Tibeter und Uiguren werden in der Schweiz schikaniert. Ein angeblicher Spitzel der Chinesen wehrt sich gegen die Vorwürfe. Seine langjährige Tätigkeit als Übersetzer für den Bund wirft Fragen auf.
Martial Trezzini / Keystone
Dienstagnachmittag, ein Bahnhof irgendwo in der Schweiz. Die Pendler eilen nach Hause, mitten im Durcheinander wartet Sherab. Sportliche Kleidung, Sonnenbrille im Haar. Geboren ist er in Tibet, schon als Kind flüchtete er mit seiner Familie in die Schweiz.
Zu dem kurzen Treffen willigte er erst nach mehreren Telefongesprächen ein, und eigentlich heisst Sherab anders – der Mittvierziger will um jeden Preis anonym bleiben. Denn die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer.
Sherab ist seit zwei Jahrzehnten nebenberuflich als Dolmetscher für das Staatssekretariat für Migration (SEM) tätig, sein letzter Einsatz erfolgte 2024. In dieser Funktion übersetzt er Asylgespräche von geflüchteten Tibetern. Dabei soll er als Spitzel agieren, der seine Landsleute aushorcht. Konkret geht es um den Vorwurf, dass Informationen aus den Gesprächen beim chinesischen Staat landeten. Bei der Anhörung eines Asylantrags erfragen SEM-Mitarbeiter sensible, persönliche Details. Es geht um Fluchtwege oder um Menschen, die bei der Flucht geholfen haben.
Die Vorwürfe gegen ihn stammen aus der Diaspora und tauchen auch anonymisiert in einem Expertenbericht zur Situation der tibetischen und der uigurischen Gemeinschaften in der Schweiz auf. Dieser Bericht der Universität Basel wurde im Auftrag des Parlaments erstellt und kürzlich vom Bundesrat publiziert.
Kontrolle der Gemeinschaft
Der Bericht zeigt erstmals im Detail auf, wie Chinas langer Arm die staatliche Repression bis in die Schweiz trägt. Die Verfasser schreiben: «Es kann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit festgestellt werden, dass tibetische und uigurische Gemeinschaftsmitglieder in der Schweiz systematisch von Akteuren der Volksrepublik China überwacht, bedroht und kooptiert werden.» Also, dass sie von den chinesischen Behörden angeworben werden.
Bereits 2023 hielt der Nachrichtendienst fest, Dutzende Geheimdienstler der Volksrepublik China seien in der Schweiz aktiv und würden insbesondere auf die Diaspora abzielen. Es gehe um die «Kontrolle ihrer Gemeinschaft».
Die transnationale Repression erfolgt gemäss dem Expertenbericht ganz unterschiedlich. Betroffene berichten von Anrufen der chinesischen Botschaft und aus China, die einen zur Rückkehr nach China bewegen sollen. Politisch exponierte Personen erzählen von Telefon- und E-Mail-Terror und Einschüchterungsversuchen – etwa durch subtile Hinweise auf Familienmitglieder, die noch in der Heimat leben. Zudem sei es bei politischen Kundgebungen zu «leichten physischen Gewaltanwendungen» gegenüber Tibetern gekommen.
Im Fall Sherab geht es um Kooptation, er soll im Dienste der Chinesen handeln. So behaupten es Mitglieder der tibetischen Diaspora. Weiter sagen sie, er sei mehrfach in Begleitung von Mitarbeitern des chinesischen Konsulats gesehen worden. Und er könne gar die begehrten Visa für eine Reise nach Tibet vermitteln. Sherab selber reiste in den letzten Jahrzehnten mehrfach nach Tibet und nach China, dies habe berufliche Hintergründe gehabt, sagt er.
Auffallend auch: Sherab hat sich in der Vergangenheit einmal öffentlich in einer Zeitung chinafreundlich geäussert. Warum alle Chinesen böse sein sollen, habe er als Kind nicht verstanden. Ihm hätten Chinesen früher in Tibet auch geholfen. Schon damals beklagte sich Sherab, manche sähen in ihm einen «chinesischen Spitzel».
Thomas Büchli war langjähriger Präsident der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft. Er wirft dem SEM Naivität vor. «Wenn jemand regelmässig nach Tibet und China frei ein- und ausreisen kann, dann ist das nicht normal für Exiltibeterinnen und Exiltibeter», sagt Büchli. Die politischen Äusserungen von Sherab seien zudem hochproblematisch: «So sprechen üblicherweise nur Chinesen, welche die tibetische Bewegung infrage stellen wollen. Es ist völlig unverständlich, dass das SEM diesen Dolmetscher nicht längst ausgetauscht hat.»
Die Vorwürfe gegen Sherab lassen sich nicht abschliessend belegen. Doch ist es klug, einen Mann als Dolmetscher zu wählen, der für einen Teil der Diaspora offenbar ein rotes Tuch ist? Und gegen den es schon vor Jahren Bedenken gab, die er selber öffentlich machte?
Recherchen zeigen, dass Sherab in den letzten Jahren vom SEM zu Gesprächen vorgeladen wurde, um sich zu den Vorwürfen zu erklären. Das SEM schreibt, man behandle personenbezogene Daten der Dolmetschenden vertraulich und äussere sich nicht zu individuellen Fällen.
Ergänzend heisst es, man nehme den Schutz von Asylsuchenden sehr ernst. Ein Bewertungssystem ermögliche es dem SEM-Personal, bei jeder Anhörung auf Mängel hinzuweisen. Dolmetscher würden einem intensiven Screening unterzogen und müssten eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen. Seit Januar 2024 gebe es die zusätzliche Möglichkeit einer Vertrauenswürdigkeitsprüfung.
