luxemburger Vetternwirtschaft zu widersetzen – was nicht so furchtbar schwer war als Sohn eines Einwanderers.

Ihr Erstlingswerk „Ondugen“ lässt sich nicht so recht einordnen: Ist es ein Roman? Ein Theaterstück in Erzählform? Eine Biografie mit surrealistischen Elementen?

„Ondugen“ ist ein Hybridtext. Es ist der innere Monolog einer aufgebrachten Figur, die ihrer Wut auf die Welt und den kulturellen Mikrokosmos in Luxemburg, der teilweise genauso vetternwirtschaftlich strukturiert ist wie der Rest des Landes, Ausdruck gibt. Es gibt biografische Elemente, die ich fiktionalisiert habe, wie zum Beispiel die Textstellen über meinen Vater. Man kann „Ondugen“ als Roman lesen oder als Theatermonolog; wobei die Bühnenfassung definitiv kürzer ausfallen wird als das Buch.

Warum haben Sie es in luxemburgischer Sprache verfasst? Weil es ein ur-luxemburgisches Werk ist? Oder weil Sie nur in dieser Sprache ausdrücken können, was Sie zu sagen haben?

Ein bisschen von beidem. Im Text geht es ja um die luxemburgische Sprache, um ihren Stellenwert im Alltag, in der Literatur, es geht um die Nationalliteratur, die mehrsprachig ist und mit dieser Mehrsprachigkeit zu kämpfen hat. Viele junge Schriftsteller und Schriftstellerinnen schreiben heutzutage in englischer Sprache, vermutlich in der Hoffnung, eine breitere Leserschaft anzusprechen. Mich aber fasziniert meine Muttersprache. In all ihren Einschränkungen, ihrer Widerspenstigkeit, die dem Monolog quasi seinen Titel verleiht. Das war manchmal eine Herausforderung, aber damit zu spielen hat mir auch viel Spaß gemacht.

Wie viel Fabio Martone steckt in der Hauptfigur?

Claudio ist eine überspitzte, wütendere, verletzlichere und wohl auch ehrlichere Version von Fabio Martone. Ein Schriftsteller ist immer am ehrlichsten, wenn er schreibt. Auch und vor allem genau dann, wenn alles frei erfunden ist. Der Bezug zwischen Wirklichkeit und Fiktion fasziniert die Menschen. Sie versuchen stets zu verstehen, was genau erfunden und was erlebt ist. Dabei ist diese Grenze sehr porös: Was man schreibt, erlebt man zumindest im Schreiben in der Fiktion. Es ist eigentlich völlig egal, was real und was fiktional ist.  

In „Ondugen“ üben Sie auch Kritik am Umgang mit Menschen, die keine Ur-Luxemburger sind. Gibt es 2024 immer noch diese Probleme, mit denen etwa der Vater der Figur Claudio, ein Mann mit Migrationshintergrund, zu kämpfen hatte?

Ich denke schon, dass es diese Probleme in Luxemburg anno 2024 noch gibt. Die fremdenfeindlichste Partei Luxemburgs ist auf dem Vormarsch. Luxemburg schmückt sich mit seinem hohen Anteil an Ausländern und gilt als eines der wenigen europäischen Länder, in denen rechtsextreme Politiker nicht regelmäßig eine Gefahr für den demokratischen Zusammenhalt darstellen. Dabei habe ich den Eindruck, dass sich auch hier die Fronten verhärten und die luxemburgische Sprache missbraucht wird, um xenophobe Ideen wie beispielsweise den Diskurs über die Gefährdung der Sprache zu verbreiten. Mein Vater hat sehr wenig über das, was er als Mann mit Migrationshintergrund erlebt hat, gesprochen. Ich habe erst Jahre später, mit der Distanz, die das Schreiben einem ermöglicht, erkannt, wie sehr er letztlich an dem latent oder auch weniger latent fremdenfeindlichen Umgang seiner Mitbürger gelitten hat.   

Schreiben verhilft mir zum Denken, die Fiktion erlaubt es mir, die Welt besser zu verstehen.

Ihr Debütwerk wird kurz nach der Veröffentlichung bereits darstellerisch aufgeführt. Was war zuerst da: das Buch oder die Idee zum Theaterstück?

Die Idee zum Theaterstück, definitiv. „Ondugen“ war für mich von Anfang an als Monolog für die Bühne konzipiert. Als Claude Mangen mich kontaktierte, weil er vor etwa einem Jahr den Beginn des Textes während der Merscher Theatertage entdeckt hatte, war ich überglücklich. Ich hatte während Monaten nach dieser Lesung weiter am Text gewerkelt, ohne wirklich daran zu glauben, dass jemand ihn eines Tages für die Bühne adaptieren würde.

Wie geht es nun für Sie weiter? Schließen Sie Ihr Studium ab oder braucht es für die große Literatur keinen Abschluss?

Studieren werde ich auf jeden Fall weiter. Man hat mir gesagt, dass man mit der Veröffentlichung von Büchern hierzulande nicht wahnsinnig viel Geld verdient und auch wenn Theater brotlose Kunst ist – in Luxemburg und auch hier in Berlin gibt es einige Menschen, die von dieser brotlosen Kunst leben. Reich wird man damit vielleicht nicht, dafür aber vielleicht etwas glücklicher.

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Zur Person

Fabio Martone wurde 1990 in Bettemburg geboren. Er brach mit 17 Jahren die Schule ab und arbeitete zunächst einige Jahre als Taxifahrer in Thionville und Luxemburg. Mit 27 Jahren holte er schließlich seinen Schulabschluss nach und entschied sich dazu, einige Jahre später nach Berlin zu ziehen. Einer der Auslöser war eine Begegnung mit drei Kulturschaffenden während einer Taxifahrt nach Wiltz. In der deutschen Hauptstadt hielt sich Martone zwischenzeitlich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mittlerweile studiert er dort Theaterwissenschaften.