Der serbische Präsident Aleksandar Vučić ist ein großgewachsener Mann. Seine körperliche Präsenz steht im Widerspruch zu seiner Sprechgeschwindigkeit, seiner geringen Lautstärke und der sanften Tonalität. Die Aussagen des 54-jährigen dreifachen Familienvaters, seit 2017 im Amt, klingen fast fatalistisch. „Es gäbe bessere Lösungen“ – aber nicht alle seien dazu bereit. Also müssten wir die anstehenden Desaster gemeinsam ertragen. Ein Stoiker der Gegenwart, so scheint es.

Dass er der Hierarch im Raum ist, wird nur an seiner Entourage erkennbar, am offensichtlichen Bemühen, den Chef zu leiten, abzusichern und ihm den Raum zu geben, der ihm gebührt. Das Team wirkt kollegial, pragmatisch und ohne Allüren. Auch das Schweizer Sicherheitspersonal wirkt vergleichsweise entspannt, obwohl Vučićs Vorgänger, der serbische Ministerpräsident Zoran Đinđić, 2003 einem Mordanschlag zum Opfer fiel.

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Ein freundliches, mitunter ungewöhnlich offenes Gespräch

Auf Einladung des immer gut gelaunten, sämtliche schwierigen Diskurse der Zeit adressierenden Verlegers der Schweizer Weltwoche, Roger Köppel, steht der Präsident im noblen Zürcher Hotel Dolder Grand einem kleinen Kreis Schweizer Wirtschaftsvertreter Rede und Antwort. Die „besten Adressen“ sind versammelt. Es ist ein denkwürdiges Meeting, in dem mehr als einmal betroffenes Schweigen herrscht, mitunter Fassungslosigkeit um sich greift. Vučić nimmt es zur Kenntnis. Das Geschehen liege „nicht in meiner Hand, auch nicht in unserer, der im Raum Anwesenden“.

Dennoch berichtet er frei und stellt Zusammenhänge her. Bietet die Chance, mehr über die Verflechtungen zwischen den geopolitischen Blöcken, den darin agierenden Ländern und den verantwortlichen Personen zu verstehen, steht als Zeuge zur Verfügung. Und versucht, zwischen den Positionen zu vermitteln.

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Zur Region

Serbien liegt im Zentrum der Balkanhalbinsel und grenzt im Norden an Ungarn, im Osten an Rumänien und Bulgarien, im Süden an Nordmazedonien und Albanien bzw. Kosovo, im Südwesten an Montenegro und im Westen an Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien. Nach Einwohnern liegt Serbien mit gut 6,7 Millionen auf Rang 22 der Länder Europas. Das Bruttosozialprodukt des Landes beträgt 75,19 Milliarden US-Dollar (Wert von 2023), das von Kroatien 82,69 Milliarden und das von Albanien 22,98 Milliarden US-Dollar. Die Wirtschaft Serbiens entwickelte sich in den letzten Jahren sehr positiv. Am 24. Juli 2024 verkündete der serbische Präsident Vučić, dass der durchschnittliche Bruttolohn in Serbien 100.000 Dinar überschritten habe, was umgerechnet 885 Euro entspricht.

Es ist ein freundliches, mitunter ungewöhnlich offenes Gespräch. Ohne Schärfe, ohne zynische Bemerkungen, wie sie beispielsweise ein Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, in Gesprächen gern einstreut, um sich von als übergriffig wahrgenommenen Positionen aus Brüssel abzugrenzen. Vučić wirkt eher demütig angesichts der Aufgaben, er argumentiert nicht mit der Breitbeinigkeit eines Ilham Aliyev, des aserbaidschanischen Präsidenten. Mit dem Verzicht auf Prunk, der Macht und überbordenden Reichtum transportieren soll, unterscheidet er sich auch von Scheich Raschid Al Maktum aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dennoch fühlt er sich den drei Genannten politisch und persönlich verbunden; sein Land pflegt mit ihren Ländern enge politische Kontakte.

Der erste Moment greifbarer Fassungslosigkeit

Als Deutscher fühlt man sich mehr als einmal angesprochen, implizit wie auch explizit. Vučić berichtet von seiner Familie in der Zeit der deutschen Okkupation während des Zweiten Weltkriegs. Von den Erfahrungen mit der kroatischen Ustascha, die mit der deutschen Wehrmacht kollaborierte, um ihren Nationalismus durchzusetzen – ähnlich der ukrainischen OUN, die damals in wechselnden Koalitionen unter der Führung Stepan Banderas auf einen ukrainischen Nationalstaat hinarbeitete.

