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Kursk als großes Wagnis: Soldaten der 141. Infanteriebrigade während einer Übung nach der ukrainischen Offensive Anfang August. Jetzt kämpfen dort verschiedene Einheiten offenbar hauptsächlich gegen nordkoreanische Soldaten. Ziel ist das gegenseitige Abnützen (Symbolfoto). © IMAGO/Andriy Andriyenko
Ein kleiner Fluss in Kursk soll Putins Vasallen aus Nordkorea stoppen. Aber auch am Dnipro bekämpfen sich Russen und Ukrainer im Krieg bis aufs Blut.
Plekhovo – „Ein großer Fluss, der die Angriffsrichtung kreuzt, ist für den Angreifer immer sehr ungünstig“, schreibt Carl von Clausewitz. Der preußische Generalmajor, Heeresreformer und Autor des Werkes „Vom Kriege“ hebt ab auf das Nadelöhr, das Verteidigern gegenüber Angreifern einen erheblichen Vorteil verschaffen kann. Das erlebten im Bezirk Kursk jetzt offenbar nordkoreanische Soldaten im Kampf bei Plekhovo – Wladimir Putins Hilfstruppen gerieten im Gefecht um die Ortschaft durch einen strategischen Rückzug der Ukraine in einen Nachteil: Der Fluss Psel als natürliche Barriere bremste ihre Offensive und beschleunigte ihre Verluste, wie aktuell das Magazin Forbes berichtet.
Psel-Desaster für Nordkorea-Soldaten: Verluste im Ukraine-Krieg bis zur Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke
Wie die Ukraine seit Beginn des Krieges im Jahr 2022 um den Fluss Dnipro herum immer wieder erfolgreich russischen Truppen entgegengetreten war, scheinen Flüsse die Ukrainer weiterhin auf Augenhöhe mit den Invasionstruppen zu halten. In Mittel- und Osteuropa sei damit zu rechnen, dass alle 40 bis 60 Kilometer ein größerer Fluss überquert werden müsse. Stünden dafür nicht genügend Übergänge zur Verfügung, müsse die Truppe eigene schaffen, sagt Florian Loges.
„Und dafür gibt es die Pioniere. Brückengerät der Pioniertruppe ist immer dann erforderlich, wenn die Operation die Bewegung eigener Kräfte erfordert. Zum Beispiel beim Angriff, bei der Verzögerung oder einfach nur beim Marsch von Kräften von einem Ort zum anderen“, so der Oberstleutnant vom deutsch-britischen Pionierbrückenbataillon 130 im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt.
Seit dem Fall Plekhovos an die nordkoreanischen Soldaten hätten sich die Ukrainer nördlich und westlich der gewundenen Psel eingegraben und feuerten ungehindert auf die Nordkoreaner und Russen, die sich dem Fluss näherten, ihn überquerten und einen Brückenkopf errichten wollten, schreibt David Axe. Der Forbes-Autor hatte berichtet, die Ortschaft sei lediglich von rund 100 Ukrainern verteidigt worden und die nordkoreanischen Söldner im Dienste Wladimir Putins hätten in drei Wellen angreifen müssen, um Plekhovo einzunehmen.
Laut Axe hätten sich die Ukrainer einer fünffachen Übermacht entgegengestellt. Soldaten der 92. und 94. Spezialbrigade Nordkoreas hätten dort gekämpft. Auf bis zur Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke beziffert der ukrainische Journalist Andriy Tsaplienko ihre Verluste, wie ihn Forbes zitiert.
„Mauer aus Feuerkraft“: Nordkorea erleidet Verluste an der Ukraine-Front am Fluss Siwerskyj Donez
An diesem Rand des rund 600 Kilometer großen Front-Vorsprungs ukrainischer Truppen in russisches Territorium hinein operiert, laut Forbes, das 11. Armeekorps Nordkoreas – dort soll die Phalanx nordkoreanischer Infanterie am helllichten Tag über offene Felder marschiert und „frontal auf eine Mauer ukrainischer Feuerkraft“ gestoßen sein, schreibt das Magazin. Der taktische Rückzug bei Plekhovo im Bezirk Kursk soll eine acht Kilometer tiefe Delle in diesem Frontvorsprung verursacht haben. Der Hintergrund dieser Gefechte mag also möglicherweise weniger in der Stellung Plekhovo an sich gewesen sein, sondern ein willkürliches Ziel, an dem sich die nordkoreanischen Truppen haben aufreiben sollen.
Eine für Russlands Invasionstruppen ähnlich dramatische Situation mag sich nach Medienberichten in den ersten Tagen des Ukraine-Krieges am Fluss Siwerskyj Donez ereignet haben – einem Nebenfluss des Don im Osten der Ukraine nahe Lyssytschansk, beispielsweise hatte davon der Spiegel geschrieben: Dort versuchte eine russische Kampfeinheit, über Pontonbrücken den Strom zu überqueren. Doch das Artilleriebataillon der 17. ukrainischen Panzerbrigade nahm die Behelfsbrücken mit seinen 122-Millimeter-Haubitzen unter Beschuss – mit verheerenden Folgen für die russische Einheit, die aus etwa 1.000 Mann und etwa 50 Fahrzeugen bestand.
Der Spiegel beruft sich auf das Magazin Forbes, wonach etwa drei Dutzend Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge zerstört worden seien. Darüber hinaus sei auch die Pontonbrücke vernichtet worden. Laut einem Bericht des US-Senders CNN versuchten die Russen, eine zweite Pontonbrücke zu errichten. Aber auch diese hätten die Ukrainer zerstört – darauf deuteten Satellitenaufnahmen hin.
