In Litauen wächst zurzeit die neue Panzerbrigade 45. Die Bundeswehr stand jahrelang vor allem für Auslandseinsätze statt Bündnisverteidigung. Inwieweit ist diese dauerhafte Stationierung im Baltikum ein Zeichen der neuen Zeit?
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Für mich oder für etwas ältere Soldaten ist es ein bisschen zurück zu den Anfängen. Es ist genau der Kern der Landes- und Bündnisverteidigung, wofür wir einmal Streitkräfte aufgestellt haben. Aber es ist auch die Möglichkeit zur Payback Time. Wir alle – Sie, ich – sind aufgewachsen in Frieden und Freiheit. Warum? Weil britische, amerikanische, niederländische, französische Soldaten in Deutschland stationiert waren. Jetzt haben wir ein ähnliches Prinzip, nur 1500 Kilometer weiter ostwärts.
Die Litauer freuen sich über Bundeswehr und Nato im Land. Die Angst vor Russlands Rückkehr als Besatzer scheint groß. Wie äußert sich das?
Grundsätzlich waren wir schon immer sehr willkommen – natürlich aus der Historie des Landes. Und manchen Zweiflern ist spätestens seit dem russischen Angriff noch mal klarer geworden, dass wir hier mit unseren litauischen Partnern den Schutzschirm für Frieden und Freiheit darstellen. Sehr oft erlebt man eine wirkliche Dankbarkeit. Ich will nicht sagen, Sie werden in Uniform überall vorgelassen. Aber zum Teil sagt ein Mensch „Thank you for your service“. Das ist ernst gemeint. Das erlebe ich in Deutschland nicht so oder nicht so oft.
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Die Solidarität ist ungebrochen: In der Hauptstadt Vilnius (Foto) und ganz Litauen gibt es nach wie vor viel Unterstützung für die Ukraine.
Quelle: Clemens Heidrich
Einen Teil der Brigade bildet die bereits in Litauen stationierte Nato-Battlegroup mit 1600 Kräften unter deutscher Führung. Wozu braucht es weitere 4800 Soldaten?
Die Battlegroup gibt es seit 2017 (Anm. d. Redaktion: Als Reaktion auf die Krim-Annexion). Die Anzahl und Fähigkeiten der Kräfte reichten aber irgendwann nicht mehr aus. Wir müssen dort agieren, wo die Bedrohung am größten ist – nach derzeitiger Bewertung an der Nato-Ostflanke.
Was ist die Panzerbrigade 45?
Die Panzerbrigade 45 ist der erste Großverband der Bundeswehr, der permanent im Ausland stationiert sein wird. Richtig einsatzbereit ist sie voraussichtlich Ende 2027. Die 4800 Soldatinnen und Soldaten werden unter anderem vom Panzerbataillon 203 in Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) und Panzergrenadierbataillon 122 in Oberviechtach (Bayern) kommen. Weiterer Bestandteil ist seit dem 1. April bereits das deutsche Kontingent der multinationalen Nato-Battlegroup in Litauen.
Diese Bedrohung scheint rasant zu steigen. Unterseekabel werden zerstört, Nato-Jets fangen regelmäßig russische Maschinen über der Ostsee ab. Dazu die Nähe zu Belarus und Russland. Wie bewerten Sie das?
Russland hat leider mit seinem furchtbaren Angriffskrieg auf die Ukraine die sicherheitspolitische Lage in Europa deutlich zum negativen verändert. Darauf hat die Nato reagiert, wir als Brigade Litauen sind auch ein sichtbarer Ausdruck dieser Veränderungen.
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Verteidigungsminister Pistorius bezeichnet die Brigade als „wichtigstes Projekt unserer Zeitenwende“. Der Bau der Infrastruktur hinkt allerdings hinterher. Ist die Einsatzbereitschaft gefährdet?
Wir haben eine Roadmap zwischen Deutschland und Litauen vereinbart, dass wir bis Ende 2027 einsatzbereit sind. Daran halten wir uns hundertprozentig. Jetzt können Sie mich aber fragen: Sind wir an den Punkten, die mal angedacht waren? Dann sage ich nein. Der Stab ist noch nicht in Rūdninkai, sondern mitten in Vilnius. Die Stabsunterstützungskompanie und Fernmeldekompanie sind zunächst in Nemenčinė. Wir werden Teile in Rokantiskés haben. Wir nutzen litauische Liegenschaften, weil die Zielinfrastruktur noch nicht fertig ist. Dies ist gut und richtig, damit bleiben wir im Zeitplan. Wir sind Litauen sehr dankbar dafür.