Er berichtet aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg ab 1991 und der Zeit, als die Nato 1998/99 gegen Serbien Krieg führte. Wesentlicher noch: Er verweist auf den hohen Preis, den alle Seiten in und nach den Konflikten zu zahlen hatten, auch Serbien. Und dass dieser Preis eine Lehre sein sollte für alle serbischen Politiker und für alle Politiker auf dem Balkan. Auch dass vieles, was der Balkan an Konflikten in der Vergangenheit durchlebt habe, für Europa eine Lehre sein könne – es aber nicht zu sein scheine oder verloren zu gehen drohe durch die „immer aggressivere Propaganda in den Medien“.

Diese Erfahrung und das daraus gewonnene Wissen werde ignoriert. Wir lebten in einer Zeit, „in der immer lauter argumentiert wird“, die Polarisierung zunehme; doch „anstatt einander zuzuhören, werden Eskalationen befeuert, die dramatische und existenzielle Folgen provozieren können“.

Er habe wenig Hoffnung, dass die aktuellen Streitparteien sich aufeinander zubewegten. Damit bezog sich der serbische Präsident offensichtlich auf den Krieg in der Ukraine. Keine der Seiten könne einlenken, und keine wolle einlenken. So würden die strukturellen Risiken steigen, massive Eskalationen in den kommenden Monaten seien zu erwarten. Er möchte sich gern irren, „was eine gute Nachricht wäre“. Aber die Kenntnis der Personen, ihrer Positionen und seine politische Erfahrung ließen ihn skeptisch auf die aktuelle Lage schauen.
Damit entstand der erste Moment greifbarer Fassungslosigkeit im Raum.

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Der Westen verliere seine Dominanz

Vučić führte weiter aus, dass das derzeit vorherrschende „Prinzip Hoffnung“ trügerisch sei – es habe 1914 nicht funktioniert, 1939/40 ebenso wenig, auch nicht 1990, und 1998 in Serbien sowieso nicht. Heute hätten wir noch mehr zu verlieren; die Menschen in der Ukraine zahlten diesen Preis schon. Doch der Konflikt werde sich ausweiten, wenn die Politik nicht beginne, aktiv gegenzusteuern. Genau das sei aus rationaler Sicht geboten. Der größte Verlierer des Konflikts sei schließlich die Ukraine, gefolgt von Russland und Europa. Es sprach für Vučićs politisches Geschick, dass er die Nutznießer des Konfliktes unbenannt ließ.

Was wir erlebten, sei der Versuch einer globalen Neuordnung von Kräften und Einflusszonen. Der Westen verliere seine Dominanz, in dieses Vakuum stießen zukunftsfähige Staaten aus Afrika oder Asien sowie große, historische Mächte wie China und Russland. Die „überbordende“ Sanktionspolitik des Westens als weiterer Ausdruck der Auseinandersetzung um Einflusszonen produziert aus Sicht des serbischen Präsidenten mehr Verlierer als Gewinner. Die EU habe bis zum Sommer insgesamt 14 Sanktionspakete gegen Russland verhängt, deren Wirkung aus ökonomischer Sicht fragwürdig sei. Man schaue nur auf die deutsche Automobilindustrie, „die ihre Märkte in Russland und China verloren hat, was sich auch auf Serbien mit seiner etablierten Zulieferindustrie negativ auswirkt“. Notwendig sei vielmehr eine „Adjustage von Werten und Prinzipien, die weltweit Gültigkeit erlangen und von allen Nationen zu beachten sind“.

Fußgänger passieren in Belgrad das von Nato-Bomben zerstörte Gebäude des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs in Belgrad. Es steht bis heute zerstört im Zentrum der Stadt. <a target="_blank" href="https://www.nzz.ch/international/jared-kushner-tritt-mit-hotelprojekten-in-die-fussstapfen-seines-schwiegervaters-donald-trump-ld.1841885">Jared Kushner will in der Nähe ein Hotel bauen</a>.
Fußgänger passieren in Belgrad das von Nato-Bomben zerstörte Gebäude des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs in Belgrad. Es steht bis heute zerstört im Zentrum der Stadt. Jared Kushner will in der Nähe ein Hotel bauen.Thomas Brey/dpa

Deutschland aus seiner modernen Geschichte heraus sei prädestiniert, in dieser Diskussion eine strukturierende Rolle einzunehmen. Nicht zuletzt, weil es in den 1990ern, als Jugoslawien in einem blutigen Bürgerkrieg versank, eine erfolgreiche Systemtransformation gestaltet habe. Doch mit Blick auf das Agieren der „handelnden Kapazitäten“ sei er skeptisch. Vučić formulierte seine Aussagen zu Deutschland abwägend, einladend und mit Respekt.

