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„Anhaltend, allgegenwärtig, demoralisierend und natürlich tödlich“ – Experten streiten um das mächtigste Feuer eines kommenden Krieges: Schon Drohnen oder doch noch die Artillerie? (Symbolfoto) © IMAGO / Sergey Bobylev
Die Experten streiten über das heißeste Feuer im kommenden Krieg: aus wummernden Stahlrohren oder surrenden Drohnen? Die Hightech-Branche redet mit.
Berlin – „Mit der richtigen politischen Koordination könnte innerhalb eines Jahres eine erste operative Ebene einsatzbereit sein“, sagt Martin Karkour – der Vertriebsvorstand des Drohnen-Herstellers Quantum Systems hat sich gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) optimistisch geäußert bezüglich eines Drohnen-Walls an der Nato-Ostflanke; tatsächlich überlegen die Partner der Allianz, wie sie Wladimir Putins Invasionsarmee nach dem Ukraine-Krieg im Zaum halten könnten. Eine Abgrenzung durch Drohnen steht schon länger im Raum.
„Den deutschen Start-ups winken somit glänzende Geschäfte“, schreibt aktuell die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.). „Wenn wir an die Nato-Ostflanke denken, also 3.000 Kilometer Grenze, und mit Masse dorthin kommen, auf asymmetrische Fähigkeiten setzen, also Zehntausende Kampfdrohnen dort konzentrieren, dann ist es eine sehr glaubwürdige konventionelle Abschreckung“, hatte kürzlich Gundbert Scherf gegenüber ntv.de geäußert. Der Mitbegründer und Co-Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Helsing aus München meldete sich zeitig zu Wort mit seiner Forderung eines Drohnen-Walls ähnlich dem von den östlichen Nato-Partnern geplanten.
Ukraine-Krieg: Der neue Motor für das deutsche Wirtschaftswachstum?
Inzwischen ist das Sondervermögen für Verteidigung längst durch den Bundesrat beschlossen, Deutschland investiert in Rüstung so viel wie lange nicht mehr: hochgerechnet bis zu 500 Milliarden Euro innerhalb der kommenden zehn Jahre; und der Ukraine-Krieg wird vielleicht zum Motor neuen deutschen Wirtschaftswachstums – und zur Chance neuer innovativer Unternehmen neben den tradierten Marktteilnehmern, wie Andreas Haak kürzlich gemutmaßt hat. „Allerdings ist zu beachten, dass die Rüstungsindustrie ein stark regulierter Sektor mit komplexen rechtlichen Anforderungen ist“, schreibt der Fachanwalt für Vergaberecht der Anwaltskanzlei Pinsent Masons. Haak warnt vor den Herausforderungen im Rahmen der öffentlichen Beschaffung sowie der öffentlichen Preisgestaltung.
„Betriebswirtschaftlich sorgte der große Verschleiß an Kamikazedrohnen wiederum für permanente Nachbestellungen und ausgelastete Produktionslinien. Das erklärt das Interesse auf Investorenseite und macht Drohnen aktuell zu einem hochattraktiven Markt.“
Ein Drohnen-Wall ist nichts Neues in der Allianz: Sechs Nato-Partner planen jetzt eine Drohnen-Mauer gegen Wladimir Putins aggressive Außenpolitik: Norwegen, Finnland, Polen und die drei baltischen Staaten. Das Magazin Breaking Defense hatte im vergangenen Jahre von einer Mischung aus physischen Barrieren gegen anrückende Landstreitkräfte und modernen Überwachungssystemen geschrieben, „darunter einige mit künstlicher Intelligenz“. Breaking Defense sieht vorgeschobene Operationsbasen kommen, logistische Hubs und Systeme zur Drohnen-Abwehr.
