Der iranische Regisseur und Drehbuchautor Jafar Panahi wurde am Samstagabend für sein gewagtes Drama „Un simple accident“ mit der Palme d’Or, der wichtigsten Auszeichnung der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet.
Dieser Film entstand unter anderem mithilfe der luxemburgischen Filmgesellschaft Bidibul Productions. Damit geht die Goldene Palme erstmals an eine Luxemburger Koproduktion.
Jafar Panahi: ein renommierter Regisseur und verfolgter Mann in seinem Heimatland. Foto: AFP
„Un simple accident“ blieb bis zur Weltpremiere am Dienstag ein wahres Mysterium, da bis dahin kaum Informationen zu dieser Produktion an die Öffentlichkeit gelangt waren. Der Film des renommierten Regisseurs – Panahi wurde bereits mit dem Goldenen Löwen in Venedig („The Circle“, 2000) und dem Goldenen Bären in Berlin („Taxi“, 2015) ausgezeichnet – war ohne Genehmigung im Iran gedreht worden. Deshalb war die Produktion bis zuletzt geheim gehalten worden, um den Regisseur und sein Team nicht zu gefährden.
In seinem Werk spricht sich der Filmemacher, der dieses Jahr nach über 15 Jahren wieder persönlich an einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt anwesend war, gegen das Regime der Mollah in seinem Heimatland aus. Panahi ist bekannt für seine kritischen Filme – weswegen er im Iran zu einer Haftstrafe verurteilt und mit einem langjährigen Berufsverbot belegt wurde.
Hochpolitisches und intensives 24-Stunden-Drama
Auch sein neuster Film, „Un simple accident“, ist wieder hochpolitisch. Seine Erfahrung im Gefängnis hat Jafar Panahi dazu inspiriert, wie er bei einer Pressekonferenz in Cannes erklärte.
Lesen Sie hier die vollständige Kritik zu Jafar Panahis „Un simple accident“:
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In diesem intensiven 24-Stunden-Drama ist es allerdings nicht nur die politische Botschaft, die besonders ausschlaggebend ist. Auch die Art, wie Jafar Panahi die Geschichte rund um die Auswirkungen des radikalen und gewalttätigen Regimes im Iran erzählt, ist einzigartig.
Wie Christel Henon, die Produzentin der luxemburgischen Filmgesellschaft Bidibul Productions in einem Interview mit dem „Luxemburger Wort“ betonte, sei Jafar Panahi bei den Arbeiten für „Un simple accident“ mal wieder an seine Grenzen gegangen.
Dieser Erfolg zeigt die Reife unserer Branche, den Mut unserer Talente und den Umfang unserer internationalen Zusammenarbeit über Grenzen und Kontexte hinweg.
Guy Daleiden
Film-Fund-Direktor
Während Panahi an der Croisette und weltweit gefeiert wird, gilt er im Iran als ein Dissident. Für den Träger des Sachararov-Menschenrechtspreises der Europäischen Union (2012) ist das dennoch kein Grund, im Exil zu leben. Gegenüber dem „Luxemburger Wort“ betonte der Regisseur in einem Gespräch am Mittwochabend: „Ich muss nach Hause fahren. Ich hätte eher Angst davor, hierzubleiben. Ich würde mich ständig fragen, wann ich zurück in meine Heimat fahren könne.“
Jafar Panahi wird in Cannes gefeiert, doch in seinem Heimatland, dem Iran, gilt er als Staatsfeind. Foto: AFP
„Historischer Moment für Luxemburg“
Auf Social Media gratulierte Eric Thill (DP) noch am Samstagabend Jafar Panahi, sowie den Bidibul-Produzentinnen Christel Henon und Lilian Eiche für die Palme d’Or. „Eng weider wichteg Auszeechnung, déi weist, dass de Lëtzebuerger Filmsecteur international un der Weltspëtzt vertrueden ass“, schreibt der Kulturminister in einer Instagram-Story.
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Neben der Palme d’Or wurde „Un simple accident“ ebenfalls mit dem „Prix de la Citoyenneté“ in Cannes ausgezeichnet. Das teilt der Luxemburger Film Fund in einem Presseschreiben mit.
