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Die deutschen Gasspeicher gehen schneller zur Neige als üblich. Experten sehen in den EU-Befüllungszielen eine Überregulierung und fordern flexibleren Markt – ansonsten entstünden Fehlanreize.

Berlin – Bereits Mitte Dezember waren sich die meisten Wetterexperten einig: Der Winter 2024/25 könnte einer der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen sein. Die Entwicklung könne gar „in die Geschichtsbücher“ eingehen, erklärte Diplom-Meteorologe Dominik Jung, der auch für IPPEN.MEDIA schreibt. Doch auf dem Energiemarkt ist von dieser Wärme nichts zu spüren. Denn anders als die Temperaturen, die im Januar 2025 mehr als ein Grad (1,1 Grad) über dem Jahresdurchschnitt seit 1990 (0,9 Grad) lagen, gehen die Vorräte in den deutschen Gasspeichern rapide zurück.

Deutsche Gasspeicher leer wie nie: Füllmenge beträgt 42 Prozent statt der üblichen 71 Prozent

Am 15. Februar lag ihr Füllstand bei rund 42 Prozent – im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt noch 71 Prozent. Dabei sind die Speicher essenziell, um saisonale Verbrauchsschwankungen auszugleichen und die Versorgungssicherheit für Haushalte und Industrie zu gewährleisten. In den Sommer- und Herbstmonaten werden sie traditionell befüllt, um im Winter als Puffer zu dienen. Um eine stabile Energieversorgung sicherzustellen, schreibt das deutsche und EU-weite Gasspeichergesetz vor, dass die Speicher bis zum 1. November mindestens zu 90 Prozent gefüllt sein müssen. Und das aus gutem Grund: Laut Bundesnetzagentur hat die deutsche Industrie zuletzt neun Prozent mehr Erdgas verbraucht als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Heizungsthermostat und Gasflamme als Symbolbild für Energie- und Nebenkosten mit Euro-Geldscheinen.

Die Preise für Gas am Energiemarkt stiegen rasant – und könnten negative Folgen für die Befüllung der deutschen Gasspeicher haben. © IMAGO

Trotzdem ist der niedrige Füllstand nicht allein durch gestiegene Nachfrage zu erklären – eine Hauptursache liegt auf der Importseite. Deutschland bezog in den vergangenen Monaten bis zu 14 Prozent weniger Erdgas als zuvor. Besonders drastisch: Die Lieferungen aus Norwegen und den Niederlanden sind fast um die Hälfte eingebrochen.

Gas-Importe gingen im Winter wegen hoher Preise zurück –„negativer Spread“ droht

Das hat unter anderem mit der Marktlage zu tun: Der Preis an der Energiebörse EEX liegt derzeit bei rund 52 Euro pro Megawattstunde, weshalb Händler ihre Bestände lieber gewinnbringend verkaufen, anstatt die Speicher aufzufüllen. Bis hierhin nichts Ungewöhnliches – der Verkauf von Gas im Winter ist ein bekanntes Muster. Doch dieses Jahr gerät der gewohnte Rhythmus aus dem Gleichgewicht: Die Gaspreise für Sommerlieferungen 2025 (52 Euro) liegen über denen für den Winter 2025/26 (49 Euro). Diese Preisumkehr – auch „negativer Spread“ genannt – macht den Einkauf im Sommer unattraktiv. Normalerweise füllen Händler die Speicher genau in dieser Zeit, weil die Preise niedriger sind.

Doch wenn das Gas im Sommer teurer ist als im Winter, fehlt der wirtschaftliche Anreiz für eine frühzeitige Befüllung – ein Dilemma, was die Versorgungssicherheit gefährden könnte.

Trading Hub Europe (THE) gewährleistet deutsche Energiesicherheit – zu jedem Preis?

