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Eindeutig unterversorgt: Mit der Panzerhaubitze 2000 hat die Bundeswehr ein wirkungsmächtiges Geschütz. Aber in der Masse zu wenig Durchschlagskraft, um als ernsthafter Gegner Russlands zu gelten. © IMAGO / Sven Eckelkamp
Das Baltikum ist bedroht. Ebenso Moldau. Durch Militär oder Destabilisierung. Experten befürchten einen „Unfall“, der zu einem Weltkrieg ausarten könne.
Potsdam – „Vielleicht ist dieser Sommer der letzte Sommer, den wir noch im Frieden erleben“, äußerte Sönke Neitzel in der Talkshow von Caren Miosga und unterstrich diese Warnung jetzt in einem Interview mit der Bild. Deutschlands profiliertestem Militärhistoriker zufolge würden litauische Beobachter befürchten, das russische Herbstmanöver Sapat-2025 zusammen mit Belarus bedeute für die Russen die Blaupause für eine Offensive auf das Baltikum. Demnach bereite sich Wladimir Putins Invasionsarmee nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf die Ukraine auf ihren nächsten Einsatz vor.
Und auch Sabine Adler warnte in der Talkshow von Caren Miosga vor einer „echten Kriegsgefahr“ für die Europäische Union sowie die Nato – nach Einschätzung des Deutschlandfunks sei Adler eine der renommiertesten journalistischen Kenner Osteuropas. Wie sie gegenüber der Zeit geäußert hat, sei Putins Herrschaft komplett um den Krieg herum organisiert, weshalb Appelle an Friedensverhandlungen oder Waffenruhe zwangsläufig fruchtlos blieben. „Putin geht erst dann an den Verhandlungstisch, wenn Kämpfen nicht mehr lohnt. Davon ist er weit entfernt.“
Ukraine-Krieg als deutliche Warnung: „Putin will die Zerstörung des Westens“
Das eint sie mit dem Militärhistoriker Neitzel, der jüngst dem Spiegel in den Block diktiert hat, Putin wolle die Zerstörung des Westens. Der in Potsdam lehrende Neitzel ist allein deshalb ein ausgesprochener Fan von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), seit der den Begriff „Kriegstüchtigkeit“ in den gesellschaftlichen Diskurs eingereiht und sich damit angreifbar gemacht hat. „Wir sehen ja an der Kritik von verschiedener Seite – wie beispielsweise von der CSU – wie sehr das Vermeiden von Ehrlichkeit, das Wegdrücken von Wahrheiten Teil unserer politischen Kultur geworden ist“, sagte der einzige Professor für Militärgeschichte in Deutschland im ARD-Podcast „Streitkräfte und Strategien“. Insofern wird die kommende Umstrukturierung der Bundeswehr samt überbordendem Sondervermögen in Teilen realisieren, was er jahrelang gefordert hat.
„Russland bereitet 15 Divisionen vor. Etwa 100.000 bis 150.000 Soldaten werden ausgebildet, um die Lage in Richtung Belarus zu verschärfen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie die Ukraine angreifen werden, aber sie werden angreifen. Vielleicht die Ukraine, vielleicht Polen, vielleicht die baltischen Länder.“
„Sowohl von rechts als auch links ist heutzutage häufig zu hören, dass militärische Konflikte sich nur diplomatisch lösen lassen. Haben diese Stimmen recht?“, fragte jüngst Frank Thadeusz. Den Autor des Nachrichtenmagazins Spiegel interessiert die Verhandlungsbereitschaft des russischen Potentaten. Daran zu glauben sei „Unsinn“ antwortete Neitzel und erinnerte an beinahe jeden großen Konflikt der vergangenen Jahrzehnte.
Den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, den Korea-, Vietnam- und den Afghanistankrieg führte Neitzel als Beweis an, dass Verhandlungen einer militärischen Lagebeurteilung beider Seiten gefolgt waren: „Die machten praktisch den Deckel auf das, was das Militär gekocht hatte“, wie er sagte. Laut Euronews simmere Putins Kriegslüsternheit bereits auf niedriger mittlerer Temperatur, wie der Sender Euronews von der Münchner Sicherheitskonferenz berichtet hat: Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge trainiere Russland für eine größere militärische Aktion, die eventuell bereits im kommenden Jahr Nato-Territorium betreffen könne.
Expertin: Der wahrscheinlichste Auslöser für Krieg mit Russland gründet sich auf einer Fehleinschätzung
„Russland bereitet 15 Divisionen vor. Etwa 100.000 bis 150.000 Soldaten werden ausgebildet, um die Lage in Richtung Belarus zu verschärfen“, sagte Selenskyj. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie die Ukraine angreifen werden, aber sie werden angreifen. Vielleicht die Ukraine, vielleicht Polen, vielleicht die baltischen Länder,“, sagte Selenskyj. Weitere Schätzungen gehen eher aus von einem Zeitraum zwischen fünf und acht Jahren. Ein Vertreter dieser These ist der ranghöchste deutsche Soldat, Carsten Breuer. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte den Generalinspekteur der Bundeswehr Anfang vergangenen Jahres dahingehend, dass sich Wladimir Putins Invasionsarmee in fünf bis acht Jahren so weit regeneriert habe, dass sie östliche Nato-Länder wieder mit aller Gewalt ins Sowjetreich zurückzuholen versuchen könnte.