„Diese Goldene Palme markiert einen historischen Moment für Luxemburg. Es ist die Anerkennung für jahrelanges Engagement für ein offenes, ehrgeiziges und zutiefst menschliches Kino. Dieser Erfolg zeigt die Reife unserer Branche, den Mut unserer Talente und den Umfang unserer internationalen Zusammenarbeit über Grenzen und Kontexte hinweg“, so der Film-Fund-Direktor Guy Daleiden in der Pressemitteilung.
Grand Prix geht an Joachim Trier
Neben der Palme d’Or wurden am Samstagabend an der Croisette weitere Preise vergeben – unter anderem an die Dardenne-Brüder für ihr Drehbuch von „Jeunes Mères“ und an Joachim Trier, der für sein „Sentimental Value“ den Grand Prix erhielt.
Joachim Trier (r.) wird für „Sentimental Value“ mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Foto: AFP
Die Französin Nadia Melliti wurde für ihre Performance in „La Petite Dernière“ mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet. Foto: AFP
Der französisch-spanische Regisseur Oliver Laxe wurde für „Sirāt“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Foto: AFP
Ebenfalls mit dem Preis der Jury ausgezeichnet: Mascha Schilinski für „In die Sonne schauen“. Foto: AFP
Luc und Jean-Pierre Dardenne erhielten am Samstagabend für ihr Sozialdrama „Jeunes Mères“ den Preis für das beste Drehbuch. Foto: AFP
Wagner Moura wurde für seine Performance in „O Agente Secreto“ („The Secret Agent“) mit Preis für den besten Schauspieler ausgezeichnet. Foto: AFP
Der chinesische Regisseur Bi Gan (l.) wurde für „Resurrection“ mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Neben ihm: die diesjährige Jurypräsidentin Juliette Binoche. Foto: AFP
Der französische Schauspieler Laurent Lafitte moderierte dieses Jahr sowohl die Eröffnungszeremonie als auch die Abschlussgala des Filmfestivals von Cannes. Foto: AFP
Die diesjährige Jury bestand größtenteils aus Frauen und wurde von der französischen Schauspielerin Juliette Binoche präsidiert. Die weiteren Mitglieder waren die amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Halle Berry, die italienische Schauspielerin Alba Rohrwacher, die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani, der südkoreanische Regisseur und Drehbuchautor Hong Sang-Soo, der mexikanische Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Carlos Reygadas, der amerikanische Schauspieler Jeremy Strong, der kongolesische Regisseur Dieudo Hamadi und die indische Regisseurin und Drehbuchautorin Payal Kapadia.
Die diesjährige Jury: Payal Kapadia, Lelïa Slimani, Carlos Reygadas, Juliette Binoche, Alba Rohrwacher, Hong Sang-Soo, Dieudo Hamadi, Jeremy Strong und Halle Berry (v.l.n.r.) auf dem roten Teppich am Abend der Abschlussgala. Foto: AFP
Payal Kapadias feministisches Sozialdrama „All We Imagine as Light“, das von der luxemburgischen Filmgesellschaft Les Films Fauves koproduziert wurde, wurde vergangenes Jahr mit dem „Grand Prix“ in Cannes ausgezeichnet.
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Dieses Jahr konkurrierten insgesamt 22 Beiträge um die Goldene Palme.
Die Preisträger 2025
Palme d’Or: „Un simple accident“ von Jafar Panahi
Grand Prix: „Sentimental Value“ (Originaltitel „Affeksjonsverdi“) von Joachim Trier
Preis für die beste Regie: Kleber Mendonça Filho für „O Agente Secreto“ (englischer Titel: „The Secret Agent“)
Preis für das beste Drehbuch: Jean-Pierre und Luc Dardenne für ihr Sozialdrama „Jeunes Mères“
Preis für die beste Schauspielerin: Nadia Melliti für ihre Performance in „La Petite Dernière“
Preis für den besten Schauspieler: Wagner Moura für seine Performance in „O Agente Secreto“ (englischer Titel: „The Secret Agent“)
Preis der Jury: „Sirāt“ von Oliver Laxe und „In die Sonne schauen“ (internationaler Titel: „Sound of Falling“) von Mascha Schilinski
Spezialpreis der Jury: „Resurrection“ von Bi Gan