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Ein deutscher Experte warnt: Putins Verluste im Ukraine-Krieg sollten Europa nicht täuschen. Der Kremlchef hege bereits Pläne gegen die Nato.

Berlin – Der deutsche Generalleutnant Alfons Mais, Inspekteur des Heeres, rechnet mit einer wachsenden russischen Bedrohung für Deutschland und alle Nato-Mitglieder. In einer Ansprache in Berlin warnte er, dass die Gefechte in der Ukraine Putins Truppen auf lange Sicht erfahrener und stärker machen werden. Mais erwartet infolgedessen eine Verlagerung der Aggression in den kommenden Jahren. Die Ukraine werde mehr und mehr in den Hintergrund geraten, während die Nato zunehmend in den Fokus rücke.

Seine Prognose teilte der oberste Soldat des Heeres vor Vertreterinnen und Vertretern der Bundeswehr und der deutschen Rüstungsindustrie in Berlin, berichtete das Nachrichtenportal WirtschaftsWoche am Freitag (30. Mai). Mais sagte demnach: „Russland betreibt eine großangelegte gesellschaftliche und industrielle Mobilisierung.“ Der neue „Versuch“ in Istanbul, Friedensverhandlungen mit der Ukraine voranzutreiben, sei dem Experten zufolge nur Teil einer Verzögerungstaktik.

Trotz hoher Verluste: Russland entwickelt sich durch Ukraine-Krieg auf vielen Ebenen weiter

Die russischen Streitkräfte verstärken laut Mais nicht nur ihre personellen und materiellen Ressourcen. Sie werden in Zukunft auch „ihre Lehren aus den Erfahrungen in der Ukraine strukturell, technisch und taktisch umgesetzt haben“. Die Bilder von schlecht ausgerüsteten russischen Soldaten an der Front sollten nicht von den Fortschritten ablenken, die Russland im gleichen Zuge erziele.

Ukraine-Krieg - Kämpfe an der Front

Russische Truppen im Ukraine-Krieg. (Archivfoto) © Uncredited/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Besonders alarmierend sei die zunehmende Verschiebung des strategischen Schwerpunkts. Die aktuellen Nachrichten würden verdeutlichen, dass „die ukrainischen Truppenteile für die russischen Streitkräfte gar nicht mehr im Schwerpunkt liegen, sondern dass man sich im Schwerpunkt auf eine Auseinandersetzung mit der Nato vorbereitet“, wird der Generalleutnant zitiert.

Militärische Präsenz und Cyberangriffe: Russische Bedrohung wird in Europa immer spürbarer

Eine wachsende Bedrohung wird bereits bei einem Blick nach Finnland deutlich, dem jüngsten Nato-Mitglied. Wie die New York Times im Mai unter Verweis auf Satellitenbilder berichtete, haben die russischen Streitkräfte in der Nähe der finnischen Grenze Stützpunkte ausgebaut und militärische Infrastrukturen errichtet. Auf den Bildern sehe man Nato-Beamten zufolge „eine Reihe neuer Zelte, neue Lagerhallen für Militärfahrzeuge, die Renovierung von Unterkünften für Kampfjets und eine stetige Bautätigkeit auf einem Hubschrauberstützpunkt, der zuvor größtenteils ungenutzt und zugewachsen war“.

Eine angespannte Stimmung sei im Ostseeraum spürbar, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz während eines Besuchs in der finnischen Stadt Turku vor einigen Tagen. „Ich nenne als Beispiele nur die sogenannten hybriden Angriffe, gekappte Kabel, beschädigte Pipelines. Sie alle bedrohen unsere Sicherheit.“

Wie Deutschland und Europa mit Russlands Aggression umgeht

Laut Merz schütze man sich gegen die russischen Cyberangriffe unter anderem durch den NATO-Einsatz „Baltic Sentry“ und durch Sanktionen der Europäischen Union. Generell betreibe man eine sehr enge Zusammenarbeit im Bereich des Krisenmanagements, betonte er.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthabern in Bildern

Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.

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Auch der Generalleutnant Alfons Mais nannte laut der WirtschaftsWoche einige wichtige Fortschritte in der Verteidigung: In Deutschland habe das Sondervermögen der Bundeswehr zum Beispiel ermöglicht, 93 Vorschläge für Anschaffungen im Bereich der Landstreitkräfte im Parlament einzubringen. Außerdem würden die strukturelle Reformen und die Aufstellung einer neuen Brigade in Litauen die Verteidigungsfähigkeit Europas deutlich stärken.

Dennoch stehe man vor einem wachsenden Druck und gleichzeitig begrenzten Ressourcen. Der Bundeswehr fehle weiterhin eine Vollausstattung, die bis 2029 erreicht werden soll.

Russland könnte bereits 2027 fähig sein, einige Nato-Mitglieder erheblich zu bedrohen

Der russische Präsident Wladimir Putin könnte seinen Fokus auf die Nato-Verbündeten schneller richten als bislang angenommen. Mitte Mai kamen Experten des International Institute for Strategic Studies (IISS) in einer Analyse „zu dem Schluss, dass Russland ungeachtet der Herausforderungen bereits 2027 in der Lage sein könnte, die NATO-Verbündeten, insbesondere die baltischen Staaten, militärisch erheblich herauszufordern“.

Das bedrohliche Szenario hängt laut dem IISS von zwei Aspekten ab: zum einen, ob die USA noch in diesem Jahr ihren Rückzug aus der Nato einleiten und damit ein „Zeitfenster der Verwundbarkeit“ in dem Bündnis kreiert. Zum anderen sei ein Ende des Ukraine-Kriegs in diesem Jahr erforderlich. In dem Fall könnten Russlands Bodentruppen bereits in zwei Jahren „durch eine Kombination aus Überholung und Produktion neuer Systeme den Bestand an aktiver Ausrüstung vom Februar 2022 widerspiegeln.“ Luft- sowie Seestreitkräfte seien von dem Krieg weitgehend unberührt geblieben. (no)