Vor einigen Jahren ging Felix Zwayer ins Gefängnis. Nicht weil er musste, sondern weil er wollte. Ohne Verurteilung. Der Bundesliga-Schiedsrichter besuchte die Jugendhaftanstalt Plötzensee. Eine triste, graue Einrichtung. So wie alle Gefängnisse auf ihre Art trist und grau sind. Zwayer sprach vor den jugendlichen Insassen und zeigte keinerlei Berührungsängste. Auf ihre Fragen antwortete er höflich und präzise, selbst wenn sie für ihn nicht so angenehm waren. Unangenehme Fragen begleiten Felix Zwayer schon seine ganze Karriere über.
Anfang der Woche gab der europäische Fußball-Verband UEFA bekannt, dass der 43 Jahre alte Schiedsrichter aus Berlin gemeinsam mit seinen Assistenten Robert Kempter und Christian Dietz am 21. Mai das Finale der Europa League zwischen Manchester United und Tottenham Hotspur in Bilbao leiten wird. Ein Karrierehöhepunkt, auch wenn Zwayer schon Finalerfahrung besitzt.
Vor zwei Jahren pfiff er das Endspiel der Nations League zwischen Spanien und Kroatien, 2018 kam er im DFB-Pokalfinale zum Einsatz. In Berlin, seiner Heimatstadt. Das war etwas ganz Besonders. Kurz darauf durfte er zur Weltmeisterschaft nach Russland. Und dann war da noch das griechische Pokalfinale 2019 zwischen AEK Athen und PAOK Saloniki in der hitzigen Atmosphäre des Athener Olympiastadions. Eine echte Herausforderung.
Und dann war der Wettskandal
Gewiss, die Karriere des Felix Zwayer war keine langweilige. Wie auch, bei diesem Start? Er war gerade 24 Jahre alt, als ein Wettskandal 2005 den deutschen Fußball beschämte. Der Berliner Robert Hoyzer, ein aufstrebender Stern unter den hiesigen Schiedsrichtern, hatte Spiele manipuliert und dafür Geld genommen. In den Fokus gerieten drei weitere Berliner Schiedsrichter. Lutz Michael Fröhlich, Olaf Blumenstein und eben Felix Zwayer. Das Trio hatte sich einigen Oberen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) anvertraut und Verdacht geäußert. Die Sache nahm Fahrt auf und natürlich wurden auch ihre Rollen untersucht.
Zwayer und Hoyzer waren befreundet, „beide Angehörige einer Clique aufstrebender Schiris, die nach oben wollten“, wie ein langjähriger Beobachter sagt. Für Robert Hoyzer endete die Karriere, bevor sie richtig angefangen hatte, Felix Zwayer überstand die Delle, die zu einem Schlagloch hätte werden können. Er bestritt, Geld von Hoyzer angenommen zu haben. Doch der DFB, das wurde er erst Jahre später öffentlich, verurteilte Zwayer 2006 und sperrte diesen sogar für sechs Monate, weil er, wie es im Urteil heißt, „die Annahme von 300 Euro nicht verweigert“ und „die ihm bekannten Spielmanipulationen des Robert Hoyzer über einen längeren Zeitraum hinweg nicht an den DFB gemeldet“ habe.
Er selbst sagte, er habe das Urteil „akzeptiert, weil ich damals keine Chance sah, die Vorwürfe zu widerlegen“. Und auch wenn Zwayer kein Betrug nachgewiesen werden konnte, war die Sache in der Welt und holte ihn immer dann ein, wenn es für ihn nicht so gut lief auf dem Fußballplatz.
Im Dezember 2021 zählte er längst zu den etablierten Schiedsrichtern Deutschlands, nicht umsonst bekam er das Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern anvertraut. Mehr geht nicht in der Bundesliga. Aber der Abend geriet zum Desaster, nach dem knappen Sieg der Bayern (3:2) stand Zwayer stark in der Kritik. Manuel Gräfe, ein ehemaliger Kollege, erhob schwere Vorwürfe in Richtung DFB, weil der Verband Zwayer die Karriere fortführen ließ.
Was so aufstieß: Zwayer hatte dem BVB einen Elfmeter verweigert und den Bayern einen sehr schmeichelhaften Strafstoß zugesprochen. Jude Bellingham trat vor die Kameras und ließ seinem Zorn freien Lauf. „Du gibst einem Schiedsrichter, der schonmal Spiele verschoben hat, das größte Spiel in Deutschland. Was erwartest du?“, sagte der Engländer. Zwayer erhielt Morddrohungen, für zwei Monate nahm er sich eine Auszeit. Schiedsrichter war er mit Leib und Seele, nun aber kamen ihm Zweifel. Morddrohungen? Das konnte es doch nicht wert sein.
Zwayer kam trotzdem zurück und traf wieder auf Bellingham. Im Halbfinale der Europameisterschaft vor einem Jahr, England gegen die Niederlande. Einige nannten Zwayers Ansetzung verantwortungslos. Für seine Leistung bekam er von neutralen Beobachtern gute Noten, die Niederländer nannten sie „einen Skandal“.
Das war nicht immer angenehm
Dass er polarisiert, daran hat sich Felix Zwayer inzwischen wohl gewöhnt. Dabei steht er nicht gern im Fokus, arbeitet in einer Immobilienfirma, seit mehr als zwanzig Jahren schon. Nebenher ist er Leiter der Lehrgemeinschaft Charlottenburg, Zwayer pfeift für den dortigen SC.
Der Amateurbereich ist ihm eine Herzensangelegenheit geblieben. Als 2011 der Berliner Fußball-Verband nach dem Angriff auf einen Schiedsrichter zu einer Protestaktion aufrief, erklärte sich auch Felix Zwayer spontan bereit. Er pfiff ein Spiel der B-Klasse, ganz unten, ohne Linienrichter. Das war nicht immer angenehm, aber darum ging es nicht an diesem Tag. Felix Zwayer hat sich gestellt, so wie er es immer getan hat in den vergangenen zwanzig Jahren.