Der Publizist Alex Feuerherdt spricht in Karlsruhe über das Verhältnis der UN zu Israel – und sieht darin gerade nach dem 7. Oktober neue Brisanz.
Der Publizist und Fußball-Experte Alex Feuerherdt spricht in Karlsruhe zum Thema „Die UNO und Israel“.
Foto: privat
Der Publizist und Fußball-Experte Alex Feuerherdt spricht am 14. Mai in Karlsruhe zum Thema „Die UNO und Israel“ ein. Feuerherdt hat gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Florian Merkel ein Buch darüber geschrieben.
Darin setzen sich die Autoren kritisch mit der Haltung der Vereinten Nationen gegenüber Israel auseinander und vertreten die Ansicht, dass kein anderes Land bei den UN so häufig in die Kritik gerät wie Israel.
Feuerherdt sieht insbesondere im Kontext der aktuellen Entwicklungen seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 eine besondere Brisanz in der Kritik der UN. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt er, warum er die Kritik nicht nur für politisch motiviert hält.
Sie haben 2018 das Buch „Vereinte Nationen gegen Israel“ geschrieben. Wie aktuell ist das Thema jetzt gerade?
Feuerherdt
Das Thema ist brandaktuell, daher auch mein Vortrag am 14. Mai in Karlsruhe zum Thema „Die UNO und Israel“. Es hat gerade nach dem 7. Oktober 2023 und dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel Entwicklungen gegeben, die den Umgang der UNO mit Israel und insbesondere das Flüchtlingshilfswerk UNRWA erneut in den Brennpunkt gerückt haben. Vieles von dem, was da vorgefallen ist, ist durchaus keine Überraschung, und haben wir, der Wiener Politikwissenschaftler Florian Makel und ich, auch schon in unserem Buch aufgeschrieben und prognostiziert.
Wie gehen die UN mit Israel um?
Feuerherdt
1947 gab es den Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen für das britische Mandatsgebiet Palästina. Damals gab es eine Mehrheit bei den Vereinten Nationen, den Staat Israel und auch einen arabisch-palästinensischen Staat zu gründen. Die arabischen Staaten haben aber keinen Staat Palästina gegründet, sondern Israel angegriffen. Die Mehrheit, die es damals in den Vereinten Nationen gab, existiert nicht mehr, sondern inzwischen gibt es eine quasi automatisch gegen Israel gerichtete Mehrheit. Unfreie Staaten sind dabei Ton angebend. Diese Autokratien, Despotien und Diktaturen können sich zumindest in einem Punkt immer einigen, auch wenn sie vielleicht in anderen Bereichen völlig uneins sind. Nämlich, dass der größte Verbrecherstaat auf dieser Welt Israel ist. Während man über die Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Ländern natürlich am liebsten gar nicht reden will. Vielfach unterstützen das leider die demokratischen Staaten, auch die Bundesrepublik Deutschland. So kommen Mehrheiten zustande, die mehr über die Konstitution der UNO aussagen als über Israel selbst.
Ziel der Kritik ist laut Feuerherdt, Israel das Existenzrecht abzusprechen
Aber warum gerade diese Kritik an Israel?
Feuerherdt
Der Historiker Leon Poliakov hat einmal gesagt: „Israel ist der Jude unter den Staaten“. Das bringt es auf den Punkt. Denn der klassische alte Antisemitismus ist damit transformiert auf die Nationalstaatsebene. Das bedeutet, Israel wird in der Staatengemeinschaft als – schreckliches Wort – kollektiver Jude behandelt. Die ganzen Aussonderungen, Vorwürfe, Ressentiments und Klischees bei diesen Abstimmungen sind letzten Endes die Denklogik des Antisemitismus in seiner israelbezogenen Variante. Israel wird immer verurteilt, egal, was es tut und lässt. Der klassische Antisemitismus funktioniert völlig unabhängig davon, wie sich Juden konkret verhalten. Er gibt sich zwar immer als Reaktion auf das Verhalten von Juden aus, ist es aber nicht. Ziel der vermeintlichen Kritik ist es, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Das spiegelt sich bei den Vereinten Nationen wider. Denn das ist auf diplomatischer Ebene der Versuch einer Dämonisierung und Delegitimierung Israels, der sich nur aus dem Antisemitismus erklärt.
Wie dürfte dann berechtigte Kritik formuliert werden?
Feuerherdt
Wann immer Israel dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Standards gemessen wird, liegt keine Kritik mehr vor, sondern Antisemitismus. Das geht auch aus der weitverbreiteten und viel beachteten Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance hervor. Natürlich kann man konkrete Maßnahmen der israelischen Regierung oder Armee kritisieren, auch scharf. Man sollte aber nicht vergessen, dass es bis zum 6. Oktober 2023 einen Waffenstillstand gab. Gebrochen hat ihn nicht Israel, sondern die Hamas durch den terroristischen Angriff auf Israel mit über 1.200 zum Teil bestialisch ermordeten Menschen, über 5.000 Verletzten und über 250 Geiseln. Alles danach ist nicht erklärbar ohne diesen 7. Oktober 2023, man kann es nicht entkoppeln. Das finde ich in den Erklärungen der Vereinten Nationen allerdings nicht wieder. Letzter Satz noch dazu, das ist mir wirklich wichtig: Der Krieg wäre sofort zu Ende, wenn die Hamas die Waffen niederlegt und sich ergibt.
Wie erklären Sie sich, dass trotzdem viele Menschen in Deutschland für Palästina demonstrieren?
Feuerherdt
Aus meiner Sicht sind das keine propalästinensischen Proteste, sondern antiisraelische. Denn, wenn den Palästinensern etwas widerfährt, was nicht Israel angelastet werden kann, stört es diese Demonstranten nicht. Ganz konkret: Wie mit palästinensischen Flüchtlingen etwa in Syrien verfahren wird, oder im Libanon, wo tatsächlich der Apartheid ähnliche Verhältnisse gegenüber Palästinensern herrschen, interessiert es diese Leute überhaupt nicht. Sonst würden sie auch an diesen Stellen protestieren. Ich behaupte sogar, das Schicksal der Palästinenser ist diesen Menschen relativ gleichgültig. Es geht ihnen um die Dämonisierung und Delegitimierung Israels. Der eigentliche Grund ist Antisemitismus und gerade nicht das Einstehen für die Palästinenser. Sonst müssten diese Leute den Palästinensern die Befreiung von der Hamas wünschen. Sprich: „Free Palestine from Hamas, free Gaza from Hamas“. Aber im Gegenteil. Wenn sie mit Menschen konfrontiert sind, die das fordern, werden sie in aller Regel sehr, sehr aggressiv. Das wäre eine wahre, propalästinensische Forderung, dass es eine palästinensische Gesellschaft gibt, die nicht der Knute der Hamas, und im Westjordanland auch nicht der Fatah ausgesetzt ist. Das Ziel müsste ein demokratischer Staat Palästina sein.