Maria* ist seit etwa 20 Jahren als Sexarbeiterin in Luxemburg aktiv. Die 39-jährige Französin erzählt im Gespräch mit „Contacto“ von ihrer Entscheidung, Sexarbeit zu leisten, von ihrem Leben auf der Straße und von der zunehmenden Gewalt. Diese hat sie dazu veranlasst, Strategien zu entwickeln, um in einem Land zu überleben, das Prostitution zwar toleriert, aber keine Grundversorgung wie Sozialversicherung garantiert.

Es waren die Sicherheit und das Geld sowie die Tatsache, dass sie sich in einer neuen Stadt ohne vertraute Blicke bewegte, die sie nach Luxemburg brachten. „Ich hatte gehört, dass es dort Geld gibt und wir sicher sind“, erinnert sie sich. In den vergangenen zwei Jahrzehnten verbrachte sie zwei Monate in der Schweiz, kehrte aber bald nach Luxemburg zurück. „Entweder Luxemburg oder gar nichts“, sagte sie lachend.

Die Frau gibt aber auch diverse Details aus dem Prostitutionsmilieu preis und spricht offen über die Zunahme der Gewalt. Ein Zustand, den DropIn, der Dienst des Roten Kreuzes, der Sexarbeiterinnen und Drogenabhängige unterstützt, anprangert, die Polizei aber nicht kommentiert.

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Klar ist, dass Prostitution in Luxemburg nicht verboten, sondern „geduldet“ ist. Das sogenannte Luxemburger Modell „verbiet generell jeder Person, sich auf öffentlichen Straßen zum Zwecke der Prostitution zu exponieren“, erklärt das Ministerium für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf Nachfrage. Es gibt jedoch eine Ausnahmeregelung zwischen 20 Uhr und 3 Uhr an der hauptstädtischen Rue d’Alsace (Abschnitt zwischen der Place de la Gare und der Rue Wenceslas 1er) und der Rue Wenceslas 1er, sofern dies „die öffentliche Sicherheit, Gesundheit und Ruhe nicht beeinträchtigt“.

Wenn ich mit einem Kunden zusammen bin, bin ich allein. In einem Bruchteil einer Sekunde kann alles passieren.

Maria

Sexarbeiterin

Auch Maria arbeitet in der Hauptstadt – und das jeden Abend. Sie ist überzeugt davon, dass die Sicherheitslage sich in den vergangenen Jahren verschlechtert hat, insbesondere seit der Corona-Pandemie. Dabei berichtet sie von wiederholten Überfällen, Betrug mit Falschgeld und körperlicher Gewalt.

Die Polizei ruft Maria nicht. „Wir trauen uns nicht. Als Prostituierte ist unsere Position heikel. Wir können die Polizei rufen, aber es würde nicht weiterverfolgt werden. Viele Frauen wollen keine Anzeige erstatten.“

Die Verschlechterung der Sicherheitslage hat sie auch dazu veranlasst, in Frankreich nach einer Unterkunft zu suchen: „Wir haben Angst und fühlen uns unsicher.“ Damit ist sie nicht allein. In einem Interview mit „Contacto“ und „Radio Latina“ im vergangenen Jahr sprach Ashanti Berrend, stellvertretende Direktorin des DropIn, von einer Zunahme der Gewalt gegenüber Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern. Weniger Respekt, mehr Diebstähle und sogar Vergewaltigungen, so lauteten ihre Schlussfolgerungen.

Nur Kondome und Feuchttücher in der Tasche

Um sich zu schützen, hat Maria ihr Verhalten geändert. Sie meidet den Wald oder Parkplätze, die weit außerhalb der Stadt liegen. „Dort ist es gefährlich geworden. Aus Vorsicht wähle ich Parkplätze in der Nähe der Stadt“, gesteht sie. „Ich habe Angst. Es ist nicht mehr wie früher.“ Auf der Straße versucht sie in der Nähe der „anderen Mädchen“ zu bleiben, damit diese sich das Nummernschild des Autos notieren können, falls etwas passiert. Maria trägt auch keine hohen Absätze, damit sie im Notfall weglaufen kann. Ihr Handy und ihr Geld behält sie in der Hosentasche, in ihrer Handtasche hat sie nur Kondome und Feuchttücher.

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„Wenn ich mit einem Kunden zusammen bin, bin ich allein. In einem Bruchteil einer Sekunde kann alles passieren“, sagt sie und erinnert an den Mord an einer jungen Rumänin im Jahr 2016, die während der Prostitution ermordet wurde.

Die Gewalt hat im Bahnhofsviertel zugenommen, sagt Maria. Foto: Shutterstock/Dieses Bild wurde mit KI generiert.

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„Die Polizisten laufen herum. Ich sehe sie im Auto vorbeifahren, sie verlangsamen das Tempo und schauen. Manchmal verlangen sie die Ausweisdokumente“, erzählt sie. Maria wurde bereits zweimal zu einer Geldstrafe von 1.000 Euro verurteilt. Als sie Hilfe benötigte, sei ihr aber nicht geholfen worden.

Die Schuldgefühle des Opfers

„Viele jener Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen, werden überfallen. Sie werden geschlagen und sogar vergewaltigt, während sie von den Behörden nicht ernst genommen oder sogar beschuldigt werden, manchmal auch von der Gesellschaft aufgrund ihres Status als Sexarbeiterinnen. Eine Arbeit, die mit vielen Stigmata verbunden ist“, erklärt Ashanti Berrend, stellvertretende Direktorin von DropIn.

Wenn es ein Problem mit einem Kunden gibt, sagen wir es den anderen.

