Ein detaillierter Plan für einen Waffenstillstand in Gaza zwischen Israel und der Hamas liegt schon sehr lange vor. Die Sorge, wie Trump als US-Präsident die Lage beeinflussen könnte, brachte Bewegung in die Gespräche.

Das Abkommen, um das Israel und die palästinensische Hamas in den vergangenen Tagen gerungen haben, ist überfällig. Denn der dreistufige Plan, der ein Ende der Kämpfe, einen Austausch von Gefangenen sowie den schrittweisen Rückzug der israelischen Armee aus Gaza vorsieht, liegt seit Monaten auf dem Tisch. Ende Mai war US-Präsident Joe Biden als Vermittler gescheitert: Israels Premier Benjamin Netanjahu hatte sich entschieden gegen jeden Deal gestellt, solange die Hamas nicht zerstört sei. Diese wiederum konnte sich verhandlungsbereit präsentieren – ohne die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten unter Beweis stellen zu müssen.

Kritiker in Israel beschuldigen Netanjahu, gegen den mehrere Korruptionsverfahren laufen, schon lange, sich aus Angst vor dem Ende seiner politischen Laufbahn zum Erfüllungsgehilfen der messianischen Siedler in seiner Koalition zu machen. Weiten Teilen der Siedlerbewegung liegt ebensowenig am Frieden mit den Palästinensern wie den Fanatikern der Hamas an einer Koexistenz mit Israel. Doch im Gegensatz zu Netanjahu, der seit Kriegsbeginn jede Debatte über eine Nachkriegsordnung in Gaza verhindert, haben sie einen Plan: die Vertreibung möglichst vieler Palästinenser und den Ausbau jüdischer Siedlungen. Um diese Agenda voranzutreiben, dient der Krieg ihnen als Vehikel.

Über 10.000 Palästinenser getötet und auch viele Israelis

Dessen Kosten tragen andere: In den acht Monaten seit dem gescheiterten Anlauf zu einem Kriegsende sind in Gaza mehr als 10.000 weitere Palästinenser, mindestens acht israelische Geiseln und 120 israelische Soldaten getötet worden. Der militärische Gewinn ist indes selbst laut den israelischen Sicherheitsbehörden dürftig: Deren Spitzen sprechen sich seit Monaten für Verhandlungen aus. Der Hamas als Guerilla scheint die israelische Armee trotz aller Übermacht ohnehin nicht beizukommen: Laut einer Recherche des „Wall Street Journal“ rekrutiert sie eine neue Generation von Kämpfern unter den ausgebombten und teils mehrfach vertriebenen Bewohnern des Gazastreifens. An der „Zurückhaltung“ Israels, wie manche Rechte behaupten, dürfte das kaum liegen: Dessen Armee greift systematisch auch zivile Ziele wie Krankenhäuser, Schulen und Moscheen sowie Geflüchtetenlager an.

Israel will sich mit Trump gut stellen

Jetzt kommt die Hoffnung auf ein Abkommen vom künftigen US-Präsidenten Donald Trump. Dessen Unberechenbarkeit und vage Drohungen scheinen sowohl bei der Hamas als auch in Israel für Bewegung zu sorgen: bei der Terrorgruppe womöglich aus der Einsicht, dass es trotz der beispiellosen humanitären Katastrophe in Gaza noch schlimmer werden könnte. Und auf israelischer Seite will man sich offenbar mit Trump gut stellen.

Unabhängig von diesen Motiven lassen die Verhandlungen im katarischen Doha in Israel wie im Gazastreifen viele hoffen. „Zwei Millionen Palästinenser in Gaza warten auf einen Waffenstillstand, müde, hungrig, trauernd und hilflos. Gott, brich uns nicht das Herz“, schrieb etwa die palästinensische Journalistin Bisan Owda aus Gaza auf Instagram. Selbst wenn ein Waffenstillstand halten sollte, was stark bezweifelt werden darf: Wie sollen die Palästinenser vergeben, dass Israel Gaza zum weltweit tödlichsten Ort für Kinder gemacht hat? Wie die israelische Gesellschaft, dass die Hamas sie mit ihrem Massaker am 7. Oktober 2023 und dem Spiel mit dem Leben der Geiseln wie nie zuvor gegen sich selbst aufgebracht hat? Gegenüber dem Umgang mit dem unvorstellbaren Ausmaß an Trauer, Wut und Hass nach 15 Monaten Krieg erscheint das Ringen um einen Waffenstillstand fast wie die kleinere Herausforderung.