Sherab streitet die Vorwürfe gegen ihn kategorisch ab. «Ich, als einfacher Bauernsohn, soll ein Spion sein? Da könnte ich mich ja fast geschmeichelt fühlen.» Er sei weder ein Spitzel, noch habe er Kontakt zu den chinesischen Behörden.
Hinter den Vorwürfen stehe vielmehr ein Konflikt innerhalb der tibetischen Diaspora. «Es gibt einflussreiche, wohlhabende Familien, die mich seit Jahren diskreditieren wollen, weil ich nicht auf ihrer Linie bin», sagt Sherab. «Dies, weil ich schon als Jugendlicher die chinesische Sprache gelernt habe und weil ich eine differenzierte Meinung zu China habe.»
Viele Tibeter in der Schweiz hätten ein romantisiertes Tibet-Bild, sagt Sherab. «Sie sehen die Chinesen ausschliesslich als Feinde, obwohl sie selber noch nie in Tibet waren.» Dabei sei nichts im Leben bloss schwarz-weiss.
Er könne es verstehen, dass viele noch dem Traum eines eigenständigen Tibet nachtrauern würden, sagt Sherab. Doch sei dies «politisch völlig unrealistisch». Und dennoch: Die eigene Ethnie verraten würde er niemals. «Was über mich erzählt wird, ist gelogen – so einfach ist es. Ich bin das Opfer, und wegen der Anschuldigungen haben sich mir schon viele Türen im Leben verschlossen.»
Was ist davon zu halten? Wie die Verfasser des Expertenberichts versichern, hat man nur solche Beispiele in den Bericht aufgenommen, die einen hohen Evidenzgrad aufweisen. Es seien Dutzende Gespräche geführt und die Beschuldigten vor der Publikation kontaktiert worden.
Gegen staatliches Stalking
Es sind Geschichten wie diese, welche die Angst in der Diaspora befeuern. Dabei geht es nicht nur um das Aushorchen von Flüchtlingen, sondern auch um die Überwachung von Tibetern, die schon lange hier sind. Wem kann man noch trauen? Die tibetische Gemeinschaft in der Schweiz ist gross und wird auf rund 8000 Personen geschätzt. Doch an Demos sind in den letzten Jahren immer weniger von ihnen zu sehen.
«Das ist exakt das Ziel der chinesischen Repression», sagt Arya Amipa. Der Zürcher ist Co-Präsident des Vereins Tibeter Jugend in Europa. «Tibeter sollen zum Schweigen gebracht werden. Dies gelingt, da wir selbst in der Schweiz durch China eingeschüchtert werden, so dass sich viele davor fürchten, ihre Stimme zu erheben.»
Amipa ist ein Tibeter, der sich exponiert. Über Leute wie ihn heisst es im Expertenbericht, sie würden beobachtet und fotografiert. Das resultierende Klima der Angst sei im Kontext der freien Grundrechtsausübung «nicht irrelevant», heisst es im Bericht. Darauf beruft sich Amipa: «Ich bin ja auch ein Schweizer Bürger, hier geboren und aufgewachsen. Ich muss genau wie alle anderen vom Staat geschützt werden.» Er fordert konkrete Massnahmen.
Wie diese aussehen könnten, darüber hat sich die Gesellschaft für bedrohte Völker Gedanken gemacht. Der Expertenbericht geht auf eine Petition dieser Gesellschaft zurück. «Das Phänomen der transnationalen Repression lebt davon, dass es im Graubereich stattfindet», sagt die Geschäftsführerin Anna Leissing. Die wenigsten Fälle genügten für eine strafrechtliche Ahndung. «Wer einen einzelnen Druckversuch – beispielsweise einen mysteriösen Anruf mitten in der Nacht – der Polizei meldet, der wird eher nicht ernst genommen.»
Deshalb fordert die Gesellschaft, dass eine Definition von transnationaler Repression verabschiedet und rechtliche Grundlagen geschaffen werden, um sie wirksam zu bekämpfen – quasi ein Artikel zu staatlichem Stalking. Gemeinsam mit Betroffenen sollen zudem Guidelines entstehen, wie man sich in bedrohlichen Situationen verhalten soll.
Fabian Molina, SP-Nationalrat und Co-Präsident der parlamentarischen Gruppe Tibet, spricht sich für eine Opferhilfestelle aus, in welcher verschiedene Bundesämter involviert wären. Zudem will er bei der Revision des Nachrichtendienstgesetzes ansetzen: «Der NDB muss ein Mandat erhalten, um bei ausländischen Repressionen gegen Minderheiten aktiv zu werden.»
Die grüne Nationalrätin Christine Badertscher reicht in der laufenden Session eine Interpellation ein: «Wir wollen ganz genau wissen, wie der Bundesrat die haarsträubenden Erkenntnisse des Berichts gegenüber China adressiert.»
China ist der drittwichtigste Handelspartner der Schweiz, momentan wird das gemeinsame Freihandelsabkommen neu aufgesetzt und das 75-Jahre-Jubiläum der diplomatischen Beziehungen begangen. Der Bericht war bereits Thema an zwei bilateralen Treffen: zuerst anlässlich eines Austausches zwischen der chinesischen Botschaft in Bern und dem stellvertretenden Staatssekretär des Schweizer Aussendepartements. Und anschliessend am Menschenrechtsdialog zwischen den beiden Ländern in Peking.
Das chinesische Aussenministerium zeigte sich erbost über den Bericht und riet der Schweiz, aufzuhören, falsche Informationen an die Aussenwelt zu verbreiten. Auch Sherab will den Bericht nicht auf sich sitzen lassen und sich «aktiv gegen die Vorwürfe wehren», wie er sagt.
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