Keine Bereitschaft für deeskalierende Gespräche

Ein Weg zur Lösung liege möglicherweise in der Trump-Präsidentschaft ab 2025. Die USA müssten den Wettbewerb mit China neu gestalten. Sofern dies rasch gelinge, würden die USA auch ihr Verhältnis zu Europa neu ordnen. Es wäre allerdings „romantisch“, von einem „fairen Vorgehen“ seitens der Trump-Regierung auszugehen.

Aleksandar Vučić

Aleksandar VučićDarko Vojinovic/AP

In dem Moment blitzten auch Vučićs Erinnerungen an den Kosovo-Konflikt 1998/1999 auf. Damals griff die Nato ohne UN-Mandat und abseits des Völkerrechts Serbien an, um dem Kosovo die Herauslösung aus dem serbischen Staatsgebiet zu ermöglichen. Die Argumente zugunsten der territorialen Integrität der Ukraine würden daher in Serbien gut verstanden. Trotz der Verletzung der serbischen territorialen Integrität sei die politische Führung in Belgrad 1999 bereit gewesen, einen schmerzhaften und bis heute kontrovers diskutierten Kompromiss zu akzeptieren, der unter Anstrengungen aller Seiten auch mit Unterstützung Deutschlands bis heute halte. Die Bundeswehr ist seit Juni 1999 im Rahmen der Nato-geführten internationalen Friedenstruppe KFOR im Kosovo präsent.

Mit einer vollständigen Aufnahme der Balkanregion in die EU könne der Konflikt, so Vučić, befriedet werden. Erfolgreiche Beispiele gebe es in der jüngeren europäischen Geschichte mit Südtirol, dem Elsass oder dem modernen deutsch-polnischen Verhältnis, abgesichert durch den endgültigen deutschen Verzicht auf die ehemaligen Ostgebiete im 4+2-Vertrag von 1990.

Politische Verantwortungsträger wie Macron, Scholz oder von der Leyen, aber auch Putin müssten dies mit Blick auf die Ukraine wollen. Nach vielen persönlichen Gesprächen auf allen Seiten sehe er bislang jedoch keine Bereitschaft dazu: „Macron wie auch Putin sagten mir, sie dürften nicht verlieren.“

Bundeskanzler Olaf Scholz wird von Aleksandar Vučić, dem Präsidenten von Serbien, in Belgrad im September 2022 mit militärischen Ehren empfangen.

Bundeskanzler Olaf Scholz wird von Aleksandar Vučić, dem Präsidenten von Serbien, in Belgrad im September 2022 mit militärischen Ehren empfangen.Michael Kappeler/dpa

Vučićs Perspektive auf Putin und Russland

Vučić berichtete auch von seinem Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wenige Wochen zuvor in Budapest. Der habe die Perspektive eines möglichen, lebensschonenden Waffenstillstands mit den Worten kommentiert: „Das ist nicht in unserem Interesse.“ Für die kommenden Wochen sehe Vučić gerade aufgrund der Unwilligkeit der Verantwortlichen aller Konfliktparteien ein erhöhtes Eskalationspotential – unter Einschluss der nuklearen Option.

Das war das zweite Mal, dass Fassungslosigkeit im Raum herrschte. Dabei schien die Sachlichkeit, mit der Vučić die handelnden Personen und ihr Agieren beschrieb, der stoischen Schule entsprungen. Seit seinem Amtsantritt 2017 habe er 21 persönliche Treffen mit dem russischen Präsidenten gehabt. Vučić kann insofern als Kreml-Kenner gelten. Seine Anekdoten von den Gesprächen kurz vor Kriegsausbruch im Februar 2022 und von der damaligen Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking steigerten allerdings noch das Unwohlsein der Zuhörer.

Er berichtete von großer Entschlossenheit auf russischer Seite und der Ignoranz der Kreml-Führung westlichen Erwartungen gegenüber. Er thematisierte auch Putins Selbstgewissheit, die sich aus historischen Perspektiven speise, ähnlich bei weiteren russischen Entscheidungsträgern. Diese Kontinuität der Entwicklung ist aus Putins Rede vor dem Deutschen Bundestag 2001, seiner Rede auf dem Münchner Sicherheitsforum 2007, seiner Veröffentlichung in der Zeit im Sommer 2021 und den Entwicklungen seit 2022 ableitbar. Niemand solle angesichts weiterer Eskalationen überrascht sein.

