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Vielfältig gefährlich: Der Saab Gripen während einer Luftfahrzeug-Messe in Indien Mitte Februar. Das Arsenal der neuen Versionen des schwedischen Allround-Jets wird sich jetzt um den Taurus-Marschflugkörper erweitern. © Idrees Mohammed / AFP
Langstrecken-Abschreckung gilt als neue Doktrin der Nato. Schweden setzt auf Taurus. Grund für Putin, dem Westen verstärkt mit Atomraketen zu drohen.
Stockholm – „Kann Ziele in Russland treffen“, schreiben Bo Torbjörn Ek und Ewa Stenberg. Die beiden Autoren von Schwedens Tageszeitung Dagens Nyheter bezeichnen damit Taurus-Marschflugkörper, die der jüngste Nato-Partner Schweden jetzt in Deutschland bestellt hat. Als Ziele haben die Schweden Wladimir Putins Invasionstruppen ausgemacht – sollten die nach der Ukraine auch gegen Skandinavien operieren wollen. Worauf sich die Schweden offenbar verstärkt einstellen. Laut Dagens Nyheter wolle das Land jetzt erstmal eine Waffe ins Arsenal aufnehmen, die Ihnen potenzielle Angreifer auf Hunderte von Kilometern vom Leib hält.
Das Blatt bezieht sich auf den Jahresbericht der schwedische Verteidigungsmaterialverwaltung (Försvarets materielverk, FMV); demnach sollen die Marschflugkörper bestellt werden, um damit die schwedischen Kampfjets JAS Gripen C zu bestücken. Das schwedische Verteidigungsministerium hatte im Oktober vergangenen Jahres veröffentlicht, das von Jahresbeginn 2025 an die mit „E“ bezeichnete kampfwertgesteigerte Version des JAS Gripen 39 in der schwedischen Luftwaffe eingeführt werden solle. Dieser Flieger ist für die Aufnahme des Taurus optimiert. Gleichzeitig läuft die Modernisierung der bisherigen Flieger auf die Variante „D“.
Lehre aus Ukraine-Krieg: Aufrüstung der schwedischen Luftwaffe
„Die Verlängerung des Gripen C/D-Vertrags ist ein wichtiger Schritt vorwärts für unsere nationale Verteidigung“, sagte Lars Tossman, Ende vergangenen Jahres gegenüber dem Magazin FlightGlobal. „Die Integration neuer, moderner Raketensysteme zeigt unser Engagement für die Bereitstellung hochwertiger Lösungen“, so der Leiter des Geschäftsbereichs Luftfahrt bei Saab. Die Schweden erhalten wohl die Taurus KEPD 350; möglicherweise die mit „E“ bezeichnete Exportvariante mit auf die Kunden zugeschnittenen Modifikationen. Die Reichweite von mehr als 500 Kilometern soll für beide Varianten gleich sein.
„Russland könnte befürchten, dass das Bündnis mehr militärische Ressourcen entlang der langen finnisch-russischen Grenze konzentrieren wird. Zudem könnte Russland Marineoperationen in der Ostsee als riskanter erachten oder sich über Bedrohungen seiner Exklave Kaliningrad Sorgen machen, die bald von Nato-Mitgliedsstaaten umzingelt sein wird.“
Mit der Aufrüstung der eigenen Luftwaffe macht Schweden klar, wie ernst das Land die Bedrohung durch Russland nimmt. Als „Zusammenbruch der russischen Außenpolitik“ bezeichnet Daniil Miroshnichenko den Eintritt Schwedens in die Nato als 32. Mitglied am 7. März 2024. Der Politikwissenschaftler der American University in Washington D.C. sieht darin einerseits eine Stärkung der Kontrolle der Ostsee und andererseits die Schwächung der russischen Rhetorik gegenüber einer weiteren Erweiterung der Nato gen Osten – was schon durch den Beitritt Finnlands ad absurdum geführt wurde, weil die Grenze Russlands zur Allianz auf 2.547 Kilometer verlängert und somit fast verdoppelt wurde.
Hinfällig ist dadurch auch die ursprüngliche Begründung des Ukraine-Krieges, zu dem sich Wladimir Putin genötigt fühlte, weil er der Nato-Erweiterung durch die Aufnahme der Ukraine zuvorkommen wollte. Damit hat er die beiden Staaten Finnland und Schweden der Allianz in die Arme getrieben – und Schweden hat damit seine 205-jährige Tradition der Neutralität im Handumdrehen aufgegeben. Im Gegenteil berichtet Dagens Nyheter davon, dass Schweden davon ausgehe, das eigene und den Rest des Nato-Territoriums dadurch verteidigen zu können, dass deren Luftwaffe im baltisch-russischen Raum operiere und somit die Marschflugkörper weit ins nach Russland hineintragen könne, wie Mats Helgesson angedeutet habe.
Gegen Russland mit Taurus: „Man muss nicht hineingehen und eine Bombe über dem Ziel abwerfen“
„Man muss nicht hineingehen und eine Bombe über dem Ziel abwerfen“, sagte der Generalmajor und ehemalige Chef der Luftwaffe gegenüber Dagens Nyheter. Schweden wäre das vierte Land, das die Taurus nutzt. Neben Deutschland haben sie Spanien und Südkorea eingeführt. Von 2028 an soll die Taurus-Waffe in der schwedischen Luftwaffe einsatzbereit sein. 600 Exemplare der vom europäischen Unternehmen MBDA (Matra BAe Dynamics Aérospatiale) zusammen mit Saab Bofors Dynamics entwickelten Waffe zum Zweck der Zerstörung von zum Beispiel Bunkern, Radarstationen und anderen Hochwert-Zielen weit hinter den feindlichen Linien hat die Bundeswehr im Bestand.
