StartseiteKulturGesellschaft

DruckenTeilen

Valga, Estonia, 29.07.2017 IX International Valga Military History Festival, model battle Estonia 1944 trying to create atmosphere of IIWW battles in Estonia. Men are dressed in wartime army clothes and using equipment similar to used at IIWW. Valgamaa Estonia PUBLICATIONxNOTxINxESTxLATxLTU Copyright: xPaulxPoderatxValga Estonia 29 07 2017 IX International Valga Military History Festival Model Battle Estonia 1944 trying to Create Atmosphere of  Battles in Estonia Men are Dressed in wartime Army Clothes and Using Equipment Similar to Used AT   Estonia  Copyright xPaulxPoderatx

Bald der nächste Krieg? Nachstellung einer Schlacht um Estland im Jahr 1944. © Paul Poderat/IMAGO/Scanpix

Carlo Masala über die Folgen eines russischen Sieges
in der Ukraine, den Ernstfall für das Militärbündnis
und ein Europa ohne Amerika. Ein Interview von Michael Hesse

Der Militär-Experte Carlo Masala hat mit Hilfe von Szenarien zukünftige Entwicklungen durchgespielt. Er nutzte dafür Rahmenbedingungen, Indikatoren und Faktoren, die die Entwicklung bestimmen können.

Professor Masala, Sie haben ein Szenario für den Fall entworfen, dass Russland den Krieg in der Ukraine gewinnt. Nun scheinen sich erste Teile dieses Szenarios zu bewahrheiten: Die USA haben ihre Unterstützung für die Ukraine zeitweise ausgesetzt, sie scheinen sich Russland anzunähern, und jetzt wollen Putin und Trump telefonieren – ohne Beteiligung Europas oder der Ukraine. Was bedeutet das?

Es zeigt vor allem, dass sowohl Russland als auch die USA eine umfassende bilaterale Einigung anstreben – auf Kosten Europas und der Ukraine. Beide werden als Akteure bewusst ausgeklammert, in der Annahme, dass sie sich den geschaffenen Fakten letztlich fügen werden. Entscheidend ist aber auch, dass die USA unter Trump offenbar nicht mehr als Vermittler zwischen Kiew und Moskau auftreten, sondern russische Forderungen weitgehend übernehmen.

Was wären für Moskau die entscheidenden Ziele in solchen Verhandlungen?

Russland verfolgt dabei drei zentrale strategische Ziele: erstens, die Normalisierung der Beziehungen zu den USA, um wirtschaftlichen und politischen Druck zu reduzieren. Zweitens, die Rückabwicklung der europäischen Sicherheitsordnung, wie sie sich seit 1997 entwickelt hat. Und drittens, die Anerkennung der besetzten ukrainischen Gebiete als russisches Territorium. Die russische Regierung macht keinen Hehl daraus, dass sie nicht nur die vollständige Kontrolle über die annektierten Gebiete will, sondern auch Wahlen in der Ukraine, in der Hoffnung, eine prorussische Führung an die Macht zu bringen. Sollte sie damit Erfolg haben, wäre das ein strategischer Sieg – nicht nur über die Ukraine, sondern über den gesamten Westen.

In Ihrem Szenario folgt darauf eine Provokation gegen die Nato, etwa in Estland. Warum?

Weil es ein kalkuliertes Risiko ist. Ein direkter Angriff auf Polen oder ein anderes zentrales Nato-Mitglied würde höchstwahrscheinlich Artikel 5 auslösen – und damit einen offenen Krieg mit der Allianz. Das ist Moskau bewusst. Ein begrenztes Vorgehen, etwa gegen eine Stadt in Estland, könnte hingegen darauf abzielen, die Nato auf die Probe zu stellen. Die Hoffnung im Kreml wäre, dass große Nato-Staaten – allen voran die USA – nicht bereit wären, für eine kleine baltische Stadt einen militärischen Konflikt mit nuklearer Dimension zu riskieren. Es wäre eine Neuauflage der alten Frage: „Warum für Danzig sterben?“ Wenn einige Nato-Staaten zögern oder sich gar verweigern, wäre das ein Signal, dass das Verteidigungsversprechen der Nato nicht mehr gilt.

News Bilder des Tages Carlo Masala in der ARD-Talkshow maischberger im Studio Berlin Adlershof. Berlin, 17.10.2023 *** Carlo Masala in the ARD talk show maischberger in the studio Berlin Adlershof Berlin, 17 10 2023 Foto:xT.xBartillax/xFuturexImagex maischberger1710_3019

News Bilder des Tages Carlo Masala in der ARD-Talkshow maischberger im Studio Berlin Adlershof. Berlin, 17.10.2023 *** Carlo Masala in the ARD talk show maischberger in the studio Berlin Adlershof Berlin, 17 10 2023 Foto:xT.xBartillax/xFuturexImagex maischberger1710_3019 © Imago/thomas Bartilla/imago/Future Image

Sie ziehen hier eine Parallele zur Remilitarisierung des Rheinlandes durch Hitler 1936?

Genau. Damals war das Vordringen der Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland ein Test. Hätten Großbritannien und Frankreich eingegriffen, hätte sich Deutschland zurückgezogen. Aber sie taten es nicht – und das stärkte Hitlers Kalkül, dass der Westen vor einem offenen Konflikt zurückschreckt. Ähnlich könnte Russland versuchen, durch einen begrenzten Test herauszufinden, ob die Nato wirklich zu ihrer Beistandsverpflichtung steht. Wenn sich zeigt, dass das Bündnis nicht geschlossen reagiert, wäre die Nato faktisch entkernt. Und genau das ist eines der strategischen Hauptziele Russlands: die USA aus Europa herauszudrängen und das westliche Sicherheitsgefüge zu zerstören.

Aber könnte das nicht doch eine verspätete, aber entschlossene Reaktion des Westens nach sich ziehen – wie 1939 nach dem deutschen Angriff auf Polen?

Das ist nicht ausgeschlossen. Aber anders als damals fehlt Europa derzeit die militärische Fähigkeit, sich ohne die USA gegen Russland zu verteidigen. Während des Kalten Krieges war die konventionelle Abschreckung darauf ausgerichtet, dass amerikanische Truppen und Material sofort einsatzfähig waren. Heute ist das anders. Europa hat zu wenig Luftverteidigung, um sich gegen russische Angriffe zu schützen. Es fehlen Waffen mit großer Reichweite, um russische Infrastruktur anzugreifen. Die europäische Rüstungsindustrie ist nicht in der Lage, in kurzer Zeit genug Nachschub zu liefern. Politisch mag der Wille zur Gegenwehr vorhanden sein – militärisch wäre man auf Jahre hinaus im Nachteil.

Ein russischer Test der Nato würde also in einem Moment kommen, in dem Europa am verwundbarsten ist?

Genau. Russland könnte genau dann zuschlagen, wenn die USA sich aus Europa zurückziehen und die Europäer noch nicht in der Lage sind, ihre Verteidigungsfähigkeit aus eigener Kraft zu gewährleisten. Die Zeit spielt dabei gegen uns, nicht gegen Russland.

Und wie steht es um den nuklearen Schutzschirm? Würden die USA ihre atomare Abschreckung für Europa wirklich aufgeben?

Rammstein als Stützpunkt wird Washington nicht aufgeben – aber das ist strategisch eher für den Nahen Osten relevant. Entscheidend wäre, ob die USA im Ernstfall tatsächlich bereit wären, für die Verteidigung Estlands oder Polens einen Nuklearkrieg zu riskie㈠ren. Trump hat bereits in seiner ersten Amtszeit gesagt, dass er nicht versteht, warum Amerika für Montenegro den Dritten Weltkrieg riskieren sollte. Diese Frage würde sich bei einer russischen Provokation im Baltikum noch dringlicher stellen. Wenn Moskau zu dem Schluss kommt, dass die USA nicht bereit wären, für Narva oder Riga das eigene Territorium zu gefährden, hätte das immense Folgen für die europäische Sicherheit.

Zur Person

Carlo Masala, Jg. 1968, ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München. Der Politikwissenschaftler ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Politik (ZfP), der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) und der Zeitschrift für Strategische Analysen (ZfSA). Außerdem ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik sowie ständiger Sachverständiger in der Enquete Kommission des Deutschen Bundestags zum Afghanistaneinsatz. Aus seiner Feder stammt unter anderem das das Buch: „Weltunordnung“ (C.H. Beck). FR

Sie sprechen auch von einem Dilemma der Abschreckung: Selbst wenn Europa in Langstreckenwaffen investiert, könnte das die Eskalation erhöhen. Warum?

Weil jede Maßnahme, die Europa ergreift, um Russland abzuschrecken, auch als Bedrohung interpretiert werden kann. Wenn Europa Raketen mit großer Reichweite stationiert, stellt sich die Frage: Sind sie konventionell oder nuklear bestückt? Russland müsste damit rechnen, dass diese Raketen auch nukleare Sprengköpfe tragen könnten – und könnte vorsorglich eskalieren. Das macht Abschreckung so heikel: Sie muss glaubwürdig sein, darf aber keine Eskalationsspirale in Gang setzen.

Ihr Szenario beschreibt eine Welt, in der Konflikte an mehreren Fronten gleichzeitig aufflammen. Russland testet die Nato, China provoziert im Pazifik. Was kann Europa tun, um diese Koordinierung zu verhindern?

Europa muss alle Verbindungen, die Russlands globale Partner stärken, gezielt schwächen. Ein großes Versäumnis war der Rückzug aus der Sahelzone, der Russland und China Raum gegeben hat. Die EU müsste versuchen, Staaten durch wirtschaftliche und diplomatische Angebote von der russischen Achse zu lösen. Gegen die enge Kooperation zwischen Moskau und Peking wird das kaum gelingen, aber bei anderen Akteuren – Iran, Nordkorea, manchen afrikanischen Staaten – könnte man mit klugen strategischen Schachzügen den Preis für eine Allianz mit Russland erhöhen.

Sie haben einen offenen Brief mit unterzeichnet, der auf die sicherheitspolitischen Risiken aufmerksam macht. Halten Sie die jetzt geplanten Verteidigungsausgaben für ausreichend?

Kurzfristig ja – aber es wird nicht reichen. Sollte Putin den Krieg gewinnen und zwei Jahre abwarten, bis sich die Aufmerksamkeit des Westens verlagert, dann wird es wieder heißen: Müssen wir wirklich so viel Geld in Verteidigung investieren? Die Debatte wird kommen. Und dann droht, dass die notwendigen Maßnahmen wieder verzögert oder gekürzt werden.

Ihr Szenario klingt düster. Was kann Deutschland tun, um dem entgegenzuwirken?

Deutschland allein kann Russland nicht aufhalten. Aber es kann vorangehen. Wenn Berlin seine wirtschaftliche und sicherheitspolitische Rolle ernst nimmt, werden andere europäische Staaten folgen. Es geht nicht nur um militärische Mittel. Die entscheidende Frage ist: Begreift die Gesellschaft, dass ihre demokratische Ordnung bedroht ist? Nur wenn sie das tut, wird sie bereit sein, den Preis für ihre Verteidigung zu zahlen.