Die wichtigste Frage zu Claude De Demo muss gleich zu Beginn des Gesprächs geklärt werden: Ist ihr Name der Fantasie entsprungen? „Nein, ganz und gar nicht. Mein Vater hat italienische Wurzeln, ist aber kein Adeliger. Das ‚De‘ wird großgeschrieben“, erklärt die 44-Jährige mit einem Schmunzeln. Auch für den Vornamen hat sie eine Erklärung: „Meine Eltern glaubten ursprünglich, weil ich so einen schnellen und festen Herzschlag hatte, dass ich ein Junge werde. Ich sollte dementsprechend Claude heißen und bei Claude ist es dann geblieben.“

Meine Eltern glaubten ursprünglich, weil ich so einen schnellen und festen Herzschlag hatte, dass ich ein Junge werde.

Claude De Demo

Claude De Demos Vater ist auch der Grund, warum ein Zusammentreffen mit der Schauspielerin, die den meisten seit ihrer Rolle in der ersten Staffel der Serie „Capitani“ ein Begriff sein dürfte, in Luxemburg möglich ist, an einem bitterkalten Samstag im Advent. Er feiert einen Tag später Geburtstag, daher nahm die Tochter die eher beschwerliche Reise vom fernen Berlin, wo sie mit Mann und Kindern lebt, auf sich. „13 Stunden hat es mit dem Zug gedauert.“

Ein Weg, den Claude De Demo gerne auf sich nahm, nicht nur um auf das Geburtstagskind anzustoßen, um einen Journalisten zu treffen oder um berufliche Termine wahrzunehmen. Nein, es ist auch eine Rückkehr in die Heimat, die ihr in Berlin doch etwas abhandengekommen ist.

Claude De Demo bringt mit ihrem aktuellen Stück „#motherfuckinghood“ Tabu-Themen auf die Bühne. Foto: Luc Deflorenne

Das Konservatorium als zweites Zuhause

Das Leben der Schauspielerin begann vor 44 Jahren zunächst in Esch/Alzette, wo sie das Licht der Welt erblickte. Es folgten Kindheit und Jugend in Roedgen. Und auch in der Hauptstadt war sie häufig anzutreffen. Entweder im Lycée Michel-Rodange, an dem sie am Tag des Treffens mit dem „Luxemburger Wort“ mit nostalgischen Gedanken im Kopf vorbeischlendert und feststellen muss, dass sich „fast alles geändert“ hat, oder am Konservatorium. „Dort habe ich quasi meine ganze Jugend verbracht“, so Claude De Demo rückblickend, während sie im Café an einem Tee aus frischer Minze und Ingwer nippt. Klavier- und Diktion-Unterricht standen dort auf dem Programm.

Am Escher Konservatorium war die junge Claude ebenfalls eingeschrieben – „die Nachmittage müssen ja gefüllt werden“ –, besuchte dort unter anderem Schauspielkurse. „Ich hätte so gerne das Jongenlycée in Esch besucht, da man dort Theater spielen konnte. Damals gab es aber keine passende Busverbindung und so bin ich am Lycée Michel-Rodange gelandet.“

Es gibt immer noch wahnsinnig viele Frauen, die sich selbst kasteien und denken, sie seien nicht genug Mutter und Mensch, um ihre Situation zu überstehen.

Claude De Demo

Für ein Theaterstudium entschied sich Claude De Demo, die ursprünglich den Plan gefasst hatte, Köchin zu werden, aber nicht aufgrund ihres inneren Drangs, im Rampenlicht zu stehen. Der wahre Grund klingt mehr als 20 Jahre später beinahe wie ein schlechter Scherz, über den sie selbst lachen muss. „Ich wollte damit einen Typen beeindrucken.“ Und so landet sie schließlich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.

Es folgten unter anderem Stationen in Mannheim, Köln, Bochum, Zürich und Frankfurt. Ihr letztes Engagement, beim Berliner Ensemble, wo auch Landsmann Max Gindorff seit einiger Zeit unter Vertrag steht, beendete sie auf eigenen Wunsch im Sommer. Seit dieser Spielzeit ist sie freischaffend tätig, wird aber am bekannten Theater am Bertolt-Brecht-Platz in der deutschen Hauptstadt immer wieder zu Gast sein. Vor allem mit dem Stück, mit dem sie in den vergangenen Monaten nicht nur das Publikum, sondern auch die Fachpresse begeisterte. Der provokante Titel: „#motherfuckinghood“.

Das Stück, ein Monolog, wurde von ihr und Regisseurin Jorinde Dröse gemeinsam konzipiert. Sie selbst steuerte Texte zu denen anderer Autorinnen bei. „Grob gesagt ist es ein Abend, der sich mit dem Thema Mutterschaft und sämtlichen Klischees diesbezüglich beschäftigt und zusätzlich versucht, Tabus aufzubrechen.“ Es sind Tabu-Themen wie Gewalt in der Geburtshilfe und Sternenmütter, aber auch die weiterhin grassierende finanzielle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die von ihr auf die Bühne gebracht werden.

