Leipzig. Als im Jahr 2021 Philipp Gropper’s Philm der Deutsche Jazzpreis für die Band des Jahres verliehen wurde, war das die unstrittigste aller Entscheidungen. Altmeister Rolf Kühn lobte in seiner Laudatio: „Fünf Alben hat dieses Quartett … veröffentlicht – und jedes davon besticht durch eine kompromisslose Wahrhaftigkeit und Offenheit … Das Berliner Quartett trifft genau ins Schwarze der Zeitgeist-Zielscheibe!“
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Zehn Jahre existierte diese so besondere Band da schon mit gelegentlichen personellen Veränderungen um den 1978 in Berlin geborenen Bandleader, Saxofonisten und Komponisten Philipp Gropper, der immer wieder und immer neu musikalische Definitionen von Dringlichkeit zu formulieren vermag, ohne sich dabei je zu inflationieren. Insofern wurde das Samstagskonzert in der bestens besuchten naTo zu einem sehr besonderen Statement dafür, wo der aktuelle deutsche Jazz stehen kann, wenn er mit derart unbedingter Konsequenz ein tragfähiges Konzept hinbreitet. Zudem war es das letzte vom Jazzclub Leipzig organisierte Konzert in einem seiner traditionsreichsten Clubs vor dessen Renovierung.
Eroberung des Raums vor staunend versunkenem Publikum
Was Gropper dann gut achtzig Minuten lang mit seiner aktuellen Philm-Besetzung mit Bassist Robert Landfermann, Keyboarder Elias Stemeseder und Schlagzeuger Leif Berger zelebrierte, rechtfertigte alle Erwartungen an etwas Besonderes. Es wurde zu einer komplett überzeugenden Eroberung des Raums vor einem staunend versunkenen Publikum. Keine Pause, keine Worte, kein Zwischenbeifall, keines der im Jazz üblichen Solos und nach dem begeistert aufbrandenden Beifall auch keine Zugabe, stattdessen ein kompakt austarierter Gruppenklang voller robuster Geschmeidigkeit, Musik, die nicht drumrum redet, sondern unmittelbar zum Kern vordringt und dort bleibt. Dichte Parallelität zwischen Saxofon und Keyboards, ein druckvoller Kontrabass an einer spielerischen Obergrenze für das Instrument und ein Schlagzeug, das immer wieder forcieren und in neue Richtungen steuern kann. Das ergibt eine Musik, die unsere Existenz einkreist, kommentiert und in größere Kontexte setzt.
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Überzeugende Eroberung des Raums vor einem staunend versunkenen Publikum: Philm in der naTo.
Quelle: Andre Kempner
Hier sagt eine Band aus einer inneren Notwendigkeit heraus, was zu sagen ist, kompromisslos selbstbestimmt. Sie spricht mitten aus unserer Zeit von unserer Zeit, und das überträgt sich auf den Hörer. In insistierenden Schleifen und hin zu klug vorbereiteten Wechseln in Themen, Gestus und Energielevel wird Drängendes prozesshaft offenbart und sinnfällig plausibel gemacht. Ganz am Ende meint man durch Groppers gepresste Splittertöne den Geist des späten Coltrane irrlichtern zu hören. In seiner Unbedingtheit ist der tatsächlich einer der Referenzpunkte dieser Musik, doch trägt sie das nicht vor sich her, weil ihr nichts ferner liegt, als Ahnen schlicht zu reproduzieren. Die Musik dieses Quartetts kommt ganz und gar aus dem Jetzt, transzendiert urbane Befindlichkeiten, hebt ab von simplen Bedrängnissen, um größere Zusammenhänge zu erspielen und auszuhalten.
Sternstunden des Jazz
In seinem so schlüssigen Konzept führt Philipp Gropper vor, wie etwas erst dann richtig spannend wird, wenn es aufhört, beliebig zu sein. Was für eine Band! Immer wieder gut für Sternstunden des hiesigen Jazz, weil sie ihre Auftritte nutzt für eine Darstellung existenzieller Wucht und Brisanz, weil hier Dynamik und Ekstase durchgehalten und durchgestaltet sind, weil eine fragmentierte Aktualität widerständig in kreativem Tun zurück zu etwas wuchtig Großem voller sensibel formulierter Details transformiert wird. Diese Band tut das als gemeinsam atmender Organismus mit Intensität, Fantasie und Überzeugtheit von der Sache. Aus ihrem unablässigen Suchen und Finden destillieren die Vier betörend wahrhaftige Momente. Nein, das war nicht einfach nur noch ein Konzert. Das wuchs und wies über die einfache Summe seiner Teile hinaus.
LVZ