Allerdings wartet die britische BBC aktuell mit einer Überraschung auf: Der wahrscheinlichste Auslöser für einen Krieg mit Russland gründe sich eher auf einer Fehleinschätzung als auf eine Absicht, behaupt Marion Messer – die Analystin des britischen Thinktanks Chatham House glaubt insofern eher an einen Unfall als Initialzündung eines dritten Weltkriegs; der wahrscheinlicher würde, sollte Russland den Ukraine-Krieg mit einer – wenn auch erzwungenen – befriedeten Situation einfrierend müssen. Ihr zufolge sei der nächste Schritt Russlands in Richtung einer militärischen Eskalation die Fortsetzung der Desinformationskampagnen und Cyberkriege in Europa sowie Sabotage und Spionage in der Ostsee.
Russland könne insofern fortfahren, die westlichen Demokratien weiter zu destabilisieren – Messner zufolge spiele der Ausgang des Ukraine-Krieges für das Verhalten Russlands eine untergeordnete Rolle. Diesen Unfall hält sie für wahrscheinlich im Raum der Ostsee, die mit dem Beitritt Schwedens als jüngstem Nato-Mitglied im Jahr 2024 zu einem Nato-Meer geworden ist und den baltischen Staaten vor allem über die Insel Gotland massiv den Rücken stärkt. Die militärische Logistik für das Baltikum war nie einfacher zu bewerkstelligen.
Die Nato: Alle Mitglieder und Erweiterungsrunden

Fotostrecke ansehenPutins Krieg: „Im Wesentlichen das Ergebnis russischer Aktivitäten in der Grauzone“
Dieser Unfall, von dem Messer ausgeht, sei ihrer Meinung nach „im Wesentlichen entweder das Ergebnis russischer Aktivitäten in der Grauzone oder russischer Politik des Risikos, bei der man glaubte, die Situation unter Kontrolle zu haben, was sich jedoch als falsch herausstellt“, wie sie die BBC zitiert. Aus diesem Unfall könne sich zwischen Russland und einem Nato-Partner ein Schwelbrand entwickeln und der sich zu einem Flächen-, wenn nicht Weltenbrand entzünden.
Camille Grand dagegen sieht gegenüber der BBC-Autorin Katya Adler eher weniger Gefahr für die Nato als andere. Der Analyst des Thinktanks European Council on Foreign Relations (ECFR) bezweifelt, dass die russische Armee nach dem Ukraine-Konflikt zu ausufernden Konflikten mit der Nato imstande wäre und sieht eher ein Land außerhalb der Nato gefährdet, wie beispielsweise Moldau. Grand zufolge liege der Vorteil für Russland auch darin, dass international vor Reaktionen darauf wahrscheinlich zurückgeschreckt würde.
In Moldau wurde die Demokratin Maia Sandu im vergangenen Jahr erneut zur Präsidentin gewählt, trotz massiven Stimmenkaufs aufgrund russischen Einflusses, wie der britische Guardian berichtet hat. Auch in der zu Moldau gehörenden und abtrünnigen Region Transnistrien habe Russland Truppen stationiert und führe dort Manöver durch, schreibt Guardian-Autor Peter Pomerantsev. Den Krieg, den Wladimir Putin weiter nach Westen walzt, hat also mehrere Gesichter. Das Manöver Sapad-2025 ist nur eines davon; möglicherweise das einzige, das der Westen klar erkennen kann.

Letzter Sommer in Frieden? Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Uni Potsdam warnt schon seit Ausbruch des Ukraine-Krieges vor einem aggressiven Russland und vor dem schnellen Kollaps einer Bundeswehr in einem Kriegszustand. © IMAGO / teutopress GmbHBundeswehr: Die Armee wird in den kommenden Jahren ihre Feuerkraft deutlich erhöhen müssen
Sapad-2025 stelle einen entscheidenden Moment in der sich verschärfenden Sicherheitsarchitektur eines sich neu definierenden Osteuropas dar, vermutet der Politik-Autor Niels Groeneveld. Obwohl sie offiziell als routinemäßige Militärübungen beschrieben werden, seien die Übungen „tief in die strategischen Berechnungen Russlands und Belarus eingebettet“ und spiegelten umfassendere geopolitische Ziele und Sicherheitsbedenken wider. Sapad-2025 sei ein strategisches Statement, das das sich verändernde Kräfteverhältnis in Osteuropa unterstreicht, so Groeneveld.
Für Militärhistoriker Neitzel scheint das Manöver für die Bundeswehr der Zukunft Anschauungsunterricht zu sein, was sie zügig braucht von dem, was ihr seit Jahren fehlt. Wie er in seinem Buch „Deutsche Krieger“ schlussfolgert, müsse sich eine deutsche Streitmacht eventuell von ihrer Doktrin der Beweglichkeit umorientieren zur Feuerkraft – im Kalten Krieg habe die Bundeswehr zwar 4000 Panzer besessen, dagegen nur 1000 Geschütze. „Auch die zusammengeschrumpfte Bundeswehr hat heutzutage mehr Panzer (300) als Geschütze (100). Die Armee wird in den kommenden Jahren also ihre Feuerkraft deutlich erhöhen müssen, um für den Artilleriekrieg der Zukunft gewappnet zu sein.“