Die Pandemie als Auslöser

Als Corona über die Welt hereinbrach, als das Theaterleben brach lag, entdeckte die Schauspielerin Bücher, die ihr dabei halfen, sich und andere Frauen besser zu verstehen, endlich nicht mehr sich selbst, sondern vor allem das System als Problem anzuerkennen. „Ich dachte mir damals: Man sollte Frauen eine Plattform bieten und diese Themen ansprechen. Es gibt immer noch wahnsinnig viele Frauen, die sich selbst kasteien und denken, sie seien nicht genug Mutter und Mensch, um ihre Situation zu überstehen.“

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Claude De Demo ist selbst zweifache Mutter, ihr Sohn ist acht, die Tochter 13 Jahre alt. Sie lebt mit Gatte Marc Oliver Schulze, einem deutschen Schauspieler, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, dort, wo alle ihre Kolleginnen und Kollegen leben, wie man in der Szene gerne scherzhaft sagt. „Daher wollte ich es zunächst auch nicht ansprechen“, wirft sie lachend ein.

Das Thema Kinderbetreuung sei für viele Schauspielerinnen und Schauspieler wie „ein Tanz mit Stöckelschuhen auf dem Vulkan“. Ohne eine Handvoll Babysitter sei dies kaum zu stemmen. Die gesamte Betreuungssituation gelte in Deutschland seit Jahren als verheerend. Daher findet auch die herrschende Care-Krise in „#motherfuckinghood“ ihren Platz.

Wenn jetzt Angebote kommen, hindert mich gar nichts daran, hier zu arbeiten.

Claude De Demo

Jede Aufführung des Stücks laufe anders ab, es komme nie Routine auf, die Aufregung am Tag des Auftritts sei sogar größer als bei anderen Projekten. „Vielleicht auch, weil mir das Thema so wichtig ist und ich mir immer Gedanken darüber mache, ob ich das Publikum erreiche.“ Diese Sorge sei bislang unbegründet gewesen, denn sie merke regelmäßig, wie sehr „#motherfuckinghood“ die Menschen bewege. „Da wird dann auch mal laut geweint.“

Es gebe regelmäßig positive Rückmeldungen, vor allem von Müttern. „Viele Frauen schreiben mir und bedanken sich, dass sie sich endlich sichtbar und dadurch nicht mehr alleine fühlen.“ Auch sie selbst sei am Stück gewachsen und habe erkannt: „Ja, ich bin durch die Mutterschaft zur Feministin geworden“.

Die 44-jährige Schauspielerin lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern seit einigen Jahren in Berlin. Foto: Luc Deflorenne

Am 12. und 13. März feiert „#motherfuckinghood“ Luxemburg-Premiere. „Ich bin schon ganz gespannt, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer im Kapuzinertheater reagieren werden: eher verhalten und freundlich oder doch so reaktiv wie in Berlin.“ Auch das Feedback ihrer Mutter steht noch aus. „Die hat das Stück nämlich noch nicht gesehen.“

Zurück zu den Wurzeln

Claude De Demo ist „wahnsinnig gerne“ zu Gast in Luxemburg, beruflich wie privat. „Ich habe manchmal richtiges Heimweh.“ Dieses Gefühl sei erst durch die Corona-Beschränkungen stärker hervorgetreten. „Als plötzlich die Grenzen dichtgemacht wurden und ich nicht zu meinen Eltern konnte, um sie nicht zu gefährden … das war fürchterlich.“ Dabei wollte sie in jungen Jahren zunächst raus aus Luxemburg. Deutschland war ihr Ziel. „Frankreich schied aus: Ich fühlte mich im Französischen nicht frei genug.“

Am 12. und 13. März feiert ‚#motherfuckinghood‘ endlich Luxemburg-Premiere.

Frei sein, das gelingt ihr auf der Bühne meistens gut. „Dann kann ich viel Energie loswerden. Ich bin frecher, nicht so verklemmt. Wenn ich mich unwohl fühle, Menschen oder Räume nicht gut kenne, bin ich etwas reservierter.“ Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, fühlt sie sich hingegen pudelwohl.

Nur eines können Claude De Demo diese Bretter nicht geben: eben jenes fehlende Heimatgefühl. Ihr fehle die Sprache, das Essen, die Kultur, wie sie sagt. Deutschland sei, trotz der sprachlichen Nähe, eben doch ein anderes Land.

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„Wenn jetzt Angebote kommen, hindert mich gar nichts daran, hier zu arbeiten.“ Auf Luxemburgisch zu spielen ist, wie sie zugibt, zwar keine Herausforderung, aber doch ungewohnt. „Die deutsche Sprache verbinde ich doch sehr mit meinen Figuren. Luxemburgisch ist einfach viel näher an mir dran.“

In diesen Tagen, an Weihnachten, wenn Claude De Demo mal wieder ein wenig Zeit im Großherzogtum verbringt, wie sie abschließend beim Heißgetränk mit Minze und Ingwer berichtet, wird zumindest zum Hauptgang keine wirklich typische Traditionsspeise des Landes aufgetischt. Soweit reicht die Heimatliebe dann doch nicht. „Meine Mutter und ich haben uns für Rindfleisch entschieden, dazu wird es wohl Trüffelpüree geben.“ Die Zutaten werden „natürlich morgens früh um 6“ besorgt, in der Provençale. „Auch das ist für mich Luxemburg.“