Nemenčinė am 1. April: Mit einem formellen Appell ist in Litauen die Panzerbrigade 45 zum in Dienst gestellt worden. Ihr Kommandeur ist Brigadegeneral Christoph Huber.
Quelle: Alexander Welscher/dpa
Also alles im Zeitplan, nur nicht an den Wunschorten?
Man hat sich darauf verständigt, dass wir mit weiteren Kräften oder mit den Hauptkräften der Brigade dann verlegen werden, wenn die Infrastruktur steht. Ich glaube, wir tun gut daran, den Litauern zu vertrauen. Sie leisten Enormes.
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Zur Infrastruktur gehören auch Einrichtungen für mitziehende Familien. Wie läuft die Kooperation mit den Litauern?
Wir haben schon relativ lange einen litauischen Kindergarten mit deutschsprachiger Gruppenleiterin. Ben war das erste Kind, er hat die Dinosauriergruppe gegründet. Das hat herausragend geklappt. Bei Kindern ist es aber auch einfach. Sie wissen nicht, dass sie sich gegenseitig nicht verstehen, sie spielen einfach miteinander. Mittlerweile sind es um die 20 Kinder. Die Größeren gehen bislang zur Internationalen Schule, ab September haben wir dann eine deutsche Schule zunächst für die Klassen eins bis vier.
Oberst André Hastenrath (54) ist in Mönchengladbach geboren, verheiratet und hat eine Tochter. 1990 trat er als Panzergrenadier der Bundeswehr bei und war unter anderem im Kosovo sowie in Afghanistan. Im April 2024 ging Hastenrath als Führer des Vorkommandos der künftigen Panzerbrigade 45 nach Litauen. Seit diese am 1. April 2025 offiziell ihren Dienst aufgenommen hat, ist der Oberst ihr stellvertretender Kommandeur.
Die aktuelle Sicherheitslage und Nähe zu Russland könnten Soldaten dennoch abschrecken, gerade mit der Familie fest nach Litauen zu ziehen. Keiner weiß, wie die Welt in drei Jahren aussieht.
Das ist eine zweigeteilte Frage. Zur inneren Sicherheitslage: Meine Frau ist auch hier, ebenso mein Hund. Würde meine Tochter nicht schon studieren, wäre sie auch in Litauen. Von daher sage ich, wir sind in einem richtig guten Land. Bei der äußeren Sicherheitslage vertrauen wir auf Indications and Warnings. Es gibt immer Signale und Anzeichen. Zum zweiten Teil: Über einen Umzug nach Litauen muss jeder individuell entscheiden. Auch die unterschiedlichsten Lebensphasen spielen eine Rolle. Es gibt kein Patentrezept.
Die Soldaten an der Ostflanke müssen ständig mit Spionageversuchen rechnen. Sogar über Kasernen in Deutschland gibt es vermehrt Drohnen-Meldungen. Wie begegnen Sie der Gefahr?
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Es wird natürlich versucht, Informationen über die Truppen zu gewinnen. Den Faktor müssen wir neu denken: eigene Sicherheit, Umgang mit Handys, Social Media. Ich liefere so auch Rohdaten, Geodaten und so weiter. Es hilft dabei, den Soldaten zu erklären, dass die Sicherheit nicht nur für den General gilt, sondern für alle.

Der deutsche Teil der Nato-Battlegroup Litauen mit rund 1300 Soldatinnen und Soldaten ist ab sofort auch der Bundeswehr-Brigade unterstellt.
Quelle: Clemens Heidrich
Dazu gehört ein striktes Handyverbot bei Übungen. Ich höre aber auch, dass es teilweise gewollt ist, wenn Russland zuguckt.
Es ist eine Form der strategischen Kommunikation, wenn man so möchte. Deswegen halten wir zum Teil auch Übungen ab. Wir wollen anderen ebenfalls demonstrieren, was wir können. Das ist Teil der Abschreckung.
Apropos Abschreckung: In jedem baltischen Land stehen Nato-Truppen. Jetzt kommt die Brigade dazu. Für Finnland gibt es Pläne einer weiteren Battlegroup. Birgt das nicht auch das Risiko einer Provokation?
Die Nato ist ein rein defensives Bündnis, wir stehen für Freiheit und Sicherheit in Europa ein. Diese Werte verteidigen wir.
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Nichtsdestotrotz könnte sich Russland erst recht herausgefordert fühlen.
Die Nato steht für diese Abschreckung. Unsere Verteidigungsbereitschaft im Bündnis gewährleistet unsere Sicherheit, unser Leben in Freiheit und Frieden. Das hat auch bereits im Kalten Krieg funktioniert.
Dieser Artikel erschien erstmals in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ – Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland.