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Der türkische Außenminister Hakan Fidan (links) mit dem Präsidenten der syrischen Übergangsregierung, Ahmed al-Scharaa, in der syrischen Hauptstadt Damaskus am 13. März 2025. © -/Turkish Foreign Ministry Press Service/dpa
Mit neuen türkischen Militärbasen in Syrien könnten die Spannungen mit Ankara zu einem der größten Risiken für Israel werden, warnt ein Experte.
Tel Aviv – Die Türkei steht unbestätigten Berichten zufolge kurz vor einem Militärabkommen mit der neuen syrischen Übergangsregierung unter Führung von Ahmed al-Schaara. Das würde Ankara erlauben, dauerhaft Truppen in Syrien zu stationieren – und damit deutlich näher an Israels Nordgrenze zu rücken. Vor dieser Entwicklung warnt Jonathan Adiri, einst Berater des früheren israelischen Premierministers Schimon Peres.
Zwischen Westen und Nahost: Ankara stärkt nach Assad-Sturz gezielt seinen Einfluss
Die Türkei hat einen Fuß im Westen und verfolgt auch im Ukraine-Krieg erfolgreich eine Schaukelpolitik. Für Israel sei die Regionalmacht am Bosporus gefährlicher als der Iran, schreibt Jonathan Adiri am Samstag (29. März) in einem Gastbeitrag bei der israelischen Newsplattform Ynet. „Anders als der Iran gilt die Türkei nicht als Pariastaat. Sie pflegt enge Beziehungen zum Westen und ist Mitglied der Nato. Als regionale Supermacht übt sie sowohl in Europa als auch im Nahen Osten Einfluss aus“, argumentiert der Politikberater. Die türkischen Streitkräfte sind die zweitgrößten innerhalb der Verteidigungsallianz Nato und die Türkei einer der größten Drohnenexporteure weltweit.
Ankara und hatte den Sturz des Assad-Regimes durch die Unterstützung der syrischen Opposition gefördert. Moskau sowie Teheran hatten indes den alevitischen Machthaber Baschar al-Assad unterstützt. Durch den überraschenden Machtwechsel sinken der russische und iranische Einfluss in Syrien nun und Ankara kann „eine größere Rolle bei der Gestaltung der Region beanspruchen“, glaubt Adiri. Der türkische Außenminister Hakan Fidan traf am 13. März mit dem Chef der islamistischen Rebellengruppe HTS, Ahmed al-Scharaa, und anderen Vertretern der syrischen Übergangsregierung zusammen, wie das Außenministerium in Ankara mitteilte. Jüngste Berichte wiesen darauf hin, dass Ankara kurz davor stehen könne, mit Syrien ein Verteidigungsabkommen zu schließen.
Recep Tayyip Erdoğan: Das ist der Präsident der Türkei

Fotostrecke ansehenErdogan vergleicht Netanjahu mit Hitler – Israels Außenminister kontert mit Saddam-Vergleich
Indes sind die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei angespannt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte im Zusammenhang mit der Terrororganisation Hamas zuletzt von einer „Befreiungsorganisation“ gesprochen und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit Adolf Hitler verglichen. Im vergangenen Jahr sagte Erdogan in Bezug auf Israel: „So wie wir in Berg-Karabach reingegangen sind, so wie wir in Libyen reingegangen sind, werden wir mit ihnen dasselbe tun.“ Erdogan meinte damit den Berg-Karabach-Konflikt, in dem die Türkei Aserbaidschan unter anderem mit Drohnen unterstützte. In Libyen liefert Ankara Waffen und entsendet Soldaten zur Unterstützung der dortigen Regierung.
Der israelische Außenminister Israel Katz reagierte damals prompt: „Erdogan tritt in die Fußstapfen von Saddam Hussein und droht mit einem Angriff auf Israel. Er soll sich nur daran erinnern, was dort geschah und wie es endete“, schrieb Katz auf der Plattform X, in Anspielung auf den Sturz des damaligen irakischen Diktators. Ein von der israelischen Regierung beauftragter Rat hatte bereits im vergangenen Jahr vor einem potenziellen Krieg mit der Türkei gewarnt. Mit Blick auf die pro-türkischen Gruppen in Syrien schlussfolgerte der Bericht der sogenannten Nagel-Kommission: „Die Bedrohung aus Syrien könnte sich in etwas viel Gefährlicheres als die iranische Bedrohung entwickeln.“
Diese Ziele verfolgt die Türkei geopolitisch: Libyen, Mittelmeer, Russland und Nato
Zu den Zielen der Türkei gehöre laut Adiri „ein verstärktes türkisches Engagement in Libyen, der Aufbau eines Netzes von Militärstützpunkten in Syrien, eine wachsende Marinepräsenz im Mittelmeerraum und ein Balanceakt zwischen den Beziehungen zu Russland und der Nato.“ Netanjahu lasse die Bedrohung entlang der nordöstlichen Grenze Israels derzeit einschätzen und Ankaras mögliche Rolle untersuchen, berichtete der Politikberater weiter. Israel müsse nun eine proaktive Politik verfolgen, schlägt Adiri vor, um einen „zukünftigen militärischen Konflikt mit der Türkei durch den Aufbau strategischer Allianzen in der Region zu verhindern.“
Als mögliche Partner für Israel sieht der Politikexperte die moderaten sunnitisch-arabischen Staaten Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien unter Schirmherrschaft der USA. Ebenso wichtig für Ankara sei das Bündnis mit Griechenland und Zypern. Israel müsse jetzt gemeinsame Interessen mit der Türkei identifizieren und regionale Partnerschaften nutzen, „um eine direkte Konfrontation zu vermeiden“, meint der Experte weiter.
Seit Umbruch in Damaskus: Israel weitet Angriffe in Syrien aus
Nach dem Sturz des syrischen Machthabers im Dezember hatte die israelische Armee ihre militärischen Operationen in Syrien erheblich ausgeweitet. Die israelische Armee führte zahlreiche Angriffe in Syrien durch und stationierte Truppen in einer von den Vereinten Nationen überwachten Pufferzone zwischen den beiden Ländern. Bewohner meldeten Panzer und Truppen auf syrischem Territorium. Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa forderte Israel wiederholt auf, die Truppen unverzüglich abzuziehen.
Israel rechtfertigt seine militärischen Aktionen in der Nähe der besetzten Golanhöhen indes mit der Bekämpfung von Waffenlagern und Versorgungsrouten, die angeblich von der Hamas und der libanesischen Hisbollah-Miliz genutzt werden. Kaja Kallas, die EU-Außenbeauftragte, äußerte kürzlich bei einem Besuch in Jerusalem ihre Besorgnis, dass die israelischen Angriffe in Syrien und im Libanon zu einer weiteren Eskalation in der Region führen könnten. (bme mit dpa)