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Schnee auf der Kuppel des Felsendoms auf dem Tempelberg in Jerusalem, Winter 2021. © AFP
Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer im Interview über den Missbrauch Heiliger Schriften im Nahostkonflikt, die wachsende Macht der Radikalen und biblische Friedensappelle.
Frau Krämer, Israel/Palästina ist eine der umkämpftesten Regionen der Erde. Sagen Sie uns, angesichts der konkurrierenden Gebietsansprüche: Wer war zuerst da?
Die Frage ist im Grunde müßig, auch weil es so wenig eindeutige archäologische Befunde gibt. Dennoch behaupten beide Seiten, die Ersten im Land gewesen zu sein. Juden berufen sich dazu auf die Israeliten im heutigen Israel/Palästina, Araber nehmen für sich in Anspruch, von den Kanaanäern oder Kanaanitern abzustammen. Beide beziehen sich auf etwa den gleichen Zeitraum, doch führt keine direkte Linie von den Kanaanäern und Israeliten in die Gegenwart.
Der Konflikt ist von beiden Seiten sehr stark religiös aufgeladen. Zunächst die Juden: Was macht das Land für sie heilig, zum „Eretz Israel“?
Nach der Überlieferung des jüdischen Tanach ( etwa das christliche Alte Testament, d. Red. ) ist das Land heilig, weil Gott mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen hat, in dem er zunächst Abraham und später Moses und ihren Nachkommen dieses Land versprach (daher die Rede vom „Verheißenen Land“). Im Gegenzug erwartete er Gehorsam gegenüber seinen Geboten, vereinfacht gesagt dem jüdischen Gesetz. Daneben erzählt die Bibel von der Besiedlung dieses Landes und der Errichtung israelitischer Königreiche, eine Überlieferung, die bis in unsere Gegenwart große Wirkung entfaltet.
Welche Ausdehnung hatte das verheißene Land demnach?
Dazu gibt es unterschiedliche Angaben, etwa im 1. Buch Mose und in den Büchern Josua und Samuel. Im Buch Josua ist von der Besiedlung durch die zwölf Stämme Israels die Rede. In den Karten, die nach diesem Text gezeichnet wurden, umfasst das „Land Israel“ das heutige Israel und Palästina, den Südlibanon, das südwestliche Syrien und Jordanien. Der Gazastreifen hingegen gehört nicht dazu. Bestimmte nationalreligiöse Kreise in Israel leiten daraus ab, dass man zwar legitime Ansprüche im Libanon und im Ostjordanland besitze, aber nicht in Gaza. Aus dieser religiös begründeten Sicht ist ein Verzicht auf Gaza daher unproblematisch.
Was erfahren wir noch?
An einer anderen Stelle heißt es, dass sich dieses Land von Dan, einer Kultstätte im heutigen Libanon, bis nach Beersheva erstrecke, heute eine Stadt im Negev. Über die Ost-West-Ausdehnung besagt dies nichts. An anderen Stellen ist vom Reich Salomos die Rede, das vom „Bach Ägyptens“ – gemeint ist wahrscheinlich das Wadi Arish im Norden des Sinai – bis an den Euphrat gereicht habe. Das würde ganz Syrien und Teile des Irak umfassen. Wiederum andere biblische Stellen siedeln das Königreich Israel auf beiden Ufern des Jordan an, also nicht nur auf dem Gebiet „From the river to the sea“ (Vom Jordan bis zum Mittelmeer). Alle diese Angaben hat sich die eine oder andere Seite in der Moderne zu eigen gemacht und aus ihnen die entsprechenden Gebietsansprüche abgeleitet.
Neben dem Land spielen auch Jerusalem und der Tempelberg eine wichtige Rolle. Was sagt die religiöse Überlieferung dazu?
Die Tradition zu Jerusalem ist komplex. Der biblischen Überlieferung zufolge wurde in Jerusalem zwei Mal ein jüdischer Tempel errichtet. Der Erste Tempel soll etwa 1000 vor Christus erbaut worden sein, doch sind von ihm keinerlei archäologische Spuren erhalten, und die historisch-kritische Bibelwissenschaft zweifelt inzwischen dieses frühe Baudatum grundsätzlich an. Besser gesichert ist der Zweite Tempel, den die Israeliten nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil im frühen 6. Jahrhundert vor Christus errichteten. Er wurde vor Christi Geburt unter König Herodes stark erweitert, dann aber von den Römern 70 n. Chr. zerstört. Von diesem Tempel ist nur eine äußere Stützmauer erhalten, die wir als Klagemauer kennen.
Die Rabbiner haben aus der Entweihung des Allerheiligsten des Tempels durch die Römer ein Verbot für Jüdinnen und Juden abgeleitet, den Tempelberg zu betreten. Einzelne jüdische Gruppen haben in neuerer Zeit aber das Verbot bewusst gebrochen.
Am folgenreichsten war die Aktion von Ariel Scharon, der als damaliger Oppositionsführer im Jahr 2000 den arabisch verwalteten Tempelberg besuchte.
Richtig, das war der Auslöser für die Zweite Intifada.
Denn auch den Muslimen sind Jerusalem und der Tempelberg heilig. Warum?
Der Koran baut auf der jüdischen und der christlichen Tradition auf und gestaltet diese zu einer spezifisch islamischen Erzählung um. In ihr heißt es unter anderem, auf dem Tempelberg sei die „fernste Gebetsstätte“ errichtet worden, auf Arabisch „al-Aqsa“. Es ist nicht ganz klar, was genau das bedeutet – doch an der Stelle, wo man diese Gebetsstätte lokalisierte, wurden nach der muslimischen Eroberung Jerusalems um 700 der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee errichtet. Damit ist der Tempelberg nicht nur jüdisch, sondern auch islamisch belegt.
Formulieren die religiösen Quellen des Islam auch Gebietsansprüche?
Nein, weder der Koran noch die Tradition des Propheten Muhammad (Sunna). Entsprechende Ansprüche wurden erst in den 1930er Jahren formuliert, mitten in der Auseinandersetzung mit dem zionistischen Projekt der Gründung einer „nationalen Heimstätte§ für das jüdische Volk: Damals entwickelten sunnitische und schiitische Rechtsgelehrte die Idee, das von den Muslimen im 7. Jahrhundert eroberte Land sei ihnen als „fromme Stiftung“ – auf Arabisch Waqf – lediglich in Treuhänderschaft überantwortet und dürfe nicht an Nichtmuslime veräußert werden. Heute ist die Idee in dem Sinn ausgeweitet worden, dass es nicht Gegenstand von Verhandlungen nach dem Prinzip „Land gegen Frieden“ werden dürfe.
Allerdings reagierten die Muslime damit auf ein bekanntes jüdisches, auf die Bibel gestütztes Argument, dem zufolge Gott Abraham mit dem Bundesschluss das ganze Land Kanaan als „ewigen Besitz“ übergeben habe. Dieses Argument hatte im Gegensatz zur islamischen Waqf-Idee tatsächlich historische Folgen. Denn der 1907 gegründete Jüdische Nationalfonds hat allen Besitz, den er in Palästina erwarb, zum „unveräußerlichen Besitz“ des jüdischen Volkes erklärt.

Gudrun Krämer (71) war bis zu ihrem Ruhestand Professorin für Islamwissenschaft an der FU Berlin. Sie ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, des Wissenschaftsrats und Mitherausgeberin der „Encyclopaedia of Islam Three“. Krämer hat eine viel gelesene „Geschichte Palästinas“ und das Buch „Der Architekt des Islamismus. Hasan al-Banna und die Muslimbrüder“ verfasst. FR/Markus Bleyl © Marcus BleylPolarisierte Interpretationen der Geschichte
Damit sind wir bereits in der Moderne. Wie kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu der massiven Politisierung religiöser Vorstellungen von „heiligem Land“?
Ein wichtiger Grund war das Aufkommen des Nationalismus am Ende des 19. Jahrhunderts in Europa. Dort entwickelte sich der Zionismus als jüdischer Nationalismus, und auch der arabische Nationalismus entstand um diese Zeit. Erst der Nationalismus verwandelte religiöse Vorstellungen in territoriale Besitzansprüche.
Welche Rolle hat dabei die Judenverfolgung in Europa gespielt?
Eine enorm große. Es gab zwei Push-Faktoren für den Zionismus, wie er sich ab den 1870ern entwickelte: Der eine Faktor war die Emanzipation europäischer Juden, die bei manchen Gläubigen die Sorge auslöste, das Judentum werde sich assimilieren und schließlich auflösen. Der viel wichtigere Push-Faktor aber waren die christlich begründete Judenfeindschaft (Antijudaismus) und der Antisemitismus in Ost- und Westeuropa, die in der nationalsozialistischen Judenverfolgung und der Shoah gipfelten.
Welchen Anteil hat die Religion an der massiven Zuspitzung des Konflikts, den wir heute erleben?
Einen wachsenden. Wir sehen zwar in Israel einen großen Meinungspluralismus, viele Israelis leben und denken säkular. Zugleich nimmt aber die Gruppe der Ultraorthodoxen mit ihren hohen Geburtenraten zu. Die Ultraorthodoxen haben sich über die Jahre auch dem nationalreligiösen Lager angenähert. Dieses wiederum ist politisch immer stärker geworden und erhebt unter Berufung auf Gott und die Geschichte den Anspruch auf das Land Israel für das Volk Israel, und zwar zumindest „from the river to the sea“, also vom Jordan bis zum Mittelmeer.
… also inklusive Westjordanland?
Ja, in der Wahlplattform des heute regierenden Likud aus dem Jahr 1977 stand die Formel explizit. Zwischenzeitlich stimmten zwar auch Vertreter des Likud der Gründung eines palästinensischen Staates auf der Westbank und in Gaza zu. Die aktuelle Regierung lehnt das aber wieder strikt ab und damit die Zwei-Staaten-Lösung. Dieses Lager spricht auch nicht vom Westjordanland, sondern von „Judäa und Samaria“.
Landläufig wird die Formel „From the river to the sea“ aber der muslimischen Seite zugeschrieben, und sie wird außerdem als antisemitisch eingestuft, weil sie die Vertreibung der Jüdinnen und Juden fordere. Ist das so?
Sie kann antisemitisch codiert sein und auf Vertreibung hinauslaufen, muss es aber keineswegs. Sie wurde jedenfalls nicht von den Palästinensern bzw. Muslimen erfunden, das zeigt ja die Likud-Wahlplattform von 1977. Zudem bedeutet die Forderung nach einem Staat Palästina nicht zwingend, dass die dort lebenden Nichtmuslime vertrieben werden sollen. Vertreter der sogenannten „Einstaatenlösung“ plädieren für einen Staat, der allen Bürgerinnen und Bürgern unabhängig von Ethnizität und Religion gleiche Rechte gewährt. Mit Vertreibung hat das nichts zu tun. Gleiches gilt für die „Zweistaatenlösung“. Die PLO unter Yassir Arafat etwa hat 1993 den Staat Israel ausdrücklich anerkannt und die Errichtung eines palästinensischen Staates neben Israel angestrebt. Aber heute scheint keine dieser beiden Lösungen realistisch, beide dienen sie eher als Visionen.
Zumal ja auch muslimische Gruppen radikalisierte, judenfeindliche Gebietsansprüche formuliert und sie mit dem Islam begründet haben. Zum Beispiel die Hamas.
Ja, die Hamas-Charta von 1988 hat den Konflikt als religiösen definiert, als Kampf gegen die Juden, den sie auch mit antisemitischen Motiven untermauerte. Und sie hielt fest, das Land sei der muslimischen Gemeinschaft von Gott als „fromme Stiftung“ überantwortet worden und deshalb nicht verhandelbar. Ziel sei ein islamischer Staat, der den Angehörigen anderer Religionen keine gleichen Rechte geboten hätte. 2017 rückte die Hamas nach langwierigen innerpalästinensischen Verhandlungen davon ab und erklärte den Konflikt zu einem politischen, der nicht den Juden gelte, sondern den Zionisten. Sie hielt aber an der Legitimität des bewaffneten Kampfes fest. Insgesamt blieb die Erklärung mehrdeutig, eine ausdrückliche Anerkennung des Staates Israel fehlte.
Wie waren die Reaktionen auf die Erklärung?
Negativ. Premier Netanjahu zerriss das Dokument vor der internationalen Presse. Präsident Trump beschloss, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, und die Knesset verabschiedete – gegen zahlreiche Gegenstimmen – ein Nationalstaatsgesetz, das den Staat Israel einmal mehr als Staat von Juden für Juden definierte.
Aktuell erleben wir die massivste Eskalation, beginnend mit dem Hamas-Massaker im Oktober 2023. Jenseits der bitteren Realität: Gibt es andere Interpretationswege der religiösen Quellen, die einen Weg zur friedlichen Koexistenz aufzeigen könnten?
Die gibt es. In den jüdischen und islamischen Quellen lassen sich Belegstellen finden, die alle Menschen guten Willens aufrufen, friedlich und respektvoll miteinander umzugehen. Man muss sie nur nutzen. Die derzeit dominierenden Kräfte auf beiden Seiten tun das nicht. Jenseits im engen Sinn religiöser Motive könnte ich mir aber durchaus vorstellen, dass im Umfeld Israels in absehbarer Zeit wieder Versuche unternommen werden, einen Ausgleich zu finden – gemeint ist vor allem die Golfregion mit Saudi-Arabien. Allerdings ist wegen der Entwicklungen in Syrien und in Iran so viel in Bewegung, dass man den Atem wohl noch einige Zeit anhalten muss.