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In Österreichs Alpen wurde ein dramatischer Anstieg tödlicher Unfälle registriert. Überraschend ist, wann es in den Bergen besonders gefährlich ist und wieso.
Innsbruck – Die österreichischen Alpen locken jedes Jahr Millionen von Touristen an – kein Wunder: Sage und schreibe 695 Gipfel über 3000 Meter Seehöhe gibt es nach Angaben des österreichischen Alpenvereins ÖAV in der Alpenrepublik. Die locken vor allem Bergsportler zu einem Urlaub in Österreich. Ob gemütliches Bergwandern, Extrem-Bergstiegen, Skifahren, Snowboarden oder Skiwandern – für jeden Geschmack und jede Jahreszeit gibt es Aktivitäten, und viele Hütten locken mit einer deftigen Jause zu einer gemütlichen Pause. Doch immer öfter enden solche Ausflüge in einer Klinik und manchmal sogar im Leichenschauhaus: Die Zahl der tödlichen Bergunfälle hat voriges Jahr in Österreich dramatisch zugenommen.
In den österreichischen Bergen starben im letzten Jahr 309 Menschen, ein Anstieg im Vergleich zu 271 im Jahr 2023. Die meisten Opfer stammten aus Österreich (58 Prozent), gefolgt von Deutschland (28 Prozent) und je einem Prozent aus den Niederlanden und Tschechien. Die meisten tödlichen Unfälle ereigneten sich in Tirol (104 Tote), das den größten Hochgebirgsanteil der österreichischen Bundesländer und somit auch die meisten Skigebiete hat. Es folgen Salzburg (58), Kärnten (36) und Vorarlberg (35). 87 Prozent der Verstorbenen waren Männer. Die Gesamtzahl der Unfälle im Gebirge stieg von 9583 auf insgesamt 9761 Unfälle. Zum Vergleich: der Zehn-Jahres-Durchschnitt liegt bei 8422 Unfällen.

Österreichs Bergretter und Helikopterpiloten hatten im vorigen Jahr sehr viel zu tun. © ÖAMTC/ÖKASDie meisten tödlichen Bergunfälle in den österreichischen Alpen ereignen sich nicht beim Skifahren
Die meisten Todesfälle (170) geschahen übrigens im Sommer, also beim Wandern, Klettern, Bergsteigen und anderen Sommersportarten, was 55 Prozent der tödlichen Unfälle bedeutet. Alleine im August gab es 48 Todesfälle. Die Zahl der beim Skifahren oder anderen Winterdisziplinen getöteten Bergsportler ist mit 68 Todesopfer vergleichsweise gering, das sind nur 22 Prozent der Opfer. Die restlichen 23 Prozent der Todesfälle im Gebirge geschahen durch Forstunfälle, Fahrzeugunfälle auf Bergstraßen oder Suizid.

Vor allem im Sommer haben die Bergretter in Österreichs Alpen viel zu tun. © ÖBRD/ÖKAS
Darüber hinaus gab es 13.999 Verletzte, wobei hier fast die Hälfte auf Pisten verunglückten. 67 Prozent der Verstorbenen waren über 51 Jahre alt, 27 Prozent starben an Herz-Kreislauf-Störungen, 20 Prozent stürzten tödlich ab. Lawinen verursachten 16 weitere Todesfälle. Trotz eines Rekords für die letzten zehn Jahre waren laut ÖKAS in früheren Zeiten schon mehr Alpintote gezählt worden. 2019 waren es mit 307 Todesfällen fast genau so viele.
Eine Altersgruppe sticht bei den Todesfällen in Österreichs Bergen besonders heraus
Peter Paal, Präsident Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS), sieht den Boom in den Bergen kritisch: „Alpinsport boomt weiterhin, und dies sehen wir leider auch in den Unfallzahlen.“ Weiter sagt Paal: „Während wir bei den Verletzten weiterhin zwei Altersspitzen bei den jungen und weniger erfahrenen Wilden und den älteren Erfahrenen sehen, sticht bei den Toten die Altersklasse von 50-80 heraus.“ Im September vorigen Jahres kamen in nur einer Woche sieben Menschen in Österreichs Bergen ums Leben, davon vier aus Deutschland.

Auch auf den Pisten gibt es viele Unfälle. Hier die Bergung eines Verletzten mit einem Akia. © ÖKAS
Herzkreislaufversagen sei in dieser Altersklasse ein Hauptgrund für das Ableben. Insbesondere die Jungen sollten für die alpinen Gefahren sensibilisiert werden, damit sie nicht verunglücken. Für Ältere sei es wichtig, nur nach jährlichem Gesundheitscheck und stabiler Gesundheit in den Bergen Sport zu treiben, „weil sonst das Risiko für ein Herzkreislaufversagen stark ansteigt“, so Paal.
Trendsportart sorgt für Zunahme der Bergunfälle in Österreichs Alpen
Hans Ebner, Leiter der österreichischen Alpinpolizei, betrachtet vor allem die Sommermonate mit Sorge: „Die Steigerungen beruhen vor allem auf der deutlichen Zunahme von Mountainbikeunfällen und Interventionen beim Wandern und Bergsteigen.“ Auch in Deutschland registrieren die Bergretter eine starke Zunahme schwerer Bergunfälle in den bayerischen Alpen.

Die Grafik zeigt: Die meisten Toten gab es voriges Jahres in den Sommermonaten. © ÖKAS
Und Stefan Hochstaffe, Präsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes (ÖBRD), mahnt: „So sehr wir die Begeisterung für das Bergerlebnis teilen, so eindringlich appellieren wir zugleich an ein bewusstes Risikoverständnis und das Wissen um die möglichen Gefahren und Konsequenzen von Unternehmungen im unwegsamen, insbesondere alpinen Gelände.“ Ein solides Verständnis für Naturgefahren, eine gute Ausbildung und der geübte Umgang mit der Ausrüstung könnten Unfälle zwar nicht völlig ausschließen – „wohl aber deutlich reduzieren“, verdeutlicht Hochstaffe.
Erst voriges Wochenende verletzte sich ein Bergsteiger an der Tiroler Zugspitze, als er von einer Lawine 500 Meter in die Tiefe gerissen wurde. Wie vergleichsweise glimpflich er davonkam, zeigt ein Fall aus den Ötztaler Alpen. Hier wurden zwei Skiwanderer von einer Lawine in eine Gletscherspalte gerissen und starben. Bei einer anderen Lawine bei Sölden bat ein Hüttenwirt seine Gäste, den Verletzten zu helfen, da die Bergretter wegen der weiteren Lawinengefahr nicht ausrücken konnten.