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Nato-Vorhut gegen Putin in der Arktis? Die MQ-4C Triton-Aufklärungsdrohne der US-Marine scheint geeignet zu sein, unter rauen klimatischen Bedingungen reibungslos zu funktionieren. Darüber hinaus rennt die Nato wohl dem technologischen Vorsprung hinterher. © IMAGO / Mike Mareen
Im hohen Norden trumpft Russland auf: Die Nato hat Sorgen wegen ihrer technologischen Nachteile im rauen Klima. Auch die Skandinavier werden hektisch.
Moskau – „Unbemannte Flugsysteme aus einheimischer Produktion werden aktiv zum Schutz der Staatsgrenze eingesetzt, zusammen mit mobilen, angebundenen Videoüberwachungsflugzeugen, die zur Fernüberwachung abgelegener Grenzabschnitte und zur Koordinierung der Grenzpatrouillen dienen“, sagte Vladimir Kulishov. Gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Tass erklärte der Leiter des Grenzschutzes Russlands, wie sich Wladimir Putins Armee in der Arktis aufzustellen gedenkt. Das war 2020, und jetzt fürchtet die Nato, ihr kommender Gegner hätte sie im hohen Norden technisch bereits abgehängt.
„Der Einsatz von Drohnen trägt dazu bei, die Effizienz des Schutzes der Staatsgrenze in schwer zugänglichen und abgelegenen Gebieten sowie an Orten aktiver illegaler Aktivitäten erheblich zu steigern“, betonte Kulishov im Gespräch mit Tass. Im Mai 2020 legte Kulishov nach mit einem deutlichen Vorwurf an den Westen: Er betonte, dass „eine Reihe ausländischer Staaten weiterhin die Absicht haben, die Gewässer der ausschließlichen Wirtschaftszone und die Gebiete des Festlandsockels der Russischen Föderation in den Bereich ihrer vorrangigen Interessen einzubeziehen“, wie ihn die Tass zitiert.
Ukraine-Krieg schwappt über: „High Noon im hohen Norden“ schon länger diskutiert
Von „High Noon im hohen Norden“ hat der britische Economist bereits im Juni 2022 geschrieben, als der Ukraine-Krieg noch als ein fürchterliches, aber kurzes Intermezzo gegolten hat. „Wir sind wieder im Kalten-Krieg-Modus“, sagte Jens-Arne Hoilund damals gegenüber dem Blatt. Der Norweger ist dort stationiert als Grenzkommissar. Dem Russen Kulishov stößt sauer auf, dass der Arktische Ozean, wie andere Gewässer auch, immer intensiver durch den Westen aufgeklärt würde und dass dort mehr Verkehr durch Marineschiffe sowie Flugzeuge verschiedener Nationen der nordatlantischen Verteidigungsallianz stattfinde.
„Wir bewegen uns auf einen Punkt zu, an dem Russland entlang der nördlichen Seeroute nicht nur über unbewaffnete Überwachungsdrohnensysteme verfügen wird, sondern möglicherweise auch über bewaffnete Systeme, die diese Gebiete ständig patrouillieren.“
Jetzt schwappt also auch eine Vorform des möglicherweise kommenden Drohnenkrieges dorthin über, berichtet aktuell der Tagesspiegel. „Wir alle müssen den Rückstand gegenüber der Ukraine und Russland aufholen“, sagt Generalmajor Lars Lervik. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters spielt der Oberbefehlshaber der norwegischen Armee an auf die Herausforderungen, denen die Unmanned Aearial Vehicles (UAV) in arktischen Regionen ausgesetzt sind: Die Kälte setzt fast allem zu, was an einer Drohne dran ist.
Multikopter oder Starrflügelmodelle seien anfällig, schreibt Reuters. Laut deren Autoren Jacob Gronholt-Pedersen und Gwladys Fouche böten nur die größten und damit weitreichenden Modelle genügend Leistung, um die auch von Flugzeugen bekannten Enteisungssysteme zu speisen. Darüber hinaus sei die Elektronik der Drohnen anfällig gegen Kälte, Nebel, Regen oder Schnee; vor Fehlfunktionen oder Abstürzen sei demzufolge keine der Waffen in dieser Klimazone gefeit. Wie die Nachrichtenagentur beziehungsweise andere Medien berichten, bestünde allerdings kein Beweis, dass Russland über widerstandsfähigere Drohnen verfüge – bekannt ist aber, dass Russland mit Hochtechnologie grundsätzlich Schwierigkeiten hat.
USA scheinbar cool in Arktis-Fragen: Kommandeur bezeichnet Drohnen als „Lückenfüller“
„Wir bewegen uns auf einen Punkt zu, an dem Russland entlang der nördlichen Seeroute nicht nur über unbewaffnete Überwachungsdrohnensysteme verfügen wird, sondern möglicherweise auch über bewaffnete Systeme, die diese Gebiete ständig patrouillieren“, sagte James Patton Rogers zu Reuters. Der Analyst von der Cornell University und politische Berater der Vereinten Nationen sowie der Nato wisse überdies, dass das russische Militär bereits vor mehr als zehn Jahren eine arktische Drohnenflotte aufgebaut habe – das Selbstbewusstsein des russischen Grenzers Vladimir Kulishov mag daher rühren, dass diese Flotte mittlerweile vollumfänglich einsatzbereit sei. Möglicherweise.