Der skandinavisch-baltische Drohnen-Wall ist eher weniger dazu gedacht, dass aus beispielsweise versteckten Basen ganze Wolken von Kamikaze-Drohnen ausschwärmen und angreifen würden. Die Drohnen würden wahrscheinlich eher die Aufgabe von Rund-um-die-Uhr-Wachtposten übernehmen. Die neuen deutschen Drohnen gehen scheinbar in eine andere Richtung: Die Münchner und Berliner Start-ups Helsing und Stark jedenfalls liefern an die Bundeswehr Kamikaze-Drohnen zum Testen. Möglicherweise haben die beiden Unternehmen einen Rüstungswettlauf in der Branche losgetreten.
Putins neue rote Linie: „ein realistisches, gestaffeltes Aufklärungs- und Frühwarnsystem“
Wie die F.A.Z. berichtet, spricht Quantum-Manager Karkour aber doch lieber von einer „gläsernen Grenze“ und richtet seinen Fokus auf „ein realistisches, gestaffeltes Aufklärungs- und Frühwarnsystem, das auf marktverfügbarer Technologie basiert. Dazu gehörten autonome Aufklärungsdrohnen genauso wie Satelliten, Bodensensoren und klassische Grenzüberwachungssysteme“, so der Manager gegenüber der Zeitung. Kampfdrohnen erscheinen ihm sekundär – Helsing-Chef Scherf argumentiert da schon offensiver und spricht gern von den Kostenvorteilen einer Kamikaze-Drohne gegenüber einem Panzer; von der Effektivität möglicherweise ganz abgesehen.
Allerdings ist zu fragen, welche unternehmerischen Fleischtöpfe das neue Sondervermögen bedienen wird. Wie in der klassischen Rüstungstechnik verursacht nicht die Waffe allein die hohen Kosten, sondern das strukturelle Umfeld. Noch wird viel Wirbel um die Waffe an sich gemacht – Antworten zu einer umfassenden Strategie, die im besten Fall über die jeweiligen Landesgrenzen hinausgeht, fehlen möglicherweise.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks

Auch die gemeinsamen Luftabwehrbemühungen mehrerer Nato-Staaten unter dem Schlagwort European Sky Shield Initiative (ESSI) kommt bisher ohne Einbindung von Drohnen aus – das Nato-Grenzland Polen hat sich zwar inzwischen auch ESSI angeschlossen, gehört aber genauso zur skandinavisch-baltischen Drohnen-Wall-Koalition. Ende des zweiten Jahres im Ukraine-Krieg hatten Federico Borsari und Gordon B. Davis, Jr. gewarnt, dass mit Drohnen allein noch nicht viel gewonnen wäre. Drohnen seien keine bahnbrechenden Neuerungen.
Drohnen-Hype verfrüht? Integration in ein umfassenderes militärisches Ökosystem notwendig
„Trotz des Hypes um UAS (Unmanned Aerial Systems) hängt ihre Effektivität von ihrer Integration in ein umfassenderes militärisches Ökosystem ab, das sich auf sich gegenseitig unterstützende und ermöglichende Fähigkeiten konzentriert“, schrieben die Analysten für den US-Thinktank Center for European Policy Analysis (CEPA). Borsari und Davis zählen zu diesem Ökosystem nach ihren Worten aufeinander abgestimmte Waffensysteme, elektronische Kriegsführung, Cyberspace- und Weltraumfähigkeiten sowie C4ISR (Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance, and Reconnaissance) – und das für Streitkräfte zu Wasser, zu Lande und in der Luft.
Möglicherweise müssten sich demzufolge die politischen Entscheider vor schneidigen Tech-Vertrieblern hüten. Wie der britische Thinktank Royal United Services Institute (RUSI) im zweiten Kriegsjahr hochgerechnet hatte, verliere die Ukraine monatlich 10.000 Drohnen – die meisten aufgrund elektronischer Kriegsführung. Insofern würde eine Hochrüstung mit Drohnen auf westlicher Seite nicht zwingend den rüstungstechnischen Quantensprung bedeuten, sondern wahrscheinlich nur die nächste Stufe einer Rüstungsspirale – was untermauert wird von der Tatsache, dass sowohl Russland als auch die Ukraine als die fortgeschrittensten Drohnen-Nutzerstaaten wieder auf glasfasergebundene Drohnen zurückgreifen, weil das elektronische Störfeuer zu stark geworden ist.
Tatsächlich legt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nahe, dass unter der Prämisse der Friedenswahrung ein Hauen und Stechen unter deutschen Rüstungskonzernen ausgebrochen sei. „Ich wehre mich dagegen, dass wir uns zwischen Drohnen oder Panzern entscheiden müssen“, sagte Anfang April Oliver Dörre gegenüber der F.A.Z. Der Vorstandschef des Rüstungsunternehmens Hensoldt könne sich über einen Boom für seine Radar- und Sensortechnik freuen, implizierte F.A.Z.-Autor Markus Frühauf.
Russland nicht nur mit Drohnen zu bekämpfen: „Allein damit werden sie keine Luftüberlegenheit erreichen“
Möglicherweise sind auch Pfründe zu verteidigen, wie Dörre gegen den Drohnen-Hype argumentierte: Er sei eben anderer Meinung, als dass Drohnen den nächsten Krieg allein bestimmten, wie manche Experten meinten: „Allein damit werden sie keine Luftüberlegenheit erreichen, keine Brückenköpfe einnehmen, kein gegnerisches Territorium besetzen und kein eigenes schützen können. Drohnen sind eine neue Form der Artillerie, die zugleich Aufklärung ermöglichen“, sagte er und sprach sich für eine Gleichgewichtung der Retro- und der Zukunftswaffen aus.
Eine ähnliche Position vertritt L. Lance Boothe im Small Wars Journal, der Publikation der Small Wars Foundation an der Arizona State University. Der pensionierte Feldartillerieoffizier macht in seinem Aufsatz vom Ende des vergangenen Jahres deutlich, dass Drohnen möglicherweise in der Aufklärung hervorragend wirkten, aber die Feuerkraft weiterhin eine Domäne der Artillerie bleibe. Boothe verdeutlicht das an einem Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press vom September, wonach die Ukraine mittels Drohnen ein großes Militärdepot in die Luft gejagt hätte, aber „lediglich“ 13 Menschen verletzt worden seien.
Nato braucht Artillerie: „Dieses Feuer ist anhaltend, allgegenwärtig, demoralisierend und natürlich tödlich“
Der US-Sender ABC hätte dagegen Ende 2023 schon klargemacht, dass 80 Prozent der ukrainischen Gefallenen auf Artilleriefeuer zurückzuführen seien, wie Boothe anführt. Auch die F.A.Z. bleibt vorsichtig-distanziert gegenüber der Drohnen-Branche. Sie könnten ihre in der Ukraine getesteten Drohnen als im Gefecht erprobt anpreisen, schreiben Sven Astheimer, Markus Frühauf und Niklas Záboji – den Autoren zufolge wüchsen die Newcomer am Krieg. Ebenso wie big player wie der Panzerschmied Rheinmetall profitierten die Newcomer von der Entwicklung neuer Waffen aufgrund der Entwicklung des aktuellen Krieges, wie die F.A.Z.-Autoren darlegen.
„Betriebswirtschaftlich sorgte der große Verschleiß an Kamikazedrohnen wiederum für permanente Nachbestellungen und ausgelastete Produktionslinien. Das erklärt das Interesse auf Investorenseite und macht Drohnen aktuell zu einem hochattraktiven Markt“, schreibt die F.A.Z. Armin Papperger schwört dagegen auf Stahl und Eisen – gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende, „dass enorme Investitionen in Raketen, Munition und Fahrzeuge nötig seien, um Europa widerstandsfähiger zu machen“ – ihm zufolge läge der gesamte Kontinent noch weit hinter den eigenen Zielen zurück; und Wladimir Putin wisse das.
Ganz vom alten Schlag argumentiert im Small Wars Journal auch der Ex-Feldartillerist L. Lance Boothe bezüglich des in der Ukraine allgegenwärtigen russischen Artilleriefeuers: „Dieses Feuer ist anhaltend, allgegenwärtig, demoralisierend und natürlich tödlich. Krieg wird mit Artillerie geführt. Das gilt heute genauso wie zu Napoleons Zeiten im 19. Jahrhundert.“