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Wellbrock noch nicht

Gibt es in Deutschland Zeitungswüsten? Laut dem Experten Prof. Wellbrock noch nicht. © Montage

Wie steht es um den Lokaljournalismus in Deutschland? Die Ergebnisse der Studie sind gemischt, mit sowohl guten Nachrichten als auch Warnungen.

Es ist die erste deutschlandweite Studie, die zeigt, wie weit das Zeitungssterben vorangeschritten ist. Prof. Christian-Mathias Wellbrock, seit April 2021 Leiter des Bereichs Innovation und Studium im Digital- und Medienmanagement an der Hamburg Media School, und sein Team zeigen, wo der Lokaljournalismus steht und welche Auswirkungen es gibt. Im Interview mit IPPEN.MEDIA beschreibt er die Veränderungen, die Gefahren und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt.

Herr Wellbrock, was war für Sie der zentrale Anstoß, den Zustand des deutschen Lokaljournalismus zu untersuchen und einen „Wüstenradar“ zu erstellen?

Wir wollen zu einer besseren Datenbasis beitragen. Dazu haben wir über einen längeren Zeitraum, grob seit der Wiedervereinigung, die Verbreitung des Lokaljournalismus erhoben. Das ist Voraussetzung, um untersuchen zu können, ob der Wegfall von Lokaljournalismus Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit der Demokratie und die Leistungsfähigkeit der Zivilgesellschaft hat.

Das wurde bisher in dem Maße in Deutschland nicht gemacht?

Im internationalen Vergleich, zum Beispiel mit den USA, gibt es in Deutschland keine gute Datenbasis. Das hat auch etwas mit Wertschätzung gegenüber dem Lokaljournalismus hier zu tun: Wertschätzung zeigt sich auch daran, ob man sich Mühe gibt, etwas zu zählen.

Sie haben ihre Untersuchung „Wüstenradar“ genannt. Wie ist es um den Lokaljournalismus in Deutschland bestellt?

Es gibt einen substantiellen Rückgang des Lokaljournalismus – und er ist im ganzen Bundesgebiet ziemlich gleichmäßig vorangeschritten. Es ist überall etwas weggebrochen. Es gibt natürlich Gegenden, wo das zu heftigeren Ergebnissen führt, weil man dort schon mit weniger Zeitungen angefangen hat. Aber es gibt zumindest auf Landkreisebene noch keine Nachrichtenwüsten in Deutschland und wir konnten auf dieser Ebene keine robusten Effekte auf Wahlbeteiligung und Polarisierungen beim Wahlverhalten sehen.

In die USA ist das anders. Dort gibt es bereits Gebiete ohne Lokaljournalismus, also Wüsten …

Viele Untersuchungen aus den USA zeigen, was passiert, wenn es gar keinen Journalismus mehr gibt: Die Wahlbeteiligung sinkt, die Leute wählen polarisierter und sie sind weniger gut informiert über das, was vor Ort passiert. Es zeigt sich auch, dass diese Gemeinden schlechtere Haushalte haben, sich die Wahlkreisvertreter weniger ins Zeug legen, Unternehmen mindestens weniger ethisch oder weniger moralisch handeln, manchmal auch häufiger illegale Sachen tun. Es geht also um die Leistungsfähigkeit der zivilen Gesellschaft. Ohne Lokaljournalismus verschlechtert sich das deutlich.

Christian-Mathias Wellbrock, seit April 2021 Leiter des Bereichs Innovation und Studium im Digital- und Medienmanagement an der Hamburg Media School, u

Christian-Mathias Wellbrock ist seit April 2021 Leiter des Bereichs Innovation und Studium im Digital- und Medienmanagement an der Hamburg Media School © Sebastian Isacu

Droht das auch in Deutschland?

Es ist auffällig, dass wir in vielen Aspekten des Journalismus-Marktes den USA so 10 bis 20 Jahre hinterherhinken. Deutschland ist natürlich ein kleinerer Markt, trotzdem aber durchaus vergleichbar. Wenn nichts passiert, werden wir hier mit zeitlichem Versatz sehr ähnliche Entwicklungen sehen.

Sie sprechen auch von Polarisierung der Menschen. Welche Rolle spielen Fake News und Propaganda in den betroffenen Gebieten?

Wenn Lokaljournalismus wegfällt, dann wird dieser Teil des Medienkonsums durch andere Inhalte kompensiert, oft durch überregionale oder unterhaltende Themen. Diese Lücke nutzen aber auch Akteuren, die entweder unbewusst journalistische Standards nicht einhalten oder bewusst Desinformation einsetzen.

Welche Handlungsoptionen schlagen Sie vor, um keine Wüsten in Deutschland zu bekommen?

Das ist je nach Akteur unterschiedlich. So kooperieren zum Beispiel die klassischen Medienunternehmen zunehmend miteinander. Das hat sehr viele Vorteile. Man muss nicht jeden Fehler nochmal selber machen, kann sich absprechen. Das andere sind die sehr teuren infrastrukturelle Dinge. Es ist sinnvoll, die gemeinsam anzugehen. Das müsste die Medienwirtschaft noch sehr viel stärker machen.

Und welche Rolle hat die Politik?

Die Politik kann natürlich in vielerlei Dingen aktiv werden. Relativ einfach wäre es beispielsweise, den Journalismus als gemeinnützig anzuerkennen. Das hat steuerliche Vorteile, und man kann leichter Spenden einsammeln und sich von Stiftungen unterstützen lassen. Dadurch werden wir das zwar Problem nicht lösen – aber es wäre hilfreich.

Welche Verantwortung tragen lokale Akteure wie Kommunalpolitiker und Bürgerinitiativen für die Stärkung des Lokaljournalismus vor Ort?

Das ist ein schwieriges Feld, denn der Lokaljournalismus soll ja genau diejenigen kontrollieren, die jetzt dafür sorgen sollen, dass es ihm besser geht. Aber natürlich muss es im absoluten, zentralen Interesse demokratisch denkender Menschen sein, den Lokaljournalismus zu stützen, zu fördern und dazu beizutragen, dass er seine Arbeit machen kann. Denn sonst ist tatsächlich eine wesentliche Säule der demokratischen Gesellschaft in Gefahr.

Als eine Option nennen Sie eine digitale Plattform für Journalismus. Wie kann das aussehen?

Konkret könnte das etwa heißen, dass alle über eine digitale Infrastruktur journalistische Inhalte veröffentlichen. Für die Verlagswelt wäre es hilfreich, wenn die Leute auf ihren Smartphones nicht mehr nur Google News als Zugang für journalistische Inhalte nutzen haben. Als Alternative könnte es einen zentralen Anlaufpunkt geben, bei dem die Journalismusbranche entscheidet, nach welchen Kriterien was ausgespielt wird, wer oben steht und wie das Geld verteilt wird – nicht nach den Kriterien Macht oder Ansehen der Techgiganten. Für die Verbraucher wäre das so eine Art Spotify für Journalismus.

Welche Vorteile liegen in einem Netzwerk mit unterschiedlichen Publikationen?

Das ist hochinnovativ dahingehend, dass man die Prinzipien der Plattformökonomie nutzt. Die stehen ja nicht exklusiv den großen digitalen Unternehmen wie Google oder Meta zur Verfügung. Man kann sie ja auch im Kleineren nutzen. Innerhalb eines Netzwerks muss man nicht alles selber machen. Man kann Inhalte, die es bereits gibt, teilen. Warum sollte man sich als klassisches Medienunternehmen, als Verlag, nicht selber als Plattform sehen und nicht alles immer selber produzieren, sondern teilen? Das geht auch im Lokaljournalismus.