DruckenTeilen

Mahnwache vorm Weißen Haus in Washington für die beiden Toten. © Jose Luis Magana/Jose Luis Magana/AP/dpa
Rechtsradikale in Israel nutzen das Attentat von Washington, um gegen den makellosen Ex-General und aktuellen Oppositionspolitiker Golan zu hetzen.
Nach dem Attentat vor Washingtons Jüdischem Museum, bei dem zwei Beschäftigte der israelischen Botschaft getötet wurden, herrschte in Israel Trauer und Betroffenheit. Sofort war klar, dass es ein antisemitisch motivierter Akt war: Der Attentäter hatte „Free Palestine!“gerufen, bevor er aus nächster Nähe auf die Menschen vor dem Museum schoss.
Israels Regierung nutzt nun den Vorfall, um die eigene Agenda zu verbreiten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stellte das Attentat in eine Linie mit den Massakern des 7. Oktober. Auch die Terroristen, die an jenem Tag 2023 Israel überfielen, mordeten, brandschatzten, die Frauen, Männer, Kinder und Säuglinge nach Gaza verschleppten, hätten ebenfalls „Free Palestine“ gerufen, behauptet Netanjahu.
Er erwähnte Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz, der bald nach dem Massaker Israel besucht hatte. „Nachdem er (Scholz, Anm.) den Horror gesehen hatte, sagte er zu mir: ‚Diese Hamas-Terroristen sind exakt wie die Nazis.‘“
Weiterlesen
Kampf gegen Polio: In Gaza fehlen Tausende Impfungen
Israels Rechtsradikale unter Ben-Gvir und Smotrich hetzen gegen Golan
Ob Scholz diese Aussage im Vertrauen tatsächlich tätigte, ist unklar. In der gemeinsamen Pressekonferenz nach ihrem Vier-Augen-Gespräch war es jedenfalls nicht Scholz, sondern Netanjahu, der die Hamas mit den Nationalsozialisten gleichsetzte. In seiner Stellungnahme nach dem Washingtoner Attentat ging Netanjahu noch einen Schritt weiter: „Für diese Neonazis ist ‚Free Palestine‘ nur die heutige Version von ‚Heil Hitler‘.“
Netanjahus rechtsextreme Koalitionspartner gaben die Schuld für den tödlichen Anschlag niemand anderes als der israelischen Linken. „Antisemiten in der Welt holen sich Ermutigung von niederträchtigen Politikern in Israel, die israelische Soldaten beschuldigen, Kindermord als Hobby zu betreiben“, sagte Itamar Ben Gvir, Minister für Nationale Sicherheit. „Das Blut der Ermordeten klebt an ihren Händen.“ Er bezog sich auf den Parteichef der Demokraten, Yair Golan, der kürzlich in einem Radiointerview erklärt hatte, der Staat Israel „tötet Baby als Hobby“ – und dem dafür breite Empörung entgegenschlug. Mehrere Stimmen in der Knesset, darunter auch aus Netanjahus Likud-Partei, stimmten mit ein, Golan die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Yair Golan. © Imago/eyal Warshavsky/IMAGO/ZUMA Press Wire
Golans Aussage trug ihm zwar von allen Seiten Kritik ein. Sie hatte aber den Nebeneffekt, dass plötzlich ganz Israel über Babys in Gaza sprach – etwas zuvor völlig Undenkbares. Das Trauma des 7. Oktober ist allgegenwärtig, Vielen fällt es schwer, Empathie für die Opfer auf der anderen Seite der Grenze aufzubringen. Dazu kommt, dass viele Israelis Familienangehörige haben, die in Gaza im Kriegseinsatz sind und dort ihr Leben riskieren. Für sie ist es ein Affront, diesen als mutwilligen Säuglingsmord bezeichnet zu wissen. Da konnte Golan, dessen fünf Söhne im Krieg sind, noch so sehr betonen, dass es ihm nie um die Soldaten oder die Armee gegangen sei – sondern nur um Israels Regierung.
Golans Kritik an Kriegsführung von Netanjahu-Regierung: „Ein gesunder Staat bekämpft keine Zivilisten“
Im Interview mit dem Radiosender 2 hatte Golan Israel als einen „kranken Staat“ definiert. „Ein gesunder Staat bekämpft keine Zivilisten, tötet keine Babys als Hobby und setzt sich nicht zum Ziel, eine Bevölkerung zu vertreiben.“
Golan ist Generalmajor der israelischen Armee und wäre 2018 beinahe auch Generalstabschef geworden. Auch damals verbaute ihm eine provokante Aussage den Karrieresprung: Ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag zog er einen Vergleich zwischen der zunehmend illiberalen Stimmung in Israel und den Entwicklungen in Deutschland in den 30er Jahren.
Nach dem 7. Oktober stieg der pensionierte Golan in der Wahrnehmung der israelischen Öffentlichkeit jedoch zur Heldenfigur der alten zionistischen Schule aus früheren Kriegen auf. Breite Anerkennung über fast alle politischen Lager hinweg verdiente er sich, indem er sich selbst in den Süden fuhr, um Überlebende der Massaker herauszuholen. Während in der Armeezentrale noch über die Strategie gegenüber den Terroristen in den Kibbutzim debattiert wurde, war Golan bereits mit seinem Privatauto unterwegs, wo er sich in einer Armeebasis eine Waffe aushändigen ließ. Am Nova-Festivalgelände in Reim, dem Ort des größten Terrors, lokalisierte er versteckte Überlebende per Handy. Später sagte Golan, die Szenen, die er dort sah, seien in ihrer Brutalität mit nichts in seinen 40 Jahren beim Militär vergleichbar gewesen.