Die Schockstarre, die große Teile der deutschen Politik und Gesellschaft nach der abrupten Kehrtwende der amerikanischen Außenpolitik in den vergangenen Tagen befallen hat, scheint auch die Vertretungen und Institutionen Amerikas hierzulande sowie viele Amerikaner, die in Deutschland leben, erfasst zu haben. Was ist aus dem Amerika geworden, das an der Seite Europas stets für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eingetreten ist, fragen sich nicht nur Deutsche.

Viele Amerikaner in der Rhein-Main-Region äußern nach den Verbalattacken von US-Präsident Donald Trump gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und insbesondere nach dem Eklat im Weißen Haus, bei dem der Ukrainer von Trump und dessen Vizepräsident Vance vor laufenden Kameras zurechtgewiesen und gedemütigt wurde, Unverständnis und Entsetzen.

Öffentlich wollen sich die wenigsten äußern, aber hinter vorgehaltener Hand wird Trump heftig dafür kritisiert, dass er mit seiner „Politik der verbrannten Erde“ viel von dem Vertrauen zerstöre, das seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden sei. Immer wieder ist von einer „Zeitenwende“ in den amerikanisch-europä­ischen und amerikanisch-deutschen Beziehungen die Rede.

„Jahrzehnte der warmen Worte“ abgelöst

Jahrzehntelang habe es keinen Zweifel daran gegeben, dass die USA und Europa Verbündete und Freunde seien, die sich aufeinander verlassen könnten und die – manifestiert durch die NATO – dieselben Werte teilten. All das stelle Trump jetzt quasi von einem Tag auf den anderen infrage. Elon Musk, enger Vertrauter des Präsidenten, fordert sogar den Austritt der USA aus der NATO und aus den Vereinten Nationen.

Wenn Trump bereit ist, die Ukraine fallen und Putin triumphieren zu lassen, sind die amerikanischen Sicherheitsgarantien für den Rest Europas dann überhaupt noch etwas wert? Diese Frage stellen sich in diesen Tagen auch viele Amerikaner in Hessen.

In der Community gibt es kaum Trumpisten

Ralph Freund, Unternehmensberater in Frankfurt und im Vorstand der „US Republicans Abroad Germany“, eines Vereins, der zur Auslandsorganisation der Trump-Partei „Republicans Overseas“ gehört, ist einer der wenigen, die sich offen äußern. Er sagt: „Sie finden hier in der Community praktisch keinen Trumpisten.“ Ihm seien nur wenige Amerikaner in Deutschland bekannt, die die Ansichten und die Linie des Präsidenten teilten. „Die meisten sind solidarisch mit der Ukraine und den europäischen Verbündeten.“

Nach Ansicht von Freund sieht Trump Europa nicht als strategischen Partner, sondern als militärisch und politisch schwachen Konkurrenten. Die Aufmerksamkeit des Präsidenten gelte Russland und vor allem China – „Europa ist ihm ziemlich egal“. Freund sieht schon jetzt einen erheblichen Schaden für die transatlantischen Beziehungen und setzt wie viele in der amerikanischen und deutsch-amerikanischen Community in Rhein-Main seine Hoffnungen in die US-Zwischenwahlen im November 2026, bei denen ein Drittel der Senatoren und das gesamte Repräsentantenhaus neu gewählt werden. „Das könnte für Trump zum Problem werden, wenn die Amerikaner bis dann die Auswirkungen seiner Wirtschaftspolitik zu spüren bekommen.“

Beim US-Militär herrscht Schweigen

Offizielle Reaktionen vonseiten des amerikanischen Militärs in Deutschland gibt es nicht. Überall herrscht Schweigen, selbst das Verteidigungsministerium in Washington äußert sich nicht zu möglichen Plänen und künftigen Strategien. „Off the record“ und zwischen den Zeilen ist allerdings schon Kritik am und Verwunderung über den Kurs der neuen Administration zu hören, und mancher ist erstaunt darüber, wie auf „Jahrzehnte der warmen Worte nun plötzlich vier Wochen voller Drohungen folgten“.

Allerdings, sagen andere, sei es auch erstaunlich, wie schnell die Europäer nun die Milliarden für ihr Militär locker machten, die seit Jahren ein Streitpunkt mit der amerikanischen Regierung gewesen seien.

US-Offizier beschwört transatlantische Beziehungen

Die transatlantischen Beziehungen seien „nie wichtiger“ als heute gewesen, versichert ein ranghoher Offizier im US-Army-Hauptquartier für Europa und Afrika in Wiesbaden. Ein anderer unterscheidet zwischen der Politik und der Armee und fügt hinzu, die Army stehe für die Realität, die Politik oft genug für Wunschdenken. „Der Rummel in Washington macht unseren Job nicht leichter, aber wir stehen im täglichen Kontakt mit unseren Alliierten und arbeiten eng zusammen – die große Politik hat darauf erst einmal keinen Einfluss.“

Schon während der ersten Trump-Administration hatten Abzugs- und Verlagerungsdrohungen aus Washington bei führenden US-Militärs in Wiesbaden für Mahnungen und Kritik hinter vorgehaltener Hand gesorgt. Die von Trump formulierten Pläne waren damals von aktiven und früheren Offizieren als unrealistischer, politisch motivierter Schritt gebrandmarkt worden.