Möglicherweise könnten diese Systeme neben dem Aufklären auch kämpfen, mutmaßt Rogers. Die USA scheinen aufholen zu wollen; und zu können. „Wir haben mit MQ-9 und Global Hawks experimentiert […] und versucht, weiter nördlich in den Polarkreis vorzudringen, was wir in der Vergangenheit nicht getan haben“, sagte General James B. Hecker Ende vergangenen Jahres gegenüber dem Air & Spaceforces Magazin. Den Offensivdrang des Kommandeurs der US-Luftstreitkräfte in Europa teilen zwar andere Offizielle, sehen in Drohnen aber eventuell nur eine Zwischenlösung.
Laut General Gregory M. Guillot tüftelten die USA weiter am Überhorizontradar, auch Over The Horizon Radar, kurz OTHR. Diese Form der Radar-Ortung solle einen Kontakt auch über die Sichtgrenze, also die Erdkrümmung hinaus möglich machen. Guillot als Kommandeur des North American Air Defense Command und des US Northern Command bezeichnete gegenüber Air & Spaceforces Drohnen als „Lückenfüller“. Nichtsdestotrotz haben auch die USA an ihren Arktis-Drohnen die Schwierigkeit der Enteisung – von den Anpassungen der Sensorik sowie der Nutzlasten ganz zu schweigen, wie das Magazin schreibt.
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Fotostrecke ansehenNato schockiert: „Russland ist uns bei der Entwicklung etwa vier bis fünf Jahre voraus“
Dennoch scheinen die USA der Lösung einen Schritt näher gekommen zu sein, was verschiedene Nato-Partner neugierig gemacht haben soll. Air & Spaceforces spricht von arktisresistenten Eigenschaften der MQ-4C Triton-Drohne der US-Marine sowie von der MQ-9B SkyGuardian – an beiden Modellen scheint die Enteisung so einsatztauglich zu funktionieren, dass Großbritannien, Kanada und Belgien mit der MQ-9B liebäugelten. Norwegen scheint mit der Triton warm werden zu wollen, und Schweden interessierte beide Modelle, berichtet Autorin Unshin Lee Harpley.
Der Tagesspiegel nimmt als Beispiel für die westliche Unterlegenheit der Drohnen-Technik eine Erfahrung, die Mads Petersen vor zwei Jahren gemacht habe, wie er sagte: Der Gründer des Start-ups Arctic Unmanned hatte aus dem beheizten Auto heraus eine Drohne über Grönland getestet – der Flug dauerte drei Minuten, bis die 43 Grad Frost die Batterie leer gezogen hätten. „Russland ist uns bei der Entwicklung etwa vier bis fünf Jahre voraus“, zitiert das Blatt Johan Huovinen. Dem Oberstleutnant und Dozenten an der Schwedischen Verteidigungshochschule in Stockholm zufolge nähmen sich die nordischen Länder in dem Punkt nichts.
Technik-Offensive im Süden: Eine für die Arktis taugliche Drohne soll ausgerechnet aus Frankreich kommen
Eine für die Arktis taugliche Drohne soll ausgerechnet aus Frankreich kommen. Offenbar sollen sich Schweden und Finnland für den Kauf von Parrot-Drohnen entschieden haben; eventuell zunächst zum Testen – laut Firmenangaben funktioniere die in den USA produzierte ANAFI USA auch unter Temperaturen bis 35 Grad Frost – die Drohne ist so groß wie ein Laptop und kann aufklären. Der Drohnenkrieg scheint für den Westen noch kein Thema zu sein, dort, wo kein Mensch lange kämpfen kann. Laut Huovinen sei Russland da weiter – warum Russland gelingen sollte, woran der Westen verzweifle, lässt Huovinen aber offen.
Die russische Drohnenschmiede Zala baue ihm zufolge Lancet-Drohnen, die bei arktischen Temperaturen eine Stunde fliegen und auch Sprengsätze transportieren könnten – tatsächlich rühmte sich das Unternehmen auf seiner Website zuletzt im Januar 2024 mit erfolgreichen Tests von Drohnen in arktischen Breiten: Die Drohnen-Modelle könnten bis 50 Grad Frost operieren, störten sich kaum an rauem Wind und könnten auch unter widrigen Bedingungen starten. Einige Modelle sollen bis zu vier Stunden operieren können, „kompatibel mit modernen Nutzlasten sein“ und über einen Kommunikationsradius von 50 Kilometern verfügen.
Damit nicht genug: Reuters zufolge vermuteten Arktis-Experten, in dieser Region hätte Russland gegenüber den Nato-Staaten insgesamt einen militärischen Vorsprung von zehn Jahren – das gelte für Häfen, Infrastruktur und Schiffe, wie Colin Wall der Nachrichtenagentur gesagt hatte; der Berater im US-Verteidigungsministerium lässt kaum Hoffnung walten: „Im Moment ist das militärische Gleichgewicht in der Arktis stark auf der Seite Russlands.“