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Eine der Schneefräsen arbeitet sich zur Passhöhe vor. © Foto: Grossglockner.at/Leopold
Die Großglocknerstraße hat so früh wie seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr ihre Wintersperre beendet. Aus gutem Grund.
Fusch/Heiligenblut – So früh wie seit 51 Jahren nicht mehr wurde am Karsamstag die Wintersperre für die Großglockner Hochalpenstraße aufgehoben. Am Hochtor trafen sich am Tag zuvor die Räumteams auf 2504 Metern Höhe am Hochtor, der Landesgrenze von Salzburg und Kärnten. Eines war am 7. April in Fusch auf der Salzburger Seite, eines in Heiligenblut auf der Kärntner Seite in Heiligenblut am Großglockner gestartet, um die zu den spektakulärsten Alpenübergängen gehörende Passstraße befahrbar zu machen.
Passstraße schraubt sich auf 2500 Meter Höhe, und wird üblicherweise erst im Mai geöffnet
Seit dem Eröffnungsjahr 1935 wurde die Hochalpenstraße erst fünfmal vor dem 20. April geöffnet, berichtet die Großglockner Hochalpenstraßen AG auf ihrer Homepage. Grund für den frühen Öffnungstermin sind die „moderaten Schneemengen“ in diesem Winter. Dennoch heißt es: „Windverwehungen, Lawinen und unvorhersehbare Wetterumschwünge erforderten von den Schneeräumtrupps aus Salzburg und Kärnten einmal mehr Präzision und Einsatzbereitschaft.“
Voriges Jahr verschüttete während der Räumung eine Lawine die beliebte Passstraße. Im Juni wurden sogar Urlauber von Lawinen eingeschlossen.
Derzeit ist die Alpenstraße täglich von 8 bis 17 Uhr geöffnet, die letzte Einfahrt ist bis 16:15 Uhr möglich, so die Betreiber. Einer Fahrt über Österreichs höchste Straße im Rahmen eines Österreich-Urlaubs steht also nichts mehr im Wege, solange man ein Auto hat. Motorrad- und Fahrradfahrer dürften noch nicht passieren. Die Auffahrt zur Edelweiß-Spitze und Kaiser-Franz-Josefs-Höhe sind noch komplett gesperrt, heißt es weiter.
Ab dem 25. April gelten wieder die regulären Öffnungszeiten. Eine Häufung von relativ sehr frühen Öffnungen der Großglocknerstraße im Frühjahr gab es in den Jahren 1959 bis 1976, wo aufgrund der geringen Niederschläge in den Wintern zuvor sogar einmal schon am 7. April 1961, im Jahr 1964 dann am 12. April und 1974 am 11. April geöffnet werden konnte.
Früher kämpften sich die Männer mit Schaufeln durch den 20 Meter hohen Schnee
Im Jahr 2020 wurde die Wintersperre erst am 27. Mai aufgehoben. Der bisher späteste Öffnungstermin war 1944, als die Straße sogar erst ab dem 8. Juli befahren werden konnte. Die früheste Wintersperre war ebenfalls 1944 und 1945 am 25. September. Im Jahr 1944 war die Straße also nur 80 Tage geöffnet. Damals kämpften sich die Männer der Schneeräumung nur mit Schaufeln unter extremen Bedingungen durch den durch Wind und Lawinen bis zu 20 Meter aufgetürmten Schnee – Schneeblindheit und Sonnenbrand setzten ihnen schwer zu, von der Laweinengefahr ganz zu schweigen.
Rund 350 Mann waren rund 70 Tage damit beschäftigt, die Straße nach dem Winter wieder befahrbar zu machen. Heute übernehmen die speziell entwickelten Wallack-Fräsen mit drei Motoren zu je 125 PS und einer Breite von 2,5 Metern diese Aufgabe. Sie sind Schneepflug und Fräse in einem, wurden in den 50er Jahren entwickelt und werden mit Bio-Treibstoff aus hydrierten Pflanzenölen und tierischen Fetten betrieben. Die späteste Wintersperre wurde am 30. Januar 1964 verhängt. Somit war 1963/64 die Straße 282 Tage offen. Nach den Kriegs- und Nachkriegsjahren war die Großglockner Hochalpenstraße 1980 mit 166 Tagen am kürzesten geöffnet, 2019 waren es lediglich 167 Tage.
Immer weniger Schnee in den Alpen – der Trend hält nicht nur in Österreich seit Jahrzehnten an
Insgesamt gesehen ist der Winter zumindest in der nördlichen Hälfte der Alpen zu schneearm gewesen. Auf der Zugspitze maß die Schneedecke im Januar nur 105 Zentimeter – der niedrigste Wert seit 25 Jahren und die Hälfte dessen, was um die Jahreszeit sonst dort liegen müsste. Wissenschaftler beobachten den Trend schon lange: In den letzten hundert Jahren hat der Schneefall in den Alpen deutlich abgenommen. Im Durchschnitt fällt im gesamten Gebirge rund ein Drittel weniger Schnee. Das zeigt eine Studie mit Daten von 46 Orten aus dem gesamten Alpenraum, die kürzlich im „International Journal of Climatology“ veröffentlicht wurde. Dafür wurden Aufzeichnungen der Schneehöhen von 1920 bis 2020 ausgewertet.
„Die Entwicklung des Neuschneefalls in den Alpen ist stark negativ, wir können von einem Gesamtrückgang von 34 Prozent sprechen, mit einer deutlichen Verschlechterung nach 1980, die mit einem ebenso deutlichen Temperaturanstieg zusammenfällt“, erklärt Michele Bozzoli bei taz.de. Er ist einer der Autoren der Studie.
Seit den 1980er Jahren ist die Durchschnittstemperatur in den Alpen laut Studie um rund ein Grad Celsius gestiegen. Die Folgen: Ein dramatischer Rückgang der Gletscher, das kann man auch an der Pasterze am Großglockner sehen. Der bekannteste Gletscher auf dem Großglockner hatte voriges Jahr 203,5 Meter seiner Länge verloren, der größte Messverlust in der 133-jährigen Messgeschichte des Alpenvereins Österreich ÖAV und ein trauriger Rekord für Österreich.
Im Oktober stürzten zwei Ehepaare an einer Haarnadelkurve der Alpenstraße in die Tiefe. Für Schlagzeilen sorgte im Winter der Kälte-Tod einer Frau, die knapp unterhalb des Gipfels von ihrem Partner alleine gelassen wurde.