Für die Energiesicherheit ist in Deutschland seit 2021 die Trading Hub Europe (THE) verantwortlich. Die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber EnBW oder ONTRAS Gastransport fungieren als Gesellschafter und kooperieren für einen effizienten, zuverlässigen und einheitlichen Gasmarkt in Deutschland. Zudem ist die THE verpflichtet, ausschließlich zum Wohl der Verbraucher in Deutschland zu agieren und nicht gewinnorientiert. In der Gaskrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine entwickelte die THE weitreichende Strategien, die durch alternative Gasimporte aus den USA, Katar und Norwegen für mehrere Milliarden Euro die deutsche Energieversorgung sichern sollte. Angesichts der aktuellen Preisumkehr diskutiert die THE darüber, Subventionen für Unternehmen einzuführen, die trotz der höheren Preise Gas in die Speicher einspeisen.

Was als Anreiz für den Markt gedacht ist, könnte allerdings auch den gegenteiligen Effekt verursachen: einen rasanten Preisanstieg.

THE bietet Energiehändlern für Gas Subventionen an – aber nur mit Zustimmung des Bundes

Das bedeutet konkret: Sollte sich abzeichnen, dass Deutschland Schwierigkeiten hat, die gesetzlich vereinbarten Füllbestände zu erreichen, könnten die Preise steigen. Um diese Entwicklung zu verhindern will die THE den Unternehmen eine Mindesteinnahme garantieren, die zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis liegen soll. Das bestätigte eine Sprecherin des THE der WirtschaftsWoche. Ein Haken: Um diesen Schritt gehen zu können, braucht es die Zustimmung der Bundesnetzagentur und des Bundeswirtschaftsministeriums. Durch die Bundestagswahl könnte sich dieser Schritt noch verzögern. Fraglich bleibt, wie lang das Zeitfenster für eine richtungsweisende Entscheidung offen ist.

Experten befürchten, dass sich die wirtschaftspolitischen Akteure darauf verlassen, dass die THE im September oder Oktober aufgrund ihrer gesetzlichen Verpflichtung wie 2022 mit Gaszukäufen einspringt.

Experten und Verbände fordern mehr Flexibilität bei Befüllungszielen von Erdgas

Dass diese dann allerdings deutlich über dem Marktpreis lägen, erklärt sich aufgrund der Kurzfristigkeit von selbst. Andere Experten fordern hingegen eine stärkere Marktsteuerung und eine flexiblere Handhabung der Befüllungsvorgaben, um unnötige Fehlanreize zu vermeiden. Kerstin Andreae, Vorsitzende des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), sieht diesen Mechanismus gar als Relikt der Energiekrise, das nicht mehr zu den heutigen Umständen passt: „Eine staatliche Marktintervention durch die gesetzlichen Vorgaben hat großen Einfluss auf das Marktverhalten und zeigt sich als Fehlanreiz in Bezug auf die saisonale Eindeckung. Diese Marktverzerrungen müssen kurzfristig reduziert werden“, heißt es in einer Pressemitteilung des BDEW.

Vielmehr könne mehr Flexibilität bei den Füllstandzielen „zu einer Beruhigung des Marktes beitragen“. Diese Meinung teilt auch das die Bundesregierung: So hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz von Robert Habeck – unter anderem mit Frankreich – die EU bereits in der Vergangenheit dazu aufgefordert, die starren Zielsetzungen zu lockern.

Habeck-Ministerium macht Druck auf EU-Kommission – doch die hat andere Pläne

„Wir unterstützen weniger starre Anforderungen an die Speicherfüllstände. Mehr Flexibilität kann dafür sorgen, dass der Druck, alle Gasspeicher gleichermaßen zu füllen, abnimmt und sich die Marktbedingungen normalisieren“ sagte ein Sprecher aus dem Ministerium gegenüber Reuters. In den Gesprächen äußerten einige EU-Länder laut Insidern die Sorge, dass die EU-Zielvorgaben dem Markt das Bild vermittelten, dass die Europäer ab einem bestimmten Punkt zum Kauf von Gas verpflichtet sind – egal zu welchem Preis.

Zum vorliegenden Fall hat sich die Kommission noch nicht geäußert. Doch bereits zuvor hatte sie angekündigt, die Nachfüllziele auch über das Jahr 2025 hinaus zu verlängern.