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Ein simulierter russischer Angriff auf Großbritannien offenbart große Lücken in der britischen Luftabwehr. Das sei ein Weckruf, warnt ein Experte.
London – In Europa herrscht angesichts des Ukraine-Krieges die Angst vor einem Angriff aus Russland. Viele Länder erhöhen deswegen ihre Militärausgaben und üben für den Ernstfall. Eine Militärübung aus Großbritannien zeigte aber, dass die Europäer noch nicht für Angriffe aus Russland vorbereitet sind. „Das Vereinigte Königreich konnte russische Raketenangriffe während eines simulierten Angriffs auf britischen Boden, der kurz nach Moskaus Invasion in der Ukraine stattfand, nicht erfolgreich abwehren“, schreibt Newsweek.
Angriff aus Russland für Nato-Land „kein schönes Bild“
„Wir haben die erste Nacht der Ukraine in diese synthetische Umgebung geladen und sie gegen Großbritannien ausgespielt, und wie Sie sich vorstellen können, war es kein schönes Bild“, wird der Kommandant des britischen Luft- und Raumfahrtzentrums, Commodore Blythe Crawford bei einem Auftritt im Think-Tank des Royal United Services Institute (RUSI) zitiert. Crawford ging Anfang des Monats in den Ruhestand. Die Briten gehen demnach davon aus, dass einige der Raketen die simulierten Verteidigungsanlagen Großbritanniens durchdrungen haben.
Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums erklärte gegenüber dem Magazin, dass sich das Nato-Land „voll und ganz darauf vorbereitet, an der Seite unserer NATO-Verbündeten jede Bedrohung“ abzuwehren. Dabei setzen die Briten auf mehrere Abwehrsysteme, wie etwa das Sea-Viper-Raketenabwehrsystem. Damit hatte die britische Marine von der Huthi-Miliz im Jemen abgefeuerte ballistische Rakete abfangen. Auch setzt das britische Militär Eurofighter für die Sicherung des Luftraums ein.

London ist auf einen russischen Angriff nicht vorbereitet. © dpa/Sergei GritsUkraine-Krieg: Russlands-Strategie bei Angriffen erfolgreich
Doch Russland hat offenbar Strategien entwickelt, die es dem Militär des Landes ermöglichen, Abwehrschirme feindlicher Staaten zu umgehen. Das beweisen Putins Truppen besonders im Ukraine-Krieg. Dort setzen sie eine Kombination aus ballistischen Raketen und Marschflugkörpern ein, darunter auch solche, die von Nordkorea geliefert wurden, sowie aus dem Iran stammende Shahed-Kamikaze-Drohnen.
So geschehen bei einem russischen Angriff vom Mittwoch. Nach Angaben aus Kiew habe Russland am Mittwoch um 19.30 Uhr elf ballistische Raketen vom Typ Iskander-M und nordkoreanische KN-23 sowie verschiedene Arten von Marschflugkörpern und Drohnen auf die Ukraine abgefeuert. Die Ukraine habe dabei nur 48 der 70 Raketen abgeschossen und 64 der 145 Drohnen abgefangen – und das, obwohl Kiew vom Westen mit modernster Flugabwehr ausgestattet wurde.
Putin droht Westen mit Vergeltung
Daher sollte die jüngste Simulation eines russischen Angriffs als Weckruf verstanden werden. „Die Ukraine hat uns alle wachgerüttelt“, sagte Crawford. Laut dem Experten sei das britische Militär lange Zeit davon ausgegangen, dass sein Personal und seine Ausrüstung in den Heimatbasen vor Angriffen sicher seien, was nun überdacht werden müsse. In der Vergangenheit hatte der russische Präsident Wladimir Putin dem Westen immer wieder gedroht. Länder, die der Ukraine den Einsatz von Langstreckenraketen gegen russisches Territorium gestatten, müssten laut Putin mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. „Im Fall einer Eskalation aggressiver Handlungen werden wir entschieden spiegelbildlich handeln“. Diese Drohung begründete er mit dem Einsatz westlicher Waffen auf russischem Boden, den er als von den USA und anderen Nationen provoziert ansieht.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Fotostrecke ansehenWaffen der „nächsten Generation“ im Ukraine-Krieg eingesetzt
Das Nato-Land Großbritannien hatte zuvor ihr 48 Millionen teures „weltweit führendes synthetisches Trainingssystem“ mit dem Namen Gladiator vorgestellt, mit dem reale Szenarien für Militärübungen nachgebildet werden sollen. Doch dieses System soll Lücken haben. Laut dem Bericht berücksichtigt die Kriegssimulation mehrere russische Waffen der „nächsten Generation“ nicht, wie die Hyperschallraketen Zircon und Kinzhal. Solche Hyperschallwaffen hatte Moskau wiederholt gegen die Ukraine eingesetzt. Der Kreml sagt dazu, diese seien nahezu unmöglich, abzufangen. (erpe)