Im September entdeckten Drogenfahnder im Hamburger Hafen mehr als zwei Tonnen Kokain, die in Bananenkisten in einem Container aus Ecuador versteckt waren. Mitte November stellte die Polizei in einer Fruchtreiferei im sächsischen Grimma mehrere Hundert Kilogramm Kokain sicher – ebenfalls versteckt in Bananenkisten. Anfang Dezember wurden an den Stränden der Nordseeinseln Föhr, Amrum und Sylt Pakete mit rund 175 Kilogramm Kokain angespült.
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Das sind nur drei Meldungen einer langen Liste ähnlicher Vorfälle aus den vergangenen Monaten. Von einer regelrechten „Kokainschwemme“ in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist bei den Ermittlungsbehörden die Rede. Dabei sind die Funde nur die Spitze eines Eisbergs. Riesige Mengen dürften ungehindert nach Deutschland kommen – und werden hier auch immer stärker konsumiert. „Die Lage ist ernst“, sagt der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD).
Immer mehr Konsumenten
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nach den neuesten Daten der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD), die am Donnerstag veröffentlicht werden sollen, setzt sich der Trend der vergangenen Jahre eines stetig steigenden Konsums von Kokain fort.
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Innerhalb von sechs Jahren ist der Anteil der Erwachsenen zwischen 18 und 59 Jahren, die mindestens einmal im Jahr Kokain konsumiert haben, von 0,6 Prozent im Jahr 2015 auf 1,6 Prozent 2021 gestiegen – das sind die aktuellsten Zahlen, die vorliegen. Damit ist – nach der Legalisierung von Cannabis in Deutschland – Kokain die am häufigsten konsumierte illegale Substanz. „Wir gehen davon aus, dass die Zahlen inzwischen weiter gewachsen sind“, heißt es im Bundesgesundheitsministerium.
Kokain – gewonnen aus dem hauptsächlich in Südamerika wachsenden Coca-Strauch – galt lange als elitäre Partydroge der „Reichen und Schönen“. Doch inzwischen ist sie im Alltag angekommen und zu einer Art Volksdroge geworden. Das lässt sich indirekt auch an den Behandlungszahlen ablesen. So hat sich nach einer Untersuchung der Barmer Krankenkasse die Zahl der Menschen, die wegen Kokainmissbrauchs ärztlich behandelt werden mussten, innerhalb von zehn Jahren mehr als verdreifacht. Waren es 2013 noch knapp 20.000 Behandelte, stieg die Zahl 2023 auf 65.000.
Kokain ist Ausgangsbasis für Crack
Die Folgen des Kokainkonsums sind schwerwiegend. Die Droge macht stark abhängig, sie kann zu körperlichen Problemen wie Herzrhythmusstörungen, Nieren- und Leberversagen oder Gehirnblutungen führen. Sie wirkt aber vor allem auf die Psyche und kann unter anderem schwere Psychosen auslösen. Bei Kokainkonsumenten steigt die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes auf das Sechsfache. Kokain ist aber vor allem auch der Ausgangsstoff für eine weitere, noch gefährlichere Droge: Crack.
Tatsächlich mehren sich die Berichte insbesondere aus westdeutschen Großstädten wie Bremen, Düsseldorf und Dortmund über eine massive Verbreitung von Crack, das geraucht und nicht wie Kokain geschnupft wird. Das Mittel wird hergestellt, indem Kokain zusammen mit Natron oder Ammoniak gekocht wird. Der Kick ist stärker, aber kurz. Der Stoff macht sehr schnell extrem abhängig und führt deshalb zu einer raschen, sichtbaren Verelendung der Betroffenen. Konkrete Zahlen zur Verbreitung gibt es bisher nicht, deshalb warnen Drogenexperten davor, schon von einer „Crackwelle“ zu sprechen. Sie verweisen darauf, dass die Cracksüchtigen im Straßenbild viel stärker auffielen als andere Drogenabhängige, weshalb Fehleinschätzungen möglich seien.
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Schnellere Analysen gefordert
Gleichwohl wird die Entwicklung mit großer Besorgnis gesehen, auch weil die Drogensituation in Deutschland bisher nur unzureichend überblickt wird und ein Warnsystem fehlt. Einige Monate dauert es in Deutschland in der Regel, bis Labore Proben untersucht haben. „Wir brauchen mehr und schnellere toxikologische Analysedaten bei Vergiftungen und Todesfällen, aber auch über aufgefundene Substanzen“, mahnt DBDD-Leiterin Esther Neumeier.
Das ist auch deshalb dringend nötig, weil die aktuellen Zahlen auch auf eine zunehmende Verbreitung sogenannter synthetischer Opioide hinweisen, die zigfach stärker wirken als Substanzen wie Heroin und damit auch schnell zum Tode führen können. Bekannteste Vertreterin ist das als „Zombie-Droge“ bekannte Fentanyl, eigentlich ein Schmerzmittel in der Palliativmedizin in Form eines Pflasters. Die Substanz hat in den USA eine landesweite Krise ausgelöst. Es ist billig herzustellen und kommt nach Erkenntnissen von Drogenexperten unter anderem aus China nach Deutschland. Nachweislich 72 Menschen starben 2023 nach dem Konsum von Fentanyl – einzeln oder gemischt mit anderen Substanzen.
Für den Drogenbeauftragten Blienert sprechen die Entwicklungen dafür, die Bekämpfung des illegalen Drogenhandels zu verstärken und die Unterstützung für Drogenkonsumierende auszubauen. Und weil bereits Wahlkampf ist, nimmt sich der SPD-Mann in diesem Zusammenhang den Unionskanzlerkandidaten Friedrich Merz (CDU) vor, der alle Beauftragten der Bundesregierung – also auch den Drogenbeauftragten – auf den Prüfstand stellen will. Ohne Merz zu erwähnen, warnt Blienert: Wer am Hilfesystem säge, spiele auch mit Menschenleben.