
17 solcher Bunker, die knapp fünf Meter hoch, neun Meter breit und 40 Meter lang sind, stehen auf der ehemaligen Nato-Site © Privat
Wer vom Kalbacher Ortsteil Sparhof nach Schlüchtern oder Sinntal fährt, der kommt an vielen Feldern, Weiden und Bäumen vorbei. Doch wer etwas tiefer in den Wald geht, der findet ein Nato-Versorgungsdepot – und das erzählt eine spannende Geschichte aus dem Kalten Krieg.
Gundhelm – Mitten im Wald zwischen Sparhof und Schlüchtern erstreckt sich ein auf den ersten Blick geheimnisvoller, rund sieben Hektar großer Bereich, der von hohen Zäunen mit Stacheldraht, Verbotsschildern und schweren Schlössern gesichert ist. Dass dieses Areal existiert, wissen nicht viele, hauptsächlich Naturschützer und Jäger.
Im Wald bei Schlüchtern steht ein altes Nato-Depot
Das heute als Lager genutzte Areal hatte während des Kalten Krieges eine zentrale strategische Bedeutung im sogenannten Fulda Gap. „Hier wurde alles gelagert, was die Truppen im Falle eines Angriffs durch die Rote Armee benötigt hätten: Artillerie-Munition, Betten, Kleidung, Reifen, Benzinkanister“, erklärt Markus Höppner (48), Oberfeldwebel der Reserve der Reservistenkameradschaft Fulda. „Fulda und Wildflecken waren nicht weit – im Ernstfall wären Soldaten zügig vor Ort gewesen.“ Um die Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten, wurde alles, was dort lagerte, regelmäßig ausgetauscht.
Zuständig für das Lager war die „15th Ordnance“ in Hanau. „Zwar saß vorne eine deutsche Wache, die Schlüsselgewalt lag aber immer bei den Amerikanern“, erläutert Höppner. „Das war in weniger brisanten Anlagen üblich. In der NATO-Site in Erlensee gab es hingegen Bereiche, die kein Deutscher betreten durfte.“
Zwei Zäune halten damals wie heute ungewollte Besucherinnen und Besucher davon ab, auf das Gelände vorzudringen. Im Eingangsbereich ist eine riesige Freifläche, die heutzutage zugewuchert ist. Büsche, hohes Gras und Bäume sind dort gewachsen und versperren den Blick auf die Gebäude. Wer sie sehen möchte, muss um das Gelände laufen und kann von der Rückseite einen Blick erhaschen.
Wo einst Soldaten mit Hunden patrouillierten, zwitschern jetzt Vögel. Von einem zentralen Wachposten aus konnten die stationierten Soldaten sofort erkennen, wenn sich jemand dem Eingang der Nato-Site näherte. Weil zwischen dem ersten und dem zweiten Zaun rund 500 Meter liegen, blieb im Ernstfall genug Zeit, um zu reagieren.
1962 wurde mit dem Bau von Nato-Versorgungslagern begonnen
Während des Kalten Krieges herrschte rund um die Nato-Site reger Betrieb. Wann genau das Lager errichtet wurde, bleibt unklar. „Im Dorf konnte mir niemand genau sagen, wann es gebaut wurde“, erinnert sich Höppner. „Manche erinnern sich nur an Baustellenfahrzeuge, die immer wieder in den Wald fuhren. Begonnen wurde mit dem Bau ähnlicher Anlagen ab 1962. Nach und nach wurden sie modernisiert und strategisch befüllt.“
Nach der Stilllegung der Anlage 1991 nutzte man die Bunker weiter – zunächst war die Bundeswehr Eigentümerin. Höppner selbst absolvierte hier Gelände-Fahrtrainings. Später wurde das Areal bei Schlüchtern privat genutzt, als Lager für Heuballen und Holz. Eine Zeit lang wurden hier sogar Champignons gezüchtet, die in einem nahegelegenen Hotel serviert wurden.

Markus Höppner vor dem Eingang der ehemaligen Nato-Site. © Sophia Auth
Die Zäune rund um das Gelände wurden vor Kurzem erneuert, um unbefugten Zutritt zu verhindern. Früher war es jedem möglich, in das Areal einzudringen, davon zeugen Graffiti und Löcher im alten Zaun.
Dieses Lager ist nicht das einzige seiner Art in der Region. Im Gieseler Forst gab es eine ähnliche Anlage, die jedoch größtenteils zugeschüttet wurde. Einige Bunker sind noch erhalten und dienen Fledermäusen als Winterquartier. Auch in Grebenhain waren die Amerikaner präsent – dort erinnert heute ein Museum an die ehemalige Luftwaffen-Munitionsanstalt.
Nato-Depot im Schlüchterner Wald nicht das einzige seiner Art in Osthessen
Die Standorte waren strategisch so gewählt, dass bei einem möglichen Einmarsch durch das Fulda Gap schnell reagiert werden konnte. „Man befürchtete den Durchbruch. Neben den Lagern gab es kleinere Sperren und Sperrmittelhäuser“, erklärt Höppner.
Besonders auffällig im damaligen Areal im Wald war ein spezielles Häuschen, das sich von den anderen 17 unterscheidet. „Es war doppelt eingezäunt. Vermutlich wurden dort Zünder für ADMs, also Atomminen, gelagert.“ Doch eine Gefahr für die Bevölkerung bestand laut Höppner nie: „Die Zünder und Munition wurden getrennt gelagert, da konnte nichts passieren. Artillerie-Munition ist ohne Zünder nutzlos. Selbst ein Bombenangriff hätte nicht zu einer Katastrophe geführt – die Bunkerwände sind 80 Zentimeter dick und abgerundet.“
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Und wie sieht die Zukunft des Lagers aus? „Im Ernstfall könnte es wieder genutzt werden. Die Infrastruktur müsste lediglich erneuert werden.“ Ansonsten bleibt das Gelände der Natur überlassen. „Früher konnte man vom Eingang bis zum ersten Shelter sehen“, erzählt Höppner.
„Heute versperren hohe Bäume und dichtes Buschwerk die Sicht.“ Ein Abriss der Bunker sei nicht sinnvoll: „In Giesel wurde ein ähnlicher Bunker abgerissen – das hat so schlecht funktioniert, dass man den Versuch abbrach. Außerdem müsste man dann Kräne und andere Geräte hierherzubringen“, meint Höppner.
In der Region gibt es weitere Orte wie diese: Beispielsweise ehemalige Wintersport-Anlagen in der Rhön oder die ehemalige Gärtnerei auf Schloss Ramholz in Schlüchtern.