Über 60 Verwundete sind in Gazas indonesischem Krankenhaus unmittelbar vom Tod bedroht. Ihnen fehlt es an Wasser und Nahrung, das berichtet das Gesundheitsministerium in Gaza in einem Statement am Dienstag: „Die humanitäre Situation im Krankenhaus ist extrem gefährlich geworden, da es den Verwundeten an der Grundversorgung fehlt.“ Das Krankenhaus sei am 2. und 8. Dezember außerdem Ziel von vier israelischen Angriffen geworden, bei denen sechs Patienten und drei Personen des medizinischen Personals verletzt und der Stromgenerator und Wasserspeicher beschädigt wurden. Das berichtet die UN.
Die Organisation spricht von kaum mehr funktionsfähigen Krankenhäusern in Gaza, vor allem im Norden. Zwischen dem 3. und 7. Dezember sei das Kamal-Adwan-Krankenhaus in Beit Lahiya viermal attackiert worden, durch Beschuss, Bomben und Granaten. Dabei seien sieben Menschen getötet worden, darunter vier Mediziner und ein Kind. Außerdem seien die Wasser-, Benzin- und Sauerstoffspeicher beschädigt worden, was die medizinische Versorgung weiterhin erschweren dürfte.
Am 6. Dezember sei das Krankenhaus von israelischen Panzern umstellt worden, die Menschen darin seien aufgefordert worden, das Gebäude zu evakuieren. Auch das indonesische medizinische Personal, das für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor Ort war, habe das Krankenhaus aus Sicherheitsgründen verlassen müssen. Panik habe sich breitgemacht, so Tedros Ashanom Ghereyesus, der Vorsitzende der WHO in einer Nachricht bei X. Laut dem Gesundheitsministerium ist bei den Angriffen ein 16-jähriger Junge im Rollstuhl erschossen worden, der sich am Eingang zum Krankenhaus befand und auf dem Weg in die radiologische Abteilung war.
Amid intense bombardment and hostilities in close proximity of Kamal Adwan Hospital in northern #Gaza yesterday, 33 people were reportedly killed just outside the facility.
Given the volatile security situation, the international medical team —deployed by @WHO five days ago…
— Tedros Adhanom Ghebreyesus (@DrTedros) December 7, 2024
Ärzte ohne Grenzen: Israelische Behörden erschweren Lieferung von medizinischen Hilfsgütern
Ohne medizinisches Equipment keine Versorgung. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert deshalb Israels Blockadehaltung von Hilfstransporten nach Gaza scharf. „Jede Minute, in der lebensrettende Medikamente oder Hilfsgüter wie Hygienesets, Plastikplanen für Zelte und lebensrettende Medikamente von den israelischen Behörden verzögert (…) oder verweigert werden, leiden unsere Patienten unter den Folgen“, so Caroline Seguin, die Notfallkoordinatorin für Ärzte ohne Grenzen in Gaza. Es fehle mittlerweile so viel Equipment, dass das medizinische Personal sich gezwungen sehe, Patienten abzulehnen. Die wenigen Hilfslieferungen, die Gaza noch erreichten, würden zudem häufig geplündert.
Auch sauberes Wasser ist für die medizinische Versorgung unabdingbar, doch israelische Behörden verweigern Helfern, Entsalzungsanlagen nach Gaza zu bringen. Die einzige Alternative sei, Wasser in großen Speichern über Land zu transportieren, doch das sei sehr teuer. Der Transport koste vor allem Benzin, das ebenfalls strikt von Israel rationiert werde, so Seguin. „Das bedeutet ganz einfach, dass es nicht genug sauberes Trinkwasser für die Menschen gibt“, sagt sie.
Die Hilfslieferungen nach Gaza sind zuletzt dramatisch eingebrochen. Vor dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Bombardements Israels waren es noch 500 Lastwagen mit Hilfslieferungen, die pro Tag nach Gaza kamen. Im Juli 2024 waren es noch um die 120, im Oktober 2024 nur noch 40 pro Tag, so Zahlen der UN.
Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet von anhaltenden Bombardements Israels auf Krankenhäuser in Gaza und wirft dem Land Behinderungen in der Einfuhr lebensrettender Hilfsgüter vor. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht kommt die Organisation zu dem Schluss, Israel begehe einen Genozid in Gaza.
Sigrid Kaag warnt UN-Sicherheitsrat: „Das ist eine politische Frage, ein politischer Wille und eine politische Entscheidung“
Am Dienstag sprach Sigrid Kaag, die UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe und Wiederaufbau in Gaza, hinter verschlossenen Türen zum UN-Sicherheitsrat in New York. Dessen ständige Mitglieder sind die USA, Russland, China, das Vereinigte Königreich und Frankreich. Kaag adressierte im Anschluss die Presse. Sie habe zum Rat über die „unmenschlichen Bedingungen“ gesprochen, in denen die Menschen in Gaza versuchten zu überleben. Seit den 1980er-Jahren sei sie wiederholt in Gaza gewesen. Die Situation heute sei „sehr, sehr, düster“. „Nichts bereitet einen auf das vor, was man dort sieht, was man hört und auf die Gespräche, die man mit Palästinensern in Gaza führt“, so Kaag. Sie habe die ganze Welt bereist, um sicherzustellen, dass die Situation in Gaza nicht in Vergessenheit gerate.
Kaag berichtete dem Sicherheitsrat auch von der humanitären Hilfe, die von der UN geleistet wird. Diese verhandelte unter anderem den Zugang zu Gaza und koordinierte Hilfslieferungen aus den Nachbarländern. Doch die Bedürfnisse der Menschen in Gaza seien bei weitem damit nicht befriedigt, sagte sie. Die Mitgliedsstaaten seien gefragt. „Ich habe dem Rat gesagt, dass es keinen Ersatz gibt, kein System kann und wird das Fehlen oder den Mangel an politischem Willen ersetzen oder ausgleichen. Dies ist eine politische Frage, ein politischer Wille und eine politische Entscheidung“, so Kaag am Dienstag.