Einer der lautesten Kritiker war damals Ben Hodges, ein früherer Kommandeur der US Army in Europa. Er arbeitet inzwischen für die Menschenrechtsorganisation Human Rights First und ist auch heute in seiner Kritik deutlich. Nach dem Eklat im Weißen Haus sagte Hodges, es sei ein „großer strategischer Fehler“ der Trump-Administration, sich auf die Seite Russlands zu schlagen. Am Ende werde Amerika viel Glaubwürdigkeit und Einfluss verlieren. „Wir werden das noch lange bereuen.“

Truppenverlagerung unrealistisch

Zu möglichen Truppenverlagerungen äußert sich Hodges sehr zurückhaltend. Und auch aktive Offiziere halten eine massive Reduzierung der amerikanischen Präsenz oder eine schnelle Verlegung von zentralen Kommando-Einheiten innerhalb Europas für unrealistisch. Das Army-Hauptquartier in der Clay-Kaserne in Wiesbaden ist einer der zentralen Stützpunkte des amerikanischen Militärs in Europa, dort sind knapp 4000 US-Soldaten stationiert, die Militärgemeinde in der Landeshauptstadt umfasst insgesamt mehr als 20.000 Mitglieder.

Amerikanische Regierungen haben dort – wie unter anderem auch in Ramstein, Landstuhl und Grafenwöhr – in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden von Dollar investiert. Wichtige militärische Einrichtungen und Dienststellen sind in der Clay-Kaserne angesiedelt, nicht zuletzt das Kommando „NATO Security Assistance and Training for Ukra­ine“, kurz NSATU, das als zentrale Planungs- und Koordinierungsstelle des Bündnisses für dessen militärische Un­ter­stützung der Ukraine fungiert und für alle Waffenlieferungen und Ausbildungsaktivitäten der NATO für die ukrainischen Streitkräfte zuständig ist. Geführt wird die Einheit von einem amerikanischen Drei-Sterne-General.

„Die weltweite Abschreckung beginnt in Europa“

Angesichts der enormen strategischen Bedeutung des Standorts gelten eine Verlagerung des Wiesbadener Hauptquartiers zum Beispiel nach Polen oder nach Ungarn, was britischen Medienberichten zufolge angeblich derzeit in Washington erwogen wird, oder gar ein kompletter amerikanischer Rückzug aus Europa in Army-Kreisen und bei fast allen Beobachtern und Experten im Grunde als ausgeschlossen – ganz abgesehen von den enormen Kosten in Milliardenhöhe und der in Jahren bemessenen Zeit, die das in Anspruch nehmen würde.

Gefragt, ob die Amerikaner ihre militärische Präsenz in Europa in absehbarer Zeit verringern würden, antwortet ein in Wiesbaden stationierter hoher Offizier deshalb mit einem klaren „Nein“. Es bleibe dabei: „Die weltweite Abschreckung beginnt in Europa.“

Und doch gibt es unter den Exilamerikanern in Hessen vereinzelt auch Verständnis für die Haltung des US-Präsidenten. Trump habe von Europa, so argumentieren Anhänger seiner „America first“-Attitüde, bereits in seiner ersten Amtszeit deutlich höhere Verteidigungsausgaben gefordert. Geschehen sei daraufhin allerdings kaum etwas, deshalb müsse man sich nicht wundern, dass der wiedergewählte Präsident seine Forderung nun mit deutlich mehr Vehemenz vortrage. „Europa versteht offenbar nur diese Sprache“, sagt ein in Frankfurt lebender Amerikaner, der keinen Hehl daraus macht, im vergangenen November für Trump gestimmt zu haben.

In Hessen leben nach Angaben des Statistischen Landesamts knapp 15.000 US-Bürger, die meisten im Regierungsbezirk Darmstadt, davon mit rund 3200 wiederum die meisten in Frankfurt. Die in Hessen stationierten amerikanischen Soldaten werden in dieser Bilanz allerdings nicht erfasst, da sie mit ihren Familien nicht meldepflichtig sind.

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Hessen und den USA sind in den vergangenen Jahren immer enger ge­worden. Beim Güteraustausch liegen die Vereinigten Staaten im langjährigen Vergleich in einem engen Kopf-an-Kopf-Rennen mit China als wichtigster Handelspartner. 2023 wurden nach Angaben der Statistiker Waren im Wert von 14,7 Milliarden Euro aus Amerika nach Hessen importiert, exportiert wurden Waren im Wert von 9,9 Milliarden Euro. Die in dieser Woche gegen die EU angedrohten Schutzzölle werden daher auch von der hessischen Landesregierung mit Sorge zur Kenntnis genommen.

Mehr noch als bei der Frage nach der Zukunft der militärischen Zusammenarbeit herrscht in der amerikanischen Gemeinde in Frankfurt die Einschätzung vor, dass ein langfristiges Gegeneinander in der Wirtschaftspolitik auch zum Schaden der Amerikaner sein würde. „Auf Dauer kann sich Trump ein ,America first‘ im Welthandel nicht leisten“, meint ein in Frankfurt tätiger amerikanischer Geschäftsmann. Und fügt nach einer kurzen Bedenkpause hinzu: „Hoffentlich“.