Thomas Zeltner leitete einst das Bundesamt für Gesundheit, nun will er die WHO retten. Kann das gelingen?

WHO-Helfer beliefern ein Gesundheitszentrum in Nord-Darfur. Mit dem Austritt der USA stehen mehrere Hilfsprogramme auf der Kippe.
WHO-Helfer beliefern ein Gesundheitszentrum in Nord-Darfur. Mit dem Austritt der USA stehen mehrere Hilfsprogramme auf der Kippe.

Lindsay Mackenzie / WHO

«Uh, that’s a big one», sagte Donald Trump grinsend, als er am ersten Tag als neuer US-Präsident ein Dekret nach dem anderen unterschrieb und irgendwann zu jenem Papier kam, das den Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation, WHO, ankündigte. Trump legte die Mappe vor sich hin und sagte, die USA würden von der WHO unfair behandelt und müssten viel zu viel bezahlen. Dann griff er zum Stift und unterschrieb.

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Trumps Unterschrift hat die WHO in eine Existenzkrise gestürzt. Denn die USA waren bisher der grösste Beitragszahler der WHO, vergangenes Jahr überwiesen sie 700 Millionen an den Hauptsitz nach Genf – ein Fünftel des WHO-Budgets. Bei Programmen gegen Aids und Tuberkulose zahlen die USA sogar weit mehr als die Hälfte der Kosten. Die Abhängigkeit ist riesig.

Doch es gibt einen Plan, wie die Finanzen der WHO gerettet werden könnten. Eine Stiftung mit Sitz in Genf soll ihr neues Geld zuführen. Präsidiert wird sie von Thomas Zeltner, einem ehemaligen Schweizer Spitzenbeamten und internationalen Gesundheitsexperten. Von 1991 bis 2009 führte Zeltner das Bundesamt für Gesundheit, krempelte die Drogenpolitik um und wurde als Befürworter einer präventiven Gesundheitspolitik bekannt. Nun hat er sich der WHO verschrieben.

«Der Austritt der USA war ein Schock», sagt er. «Aber langsam löst sich die Schockstarre.» Zeltner, 78 Jahre alt und nebenbei noch Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes, ist ein Verfechter der internationalen Zusammenarbeit. «Die Welt braucht ein Zentrum für globale Gesundheitsfragen», sagt er. Doch lässt sich die WHO tatsächlich mit einer Stiftung retten?

Weibeln für die WHO

Die WHO hadert schon länger mit finanziellen Klumpenrisiken. Nicht nur die USA, auch einzelne andere Länder wie Deutschland steuern einen hohen Anteil der Einnahmen bei. Kommt hinzu: Die verpflichtenden Beiträge der Staaten sind relativ klein, das meiste zahlen sie freiwillig für spezifische Programme – und können da rasch kürzen, wenn sie wollen.

Gleichzeitig wuchs das Engagement von Privaten. Die Stiftung von Bill und Melinda Gates ist heute der zweitgrösste Beitragszahler der WHO. 2018 setzte die WHO eine Kommission ein, um zu prüfen, wie die Abhängigkeit von Staaten verringert und mehr private Spender gewonnen werden könnten. Thomas Zeltner leitete die Kommission. «Schon damals war eine Hauptsorge der WHO, dass ihr das Geld ausgehen könnte.»

Thomas Zeltner leitete knapp 20 Jahre lang das Bundesamt für Gesundheit. Er gilt als internationaler Experte für Gesundheitspolitik.
Thomas Zeltner leitete knapp 20 Jahre lang das Bundesamt für Gesundheit. Er gilt als internationaler Experte für Gesundheitspolitik.

Keystone

Daraus entstand 2020 die Idee für eine Stiftung, welche für die WHO Geld eintreiben sollte. Zeltner zögerte nicht lange, zahlte die Rechtskosten für die Stiftungsgründung und trieb per Telefon einen ersten Grossspender auf, einen Mäzen aus den USA. «Der Mann war gerade am Autofahren und versprach mir spontan, eine Million Franken zu spenden», sagt Zeltner. «Das hat mich sehr gerührt.»