Maria

Sexarbeiterin

Maria erwähnt den Zusammenhalt unter Sexarbeiterinnen auf der Straße: „Wenn es ein Problem mit einem Kunden gibt, sagen wir es den anderen. Wir sind solidarisch.“

In diesem Bereich spielt DropIn eine wichtige Rolle, deren Ziel es ist, die Frauen zu schützen. An einer Wand können die Sexarbeiterinnen eine Tabelle einsehen, auf der die Autokennzeichen, Automarken und körperlichen Beschreibungen der als gefährlich eingestuften Kunden verzeichnet sind. Der Gedanke dahinter ist, dass sie diese meiden können und sich schützen können.

„Ständige Polizeipräsenz“ im Bahnhofsviertel

„Contacto“ und „Radio Latina“ baten die Polizei um eine Reaktion auf Marias Aussagen. In der Antwort, welche die Redaktion per E-Mail erhielt, gab es keine Reaktion auf Marias Behauptungen über die angebliche Untätigkeit der Beamten. In puncto Kontrollen versichert die Polizei, dass „eine ständige Präsenz im Bahnhofsviertel gewährleistet ist, sowohl von der Polizei als auch der lokalen Polizei“.

„Fuß- und mobile Patrouillen und sogar Patrouillen in Fahrzeugen durchstreifen und kontrollieren regelmäßig die Straßen, einschließlich der Straßen, die gemäß Artikel 39 der allgemeinen Polizeiverordnung der Stadt Luxemburg eine bestimmte Form der Prostitution ausnahmsweise dulden“, so die Polizei. Sie fügt jedoch hinzu, dass „die Patrouillen sich nicht nur auf die Prostitution konzentrieren, sondern Straftaten im Allgemeinen verhindern sollen“ und „jede festgestellte Situation oder Straftat von den Beamten behandelt wird“.

Nicht nur der Drogenhandel ist im Bahnhofsviertel ein Problem – auch Gewalt und andere Verbrechen gehören zum Alltag.  Foto: Marc Wilwert/LW-Archiv

Auf die Frage, ob die Beamten häufig von Sexarbeitern um Hilfe gebeten werden, antwortet die Polizei, dass sie über keine speziellen Statistiken verfügt, aus denen der Status oder der Beruf des Anrufers hervorgeht. Auch über die Zunahme der Gewalt in der Prostitution gibt es keine „spezifischen Statistiken“, genau wie über die Anzahl der zu Geldstrafen verurteilten Prostituierten.

Die Polizei erklärt, dass diese Daten in Statistiken wie „Zuhälterei“ und „Menschenhandel“ im weiteren Sinne enthalten sind, die sich auf das ganze Land und nicht nur auf die Hauptstadt beziehen. „Der Staatsanwaltschaft wurden im Jahr 2023 insgesamt 27 Straftaten und zwischen Januar und April 2024 acht Straftaten gemeldet“, so die Polizei.

300 Euro pro Nacht

Maria träumte einst davon, frei zu sein. „Ich arbeite für mich und ohne feste Arbeitszeiten.“ Die Prostitution war eine bewusste Entscheidung: „Ich lebte bei meinen Eltern, alles war gut. Es gab keine Probleme. Ich wollte es tun, weil ich Geld haben wollte, aber nicht 40 Stunden pro Woche arbeiten wollte.“ Damals war sie 21 Jahre alt.

Ihre Entscheidung hätte sie fast die Beziehung zu ihrer Familie gekostet. „Sie haben sehr schlecht reagiert, als sie es erfuhren. Sie hatten Angst, dass mir etwas passieren könnte“, erinnert sie sich. Einer ihrer Brüder hat sogar mehrere Jahre lang den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Aber sie hatte sich entschieden. Es ist dieses Gefühl der Freiheit, das sie auch 20 Jahre später noch in ihrem Beruf hält. Heute verdient sie durchschnittlich 300 Euro pro Nacht. Vor der Pandemie seien es regelmäßig „500, 600, 700 oder 800 Euro“ gewesen.

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mich nicht als Prostituierte.

Maria

Sexarbeiterin

Maria hatte Klienten, in die sie sich verliebte, einige wurden Freunde, andere lebenslange Freunde. Maria hat nie versucht, mit der Prostitution aufzuhören. „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mich nicht als Prostituierte. Es ist der Job, der mir am meisten Spaß macht. Es ist stärker als ich“, sagt sie und lächelt.

„Prostitution soll legalisiert werden“

Maria ist sich der Risiken und Gefahren ihres Berufs bewusst. Er hat bereits körperliche Spuren bei ihr hinterlassen und könnte die Verwirklichung eines ihrer größten Träume, jenen, Mutter zu werden, gefährden. Sie weiß auch, dass sie nicht bis an ihr Lebensende als Prostituierte arbeiten kann oder möchte. Wie sieht es mit der Zukunft aus? „Alles ist möglich.“

Maria bedauert, dass Fälle von Übergriffen auf Sexarbeiterinnen nicht in die Schlagzeilen geraten: „Niemand spricht darüber.“ Prostitution, Gewalt und damit verbundene Verbrechen fänden nachts statt, wenn die Stadt schlafe. Dabei würde der offensichtliche Mangel an Schutz für diese Arbeiter unter den Teppich gekehrt werden. „Letztlich denke ich, dass es besser wäre, wenn die Prostitution legalisiert würde, damit wir Rechte und eine Rente bekommen, denn offen gesagt, haben wir nichts“, klagt Maria.

* Maria ist ein fiktiver Name. Der richtige Name der Frau ist der Redaktion nicht bekannt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf der Website von „Contacto“. Übersetzung und Überarbeitung: Nadine Schartz.