Schweden folgt damit dem skandinavischen Weg der raschen Aufrüstung seiner Truppen – wie beispielsweise Dänemark: „Kaufen, kaufen, kaufen“, soll Mette Frederiksen ihren Verteidigungsminister angewiesen haben. „Kaufen Sie alles, was hier und jetzt zu einer besseren Verteidigung und zu einer stärkeren Abschreckung beitragen kann“, zitiert die Tagesschau Dänemarks Ministerpräsidentin. Auch der Guardian berichtet, dass die Skandinavier ihren Verteidigungshaushalt auf mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hochschrauben wollen. Sieben Milliarden Euro will das kleine Land in 2025 und 206 in die Verteidigung pumpen. Wie viele Taurus-Flugkörper der Nachbar Schweden bestellen will, wird noch geheim gehalten.
Marschflugkörper machen Druck: „Neue Flanken, neue Ängste“
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte Ende vergangenen Jahres verlauten lassen, 600 neue Taurus-Flugköprer der kampfwertgesteigerten Version „Neo“ kaufen zu wollen, obwohl noch kein Geld dafür da ist. Diese sollten aber 2029 einsatzfähig sein; damit könnten dann ältere Taurus an andere Nato-Partner abgegeben werden. Allerdings soll die Hälfte der deutschen Taurus-Marschflugkörper überaltert und daher bis auf Weiteres nicht einsatzfähig sein.
„Neue Flanken, neue Ängste“, hatte bereits Anfang 2023 das Magazin War on the Rocks (TWZ) behauptet: Die skandinavischen Partner würde eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa schaffen und neuen Handlungsdruck auf Russland auslösen, schreiben Nicholas Locker und Heli Hautala. „Russland könnte befürchten, dass das Bündnis mehr militärische Ressourcen entlang der langen finnisch-russischen Grenze konzentrieren wird. Zudem könnte Russland Marineoperationen in der Ostsee als riskanter erachten oder sich über Bedrohungen seiner Exklave Kaliningrad Sorgen machen, die bald von Nato-Mitgliedsstaaten umzingelt sein wird“, so die Autoren.
Wie das schwedische Verteidigungsministerium im Oktober vergangenen Jahres mitgeteilt hat, scheint die schwedische Rüstungsindustrie zielgerichteter aufzurüsten als die deutsche, wie deren To-Do-Liste zeigt: Nachkäufe und Modernisierungen von Kampffahrzeugen und Panzern, die Verstärkung der Flugabwehrfähigkeit, Entwicklung eigener Raketenartillerie, Beschaffung weiterer Drohnen und Ergänzung der bereits bestellten 72 Archer-Artilleriesysteme.
Nach dem Ukraine-Krieg: Schweden beweist Anspruch auf Führungsfähigkeit unter den Nato-Partnern
Auch mit der Nachrüstung durch die Taurus beweist Schweden den Anspruch auf Führungsfähigkeit unter den Nato-Partnern, ähnlich wie Polen. „Mitte der 2000er Jahre war die deutsche Bundeswehr nur noch halb so groß wie zu Zeiten des Kalten Krieges, während die britische Armee nur eine einzige Brigade in Afghanistan stellen konnte. Deutschland und Großbritannien galten und gelten als Nato-Schwergewichte. Der Zustand kleinerer Nato-Armeen war sogar noch bedenklicher“, schrieb Gil Barndollar Anfang vergangenen Jahres im Magazin Foreign Policy. Dem Analysten gilt Schweden als Modellarmee.
Möglicherweise werden die neuen weitreichenden Waffen der Schweden für Russland den Grund bilden, die Eskalation gegen die Nato weiter voranzutreiben. Wie Lokker und Hautala schreiben, wird Russlands Fähigkeit zu konventioneller Augenhöhe mit der Nato auf sich warten lassen. Gegen vermeintlich mindestens 600 neuen Taurus-Raketen in der Nato wird Russland lange nichts antworten können – anders als mit seinem nuklearen Arsenal. Die schwedischen Taurus könnten also Russland zu einer neuen Rüstungs-Offensive zwingen.
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Wie TWZ Ende vergangenen Jahres berichtete, gründe sich der neuerliche Fokus der Nato auf Langstreckenschläge vor allem auf die Entwicklung russischer taktischer Atomraketen, die offenbar in immer moderneren und weitreichenderen Ausführungen produziert würden. Neue Raketentypen und neue Stationierungen würden von wiederholten Atomdrohungen von Präsident Wladimir Putin begleitet, sowie von Hinweisen, dass Russlands Hemmschwelle für den potenziellen Einsatz von Atomwaffen möglicherweise gesenkt worden sei, schreibt TWZ-Autor Thomas Newdick.
Schweden setzt jedenfalls auf Offensive zur Stärkung seiner Defensive, wie die schwedische Regierung Ende vergangenen Jahres angekündigt hat: „Dazu gehört, systematisch daran zu arbeiten, Wachstumshemmnisse innerhalb der Gesamtverteidigung abzubauen. Ziel und Ansatz der Regierung ist es, das Tempo der Wiederbewaffnung zu beschleunigen.“