Dann soll es schnell gehen: Die Feuerpause soll laut der Einigung am Sonntag um 11.15 Uhr MEZ in Kraft treten. Weitere Verzögerungen aufgrund von Einspruchsmöglichkeiten solle es entgegen ersten Berichten nicht mehr geben, hieß es am Freitag in israelischen Medien.

Die erste Geiselfreilassung, bei der drei entführte Frauen aus der Gefangenschaft im Gazastreifen befreit werden sollen, solle um 16.00 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr MEZ) stattfinden, wie israelische Medien berichteten. Die Familien der Geiseln seien informiert worden, hieß es am Freitag aus Premier Benjamin Netanjahus Büro. Es würden Vorbereitungen getroffen, die freigelassenen Geiseln bei ihrer Rückkehr zu empfangen.

Zwist über Detailfragen

Der Vermittlerstaat Katar hatte bereits am Mittwoch eine Einigung zwischen Israel und der islamistischen Hamas auf eine Waffenruhe verkündet, in deren Zuge Geiseln im Austausch gegen palästinensische Häftlinge freikommen sollen. Nach israelischen Angaben gab es jedoch zuletzt noch Zwist über Detailfragen.

Netanjahu hatte der Hamas vorgeworfen, in letzter Minute Zugeständnisse erpressen zu wollen. Medienberichten zufolge soll es darum gegangen sein, welche palästinensischen Strafgefangenen – unter ihnen verurteilte Terroristen – im Gegenzug für die israelischen Geiseln auf freien Fuß kommen. Die Hamas hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Mindestens zwei Minister gegen Deal

Mindestens zwei von Netanjahus Ministern haben sich gegen das Abkommen ausgesprochen: Der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir kündigte für den Fall einer Zustimmung der israelischen Regierung zum Waffenruheabkommen für den Gazastreifen seinen Rücktritt an. Auch der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotritsch stellte sich gegen die Einigung mit der Hamas.

Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir

Reuters/Oren Ben Hakoon

Sicherheitsminister Ben-Gvir kündigte bei Zustimmung der Regierung seinen Rücktritt an

US-Außenminister Antony Blinken gab unterdessen an, er gehe davon aus, dass die Waffenruhe wie geplant am Sonntag in Kraft treten werde. „Ich bin zuversichtlich und gehe fest davon aus, dass die Umsetzung (des Abkommens) am Sonntag beginnen wird“, sagte Blinken am Donnerstag (Ortszeit) in Washington.

Die palästinensische Seite meldete indes am Donnerstag weitere israelische Angriffe im Gazastreifen. Laut der örtlichen Zivilschutzbehörde wurden seit Mittwochabend mindestens 80 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Die Essedin-al-Kassam-Brigaden, der bewaffnete Arm der Hamas, warnte Israel, dass die anhaltenden Angriffe im Gazastreifen die dort festgehaltenen Geiseln gefährdeten und „die Freiheit eines Gefangenen in eine Tragödie verwandeln“ könnten.

Feuerpause soll zunächst 42 Tage gelten

Der Gaza-Krieg dauert bereits mehr als 15 Monate. Ausgelöst worden war er durch den beispiellosen Großangriff der Hamas und mit ihr verbündeter Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023. Dabei wurden israelischen Angaben zufolge 1.210 Menschen getötet und 251 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel reagierte mit Angriffen auf die Hamas in Gaza, bei denen nach palästinensischen Angaben mehr als 46.700 Menschen getötet wurden. Die UNO stuft die nicht überprüfbare Zahl als glaubhaft ein.

Sechswöchige Feuerpause

Die Feuerpause soll zunächst für 42 Tage gelten. In der Zeit sollen 33 der insgesamt 98 verbliebenen Geiseln in der Gewalt der Hamas freigelassen werden. Wie es am Donnerstag hieß, findet sich auch der Name des 39-jährigen österreichisch-israelischen Doppelstaatsbürgers Tal Shoham auf der Liste der freizulassenden Geiseln.

Im Gegenzug dafür sollen israelischen Angaben zufolge Hunderte palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freikommen. Israels Militär soll sich aus den dicht bevölkerten Gebieten Gazas zurückziehen.

Grafik zu den Eckpunkten des Gaza-Waffenstillstands

Grafik: APA/ORF; Quelle: AP/BBC

Während dieser Phase verhandeln die Seiten über die konkreten Schritte der darauffolgenden Phasen, die zum vollständigen Rückzug des israelischen Militärs aus Gaza, der Freilassung der letzten Geiseln und zu einer palästinensischen Selbstverwaltung im Gazastreifen führen sollen. Wird keine Einigung erzielt, könnte der Krieg weitergehen.

Rückkehr von Flüchtlingen und Hilfslieferungen

Laut Letztstand der Vereinbarung soll sich die israelische Armee nach Inkrafttreten der Waffenruhe nach und nach aus bewohnten Gebieten des Gazastreifens zurückziehen, zunächst aber nicht vom Philadelphi-Korridor entlang der Grenze zu Ägypten. Israel befürchtet, dass die Hamas von dort wieder Waffen in den Gazastreifen schmuggeln könnte.

Die in den Süden des Küstenstreifens geflohenen Menschen sollen sich wieder frei im Gazastreifen bewegen und unter internationaler Aufsicht in ihre Wohngebiete im Norden zurückkehren dürfen. Weiters sei vorgesehen, dass pro Tag 600 Lkw-Ladungen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gebracht werden. Auch Treibstoff soll in den weitgehend zerstörten Küstenstreifen gelangen.

Kompletter Rückzug aus dem Gazastreifen

Während der sechswöchigen Phase eins sollen laut US-Präsident Joe Biden die notwendigen Vereinbarungen ausgehandelt werden, um zu Phase zwei zu gelangen: zu einem dauerhaften Ende der Kämpfe. Die Waffenruhe solle andauern, solange diese Verhandlungen liefen – auch falls sich das länger als sechs Wochen hinziehe.

Alle Geiseln in der Hand der Hamas sollen bis dahin freigelassen werden, das israelische Militär sich dann komplett aus dem Gazastreifen zurückziehen.

In der dritten Phase sollen laut Biden die Leichen getöteter israelischer Geiseln an ihre Familien zurückgegeben werden. Außerdem soll der Wiederaufbau im Gazastreifen beginnen. Die Umsetzung des Abkommens soll von Katar, Ägypten und den USA garantiert werden. Diese drei Staaten haben über Monate zwischen Hamas und Israel vermittelt. Direkte Gespräche zwischen den Kriegsparteien gab es nie.