Man kann das als Propaganda abtun – oder zum Definieren von Messpunkten für Entscheidungsräume nutzen. Die anwesenden, weltweit erfolgreichen Unternehmer hörten aufmerksam zu.

An den Ufern der Donau spielt das Leben in Belgrad.

An den Ufern der Donau spielt das Leben in Belgrad.Ren Weiyun/imago

Serbiens Hoffnung auf eine EU-Mitgliedschaft

Das serbische Ziel sei es im Übrigen, der EU beizutreten, weswegen sämtliche Verhandlungskapitel konsequent abgearbeitet und das Vorhaben nicht gefährdet werden solle. Daher habe Vučić auch auf Besuche in Kasan (während des Brics-Gipfels) oder Kasachstan oder auf die Begleitung Viktor Orbáns bei dessen Reise nach Moskau verzichtet. Allerdings habe er keine positive Prognose hinsichtlich der EU-Bereitschaft, Serbien aufzunehmen. Serbien wolle zwar „alle Bedingungen der EU erfüllen, um den Kandidatenstatus zu erhalten“. Dennoch sei die Vollmitgliedschaft ungewiss; sie hänge von vielen Faktoren ab.

Wichtigste Kriterien seien die Marktwirtschaft und die Demokratie. Serbien konzentriere sich daher auf die wirtschaftliche und demokratische Entwicklung und könne in den vergangenen zehn Jahren kontinuierliche Erfolge vorweisen. Das Wirtschaftswachstum sei beeindruckend, die Exportquote steige, der Lebensstandard ebenso. Größte Wachstumstreiber seien zukünftig wichtige Wirtschaftszweige wie die IT-Industrie, die erfolgreich in die EU und zunehmend nach Deutschland exportiere. Das Wachstum der IT-Branche übersteige 30 Prozent jährlich.

Auch die Landwirtschaft wachse mit mehr als vier Prozent im Jahr. Der öffentliche Haushalt werde unter großen Anstrengungen saniert, was beispielsweise Rentenkürzungen beinhalte. Ebenso habe Serbien Freihandelsabkommen mit der EU, Russland und China geschlossen, um den Anforderungen der multipolaren Welt Rechnung zu tragen.

Daneben gebe es große Anstrengungen, Teile der serbischen Diaspora zur Rückkehr zu bewegen und den Braindrain der vergangenen Jahrzehnte zu stoppen. Die EU-Staaten hätten von der serbischen Diaspora profitiert – was auch daran erkennbar war, dass die ein oder andere Zwischenfrage in Zürich auf Serbisch formuliert wurde. Man verstand sich.

Nah am Wasser geplant: Entwicklungsprojekt „Belgrade Waterfront“ an der Donau.

Nah am Wasser geplant: Entwicklungsprojekt „Belgrade Waterfront“ an der Donau.Ren Weiyun/imago

Die Expo findet 2027 in Serbien statt

Auch die serbischen Lithium-Vorkommen waren ein Thema. Es werde allerdings keinen Verkauf der Rohstoffe an den Meistbietenden geben. Die Vorkommen seien von hoher Qualität; offensichtlich plant Serbien den Aufbau der gesamten Wertschöpfungskette vom Abbau bis zur Batterieproduktion im eigenen Land.

Nächster Meilenstein ist die Expo 2027 in Belgrad. Zu diesem Zweck wird das Nationalstadion um- und ausgebaut. Das neue Stadion soll der Architektur der Allianz-Arena in München oder dem Austragungsort des WM-Finales in Doha nicht nachstehen. Zur gleichen Zeit soll die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Belgrad und Novi Sad bis Budapest verlängert werden. Verlängerungen nach Österreich, Bulgarien und Griechenland sowie in die Türkei seien geplant.

Gewinner der Ausschreibung ist übrigens die Schweizer Firma Stadler im Wettbewerb gegen deutsche und chinesische Bieter. Stadler liefert auch die neuen S- und U-Bahnen in Berlin; die Auslieferung der U-Bahnen soll im Sommer beginnen. Der charismatische Stadler-Chef Peter Stuhler verwies darauf, dass mitten durch das Berliner Stadler-Werk einst die Mauer verlief – ein Beweis, dass blockpolitisch motivierte Grenzen nicht von Dauer sind, dass jeder Mauertote umsonst starb und dass die damals politisch Verantwortlichen die sich bietenden Alternativen unzureichend nutzten.

Holger Friedrich ist Verleger der Berliner Zeitung.

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