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Die Türkei und Israel kommen sich in Syrien immer öfter in die Quere. Bei der israelischen Regierung rufen die Pläne Erdogans Sorgen hervor.

Ankara/Tel Aviv – Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien Ende 2024 baut die Türkei ihren Einfluss im südlichen Nachbarland vor allem militärisch immer weiter aus. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan gilt als der wichtigste Unterstützer der neuen Machthaber in Damaskus.

In vor allem einem Land löst die starke Position der Türkei in Syrien jedoch erhebliche Bedenken aus. Israel sieht sich durch die Entwicklungen bedroht. Ein ehemaliger hochrangiger Beamter des israelischen Geheimdienstes Mossad ist sich sicher: Die Türkei und Israel befinden sich auf Kollisionskurs – erst recht dann, wenn ein amerikanischer Eingriff zur Vermittlung nicht erfolgt.

Ex-Beamter aus Israel warnt vor türkischer Präsenz in Syrien

In einem Beitrag für die Zeitung Israel Hayom betonte Oded Eilam, der ehemalige Chef der Anti-Terror-Division von Mossad, Israel arbeite aktiv gegen eine weitere Stationierung türkischer Truppen in Syrien. „Sollte die Türkei Luftabwehrsysteme in Syrien stationieren, dann muss die israelische Luftwaffe ihre Taktik von Grund auf umgestalten“, schrieb der Ex-Beamte.

Der Hintergrund: Die Türkei will Berichten zufolge unter anderem die Luftstützpunkte in Hama sowie Palmyra übernehmen und dort zusammen mit bewaffneten Drohnen auch Luftabwehrsysteme stationieren. So ist etwa vom HISAR-System aus eigener Produktion die Rede. Auch eine temporäre Stationierung der russischen S-400-Luftabwehrsysteme während dem Wiederaufbau der Stützpunkte steht im Raum. Türkische Ingenieurteams sollen die Stützpunkte bereits besucht und inspiziert haben. Dies berichteten unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters und das Nachrichtenportal Middle East Eye unter Berufung auf relevante Quellen.

Quellen des türkischen Verteidigungsministeriums haben diese Berichte mehrmals dementiert, doch es steht ohne Zweifel schon lange fest, dass die Türkei ihren militärischen Einfluss in Syrien weiter ausbauen wird. Israel ist besorgt, dass die von der Türkei unterstützten islamistischen Gruppierungen – wie etwa die HTS, dessen Chef Ahmad al-Schaara nun Präsident ist – in Zukunft Israel attackieren könnten. Immer wieder greift Israel daher Syrien aus der Luft an, um die militärischen Fähigkeiten der neuen Regierung zu dezimieren und so das Risiko gering zu halten. Hinzu kommt: Die Türkei ist auch entschiedener Unterstützer der Hamas.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Im Jahr 2017 setzte Recep Tayyip Erdogan mithilfe eines Referendums eine Verfassungsänderung durch, bei der es vor allem um die Bündelung der Exekutivbefugnisse ging. Dadurch gewann der türkische Präsident noch mehr Einfluss auf die Justiz. Die Opposition sprach von Wahlbetrug. Auch Untersuchungen von Forschenden legen nahe, dass das Referendum manipuliert wurde.

Fotostrecke ansehenErdogans Pläne in Syrien: Türkische Armee könnte eine ernste Herausforderung für Israel werden

In Israel ist man sich einig: Sollte die Türkei ihre militärische Präsenz im Süden von Syrien im großen Stil ausbauen, dann können israelische Kampfflugzeuge nicht mehr ungestört agieren. Denn die türkische Armee – die zweitgrößte der Nato – würde selbstverständlich hochmoderne Fähigkeiten mitbringen, weshalb Israel nicht mehr unbesorgt Kampfjets in den syrischen Luftraum schicken könnte. Genau davor warnt auch Eilam. Zwar sei bislang der Iran als Hauptbedrohung wahrgenommen worden, doch die Türkei habe eine weitaus besser ausgestattete Armee.

Laut ihm ist die „größte Sorge“ in Israel derzeit die potenzielle Stationierung einer türkischen F-16-Flotte in Syrien sowie die Präsenz der HISAR-Systeme, die eine erhebliche Bedrohung für israelische Kampfflugzeuge sein würden. „Wenn das passiert, dann wird es eine Antwort auf jede Handlung Israels geben“, so Eilam. Der Ex-Mossad-Beamte warnt: „Dann reden wir nicht mehr darüber, ob es einen Zusammenstoß geben wird, sondern wann es ihn geben wird.“

Eilam zitiert in seinem Beitrag einen hochrangigen Sicherheitsbeamten aus Israel: „Es braucht nicht viel. Ein winziger Fehler reicht schon, um eine neue Front im Norden auszulösen.“ In den vergangenen Monaten warnten unterschiedliche Stimmen in Israel immer wieder, dass sich Syrien aufgrund der türkischen Beteiligung zu einer viel größeren Bedrohung als etwa der Libanon entwickle.

USA halten sich in Syrien im Hintergrund: Ex-Mossad-Beamter warnt vor „Explosion“ mit Türkei

Weiter zeigt sich Eilam überzeugt, dass die Türkei nicht mehr ein einfacher „Gast“ in Syrien sei, sondern bereits der „Gastgeber“. Dies bezeichnet er als eine „problematische strategische Realität“ für sein Land. Denn die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu sei sich bewusst, dass ein militärischer Zusammenstoß mit der Türkei inzwischen viel mehr sei als nur eine theoretische Möglichkeit.

Der ehemalige Anti-Terror-Chef der Mossad ist sich sicher, dass nur die USA einen möglichen Krieg zwischen der Türkei und Israel verhindern können. Allerdings, bemängelt er, habe es die Regierung von Donald Trump nicht geschafft, eine klare Linie in Syrien zu definieren und greife daher auch nicht ein. „Deswegen bewegen sich die Türkei und Israel, die beide US-Verbündete sind, auf eine Konfrontation zu, ohne dass es jemanden gibt, der sie davon abhalten könnte“, schreibt er in seinem Beitrag für die Israel Hayom.

Es gebe aktuell niemanden, der den beiden Ländern eine Grenze setzen oder zwischen ihnen vermitteln könne. Sein Appell an die Regierung von Netanjahu: Israel müsse so schnell wie möglich für einen Eingriff der USA in die Lage sorgen. Sonst, warnt er, könne es zu einer „Explosion“ kommen, noch bevor ein Telefon aus Washington in den beiden Ländern klingeln kann. (bb)