Seither hat die Stiftung viele weitere Spender gewonnen, etwa die UBS Optimus Foundation oder Firmen aus dem Pharma- und IT-Bereich. So hat die Stiftung in den ersten fünf Jahren seit ihrer Gründung 75 Millionen Dollar an die WHO überwiesen. Doch angesichts des jährlichen Budgets der WHO von 3,9 Milliarden Dollar ist das ein Tropfen auf den heissen Stein.

Jeder dritte Franken fliesst in die Verwaltung

Zudem muss die Stiftung wohl noch effizienter werden. Zurzeit beschäftigt sie fünfzig Angestellte in verschiedenen Ländern, der gesamte Betrieb kostet 10 Millionen Dollar pro Jahr. Gemäss Angaben der Medienstelle fliesst heute jeder dritte Dollar, den die Stiftung einwirbt, in die Verwaltung. Doch Zeltner relativiert. «Es gehört dazu, dass man zuerst eine Struktur aufbauen muss.» Das Ziel sei, den Anteil der Verwaltungskosten nun stetig zu reduzieren und gleichzeitig mehr Geld einzutreiben.

So ist der Geschäftsführer der Stiftung Anfang Jahr in die USA gereist, um neue Spender zu gewinnen. Und die Stiftung setzt auch auf neuere philanthropische Methoden, wie zum Beispiel «Impact Investments». Dabei handelt es sich um Beiträge von Investoren an ein bestimmtes Projekt, das später einen Gewinn abwerfen soll.

Doch wie aussichtsreich ist es, Private für Spenden im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu gewinnen? Zumal für eine Organisation, deren Ruf in der Pandemie in gewissen Gesellschaftskreisen gelitten hat?

Experte: «Stiftungen sollten nicht den Staat ersetzen»

Georg von Schnurbein ist Professor an der Universität Basel und Experte für Philanthropie und das Stiftungswesen. Er sagt, Stiftungen hätten im Bereich der öffentlichen Gesundheit eine lange Tradition. «Man denke an die Rockefeller Foundation, die Anfang des 20. Jahrhunderts eine eigene Universität gegründet hat, um Tuberkulose und Typhus zu erforschen.» Und gerade auch während der Pandemie hätten viele Firmen und Universitäten mit der WHO zusammengearbeitet.

Das Problem liegt laut von Schnurbein anderswo: bei den schieren Dimensionen. «Die Lücke, die die USA hinterlassen, ist zu gross», sagt er. «Einzelne Stiftungen können unmöglich in einer so kurzen Zeit ganze Staaten ersetzen.» Laut von Schnurbein müsste die WHO-Stiftung nun Personen oder Firmen finden, die bereit sind, grosse und langfristige Zuwendungen zu versprechen, etwa durch Legate oder Firmengewinne.

Doch solche Spenderinnen und Spender dürften zurzeit besonders umkämpft sein. Bekanntlich zieht sich die USA nicht nur aus der WHO zurück, sondern streicht auch Entwicklungsgelder in der Höhe von rund 50 Milliarden Dollar. Hunderte Hilfsorganisationen weltweit werden sich nun nach neuen Geldgebern umschauen. Das erhöht die Konkurrenz.

Zudem droht laut von Schnurbein ein Bumerang-Effekt. Wenn sich immer mehr Private für die öffentliche Gesundheit und die Entwicklungszusammenarbeit einsetzen, würden die Staaten aus ihrer Verantwortung entlassen – und könnten geneigt sein, noch mehr öffentliche Gelder zu streichen. «Es sollte nicht die Aufgabe der Philanthropie sein, den Staat zu ersetzen», sagt von Schnurbein. Besser sei es, gemischte Finanzierungsmodelle zu finden.

Hat die WHO-Stiftung im schlimmsten Fall also gar einen negativen Effekt? Immerhin hat mit Argentinien bereits ein weiterer WHO-Gegner den Austritt angekündigt. «Das ist eine ungute Entwicklung», sagt Zeltner. Doch er ist überzeugt, dass es die Stiftung braucht. «Auch wenn der Support bröckelt, dürfen wir nicht aufhören, uns für die Menschlichkeit einzusetzen.»

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