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Die Geschichte der Schokolade in Deutschland könnte neu geschrieben werden. Eine Tante der Gebrüder Grimm könnte dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Kassel – Die gehypte Dubai-Schokolade mag aktuell in aller Munde sein, doch ihre Existenz in Deutschland ist noch jung. Interessanterweise könnte die erste essbare Schokolade jedoch schon mehr als ein Jahrzehnt früher entstanden sein, als bisher angenommen. Eine Tante der berühmten Gebrüder Grimm könnte diese Information für die Nachwelt festgehalten haben.
Bislang galt das Jahr 1828 als der Beginn der Essschokolade, markiert durch die Erfindung der Kakaobutterpresse durch den Niederländer Coenraad Johannes van Houten. Doch es gibt jetzt Hinweise darauf, dass diese beliebte Süßigkeit in Deutschland schon einige Jahre früher bekannt war. Eine Wissenschaftlerin der Universität Kassel entdeckte diese Beweise in den Briefen der Gebrüder Grimm, wie die Universität in einer Mitteilung bekanntgab.
Grimm-Brüder und die Schokoladenkugeln: Eine kulturhistorische Sensation
Die Kunsthistorikerin Andrea Linnebach-Wegner machte diese Entdeckung während der Analyse des Briefwechsels der Gebrüder Grimm mit ihren älteren Verwandten für ein Forschungsprojekt. „Ich stieß auf einige Stellen, in denen Schokoladenkugeln erwähnt werden und die mich als Kulturhistorikerin sofort elektrisierten“, erklärte Linnebach. So schrieb die Tante der Brüder Grimm, Henriette Zimmer, im Jahr 1812 an ihre Neffen, dass sie ihnen Schokoladenkugeln schicken würde.

Die Gebrüder Grimm kamen wohl früh in Genuss von Esschokolade, zeigt Dr. Andrea Linnebach-Wegner in ihrer Arbeit „Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit ihren älteren Verwandten.“ © United Archives/Imago Universität Kassel
Sie schrieb an Wilhelm: „[…] da ich noch die Geleigenheit habe das mir Herr Rode noch wass mit nehmen will so schücke ich dier Chocolade Kügelgen wo ich meine das du Sie gerne Essest.“ Vor dieser Zeit genossen wohlhabendere und adelige Bürger Schokolade hauptsächlich in flüssiger Form als Getränk. Auch Wolfgang Goethe soll ein Bewunderer des exotischen Kakaotrankes gewesen sein. Essbare Schokolade, etwa in Kugelform, kam wohl jedoch erst später nach Deutschland, zumindest zur Zeit der Gebrüder Grimm, wie die Korrespondenz mit Tante Zimmer zeigt.
Sensationelle Schokoladen-Entdeckung im Brieg an die Gebrüder Grimm
Zimmer war Kammerfrau der Kurfürstin von Hessen. Sie soll auf diese seltene Süßigkeit gestoßen sein, als sie während der französischen Besatzung Kassels 1806 mit ihrer Herrin ins Exil nach Gotha ging. Der dortige Hofkonditor soll schon sehr früh mit fester Schokolade experimentiert haben.
Zu dieser Zeit lebten Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel und arbeiteten an den berühmten „Kinder- und Hausmärchen“. In einem Brief vom 7. März 1812 bedankte sich Wilhelm für das „angenehme Chokolatgeschenk“ und fügte hinzu: „Ich gehe nicht spatziren, ohne ein paar einzustecken.“ Durch diesen Briefwechsel wurde Linnebach auf das Rezept eines Gothaer Hofkonditors für „Pralins von Chokolade“ aufmerksam. Es ist wahrscheinlich, dass es sich dabei um die Geschenke der Tante Henriette handelte.
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Es scheint, dass die süße Sendung der Tante an ihre Neffen keine einmalige Sache war. So soll Zimmer wenige Monate später im Juni 1812 erneut Schokolade an die Gebrüder geschickt haben – mit der „Empfehlung, sich die Kugeln am Arbeitstisch in den Mund zu stecken“, wie es in der Mitteilung der Uni Kassel heißt.
Linnebach bezeichnet den Fund als „eine kleine kulturhistorische Sensation“. Ihre Ausgabe des Briefwechsels wurde bereits im letzten Jahr veröffentlicht. Der frühe Nachweis für die Essschokolade wurde jedoch erst jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, nachdem Linnebach eine Kasseler Schokoladenmanufaktur dazu angeregt hatte, die Kugeln nach dem Gothaer Rezept herzustellen. (jm/kiba/dpa)