„Schön, dass Sie da sind.“ Das ist der Empfang in Sachsenhausen am 2. Februar 2025. Der Satz ist ehrlich gemeint, ganz ohne doppelten Boden. Und doch: Ehe man antworten kann, ebenso freundlich, schaudert man kurz. Gesagt haben die SS-Männer diesen Satz ganz sicher keinem, der vor 85 oder 90 Jahren hier ankam — verhaftet, gezwungen, drangsaliert. Aber gedacht … mit einer ganz anderen Bedeutung.

141 Luxemburger waren unter den 200.000, die Heinrich Himmler, Adolf Hitlers Handlanger fürs Deportieren und Morden der den Nazis Missliebigen, hierher bringen ließ, ins Konzentrationslager am Rand von Oranienburg, gut 30 Kilometer nordwestlich von Berlin. 36 haben die Qualen nicht überlebt. 17 starben, weil die Lebensbedingungen im Lager mörderisch waren. 19 ermordete die SS in der Nacht zum 2. Februar 1945. Sie wurden erschossen, sagt 80 Jahre danach Astrid Ley, die stellvertretende Leiterin der heutigen Gedenkstätte Sachsenhausen, „weil sie standhaft geblieben waren“. Weil sie, sagt Ley, „der Barbarei“ widerstanden.

80 Jahre später fällt in Deutschland die Brandmauer

Die Gedenkfeier am Sonntagnachmittag fällt auf einen Tag, an dem Deutschland in Aufruhr ist. Vier Tage zuvor ist im Deutschen Bundestag ein Tabu gebrochen worden. Erstmals in 75 Jahren Nachkriegs-Republik haben dort die konservativen Parteien CDU und CSU vorsätzlich einen Antrag, der sich gegen Flüchtlinge richtet, mit den Stimmen der mindestens in Teilen rechtsextremen AfD durchgebracht. Nur Stunden zuvor hatte das Parlament der Opfer der NS-Diktatur gedacht.

Erinnerungstafel an die Luxemburger in der Freiluftausstellung in Sachsenhausen. Foto: Cornelie Barthelme

Und nun sind knapp hundert Luxemburger nach Sachsenhausen gekommen, um sich und andere hier an ihre NS-Opfer zu erinnern. Besonders an die 15 Soldaten der Freiwilligenkompanie, die zwei Gendarmen und die zwei Polizisten, die sich weigerten, einen Eid auf Hitler zu leisten, die Befehle der Nazis zu befolgen, die ihr Land besetzt hatten, und auch deren Uniformen zu tragen. Als „gefährliche Gefangene“ galten sie deshalb, daran erinnert Luxemburgs Botschafterin in Deutschland, Sylvie Lucas. Diese Nazi-Einschätzung bedeutete ihren Tod.

Dass ihre Familien, ihre Freunde, ihre Erben, das ganze Großherzogtum von ihren Todesumständen weiß, aber auch von ihrer Tapferkeit: Dafür hat, neben anderen, René Trauffler gesorgt, Sachsenhausen-Häftling auch er. Trauffler berichtete, was er selbst noch im Lager nach der Mordnacht erfahren hatte, er recherchierte, er schrieb auf, er hielt die Erinnerung wach.

Ihr Tod erinnert uns daran, dass unsere Pflicht ist, niemals zuzulassen, dass Hass und Ignoranz wieder überhandnehmen.

José Gaasch-Trauffler

Nun, 80 Jahre danach, steht seine Tochter, José Gaasch-Trauffler, ein paar hundert Meter entfernt vom „Industriehof“, dem Hinrichtungsplatz. Zwischen Kiefern findet sich hier seit 2002 das Mahnmal für die 19: Eine hölzerne Skulpturengruppe von Marie-Josée Kerschen, die die Männer aufgereiht zeigt, dicht an dicht schützen 18 im offenen Kreis einen Einzelnen in der Mitte — das perfekte Symbol für Zusammenhalt.

„Diese Männer“, sagt José Gaasch-Trauffler, „Väter, Söhne, Brüder, Freunde — waren Menschen, die ihre Heimat liebten.“ Und, sagt sie: „Ihr Tod erinnert uns daran, dass unsere Pflicht ist, niemals zuzulassen, dass Hass und Ignoranz wieder überhandnehmen.“

Die Schüler des Lycée agricole legten für jeden der 19 erschossenen Luxemburger eine weiße Rose vor dem Mahnmal nieder. Foto: Cornelie Barthelme

Am Rand der Feier sind auch die Ereignisse im Bundestag ein Thema. Die Gäste mit deutscher Biographie äußern sich besorgt, die Luxemburger auch. Noch weiß in Sachsenhausen niemand, dass sich in Berlin zehntausende Menschen treffen, um gegen jede Zusammenarbeit mit der AfD zu demonstrieren.

Botschafterin Lucas zitiert am Ende ihrer Rede die Mahnung des Auschwitz-Überlebenden Marian Turski, die gerade acht Tage alt ist. „Seid nicht gleichgültig!“ Das sei seine Botschaft an alle, vor allem aber an die jungen Menschen.

Schüler des Lycée agricole setzen sich ein gegen das Vergessen

Junge Luxemburger, Schülerinnen und Schüler des Lycée Agricole aus Gilsdorf, sind auch hier — um Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft zu verbinden. Sie lesen einen Text des Journalisten Pierre Grégoire vor, selbst fast fünf Jahre im KZ, auch in Sachsenhausen. Und mahnen dann, „auf keinen Fall“ dürfe „vergessen werden, was vor 80 Jahren in Europa geschehen ist — anderenfalls sind wir verdammt, die Geschichte noch einmal zu durchleben“. Dann legen sie für jeden der 19 eine weiße Rose vor das Mahnmal, an jeder eine Luxemburger Flagge, auf der ein Name steht.

Die Teilnehmenden berührt das so stark wie die Reden von Camille Diener, Präsident des Polizeimuseums, und von Nicolas Wenner, Aumônier der Armee und Polizei. Wenner nennt die mutigen 19, die ja an Mariä Lichtmess erschossen wurden, ein Licht — und fordert die Besucher auf: „Lasst uns zusammen ein Licht sein für eine gute Zukunft.“ Diener hat einen konkreten Vorschlag: „Gedenken, nachdenken, überdenken, hinterfragen, wachsam sein und überlegen, was man in unserem schnelllebigen digitalen Zeitalter, hauptsächlich den sozialen Medien, alles liest, schreibt, kommentiert und weiterleitet.“

Rechts vom Mahnmal stehen Soldaten, links Polizisten — als vergrößerten sie die Gruppe der 19, verlängerten ihre Courage in Gegenwart und Zukunft. Vor der „Heemecht“ und der „Sonnerie aux Morts“ hat ein Quintett der Armee zur Niederlegung der Rosen das Lied von den Moorsoldaten gespielt, das Häftlinge des Konzentrationslagers Börgermoor 1933 schrieben. Es berichtet von ihrer Qual — aber endet mit Zuversicht. „Ewig kann nicht Winter sein!“ An diesem eisigen 2. Februar siegt die Kraft der Sonne über das Wolkengrau, pünktlich zum Beginn der Gedenkstunde. In Berlin zählt die Polizei am Nachmittag 160.000 Demonstrantinnen und Demonstranten, die Veranstalter des „Aufstands der Anständigen“ melden 250.000. Auf manchen Transparenten steht die Warnung: „Es ist 5 vor 1933.“