Krieg in Kursk um fast nichts: 0,006 Prozent Russlands jetzt in der Hand der Ukraine
Dabei ist der Gewinn in Kursk demgegenüber gerade verschwindend gering: 0,006 Prozent des riesigen russischen Reiches seien jetzt in der Hand der Ukraine, sagte Tagesspiegel-Journalist Christian Tretbar in der Presserunde auf Phönix; das wäre also kein Grund zur Sorge für Putin. Dennoch scheut Putin offenbar keinen noch so hohen Blutzoll – sollte der Psel den Truppen Nordkoreas ihre Offensive durchkreuzen, werden sich die menschlichen Verluste ins Astronomische schrauben.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Auch der vergleichsweise bescheidene Fluss Psel taugt aber als eines der Beispiele für andere Armee, den Krieg der Zukunft anders zu denken, wie Aditya Iyer nahelegt: „Die erfolgreiche ukrainische Verteidigung des Flusses Siwerskyj Donez gegen eine der größten Militärmächte der Welt sollte der US-Armee Anlass zur Sorge geben, da sie die Durchführbarkeit einer Operation zur Überquerung des Wet Gap im gegenwärtigen und zukünftigen Einsatzumfeld erwägt“, schreibt der Major der US-Armee zu den Herausforderungen, die Flussüberquerungen – „Wet Gaps“ – wieder mit sich bringen werden.
Der Fluss im Ukraine-Krieg: „Mittlerweile ist es aber auch fast eine psychologische Barriere“
Für Armeen ein notwendiges Comeback alter Kompetenzen, die mit den Friedensmissionen beziehungsweise den Aufstandsbekämpfungen der vergangenen Jahre in Vergessenheit zu geraten schienen, wie Iyer für die Association of the United States Army zusammenfasst. „Es handelt sich um eine physische Barriere mit militärischem Nutzen, mittlerweile ist es aber auch fast eine psychologische Barriere“, sagt ergänzend Mick Ryan.
Den ehemaligen Generalmajor der australischen Armee und Kriegsanalysten zitiert aktuell die französische Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) in einem Bericht über den Fluss Oskil, der sich von Russland aus in die Region Charkiw schlängelt – wie der Oskil stehen Flüsse seit jeher eher dafür Leben zu spenden und Austausch zu ermöglichen; jetzt ist der Fluss die Front. „Wenn die Russen den Oskil überwinden, bedeutet das, dass die Lage wirklich schlimm ist“, sagte Ryan gegenüber AFP.
Kupiansk gilt als eine der Städte, die sogar durch Flüsse geteilt wird – in diesem Fall dem Oskil – und die sich schließlich durch den Fluss in russisch und ukrainisch kontrollierte Territorien teilen ließen, wie ein ukrainischer Offizieller der Nachrichtenagentur gegenüber erläutert haben soll. Der australische Ex-Soldat erinnerte daran, dass die Schwierigkeiten einer militärischen Operation über einen Fluss hinweg für einen Angreifer einen hohen taktischen oder strategischen Wert bedeuten müssten. Was für den Oskil und das damit zusammenhängende Kupiansk wohl noch gelten mag, scheint für die Ortschaft Plekhovo und den Psel möglicherweise fraglich: Die Ukraine wird einfach den Preis für jeden Meter eroberten russischen Bodens hochtreiben wollen.
Ukraine siegesgewiss: „Daher werden diese Provokationsoperationen für die Russen kostspielig sein“
Der Kiew Independent erinnert aktuell an einen weiteren Ort grandioser Tragik, der mit einem Fluss verbunden ist: „An einem vergessenen Abschnitt der ukrainischen Frontlinie sammeln sich russische Streitkräfte für einen Angriff auf die Dnipro-Inseln“, titelt das Blatt – und erinnert daran, dass der Abnützungskrieg auch dort weitere Opfer fordert, wo niemand genauer hinschaut. Keine der beiden Seiten gewinne die vollständige Kontrolle über die Inseln, zitiert der Independent Viktor Kevliuk .
Dort sollen sich ukrainische Marineinfanteristen gegen die 61. Marineinfanteriebrigade der Nordflotte wehren. Der pensionierte ukrainische Offizier spricht davon „dass die Ukraine in einem anhaltenden Kampf, in dem beide Seiten heftiges Artilleriefeuer und Drohnenangriffe aufeinander abfeuern, ,im Vorteil‘ sei“. wie der Independent schreibt.
„Mit diesen Aktionen will Russland auch verhindern, dass ukrainische Streitkräfte Kursk, Kurachowe und andere wichtige Gebiete verstärken, in denen der Feind vorrückt. Da unsere Artillerie und FPV-Drohnen jedoch in dieser Region aktiv operieren, ist die Frontlinie entlang des Dnipro sicherer. Daher werden diese Provokationsoperationen für die Russen kostspielig sein.“
Ziel sei einzig und allein, sich gegenseitig zu beschäftigen und zu dezimieren, so Dmytro Zhmailo gegenüber dem Blatt: Mit diesen Aktionen wolle Russland auch verhindern, dass ukrainische Streitkräfte Kursk, Kurachowe und andere wichtige Gebiete verstärken, in denen der Feind vorrückt, so der Exekutivdirektor des Ukrainischen Zentrums für Sicherheit und Zusammenarbeit. „Da unsere Artillerie und FPV-Drohnen jedoch in dieser Region aktiv operieren, ist die Frontlinie entlang des Dnipro sicherer. Daher werden diese Provokationsoperationen für die Russen kostspielig sein.“